socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bewegungserziehung

Mone Welsche

veröffentlicht am 28.05.2021

Der Begriff der Bewegungserziehung umschreibt den Bereich der Pädagogik, der sich gezielt mit Bewegung als Medium zur Förderung von Entwicklung und Bildungsprozessen beschäftigt. Bewegungserziehung ist vor allem im Kontext der Frühen Bildung verbreitet (Zimmer 2020; Schwarz 2014; Beudels 2010).

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Historie
  3. 3 Ziele
  4. 4 Methoden und Ansätze der Bewegungserziehung
  5. 5 Didaktische Prinzipien
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Begriff Bewegungserziehung impliziert nicht nur eine gezielte und kindgerechte Förderung der motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Kindesalter. Er adressiert explizit den übergeordneten Begriff der „Bewegung“ als Tätigkeit, durch welche Körper- und Sinneswahrnehmungen entstehen und so Welterfahrung ermöglicht wird. In Bewegung tritt das Kind in Beziehung zu seiner sozialen und dinglichen Umwelt, kann sich diese erschließen, auf sie einwirken und so Beziehung zu sich und anderen gestalten. Bewegung stellt in diesem Verständnis „das unmittelbare Tor zum und vom Kind zur Welt“ (Schwarz 2014, S. 16), dar.

Zimmer (2020, S. 161) präzisiert den Begriff für die Kindertageseinrichtungen, indem sie Bewegungserziehung als „angeleitete, betreute, regelmäßige Bewegungszeiten (‚Turnstunden‘) […], die von der Erzieherin zwar vorgeplant werden, aber doch auch offen für die Ideen und Interessen der Kinder sind“, beschreibt.

2 Historie

Historisch baut die Bewegungserziehung in Teilen auf die Tradition der „Leibeserziehung“ (Prohl 2003) auf, aus welcher die universitäre Sportpädagogik entstanden ist, die sich vor allem mit Bewegung und Sport im Kontext Schule befasst. So sind vereinzelt Bezüge zur Bewegungs- und Sportpädagogik zu finden. Beispielsweise setzt Grössing (1993) als Professor für Sportpädagogik den Begriff der Bewegungserziehung in den Titel eines seiner Lehrbücher, und bei Funke-Wieneke (2000), ebenfalls Professor der Sportwissenschaft, wird die erzieherische Perspektive auf den Schulsport betont. Auch werden Konzepte der Bewegungserziehung, und hier vor allem psychomotorische Ansätze (Kuhlenkamp 2017) oder Bewegungsbaustellen (Miedzinski und Fischer 2014), im Grundschulsport berücksichtigt. Aktuell wird mit dem Begriff der Bewegungserziehung allerdings in erster Linie der Einsatz bewegungspädagogischer Konzepte im Bereich der Frühen Bildung verstanden.

3 Ziele

Nach Zimmer (2020, S. 161) „[dient] Bewegungserziehung im Kindergarten […] nicht der möglichst frühzeitigen Vorbereitung auf sportliche Aktivitäten. Sie ist vielmehr grundlegender Bestandteil einer frühkindlichen Erziehung, deren Ziel eine gesunde harmonische Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist.“ Den Umgang mit dem eigenen Körper (Körpererfahrung, Körperwahrnehmung), die Auseinandersetzung mit Raum und Objekten (materiale Erfahrung), mit anderen (soziale Erfahrung) und mit sich selbst (personale Erfahrung) zählt sie zu den zentralen Bildungsaufgaben der Bewegungserziehung in Kindertageseinrichtungen (Zimmer 2020, S. 164 f.; Beudels 2010, S. 160).

Nach Kuhlenkamp und Schlesinger (2021) stellen neben Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, auch Gesundheitsförderung sowie Partizipation wesentliche Aufgaben und Ziele einer frühen Bewegungserziehung in Kindestageseinrichtungen, dar.

4 Methoden und Ansätze der Bewegungserziehung

Dem Bereich der Bewegungserziehung können eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden und Konzepte zugeordnet werden, die vom frühen Kindesalter bis ins Grundschulalter angewendet werden. So beschrieb Kiphard (1984, S. 49), dass von ihm entwickelte Konzept der Psychomotorik als „ganzheitlich-humanistische, entwicklungs- und kindgemäße Art der Bewegungserziehung, in deren Mittelpunkt die Förderung der gesamten Persönlichkeit steht.“ Kuhlenkamp und Schlesinger (2021) benennen als Ansätze der Bewegungserziehung neben der Psychomotorik das Bewegungskonzept von Elfriede Hengstenberg (Fuchs 2017) und die rhythmisch-musikalische Erziehung (Hirler 2014). Zudem zeigen Kuhlenkamp und Schlesinger (2021), in welchen Ansätzen der Frühpädagogik, z.B. Montessori-, Waldorf- oder Reggiopädagogik, der Aspekt der Bewegungsförderung wie aufgegriffen wird und verdeutlichen damit, dass Bewegungserziehung nicht nur in Konzepten ermöglicht wird, die dezidiert bewegungspädagogisch ausgerichtet sind.

