socialnet Logo

Bestätigungsfehler

Prof. Dr. Melanie Misamer

veröffentlicht am 26.03.2026

Synonyme: Bestätigungsfehlschluss; Bestätigungsneigung; Bestätigungstendenz; Bestätigungsverzerrung

Englisch: confirmation bias

Ein Bestätigungsfehler ist die kognitive Neigung von Menschen, Informationen bevorzugt so auszuwählen und zu erinnern, dass bestehende Überzeugungen, Erwartungen oder Hypothesen bestätigt und widersprechende Informationen ignoriert, abgewertet oder umgedeutet werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Theoretischer Hintergrund und Auswirkungen
  3. 3 Praxisbeispiele
  4. 4 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Bestätigungsfehler beschreibt die Neigung, eigene Überzeugungen zu bestätigen, statt sie zunächst durch eine unvoreingenommene Informationssuche zu überprüfen. Diese Wahrnehmungsverzerrung zeigt sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens: in jeglichen sozialen Interaktionen, in Wissenschaft und Forschung, bei der Urteilsbildung sowie bei der Entwicklung des eigenen Selbstbildes und der Identität. Der Bestätigungsfehler kann dazu beitragen, Stereotypen, Ideologien oder Fehlannahmen zu verfestigen. Das kann insbesondere in den Sozial‑ und Gesundheitswissenschaften problematisch werden, wenn dies zu fehlerhaften Schlussfolgerungen, ineffektiven Interventionen und unfairen Bewertungen von Adressierten bzw. Patient:innen führt. Die Entwicklung eines Bewusstseins für den Bestätigungsfehler ist ein wichtiger erster Schritt, um selbigen wirksam reduzieren zu können.

2 Theoretischer Hintergrund und Auswirkungen

Der Bestätigungsfehler ist eine der am häufigsten diskutierten Wahrnehmungsverzerrungen, die die zuverlässige Meinungsbildung und die Korrektur unzutreffender Ansichten beeinträchtigen (Peters 2022). Aktuelle Erklärungsversuche thematisieren eine adaptive Funktion, insofern es sich um eine evolutionär bedingte Anpassung an soziale Realitäten und Überzeugungen handele. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, sei die Fähigkeit, die soziale Realität zu beeinflussen und zu gestalten, von entscheidender Bedeutung für dessen Überleben und Erfolg. Die Umgebung werde demnach so angepasst, dass sie den eigenen Überzeugungen entspricht, was auch als „reality matching“ bezeichnet wird. Motive für die Wahrnehmungsverzerrung sind beispielsweise:

  • ein Bedürfnis nach Konsistenz, also das Streben nach einer Harmonie zwischen eigenen Überzeugungen und Handlungen, wodurch auch das Selbstwertgefühl geschützt wird.
  • die Vermeidung kognitiver Dissonanz, die entsteht, wenn Gedanken, Einstellungen oder Handlungen nicht miteinander vereinbar sind, z.B. wenn neue Informationen mit bestehenden Informationen kollidieren.
  • der Wunsch nach Bestätigung oder Anerkennung eigener Ziele und Positionen.

Ein solches ‚Reality-Matching‘ hat den Vorteil, sich leichter durch soziale Realitäten navigieren zu können (Peters 2022). Die Nachteile sind eine verfälschte Wahrnehmung der Realität aufgrund von selektiver Informationssuche und dem Ignorieren widersprüchlicher Hinweise. Dadurch, dass eine Meinungsänderung verhindert wird, stellt der Bestätigungsfehler ein Hindernis für das Lernen und die Korrektur von Fehlern dar. Dadurch können auch soziale und interpersonale Probleme entstehen, wie:

  • Vorurteile und Diskriminierung
  • Schwierigkeiten in Beziehungen etwa, wenn die Perspektive des Gegenübers nicht verstanden oder akzeptiert wird
  • Polarisierung, wenn Personen in ihrer eigenen Filterblase stets eine Bestätigung ihrer Überzeugungen erfahren und außerhalb dieser Personenkreise konträre Sichtweisen vorherrschen

Das kann zu weiteren Konflikten und zwischenmenschlichen Missverständnissen führen. Peters betont, dass das Verständnis der adaptiven Funktion des Bestätigungsfehlers wichtig ist, um seine potenziell negativen Auswirkungen zu minimieren (ebd.). Der Bestätigungsfehler kann durch soziale Medien und den Echokammer-Effekt massiv verstärkt werden.

