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Betriebswirtschaftslehre

Prof. Dr. Georg Kortendieck

veröffentlicht am 30.06.2020

Abkürzung: BWL

Die Betriebswirtschaftslehre ist die wissenschaftstheoretische wie praxisorientierte Lehre des wirtschaftlichen Handelns von Betrieben. Betriebe unterscheiden sich von privaten und öffentlichen Haushalten darin, dass sie nicht ihren eigenen Bedarf, sondern einen fremden Bedarf, den von Haushalten und anderen Betrieben, decken. Findet das Handeln von Betrieben in einem Markt statt, spricht man bei privatwirtschaftlichen Betrieben von Unternehmen. Private und auch gemeinnützige Einrichtungen der Sozialwirtschaft stellen somit Betriebe und entsprechend auch Unternehmen dar.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriffsbestimmung: Betrieb und Unternehmen
  3. 3 Die Betriebswirtschaft als Teil der Wirtschaftswissenschaften
  4. 4 Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre
  5. 5 Allgemeine und spezielle Betriebswirtschaftslehre
  6. 6 Betriebswirtschaftliche Grundbegriffe und Ziele
    1. 6.1 Güter
    2. 6.2 Ziele in der Betriebswirtschaft
    3. 6.3 Wertschöpfung, Effizienz, Effektivität, Produktivität, Gewinn, Rentabilität
  7. 7 Lehrgebiete der Betriebswirtschaftslehre
  8. 8 Betriebswirtschaftslehre des Sozialen Bereiches – Sozialwirtschaftslehre
  9. 9 Quellenangaben
  10. 10 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Nach den Wirtschaftswissenschaften wirtschaften Menschen, wenn ihre Ressourcen im Vergleich zu ihren Bedürfnissen begrenzt sind. Als private oder öffentliche Haushalte wirtschaften sie für ihren eigenen Bedarf. Durch Spezialisierung und Risikoübernahme befriedigen Betriebe, d.h. Unternehmen in einem marktwirtschaftlichen System, diesen Bedarf günstiger und/oder besser. Das Interesse der Betriebswirtschaftslehre (BWL) fokussiert darauf, wie die Herstellung von Sachleistungen (Waren, Produkte) oder Dienstleistungen und der Austausch mit den Haushalten gelingen kann. Zu den Kernfunktionen der Lehrgebiete der BWL gehören

  • Beschaffung
  • Produktion/​Dienstleistungserstellung
  • Marketing.

Unterstützende Funktion haben

Die Sozialwirtschaft stellt einen speziellen Bereich der BWL dar.

2 Begriffsbestimmung: Betrieb und Unternehmen

Unter einem Betrieb versteht man eine selbstständig wirtschaftende Einheit. Wirtschaften müssen alle Individuen, deren Mittel (Ressourcen) im Vergleich zu ihren Bedürfnissen knapp sind. Die wirtschaftlichen Einheiten werden häufig in Haushalte auf der einen Seite, die für sich selbst wirtschaften und in Betriebe, die für einen fremden Bedarf wirtschaften, unterteilt. Der Begriff Ökonomie stammt aus dem Griechischen „Oikos“ (Haushalt) ab. Private Haushalte verfolgen ihre eigenen, familiären Ziele; öffentliche Haushalte verfolgen die Ziele ihrer Gemeinschaft (Kommune, Land, Staat).

Wirtschaften bedeutet, die vorhandenen Ressourcen so auf die verschiedenen Bedürfnisbefriedigungen aufzuteilen, dass die Bedürfnisbefriedigung nicht mehr verbessert werden kann. Infolge der Vorteile durch Spezialisierung greifen Haushalte auf Betriebe zurück, die ihren Bedarf besser und/oder günstiger befriedigen können und dafür eine Gegenleistung erhalten (Schierenbeck 2016, S. 26 f.). Wie die Produktion und Bedarfsbefriedigung organisiert wird, hängt vom Wirtschaftssystem ab. Man unterscheidet zwei grundlegende Typen von Wirtschaftssystemen: den freien Austausch durch ein Marktsystem oder die dirigistische Lenkung durch eine behördliche Organisation. Betriebe, die ihre Leistungen am Markt durch freien Austausch von Leistungen und Gegenleistungen regeln und in privatem Besitz sind, werden als Unternehmen bezeichnet (siehe Abbildung 1). Bei öffentlichen Betrieben, wie etwa Wasserwerken, Volkshochschulen oder Schwimmbäder wird ebenfalls ein fremder Bedarf befriedigt. Sie arbeiten weitgehend rechtlich selbstständig, gehören aber Institutionen der öffentlichen Hand.

Unterscheidung von Haushalten, Betrieben und Unternehmen
Abbildung 1: Unterscheidung von Haushalten, Betrieben und Unternehmen (eigene Darstellung)

Als Betrieb wird ebenso eine örtliche Produktionsstätte gesehen, sodass ein Unternehmen aus mehreren solcher Einheiten bestehen kann. Umgangssprachlich werden Unternehmen und Betrieb oft gleichgesetzt.

Aus der Sicht einer managementorientierten Betriebswirtschaftslehre zeigt ein Unternehmen mehrere Eigenschaften (Thommen et al. 2017, S. 8):

  • Offenes System, das mit seiner Umwelt Austauschprozesse durchführt
  • Dynamisches System, das sich laufend anpassen muss bzw. neue Entwicklungen vorantreibt
  • Komplexes System, das aus vielen Elementen, Strukturen und Abläufen besteht
  • Autonomes System, das selbst innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen (z.B. Regeln gegen unlauteren Wettbewerb, Arbeitsrecht) seine eigenen Ziele festlegt und verfolgt
  • Marktgerichtetes System, das sich für sein Überleben an den Bedürfnissen des Marktes und damit an den Kunden ausrichten muss
  • Produktives System, das Sachgüter und Dienstleistungen erstellt
  • Soziales System, das sich nach den dort beschäftigten Menschen und deren Verhalten richten muss.

