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Betreutes Wohnen (Kinder und Jugendliche)

Matthias Moch

veröffentlicht am 25.08.2021

Betreutes Wohnen in der Kinder- und Jugendhilfe ist ein begleitendes Unterstützungsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene mit entsprechendem Unterstützungsbedarf im Übergang von einer sozialisatorisch abhängigen zu einer eigenständigen und selbstverantwortlichen Lebensführung. Sie wird im Rahmen der Hilfen zur Erziehung (§ 34 SGB VIII) oder im Rahmen der Hilfe für junge Volljährige (§ 41 SGB VIII) bzw. einer Nachbetreuung (§ 41a SGB VIII) in der Regel von Trägern der freien Jugendhilfe und oftmals im Anschluss an eine vorangegangene Hilfe zu Erziehung erbracht.

Überblick

  1. 1 Abgrenzung
  2. 2 Kinder- und Jugendhilfe als Rahmen
  3. 3 Zur Geschichte des Betreuten Wohnens
  4. 4 Aufgaben des Betreuten Wohnens
  5. 5 Formen des Betreuten Wohnens
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Abgrenzung

Der Begriff „Betreutes Wohnen“ findet in der aktuellen Literatur vorwiegend Anwendung zur Beschreibung von Angeboten maximaler Autonomie für Menschen mit Behinderungen und für unterstützungsbedürftige Senioren. Davon grenzt sich die hier dargelegte Bedeutung insofern ab, als das Angebot eindeutig eine Hilfe für junge Menschen im Übergang in ein Leben ohne (institutionalisierte) Unterstützung beschreibt.

2 Kinder- und Jugendhilfe als Rahmen

Insofern dieses Leistungsangebot rechtlich in das Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe fällt, gelten diesbezüglich auch die „Allgemeinen Vorschriften“ des 8. Sozialgesetzbuches (Kap. 1 SGB VIII). Elementare Grundlage ist das „Recht jedes jungen Menschen auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (§ 1 SGB VIII), welches in diesem Zusammenhang im Bedarfsfall auch von jungen Volljährigen in der Regel bis zum 21. Lebensjahr, in begründeten Einzelfällen bis zum 27. Lebensjahr in Anspruch genommen werden kann. Das betreute Wohnen dient hier in erster Linie der Sicherung der in Erziehungshilfen erreichten Stärkung des jungen Menschen und zur Prävention zugunsten einer positiven Weiterentwicklung.

3 Zur Geschichte des Betreuten Wohnens

In der Betreuung und Begleitung bedürftiger junger Menschen in ein selbstständiges Leben wurde bereits Ende der 1970er Jahre erkannt, dass die klassischen Angebote zur Förderung außerhalb des Elternhauses (vorwiegend Heimerziehung und Pflegefamilie) an Grenzen stießen. Jugendhilfeträger in Hamburg und Celle entwickelten als erste Formen des betreuten Wohnens (Klatetzki und Winter 1990), die schließlich auch von den Jugendämtern als öffentlich zu finanzierende Leistungen anerkannt wurden. Die Praxis des selbstständigen betreuten Wohnens wurde mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) im Jahr 1990 auch (leistungs-)rechtlich (§ 41 SGB VIII) abgesichert. Zielgruppe waren zunächst junge Menschen, die nicht in eine Wohngruppe integriert werden konnten. Der Schutz vor Gefahren und gravierenden Entwicklungsdefiziten durch ein Leben auf der Straße oder in anderen prekären Verhältnissen prägte die ersten Formen des Betreuten Wohnens in der Jugendhilfe in den 1980er Jahren. In den vergangenen 30 Jahren haben sich die Angebotsformen erheblich differenziert und auch den Entwicklungen im Verständnis von Partizipation und Autonomie junger Menschen in Erziehungshilfen angepasst (s.u.).