Der Bestätigungsfehler ist dort besonders stark ausgeprägt, wo es um soziale Überzeugungen geht, die sich in drei Kategorien unterteilen lassen:

  1. Überzeugungen über die eigene Person: Es wird besonders stark nach Bestätigung für Überzeugungen über die eigene Person gesucht, die Anfälligkeit für den Bestätigungsfehler ist dementsprechend hoch.
  2. Überzeugungen über andere Personen: Ähnliches gilt, wenn es um Einschätzungen über andere Personen geht.
  3. Überzeugungen über soziale Strukturen: Auch kann der Bestätigungsfehler stark im Bereich der Gestaltung der sozialen Realität einwirken, wenn es sich um politische Überzeugungen handelt (s. Studienlage nach Peters 2022, S. 1366–1368).

Für den Kontext der Sozialen Arbeit merken Bastian und Schrödter (2014) an, dass insbesondere Erstgespräche in der Sozialen Arbeit durch den Bestätigungsfehler beeinflusst werden können. Gerade die „Macht des ersten Eindrucks“ (ebd., S. 292) könne dazu führen, dass einmal getroffene Entscheidungen nur schwer revidiert werden können. Im Weiteren würden Informationen berücksichtigt, die die bereits getroffene Entscheidung bestätigen, während entgegengesetzte Informationen nicht berücksichtigt würden (ebd.).

3 Praxisbeispiele

  • Sozialarbeitspraxis: Im Erstgespräch erhält eine Sozialarbeiterin die Information, dass bei der Person die Diagnose Depressionen vorliegt. Im weiteren Verlauf der Hilfe wird jegliches Verhalten im Kontext der Diagnose verstanden und bewertet, anstatt ergänzend alternative Erklärungen in Betracht zu ziehen. Depressionen können starke Wirkung haben, und doch machen sie eine Person wie auch deren Verhalten nicht im Ganzen aus.
  • Hochschulkontext: Ein Dozent bewertet Seminararbeiten von Studierenden, bei denen er die eigene Meinung wiederfindet, tendenziell positiver als Arbeiten, die kritische Gegenpositionen vertreten.
  • Pflegedokumentation: Eine Pflegekraft dokumentiert selektiv Beobachtungen, die ihre vorgefasste Meinung über einen Patienten bestätigen, und lässt widersprüchliche Informationen aus.

4 Quellenangaben

Bastian, Pascal und Mark Schrödter, 2014. Professionelle Urteilsbildung in der Sozialen Arbeit. In: Soziale Passagen. 6(6), S. 275–297. ISSN 1867-0180. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/s12592-014-0175-5

Oeberst, Aileen und Roland Imhoff, 2023. Toward Parsimony in Bias Research: A Proposed Common Framework of Belief-Consistent Information Processing for a Set of Biases. In: Perspectives on Psychological Science. 18(6), S. 1464–1487. ISSN 1745-6916. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1177/17456916221148147

Peters, Uwe, 2022. What Is the Function of Confirmation Bias? In: Erkenntnis. 87, S. 1351–1376. ISSN 1572-8420. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/s10670-020-00252-1

Verfasst von
Prof. Dr. Melanie Misamer
Professorin für Methoden und Konzepte Sozialer Arbeit in der Gesundheitsförderung
Website
Mailformular
ORCID: https://orcid.org/0000-0002-8811-7451

Es gibt 5 Lexikonartikel von Melanie Misamer.

Zitiervorschlag anzeigen

Weitere Lexikonartikel

Recherche

zum Begriff Bestätigungsfehler

Rezensionen

Buchcover

Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zählpixel

Werden Sie Sponsor des socialnet Lexikons!

Profitieren Sie von hoher Sichtbarkeit in der Sozialwirtschaft, attraktiven Werberabatten und Imagegewinn durch CSR. Mit Ihrem Logo auf allen Lexikonseiten erreichen Sie monatlich rund 90.000 Fachkräfte und Entscheider:innen.
Mehr erfahren …