Lange Zeit hat man als konstituierend für Unternehmen nicht nur das Privateigentum an den Produktionsmitteln gesehen, sondern auch die Gewinnorientierung (Thommen et al. 2017, S. 22). Wegen der Orientierung am Gemeinwohl könnten gemeinnützige Einrichtungen eher den öffentlichen Betrieben zugeordnet werden. Andererseits arbeiten sie nicht ausschließlich für einen Haushalt, bspw. für eine Kommune, sondern bieten ihre Leistungen für ihre Mitglieder wie für Dritte am Markt an, auch wenn dieser auf der Nachfrageseite von öffentlichen Haushalten beherrscht wird (Quasimarkt). Achleitner et al. (2007) grenzen die Unternehmen nach ihrer Gewinn- und Gemeinwohlorientierung wie folgt ab:

  1. Reine Gemeinwohlorientierung: Wohlfahrtsorganisationen und Charity-Gesellschaften, die ausschließlich oder zum Teil von Spenden leben. Sie „maximieren“ die „soziale“ Rendite
  2. Blended Value: sowohl gemeinwohl- als auch renditeorientiert: Sozialunternehmen, die zu einem überwiegenden Teil ihre Ausgaben durch eigene Einnahmen (Leistungsentgelte) finanzieren. Hierzu zählen viele Non-Profit-Organisationen im sozialen Bereich. Neben der sozialen Rendite spielt auch die finanzielle Rendite eine Rolle, wenngleich bei den Non-Profit-Einrichtungen der erzielte Gewinn wieder reinvestiert wird. Ebenso zählen hierzu die Social Entrepreneure, die zum Teil ihren Geldgeber*innen neben der primär sozialen Rendite eine finanzielle Rendite versprechen.
  3. Hohe Renditeorientierung: Hierzu zählen die ausschließlich gewinnorientierten Unternehmen, aber auch Unternehmen, die sich sozial engagieren, sei es durch Spenden, Stiftungen oder andere Corporate Social Responsibility-Projekte.

3 Die Betriebswirtschaft als Teil der Wirtschaftswissenschaften

Die Betriebswirtschaft ist Teilbereich der Wirtschaftslehre, die sich mit dem wirtschaftlichen Handeln von Menschen beschäftigt (Erkenntnisobjekt). Sie geht davon aus, dass die vorhandenen Ressourcen bewirtschaftet werden müssen bzw. die Begrenztheit der Ressourcen die Menschen zur Sparsamkeit zwingt. Das sog. ökonomische Prinzip zeigt sich in zwei Ausprägungen: entweder sind die Ziele gegeben, sodass der Mitteleinsatz minimiert werden soll, oder aber die Mittel sind gegeben, sodass die Zielerreichung maximiert werden soll. Die Wirtschaftswissenschaften wollen erklären, wie Menschen sich unter diesen Prämissen verhalten. In beiden Ausprägungen des ökonomischen Prinzips ergibt sich, dass rationales und damit vernünftiges Handeln der Menschen dazu führt, dass das Bessere dem weniger Guten und das Günstigere dem Teureren vorzuziehen ist, weil auf diese Weise mehr Bedürfnisse befriedigt werden.

Die Spezialisierung erlaubte komplexere, wertvollere Tätigkeiten, die für die Beteiligten einen Wohlfahrtsgewinn mit sich bringen. Die Volkswirtschaftslehre (VWL; früher Nationalökonomie) widmet sich den daraus entstehenden gesamtgesellschaftlichen wirtschaftlichen Fragestellungen wie Wohlfahrtsentwicklung, Einkommensverteilung, Preisstabilität und ökologisches Gleichgewicht (Makroökonomie). Das Verhalten von Haushalten, Betrieben und deren Interaktion untersucht die Mikroökonomie der Volkswirtschaftslehre. Einen engen Bezug hierzu hat die Betriebswirtschaftslehre, die als Erfahrungsprojekt speziell Betriebe, das Verhalten in und zwischen Betrieben sowie ihre Außenbeziehung zu den Haushalten untersucht. Die Haushalte sind für die Betriebe als entscheidende Kunden wie auch als Ressourcenlieferanten, vor allem als Arbeitnehmer, wichtig. Als Wissenschaft versucht sie, theoretische Erkenntnisse über das wirtschaftliche Handeln in Betrieben zu erlangen und als „angewandte Betriebswirtschaftslehre“ eine praxisorientierte Forschung zu betreiben. Sie sieht „ihre Aufgabe in der Beschreibung und Beurteilung von empirisch vorgefundenen Entscheidungsprozessen sowie in der Entwicklung neuer Entscheidungsgrundlagen“ (Jung 2016, S. 24).

Die angewandten wissenschaftlichen Methoden entsprechen denen der anderen Sozialwissenschaften: Neben quantitativen Forschungsmethoden werden qualitative Forschungsmethoden eingesetzt. Zunehmend spielen Experimente, insbesondere in verhaltenswissenschaftlich orientierten Bereichen, eine Rolle. Wie in den gesamten Wirtschaftswissenschaften werden eher mathematisch exakte Modelle präferiert, die durch quantitative Untersuchungen auf ihre Aussagekraft hin überprüft werden. In der Regel können nur Muster vorhergesagt oder erklärt werden, d.h. man kann mithilfe von Wahrscheinlichkeiten und nomologischen Aussagen Verhaltensänderungen vorhersagen oder erklären. Besondere Bedeutung spielen heutzutage Algorithmen, mit deren Hilfe man mit vergleichsweise geringen Datenmengen Wahrscheinlichkeiten und Musterverhalten von Menschen bestimmen kann.

4 Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre

In Deutschland hat sich die Betriebswirtschaftslehre nicht nur aus der Volkswirtschaftslehre, sondern auch aus Vorgängern wie der landwirtschaftlichen Betriebslehre, der aus dem 15. Jahrhundert stammenden Buchhaltung oder den Kameralwissenschaften entwickelt (Bardmann 2019, S. 57). Die Gründung von Handelsschulen zum Ende des 19. Jahrhunderts und der Werturteils- und Methodenstreit in den Wirtschaftswissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhundert führten nach und nach zu einer wissenschaftlichen Grundlage der BWL. Im Methodenstreit ging es zunächst darum, wie Erkenntnisse gewonnen werden können: sei es induktiv durch die Ansammlung großer Datenmengen oder deduktiv-analytisch durch die Falsifikation von Theorien. Der Werturteilsstreit schließlich stellte die Frage nach dem Sinn der Wissenschaft und ob es gerechtfertigt sei, dass neben theoretisch-analytischen (deskriptive) Aussagen nicht auch wertende (präskriptive) Aussagen wissenschaftlich abzuleiten seien. Beide Streitigkeiten haben zu unterschiedlichen Schulen in den Wirtschaftswissenschaften und damit auch in der Betriebswirtschaftslehre geführt. Sozialwissenschaftlich geprägt sind Systemtheorie und verhaltenswissenschaftliche Ansätze, die Bereiche wie Marketing, Personalführung oder Organisation erklären, theoretisch-deduktive Ansätze beherrschen die Erklärungen von Investition, Finanzierung und Controlling. In der Personalwirtschaftslehre etwa streiten die beiden grundlegenden Ausrichtungen, wenn es bspw. um Fragen der Motivation durch finanzielle Anreize geht.