4 Aufgaben des Betreuten Wohnens

Heute gestaltet sich das Betreute Wohnen in den allermeisten Fällen als Maßnahme in Anschluss an eine Hilfe zur Erziehung, d.h. vorwiegend im Anschluss an ein Leben in einer Wohngruppe oder in einer Pflegefamilie bzw. einer Erziehungsstelle. Dabei wird der Überlegung Rechnung getragen, dass junge Menschen, die (mehr oder weniger lange) in einer Institution gelebt haben, schrittweise Kompetenzen erwerben müssen, die für eine eigenständige Lebensführung notwendig sind. Das Spannungsverhältnis zwischen anzustrebender Autonomie und Unterstützungsbedarf betrifft jeden jungen Menschen, fordert jedoch Jugendliche in Erziehungshilfen in besonderem Maße heraus, weil sie in der Regel in keinerlei Weise mit Rückhalt aus ihrer Herkunftsfamilie rechnen können. Zudem erfolgt ihre Verselbstständigung im Lebensverlauf viel früher als bei den meisten anderen jungen Menschen. Insofern bietet das Betreute Wohnen ein Übungsfeld mit vielfältigen Facetten:

  • Eigenständige Tagesstrukturierung
  • Umgang mit verfügbarem Wirtschaftsgeld
  • Elementare Tätigkeiten eigenständiger Haushaltsführung
  • Pflege alltäglicher Kontakte zu Freunden und zur Nachbarschaft
  • Zurechtfinden in der Kooperation mit Behörden
  • Freizeitgestaltung und Gesundheitsfürsorge
  • Regeln von Arbeitsverhältnissen und Ausbildungsangelegenheiten.

In der Ablösung von haltgebenden, aber auch autonomieabträglichen Strukturen der Erziehungshilfe erfahren junge Menschen erstmals wie es ist, sich um alle alltäglichen Angelegenheiten weitgehend selbst zu kümmern. Dabei erleben viele Betroffene zunächst eine Desillusionierung ursprünglicher Fantasien von absoluter Freiheit. In dieser Situation werden sie von erfahrenen Fachkräften überall dort unterstützt, wo eigene Fähigkeiten noch nicht ausreichen, aber Neues mit größtmöglicher Eigenständigkeit gelernt werden kann (Freigang und Wolf 2001).

Ein besonderer Aspekt in dieser Lebensphase betrifft das soziale Lernen: Zunehmende gesellschaftliche wie auch individuelle Individualisierung verlangen die Teilnahme an komplexen Interaktionen im Alltag mit den verschiedensten Sozialpartnern. Für junge Menschen mit sehr belastenden sozialisatorischen Erfahrungen stellt es eine große Herausforderung dar, mit zunehmender Eigenständigkeit zu lernen, sich in engeren und weiteren gesellschaftlichen Kontexten zurechtzufinden und eigene Handlungskompetenzen in Form von interpersonaler Verhandlungsfähigkeit zu erwerben (Selman 1984).

5 Formen des Betreuten Wohnens

Die von Jugendhilfeträgern verwirklichten Formen Betreuten Wohnens sind vielfältig. Die konkrete Gestaltung hängt ab von den institutionellen Möglichkeiten und langjährigen Erfahrungen der Träger wie auch von den jeweils individuellen Bedürfnislagen der jungen Menschen. Nicht immer entspricht die tatsächliche Umsetzung dem programmatischen Anspruch (Blandow 1997). Jedoch befindet sich dieses Tätigkeitsfeld in einer sehr dynamischen Entwicklung.

Der kleinste Schritt in eine beginnende Selbstständigkeit ist das Wohnen in einer eigenen Wohneinheit in unmittelbarer Nähe der Wohngruppe, in welcher der junge Mensch bisher gelebt hat. Jugendliche nehmen dann z.T. noch an Mahlzeiten oder Freizeitaktivitäten der Wohngruppe teil, sind aber ansonsten von bisherigen WG-Verpflichtungen befreit und übernehmen Eigenverantwortung für ihre Alltagsgestaltung. Die Fachkräfte der Wohngruppe stehen dabei immer als Ansprechpartner*innen zur Verfügung.