Entsprechend sind die Bezüge zu Nachbarwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre. Naheliegend ist es, vor allem Erkenntnisse der Mikroökonomie der Volkswirtschaftslehre mitaufzugreifen. Als Sozialwissenschaften versuchen BWL und VWL soziale Prozesse zu deuten, zu erklären und vorherzusagen. Folgerichtig befruchten Soziologie, Politikwissenschaft, Recht und Psychologie die Wirtschaftswissenschaften. Vor allem verhaltenswissenschaftliche, experimentelle Ansätze weichen zunehmend von den mathematisch orientierten Ansätzen der analytisch-deduktiven Linie ab. Große Streitigkeiten innerhalb der Wirtschaftswissenschaften gibt es um die Eignung ökonomisch exakter Modelle und die getroffenen Verhaltensannahmen nutzenmaximierender, wohl informierter Individuen (Homo oeconomicus). Diskussionen um die Folgen von Nutzenmaximierung bei unvollständigen Informationen gibt es in der Betriebswirtschaftslehre im Bereich der Kapitalbeteiligung und der fehlenden Kontrolle der Kapitalgeber*innen (Unternehmer*innen vs. Manager*innen; aktuell im Bereich des Venture Capital) oder im Bereich der Personalführung (Principal-Agent-Ansatz; im Bereich Sozialer Arbeit: Kortendieck 2017). Angelehnt aus der Diskussion um Vertrauensgüter und deren Koordination werden im Personalwesen Ansätze diskutiert und getestet, die besser informierte Mitarbeiter*innen davon abhalten, Tätigkeiten zu Lasten von Kund*innen und Betrieben auszuführen. Aus dieser Sicht stellen die ethischen Ansprüche und Selbstverpflichtungen in der Sozialen Arbeit an die Mitarbeitenden „Signaling“ Aktivitäten der Beteiligten dar.

5 Allgemeine und spezielle Betriebswirtschaftslehre

Die BWL unterscheidet sich in institutioneller, funktionaler und generischer Hinsicht (Jung 2016):

  • Institutionell unterscheiden sich allgemeine und spezielle Betriebswirtschaftslehre. Die allgemeine BWL erfasst alle Zusammenhänge, die für die verschiedenen Betriebe als typisch angesehen werden. Die spezielle BWL differenziert nach Wirtschaftszweigen. Zunächst können die verschiedenen Wertschöpfungsbereiche des Sozialproduktes unterschieden werden:
    • Primärer Sektor: Landwirtschaft und Bergbau
    • Sekundärer Sektor: Industrielle Fertigung
    • Tertiärer Sektor: Dienstleistungsbereich und Handel.
    Hier gibt es eigene spezielle BWL für Banken, Versicherungen, Tourismus, Gesundheitswesen (Krankenhäuser, Pflege) und die Sozialwirtschaft. Allerdings orientiert sich eine Vielzahl betriebswirtschaftlicher Standardwerke am industriellen Bereich und vernachlässigt die Besonderheiten des viel bedeutsameren Dienstleistungsbereiches.
  • Die funktionale Gliederung orientiert sich an dem, was die Betriebe für die Haushalte leisten: der Erstellung des Mehrwertes, auch Wertschöpfung genannt. Dies sind zunächst auf der realen Ebene die Funktionen, die primär zu einer Wertschöpfung, d.h. zu einem Mehrwert durch die betrieblichen Prozesse führen:
    • Leistungserstellung
    • Beschaffung der Ressourcen und Materialien
    • Absatz der erstellten Leistungen.
    Hinzu kommen unterstützende Funktionen wie
    • Organisation
    • Unternehmens- und Personalführung
    • die Bereitstellung der Infrastruktur wie Logistik
    • die monetäre Steuerung durch Rechnungswesen, Finanzmanagement und Controlling.
  • Die generische Unterteilung richtet sich am Lebenslauf der Unternehmung aus: von der Unternehmensgründung (Existenzgründung, Entrepreneurship) über die Wachstumsphasen bis hin zur Auflösung oder der Liquidation des Unternehmens.

Seit einiger Zeit etabliert sich neben der Industriegüterlehre sowie der Handelsgüterlehre die Dienstleistungsökonomie (Meffert und Bruhn 2018). Die Besonderheiten von Dienstleistungen begründen eine spezielle BWL, die aufgrund der Immaterialität der Leistungen und der Integrativität (Einbezug der Kund*innen) des Erstellungsprozesses völlig neue Fragen für die gesamte Betriebswirtschaftslehre aufwerfen.

Davon zu trennen sind Fragestellungen, die sich an der Zielausrichtung der Unternehmen orientieren. Dabei findet ein Wechsel der Fokussierung vom Share Holder Value (Anteilseigner) zum Stakeholder Value (Anspruchseigner) statt. Dies kommt vor allem Non-Profit-Organisationen entgegen, die immer schon eine Vielzahl verschiedener Interessen und deren Befriedigung als zentrale Prämisse haben.

Die Sozialwirtschaftslehre vereint alle drei Aspekte:

  1. Zunächst handelt es sich um Betriebe, die einen fremden Bedarf decken.
  2. Vorrangig „produzieren“ sie Dienstleistungen, d.h. Leistungen, die einen hohen Anteil an Immaterialität und Integrativität haben. Die Klient*innen sind als Produzent*innen ihrer eigenen Problemlösungen zu integrieren und
  3. schließlich eine häufige Non-Profit-Orientierung.

6 Betriebswirtschaftliche Grundbegriffe und Ziele

6.1 Güter

Güter, die am Markt angeboten werden, bezeichnet man als Marktleistungen. Sie unterscheiden sich danach, ob sie materiell oder immateriell sind. Die materiellen Güter wie Waren, Sachgüter oder Produkte werden für Haushalte als Gebrauchsgüter (z.B. Computer) oder als Verbrauchsgüter (z.B. Brot) erstellt. Dienen sie dazu, wiederum selbst andere Güter zu erstellen und werden an andere Unternehmen verkauft, bezeichnet man sie als Investitionsgüter.

Sozialwirtschaftliche Einrichtungen erstellen in der Regel Dienstleistungen, die den immateriellen Gütern zuzurechnen sind (neben Rechten wie Softwarelizenzen; siehe Abbildung 2). Sie sind prinzipiell nicht mit den fünf Sinnen direkt wahrnehmbar: Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Sehen. Um sie doch direkt wahrnehmen zu können, erstellt man Hilfsprodukte wie Dokumente, Zeugnisse oder Fotos. Materielle Güter unterscheiden sich in direkt konsumierbare Güter wie Schreibpapier als Verbrauchsgut oder Laptops als Gebrauchsgut. Werden materielle Güter in der Produktion von weiteren Gütern und Dienstleistungen eingesetzt (Maschinen, Telefongerät für die Beratung) werden sie als Produktionsgüter bezeichnet

Einteilung von Gütern und Leistungen
Abbildung 2: Einteilung von Gütern und Leistungen (Thommen et al. 2017, S. 39)

Ferner unterscheiden sich die Güter danach, welchen Informationsgrad an Wissen die Kund*innen beim Erwerb mitbringen. Kennen sie alle Eigenschaften schon vor dem Kauf, suchen diese das für sie beste oder günstigste Produkt aus (Suchgut). Ist der Kenntnisstand dagegen so, dass sie sich erst nach der Inanspruchnahme sicher sein können, welche Qualität das gekaufte Produkt hat, liegt ein Erfahrungsgut vor (viele Sachgüter und Dienstleistungen).

Die Informationsökonomie hat sich mit einem dritten Bereich an Gütern auseinandergesetzt: den Vertrauensgütern. Die Qualität dieser Güter ist für Käufer*innen bzw. Kund*innen auch nach dem Kauf bzw. nach der Inanspruchnahme nicht zweifelsfrei feststellbar, sodass man darauf vertrauen muss, dass der Betrieb seine Versprechen eingehalten hat. Besonders Dienstleistungen wie die im Gesundheitswesen und der Sozialen Arbeit werden hierzu gezählt.

Schließlich sind Güter hinsichtlich der Nutzbarkeit in

  • private
  • öffentliche und
  • meritorische Güter

zu differenzieren.

Private Güter dienen der privaten Bedürfnisbefriedigung der Haushalte und Unternehmen. Da ihr Konsum bzw. ihr Erwerb zum Ausschluss anderer Wirtschaftssubjekte führt, kann ein Unternehmen für das Angebot privater Güter einen Preis verlangen, den der nachfragende Haushalt bezahlen muss, um sich das Gut anzueignen bzw. zu nutzen (bei Dienstleistungen).

Im Gegensatz dazu stehen öffentliche Güter: Hier gilt das Ausschlussprinzip nicht, sodass ein Haushalt das Gut nutzen kann, auch wenn er nicht dafür bezahlt hat (z.B. ein frei zugängliches Konzert). Folglich erhält das anbietende Unternehmen keine Bezahlung und bietet deshalb die Leistung nicht an, obwohl gesellschaftlich und individuell ein Bedarf besteht (z.B. innere und äußere Sicherheit, Präventionsmaßnahmen), weshalb es staatlicher Institutionen bedarf, die diese Bedürfnisse befriedigen.

Bei meritorischen Gütern besteht eine Marktnachfrage und damit auch ein Marktangebot. Der Staat und seine Bürger*innen sind jedoch mit dem Marktergebnis nicht zufrieden: Es wird zu viel (z.B. kalorienhaltige Nahrung, Suchtmittel), zu wenig (Bewegung) oder das Falsche (Bier statt Tee, Fleisch statt Gemüse) nachgefragt. Zum Teil will man die Nachfragenden vor sich selbst bzw. falschen Entscheidungen schützen (Schulpflicht, Glücksspielverbot), oder man traut ihnen souveräne Entscheidungen nicht zu (Taschengeldparagraf, Geschäftsfähigkeit Unmündiger).

Bei öffentlichen und/oder meritorischen Leistungen ist eine Marktsteuerung und damit ein unternehmerisches Angebot nicht ausgeschlossen, weil von der Bereitstellung die Herstellung zu unterscheiden ist. Der Staat kann die Leistungen statt selber „herzustellen“ auch am Markt nachfragen oder durch Ausschreibungen einen Wettbewerb fördern und die privaten Betriebe die Leistung erstellen lassen. Den Betrieben stehen in diesem Fall zwei besondere Nachfragende gegenüber:

  • der Staat, der mit seiner Bezahlung die Erfüllung eines öffentlichen Nutzens verbindet (öffentliches Gut) und
  • die Klient*innen, die für die Leistung nicht zahlen, sie aber für sich in Anspruch nehmen (privates Gut).

6.2 Ziele in der Betriebswirtschaft

Die Ziele in der Betriebswirtschaft werden in Sach- und Formalziele unterschieden.

Sachziele richten sich an den Funktionen des Unternehmens aus: Z.B. will ein Krankenhaus Menschen helfen, durch Operationen, Behandlungen und Pflege wieder gesund zu werden, eine Behinderteneinrichtung will die Teilhabe ihrer Klientel verbessern bzw. umsetzen.

Typische Sachziele sind (Jung 2016, S. 32):

  • Leistungsziele
  • soziale oder ökologische Ziele
  • Führungsziele.

Sachziele richten sich an Kund*innen und an Auftraggeber*innen aus und wollen einen individuellen bzw. gesellschaftlichen Bedarf befriedigen.

Formalziele richten sich am Erfolg des Unternehmens aus, der sich im Gewinn bzw. der Rendite des eingesetzten Kapitals und als Ausgleich für entstandene Risiken äußert. Formalziele richten sich deshalb vor allem an Eigentümer*innen bzw. Geldgeber*innen aus.

Formalziele und Sachziele hängen miteinander zusammen: Bei einem Profitunternehmen dient die Sachzielerreichung einer besseren Formalzielerreichung. Verkauft man ein attraktives Produkt, steigt der Umsatz und damit die Gewinnmöglichkeit. Bei Non-Profit-Einrichtungen ist der Zusammenhang genau umgekehrt. Hier gilt es, möglichst umfassend den individuellen und gesellschaftlichen Bedarf zu befriedigen. Der Gewinn als Formalziel dient als Mittel zur besseren Sachzielerreichung; Gewinne vergrößern das eigene Kapital und können als Rücklagen für Investitionen und als Liquiditätspolster und damit Risikovorsorge eingesetzt werden.