Eine vielfach verbreitete Form ist die Wohngemeinschaft von wenigen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen in einer vom Träger angemieteten Wohnung, losgelöst von einer Einrichtung. Fachkräfte stehen beratend und begleitend zur Seite, sind jedoch nur zu bestimmten Tageszeiten unter der Woche präsent. In der Regel kommt ein*e Mitarbeiter*in einmal am Wochentag für wenige Stunden vorbei, um Anliegen der Jugendlichen zu besprechen, Hilfestellung bei der Regelung alltäglicher Angelegenheiten zu geben und das monatliche Wirtschaftsgeld auszuzahlen. Im Notfall ist die Fachkraft telefonisch erreichbar. Dabei kann das Spektrum von Unterstützungsleistungen individuell und auch phasenweise sehr unterschiedlich sein (Freigang und Wolf 2001).

Während diese gemeinsame Wohnform von wenigen jungen Menschen bis zum Beginn der 2000er Jahre noch den Schwerpunkt des betreuten Wohnens bildete, wird im Zuge fortschreitender Individualisierung das Modell des Betreuten Einzelwohnens immer wichtiger. Junge Menschen wohnen allein in einer selbst oder vom Träger angemieteten Wohnung in einer Wohnumgebung, die gegenüber jugendlichen Lebensgewohnheiten eine gewisse Toleranz erwarten lässt. Im Grenzbereich des Betreuten Wohnens werden inzwischen auch sehr locker angebundene Wohnformen entwickelt und angeboten, vor allem für sogenannte Systemsprenger*innen, die in keinerlei anderer Wohnform untergebracht werden können (Schwabe et al. 2021). Hier beschränkt sich das Beratungsangebot auf einen Termin pro Woche, den der junge Mensch selbst einfordern und aufsuchend wahrnehmen muss, verbunden mit der Möglichkeit der Auszahlung eines turnusgemäßen Wirtschaftsgeldes.

Alle diese Angebotsformen sind flexibel gestaltbar und offen gegenüber unterschiedlichen Zugängen, Vorläufermaßnahmen, Betreuungsintensitäten und Beendigungsformen. Die Hilfe soll stets so gestaltet sein, dass sie den sich verändernden Bedarfen und Kompetenzen der Nutzer*innen angepasst wird.

6 Quellenangaben

Blandow. Jürgen, 1997. Über Erziehungskarrieren: Stricke und Fallen der postmodernen Jugendhilfe. In: Jahrbuch Soziale Arbeit. Münster: Votum, S. 172–188

Freigang, Werner und Klaus Wolf, 2001. Betreutes Wohnen In: Werner Freigang und Klaus Wolf. Heimerziehungsprofile. Weinheim: Beltz. S. 155–185. ISBN 978-3-407-55852-7

Klatetzki, Thomas und Hagen Winter, 1990. Zwischen Streetwork und Heimerziehung. Flexible Betreuung durch das Rauhe Haus in Hamburg. In: Neue Praxis. 20(1), S. 1–15. ISSN 0342-9857

Schwabe, Mathias, Martina Stallmann und David Vust, 2021. Freiraum mit Risiko: niedrigschwellige Erziehungshilfen für sogenannte Systemsprenger. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-6411-7

Selman, Robert L., 1984. Die Entwicklung des sozialen Verstehens: entwicklungspsychologische und klinische Untersuchungen. Frankfurt: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-57693-9

7 Literaturhinweise

Dörnhoff, Norbert, 2014. Betreutes Wohnen. In: Michael Macsenaere, Klaus Esser, Eckhart Knab und Stephan Hiller, Hrsg. Handbuch der Hilfen zur Erziehung. Freiburg: Lambertus, S. 161–166. ISBN 978-3-7841-2121-5 [Rezension bei socialnet]

Klöngeter, Stefan und Maren Zeller, 2011. Lost in Transition – Jugendliche und junge Erwachsene mit biographischen Krisen im Übergang. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung. 6(1), S. 5–16. ISSN 1862-5002

Reichmann, Ute, 2012. Handbuch Ambulante Einzelbetreuung: Methoden und Organisation einzelfallbezogener Jugendhilfe. Opladen: Budrich. ISBN 978-3-8474-2059-0 [Rezension bei socialnet]

8 Informationen im Internet

Autor
Prof. em. Dr. Matthias Moch
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Zitiervorschlag
Moch, Matthias, 2021. Betreutes Wohnen (Kinder und Jugendliche) [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 25.08.2021 [Zugriff am: 24.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Betreutes-Wohnen-Kinder-und-Jugendliche

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