6.3 Wertschöpfung, Effizienz, Effektivität, Produktivität, Gewinn, Rentabilität

Besser oder günstiger ist ein Unternehmen, wenn es mehr Werte schafft (Wertschöpfung) als in dem Prozess verbraucht wurde (Wertverzehr). Der Kunde erwartet von der Leistung, dass sie seine Nachfrage zielgerichtet befriedigt (Effektivität) und möglichst kostengünstig dabei ist (Effizienz). Eine nicht effektive Leistung kann zwar günstig, nicht aber effizient sein.

Definiert die Kund*in als Kostenträger einen bestimmten Versorgungsgrad als ausreichend (vgl. § 1 Abs. 2 SGB I), kann nach betriebswirtschaftlichem Verständnis eine effiziente Leistungserstellung gefunden werden. Schwieriger ist die Erfassung der Effektivität. Bei allen Dienstleistungen sind infolge der Immaterialität und der Integrativität eher nur Näherungswerte bestimmbar. In der gegenwärtigen Praxis finden sich mittlerweile viele Forderungen und Ansätze nach der Wirksamkeitsmessung, bspw. bei der Erfassung des Social Return on Investment (SROI).

Ein Faktor, der über die Kostengünstigkeit entscheidet, ist die Produktivität. Die Produktivität ist definiert durch das Verhältnis von der Menge des Outputs zur Menge des Inputs. Sie erfasst, welche Leistung (Output), z.B. Pflegeleistungen, in einer vorgegebenen Zeit, z.B. an einem Tag, erzielt wird. Eine Produktivitätsverbesserung liegt dann vor, wenn bspw. Vor- und Nachbereitungszeiten geringer ausfallen als zuvor, wenn die Anzahl der Beratungen und der dafür notwendigen Zeit reduziert wird, bzw. wenn in der bisherigen Zeit mehr Fälle beraten werden können. Fraglich ist, ob es einen Referenzwert für Betreuung oder Beratung geben kann, von dem man aus Produktivitätssteigerung messen kann.

In der Altenpflege werden pro durchschnittlichem Fall Pflegeminuten je nach Pflegegrad festgelegt bzw. ausgehandelt; im Gesundheitswesen erhalten die Krankenhäuser Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups). In der Betreuung gibt es Pauschalen pro Klient*in.

Wenn man unterstellt, dass eine Dienstleistung bereits kostengünstig erbracht wird, kann eine noch günstigere Lösung nur zulasten der Qualität erbracht werden (Finis Siegler 2009). „Produktivere“ Verfahren durch Arbeitsverdichtungen, Standardisierungen und Rationalisierungen liegen dann vor, wenn mit gleichem Ressourceneinsatz mehr geleistet oder die gleiche Leistung mit weniger Aufwand erstellt wird. Senkt man die Qualität ab, kann man Kosten einsparen, ist aber nicht zwangsläufig produktiver.

Die Produktivität ist die Grundlage der Wirtschaftlichkeit. Sie ist definiert als:

Wirtschaftlichkeit : Output (Menge) x Verkaufspreis = Ertrag Input (Menge) x Faktorpreis = Aufwand

Ein Unternehmen arbeitet dann wirtschaftlich, wenn der Ertrag der Leistungen größer ist als die Aufwendungen. In diesem Fall liegt ein Gewinn vor. Dies gilt auch für Non-Profit-Organisationen, die nicht gewinnorientiert arbeiten. Wenn sie Verluste erzielen, weil die Erträge nicht die Aufwendungen decken, müssen diese durch Rücklagen gedeckt sein. Wird von außen Geld zum Ausgleich hinzugegeben, steigen die Erträge, sodass der Verlust gar nicht entsteht. Die Gemeinnützigkeit bedeutet nicht, dass man unwirtschaftlich handeln muss, sondern dass die erzielten Gewinne im Sinne der (gemeinwohlorientierten) Satzung zu verausgaben sind. Kann der Verlust nicht ausgeglichen werden, ist für dieses Unternehmen die Insolvenz zu beantragen.

Rendite: Unternehmen streben nach Gewinn; er stellt für sich allerdings keine aussagekräftige Kennzahl dar. Erst in Verbindung zu den dafür eingesetzten Mitteln wird deutlich, ob sich die Anstrengungen gelohnt haben. Deswegen wird der Gewinn in Bezug zum eingesetzten Kapital (Eigenkapital; Gesamtkapital) und/oder zum Umsatz, also der „verkauften“ Menge (z.B. Fachleistungsstunden) multipliziert mit dem Preis, den der Kostenträger zahlt, sodass die Rendite als Eigenkapital- oder Umsatzrendite ausgegeben wird. Diese Größen sind für Investor*innen relevant, da sie die Verzinsung ihres Wagniskapitals mit den Renditen anderer Anlageformen vergleichen.

Als soziale Rendite werden „Gewinne“ gesehen, die zu einem Mehrwert für die Gemeinschaft führen. Ausgaben des Staates für Soziale Arbeit und Gesundheitsdienstleistungen werden dadurch zu Investitionen. Zwei Gefahren sind damit verbunden: Zum einen sind Aussagen nach der sozialen Rendite nachzuweisen, zum anderen gibt es in der Sozialen Arbeit Maßnahmen, die keinen investiven Charakter haben oder nicht messbar sind. Diese drohen dann als „konsumtive“ Ausgaben gegenüber vorteilhaften investiven Ausgaben ins Hintertreffen zu geraten.

7 Lehrgebiete der Betriebswirtschaftslehre

Für die Unterteilung der Lehrgebiete der BWL bietet sich die funktionale Unterscheidung für eine Kategorisierung der einzelnen Lehrgebiete an: Nach der Wertschöpfungskette von Porter (2013) lassen sich primäre, die Leistungserstellung betreffende Funktionen, und unterstützende Funktionen unterscheiden, die allgemein auch als Unternehmensführung bezeichnet werden. Übergreifend stehen zunächst grundlegende Managementfunktionen:

Weiterhin unterstützend wirken die monetären Steuerungsfunktionen:

  • Controlling
  • Rechnungswesen
  • Finanzierung.

Der betriebliche Leistungsprozess unterteilt sich in

  • Beschaffung bzw. Materialwirtschaft
  • Produktion
  • Absatz bzw. Marketing.

Strategisches Management: Das strategische Management unterscheidet sich gegenüber dem operativen Management durch seinen Zeit- und Umweltbezug. Es betrifft Analysen, Planungen und Entscheidungen, die einen Zeitraum von fünf und mehr Jahren umfassen und zum einen die Chancen und Risiken der Umweltveränderungen, zum anderen die Stärken und Schwächen der eigenen Institution im Blick haben. Eine typische Fragestellung im Gegensatz zum kurzfristigen Management ist: Tun wir die richtigen Dinge? Kurzfristig stehen Ziele, Umwelt und langfristige Entscheidungen nicht zur Disposition, sondern die Frage: Tun wir die Dinge richtig? Langfristig geht es um die Verfolgung des Leitbildes, die Existenzsicherung und den Aufbau von Erfolgspotenzialen.

Organisation „Organisieren bedeutet, die Gesamtaufgabe des Unternehmens, die von Menschen und Maschinen arbeitsteilig erfüllt werden muss, sinnvoll in Teilaufgaben zu gliedern und diese zueinander in Beziehung zu setzen, damit die Ziele des Unternehmens optimal erreicht werden“ (Thommen et al. 2017, S. 434). Klassisch wird in die Bereiche der Aufbau- und der Ablauforganisation unterschieden. Die Aufbauorganisation regelt die Aufgaben der Mitarbeitenden, die Ablauforganisation die Arbeitsprozesse. Dadurch stellen sich Fragen nach Spezialisierung, Kompetenz- wie Machtzuweisung, die Zusammenarbeit und Motivation der Mitarbeitenden.

Personalführung: Die Arbeit in Betrieben und Unternehmen erfolgt mit Menschen. Die Beschäftigung von Personal bedarf im Rahmen der Personalwirtschaft der Personalplanung, Beschaffung, Entlohnung, Beurteilung und Entwicklung. Themen in der Sozialwirtschaft sind – wie auch in vielen anderen Branchen – vor allem der Personalmangel und die Frage nach der Motivation durch Leistungsentgelte wie sie der Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes vorsieht. Die Personalbedarfsplanung steht vor der Frage, ob die betrieblichen Ergebnisse zunächst strategisch geplant und danach das Personal ausgesucht werden soll, oder ob umgekehrt nicht das Personal und seine Kompetenzen den strategischen Erfolg bestimmen (Human Ressource Ansatz). Die Frage der Motivation beschäftigt den Bereich der Personalführung im Rahmen von Management by Konzepten wie der Mitarbeiterführung nach Zielen (management by objectives) und dem geeigneten Führungsstil.

Controlling bedeutet übersetzt „Steuerung“, das folgende Aufgaben hat:

  • Informationsversorgung: Für ihre Aufgaben ist die Führung auf eine umfassende Informationsversorgung angewiesen. Durch Informationssammlung, -aufbereitung und -verdichtung mithilfe von Kennzahlen unterstützt das Controlling das Management.
  • Planungs- und Koordinierungsfunktion: Das Controlling hat zur Aufgabe, die verschiedenen Planungs- und Ausführungs-Systeme zu koordinieren, innerhalb der Systeme die einzelnen Teilpläne aufeinander abzustimmen und die strategische mit der operativen Planung zu verbinden.
  • Führungsunterstützung: Durch Soll-Ist-Vergleiche und Abweichungsanalyse dient das Controlling der Unternehmensleitung dazu, die Ziele zu fokussieren und die Führung bei der Willensbildung zu unterstützen. Das Controlling ist das „betriebswirtschaftliche Gewissen“ im Unternehmen (Weber und Schäffer 2015, S. 27 f.). Das ist umso wichtiger, je mehr die Unternehmen keine eindeutigen Ziele verfolgen, sondern eher durch unklare, multiperspektivische Zielsetzung gekennzeichnet sind, wie dies typisch für gemeinnützige Einrichtungen im Sozialwesen ist.

Rechnungswesen: Das Rechnungswesen wird in die externe, nach strengen rechtlichen Kriterien sich an Gläubiger*innen, Staat und Eigentümer*innen richtende Finanzbuchhaltung und in die intern orientierte, sich an die Geschäftsleitung wendende Kosten- und Leistungsrechnung unterteilt. Die Finanzbuchhaltung erfasst im Jahresablauf alle wertmäßigen (monetären) Veränderungen und Bestände in einem Unternehmen und schließt auf der Basis der doppelten Buchführung das Jahr mit einer Bestandsrechnung, der Bilanz, und einer Stromrechnung, der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) ab. Die GuV erfasst auf Konten die Erträge (Wertschöpfung) und Aufwendungen (Werteverbrauch) und stellt sie einander gegenüber. In der Bilanz stehen sich das Vermögen (Aktiva) und seine Finanzierung – Kapital oder Passiva genannt – gegenüber. Das Kapital setzt sich zusammen aus dem Eigenkapital, in das erzielte Gewinne miteingehen und aus dem Verluste ausgeglichen werden müssen, und dem Fremdkapital (Schulden, Kredite) zusammen. Das externe Rechnungswesen ist für alle Kaufleute und entsprechende Rechtsformen verbindlich; in der Sozialwirtschaft betrifft dies die Kapitalgesellschaften (Gesellschaften mit beschränkter Haftung und Aktiengesellschaften) zwingend. Bei der Vielzahl an Vereinen, die in der Sozialwirtschaft als Unternehmen agieren, besteht häufig ein Wahlrecht. Die Pflegebuchführungsverordnung schreibt allen Institutionen, die ihr unterliegen, einen kaufmännischen Abschluss vor. Im öffentlichen Bereich sind es vor allem die Kommunen, die die den anderen Systemen (Kameralistik) deutlich überlegene Finanzbuchhaltung anwenden. Eine Kosten- und Leistungsrechnung (Betriebsabrechnung, Internes Rechnungswesn) ist für bilanzierende Unternehmen nicht vorgeschrieben, allerdings für die Unternehmenssteuerung außer bei Kleinstbetrieben unerlässlich. Im Sozial- und Gesundheitswesen ergibt sich zudem in einzelnen Branchen auch eine gesetzliche Verpflichtung, z.B. bei Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Werkstätten für behinderte Menschen. Sie dient der Vor- und Nachkalkulation von Preisen und Projekten und ist damit ein wesentliches Instrument des Controllings.

Finanzierung bedeutet die Bereitstellung von finanziellen Mitteln, um damit Vermögensbestandteile zu erwerben (Investition) und um die Zahlungsfähigkeit (Liquidität) aufrechtzuerhalten. In der Regel laufen Einnahmen und Ausgaben nicht synchron, sodass es notwendig sein kann, Zahlungsverpflichtungen (Ausgaben) durch Vermögensbestandteile auszugleichen. Das Vermögen wird unterteilt in:

  • das kurzfristige Umlaufvermögen wie Bargeld, Buchgeld (Geld auf dem Bankkonto), Festgelder, Forderungen, Vorräte
  • das langfristige Anlagevermögen wie Grundstücke, Gebäude, Ausstattung (z.B. Betten, Computer)
  • immaterielle Wertgegenstände wie Lizenzen,

das für den betrieblichen Leistungsprozess benötigt wird. Das Erstellen oder die Käufe von Anlagevermögen stellen Investitionen dar, die mittels Kapital zu finanzieren sind.

In der Sozialwirtschaft hat sich ein erweiterter Finanzierungsbegriff etabliert (Schellberg und Holtkamp 2019). Er geht von einer gedanklichen Trennung der erstellten (Dienst-) Leistungen und ihrer Bezahlung (Leistungsentgelte) aus und bezeichnet alle finanziellen Zuflüsse (Einnahmen) als Finanzierung.

Die betrieblichen Leistungsprozesse Beschaffung, Produktion, Absatz: In der BWL dominiert die industrielle Produktion und damit die traditionelle Einteilung des Leistungsprozesses in Beschaffung, Produktion und Absatz (fertiger Produkte). Seit geraumer Zeit wird Absatz umfassender als Marketing bezeichnet. Im Dienstleistungsbereich kann man jedoch keine Leistungen produzieren, die es dann abzusetzen gilt, da die Leistungen immateriell und damit nicht lagerbar sind. Vielmehr läuft der Prozess so ab, dass zunächst nur ein Leistungsversprechen „verkauft“ wird. Erst danach kann der Leistungsprozess stattfinden.

Dienstleistungen weisen neben der Immaterialität eine zweite zentrale Besonderheit auf: Die Kund*in muss sich an der Dienstleistungserstellung selbst beteiligen. Dies ist bei Industriegütern nicht erforderlich. Die Kund*in muss demnach nicht nur für die Leistung bezahlen, sondern auch noch mitwirken und zusätzlich mit Zeit und körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung zum Gelingen beitragen.

In der Sozialwirtschaft ist dieser Vorgang weiter zu differenzieren. Neben den Besonderheiten als Dienstleistung (Immaterialität, Integrativität) ist weiterhin zu berücksichtigen, dass der monetäre Kaufprozess nicht von der eigentlichen Kund*in ausgeht, sondern von dem sog. Kostenträger, sodass in der Regel zwei verschiedene Kund*innen beteiligt sind. Klient*innen zahlen nicht, sind aber nach wie vor beteiligt. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass, obwohl es sich um Bedarfe der Klient*innen handelt, diese teilweise nur unfreiwillig mitmachen, da sie die Bedeutung der Leistung für sie nicht erfassen wollen oder können. Damit ist in den Feldern des Sozial- und Gesundheitswesens der externe Faktor, wie die Klient*innen auch bezeichnet werden, zwar ein zentraler Faktor für einen guten Leistungsprozess, aber in Folge von Motivations- und/oder Fähigkeitsproblemen ein Qualitätsrisiko.

Marketing: Unter Marketing versteht man die Gestaltung von Austauschprozessen zwischen Betrieb und seiner Umwelt, seinen Kund*innen und seinen Wettbewerber*innen. Damit rückt eine solche Definition deutlich von der Vorstellung ab, Marketing sei vor allem Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Auch der Begriff „Absatz“ wird schon lange nicht mehr verwendet, weil Produkte nicht möglichst rasch und günstig an die Kund*innen gebracht werden sollen. Instrumente sind im Marketing neben der Preispolitik (Price), der Verteilungspolitik (Place) und der Kommunikationspolitik (Promotion) insbesondere die Leistungspolitik (Product). Im Dienstleistungsbereich werden zudem People = Personalpolitik (wegen seiner überragenden Bedeutung im Leistungsprozess), Process = Prozesspolitik und Physical Facilities (materielle Umgebung) als weitere wichtige Instrumentenbereiche genannt.

In der Sozialwirtschaft wird Marketing unter anderem als Social Marketing oder Soziales Marketing bezeichnet. Mit ersterem verbindet man vor allem die Anwendung des Marketinginstrumentariums auf die erfolgreiche Umsetzung von (Präventions-)Kampagnen, z.B. gegen HIV-Infektionen (Kortendieck 2011).

8 Betriebswirtschaftslehre des Sozialen Bereiches – Sozialwirtschaftslehre

Kann es eine Betriebswirtschaftslehre des Sozialen Bereichs geben? Wenn man alle wirtschaftenden Einheiten als Betriebe definiert, würden auch Vereine als Organisationen im Sozialen Bereich darunterfallen. Mit Wendt (1998) gesprochen könnte man sagen, „wirtschaften müssen wir alle“, unabhängig davon, ob eine bürokratische oder marktliche gesellschaftliche Steuerung gewählt wird.

Wenn man dagegen Haushalte und Betriebe unterscheidet, stellt sich die Frage, ob die „Sorge“ -wirtschaft überhaupt als Betriebe und Unternehmen oder nicht vielmehr als Haushalte, die für sich wirtschaften und für einander sorgen, wahrzunehmen ist. Aus der Perspektive eines Haushaltes sind die Aufgaben und die Bereitstellung von Ressourcen voneinander getrennt bzw. bedingen sich nicht zwingend. Das spricht für das sozialwirtschaftliche Finanzierungsverständnis. Danach stellen alle Einnahmen Finanzmittel dar. Die (geldlichen) Einnahmen stellen für die Mitarbeitenden ihre Gehälter dar. Es entsteht ein Dilemma: Will man Menschen in Notlagen helfen, bedarf es (trotzdem) eigener und fremder Ressourcen, um dies zu tun. Das schafft Abhängigkeiten von Geldgebern bzw. Kostenträgern. Diese werden ihre (Geld-) Leistungen an Gegenleistungen binden und Qualitäts-, Kosten- und Wirksamkeitserwartungen damit verknüpfen.

Der Bedarf wird von den Einrichtungen der Sozialwirtschaft definiert und selbst befriedigt. Wenn jedoch der Staat und seine Körperschaften das „Sorgerecht“ für sich beanspruchen, sieht er die Wohlfahrtseinrichtungen als dienstleistende Betriebe und nicht als Haushalte an. Auch für den Staat stellt sich das „Make-or-Buy-Problem“. Damit entsteht ein Marktverhältnis zwischen dem Kostenträger als Kund*in und den Wohlfahrtseinrichtungen als Sozialunternehmen (Schellberg 2017, S. 32 ff.). Sie befriedigen damit einen fremden, d.h. von den Kostenträgern definierten Bedarf, der jedoch nicht unbedingt mit ihren eigenen Bedarfsvorstellungen kompatibel ist.

Wird deshalb die Aufgabe des Sorgens zu einem Auftrag einer Kund*in umgewandelt und damit der Haushalt zum Betrieb (der einen fremden Bedarf deckt!), entsteht ein deutliches Missbehagen, das als BWLisierung durchaus gerechtfertigt bezeichnet werden kann. Ob die Kund*in (in diesem Fall der Staat als Kostenträger) den Betrieb durch Pläne und Regeln oder durch eine marktliche Koordination beauftragt, ist davon unabhängig. Die seit den 1990er-Jahren zunehmende Inanspruchnahme der Einrichtungen im sozialen Bereich wie im Gesundheitswesen durch marktliche Koordinationsmechanismen wie Ausschreibungen verstärken diesen Ökonomisierungsdruck noch. Gründe liegen in der vorherrschenden Annahme, dass mithilfe von Marktmechanismen die Kosten begrenzt werden können und die Qualität gesteigert werden kann. Sie ist auch auf ein Misstrauen gegenüber dem Staat selbst zurückzuführen, der Leistungen ab einem bestimmten Volumen auszuschreiben hat, um Vetternwirtschaft zu begegnen.

Geht man zum Ausgangspunkt zurück, ist jedoch die Frage aufzuwerfen, ob die privat-wirtschaftlichen Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens als sorgende Haushalte oder als versorgende Betriebe wahrzunehmen sind. Angesichts dessen, dass ein großer Teil der Sozialen Arbeit und Gesundheitsdienstleistungen seit vielen Jahren über Leistungsentgelte wie Fachleistungsstunden, Fallpauschalen, Pflegesatz bezahlt werden, liegt der Gedanke nahe, sie eher als Betriebe und weniger als sorgende Haushalte wahrzunehmen. Dafür spricht auch, dass der Versorgungsauftrag vor allem beim Staat gesehen wird, der seinerseits wiederum Betriebe als Dienstleister in Anspruch nimmt.

9 Quellenangaben

Achleitner, Ann-Kristin, Reinhard Pöllath und Erwin Stahl, Hrsg., 2007. Finanzierung von Sozialunternehmen: Konzepte zur finanziellen Unterstützung von Social Entrepreneurs. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. ISBN 978-3-7910-2631-2

Bardmann, Manfred, 2019. Grundlagen der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre. 3. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN 978-3-658-19547-2

Finis Siegler, Beate, 2009. Ökonomik Sozialer Arbeit. Freiburg: Lambertus. ISBN 978-3-7841-1890-1 [Rezension bei socialnet]

Jung, Hans, 2016. Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 13. Auflage. Berlin: De Gruyter Oldenburg. ISBN 978-3-486-76376-8

Kortendieck, Georg, 2011. Marketing für den Sozialen Bereich. Regensburg: Walhalla. ISBN 978-3-8029-5442-9

Kortendieck, Georg, 2017. Strategisches Management im Sozialen Bereich. 2. neu bearbeitete Auflage. Regensburg: Walhalla. ISBN 978-3-8029-5473-3 [Rezension bei socialnet]

Meffert, Heribert, Manfred Bruhn und Karsten Hadwich, 2018. Dienstleistungsmarketing. 8. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN 978-3-658-19175-7

Porter, Michael. E., 2013. Wettbewerbsstrategie: Methoden zur Analyse von Branchen und Konkurrenten. 12. Auflage. Frankfurt: campus. ISBN 978-3-593-39844-0

Schellberg, Klaus, 2017. Betriebswirtschaftslehre für Sozialunternehmen. 6. Auflage. Augsburg: Walhalla. ISBN 978-3-8029-5471-9 [Rezension bei socialnet]

Schellberg, Klaus und Claudia Holtkamp, 2019. Finanzierung von Organisationen der Sozialwirtschaft: Finanzierungsströme – Finanzgeber – Verhandlungsstrategien. Augsburg: Walhalla. ISBN 978-3-8029-5478-8 [Rezension bei socialnet]

Schierenbeck, Henner und Claudia Wöhle, 2016. Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre 19. Auflage. Berlin: De Gruyter Oldenburg. ISBN 978-3-11-044066-9

Thommen, Jean-Paul, Ann-Kristin Achleitner, Dirk Ulrich Gilbert, Dirk Hachmeister und Gernot Kaiser, 2017. Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 8. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN 978-3-658-07767-9

Weber, Jürgen und Utz Schäffer, 2015. Einführung in das Controlling. 15. Auflage. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. ISBN 978-3-7910-3574-1

Wendt, Wolf Rainer, 1998. Wirtschaften müssen wir allemal. In: Blätter der Wohlfahrtspflege. 145(11/12), S. 221–225. ISSN 0340-8574

10 Literaturhinweise

Kaspers, Uwe, 2016. Wirtschaftliche Steuerung von Sozial- und Gesundheitsunternehmen. Regensburg: Walhalla. ISBN 978-3-8029-7534-9 [Rezension bei socialnet]

Kortendieck, Georg und Peter Stepanek, 2019. Controlling in der deutschsprachigen Sozialwirtschaft. Berlin: Springer VS. ISBN 978-3-658-24599-3 [Rezension bei socialnet]

Möhring-Hesse, Matthias, 2008. Verbetriebswirtschaftlichung und Verstaatlichung. Die Entwicklung der Sozialen Dienste und der Freien Wohlfahrtspflege. In: Zeitschrift für Sozialreform. 54(2), S. 141–160. ISSN 2366-0295

Wendt, Wolf Rainer, 2016. Sozialwirtschaft kompakt: Grundzüge der Sozialwirtschaftslehre. 2. Auflage. Berlin: Springer VS. ISBN 978-3-658-11883-9

Autor
Prof. Dr. Georg Kortendieck
Diplom-Volkswirt, Dekan Fakultät Soziale Arbeit, Ostfalia Hochschule Braunschweig-Wolfenbüttel, Langjähriger Leiter mehrerer Bildungsträger, Professor für Betriebswirtschaftslehre im Sozialen Bereich
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Zitiervorschlag
Kortendieck, Georg, 2020. Betriebswirtschaftslehre [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 30.06.2020 [Zugriff am: 25.09.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Betriebswirtschaftslehre

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