Darüber hinaus können auch weitere bewegungsorientierte Konzepte unter dem Aspekt der Bewegungserziehung in der Frühen Bildung eingesetzt werden, wie z.B. die „Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik“ nach Sherborne (Welsche 2018) und „Ringen und Raufen“ (Beudels und Anders 2014). Zudem bieten sich Elemente aus dem kreativen Kindertanz an, allerdings fehlt es hier bislang an Konzepten, die diesen Ansatz der Tanzpädagogik fachlich fundiert und praxisnah in die frühkindliche Bewegungserziehung einordnen.

5 Didaktische Prinzipien

Unabhängig von Unterschieden zwischen den jeweiligen Konzepten sollten grundlegende didaktische Prinzipien berücksichtigt werden (Zimmer 2020, S. 165), um den Kindern vielfältige Bewegungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten zu bieten, Lern- und Bildungsprozesse bestmöglich zu unterstützen und sie so in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten. Diese können zusammengefasst werden mit Kindgemäßheit, Offenheit, Freiwilligkeit, Erlebnisorientierung, Entscheidungsmöglichkeiten, Selbsttätigkeit (Beudels 2010, S. 164).

6 Quellenangaben

Beudels, Wolfgang, 2010. Bewegung und Bewegungserziehung im Kindergarten. In: Wolfgang Beudels, Nicola Kleinz und Silke Schönrade, Hrsg. Bildungsbuch Kindergarten: Erziehen, Bilden und Fördern im Elementarbereich. Dortmund: Borgmann, S. 157–174. ISBN 978-3-938187-40-1 [Rezension bei socialnet]

Beudels, Wolfgang und Wolfgang Anders, 2014. Wo rohe Kräfte sinvoll walten: Handbuch zum Ringen, Rangeln und Raufen in Pädagogik und Therapie. Dortmund: Borgmann. ISBN 978-3-86145-251-5

Fuchs, Michael Peter, 2017. Hengstenberg Spiel- und Bewegungspädagogik. Herder: Freiburg i. Brsg. ISBN 978-3-451-37709-9

Funke-Wieneke, Jürgen, 2000. Von der Sportpädagogik zur Bewegungspädagogik. In: DVS-Informationen. 15(4), S. 13–14. ISSN 0944-6222

Grössing, Stefan, 1993. Bewegungskultur und Bewegungserziehung: Grundlagen einer sinnorientierten Bewegungspädagogik. Schorndorf: Hofmann. ISBN 978-3-7780-3580-1

Hirler, Sabine, 2014. Handbuch Rhythmik und Musik: Theorie und Praxis für die Arbeit in der Kita. Herder: Freiburg i. Brsg. ISBN 978-3-451-32723-0 [Rezension bei socialnet]

Kiphard, Ernst J., 1984. Psychomotorik – Motopädagogik – Mototherapie. Fragen der Gegenstandsbestimmung und Abgrenzung. In: motorik. 7(2), S. 49–51. ISSN 0170-5792

Kuhlenkamp, Stefanie, 2017. Lehrbuch Psychomotorik. München: Ernst Reinhardt. ISBN 978-3-8252-8717-7 [Rezension bei socialnet]

Kuhlenkamp, Stefanie und Gisela Schlesinger, 2021. Bewegungsförderung in Kindertageseinrichtungen: Frühe Bildung in Bewegung München: Ernst Reinhardt. ISBN 978-3-497-03033-0

Miedzinski, Klaus und Klaus Fischer, 2014. Die neue Bewegungsbaustelle. Dortmund: Borgmann. ISBN 978-3-938187-09-8

Prohl, Robert, 2003. Leibeserziehung. In: Peter Röthig und Robert Prohl, Hrsg. Sportwissenschaftliches Lexikon. Schorndorf: Hofmann, S. 331–332. ISBN 978-3-7780-4497-1

Schwarz, Rolf, 2014. Frühe Bewegungserziehung. München: Ernst Reinhardt. ISBN 978-3-497-02401-8 [Rezension bei socialnet]

Welsche, Mone, 2018. Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik. München: Ernst Reinhard. ISBN 978-3-497-02751-4 [Rezension bei socialnet]

Zimmer, Renate, 2020. Handbuch der Bewegungserziehung. Freiburg im Breisgau: Herder. ISBN 978-3-451-80120-4

Autorin
Prof. Dr. Mone Welsche
Website
Mailformular

Es gibt 3 Lexikonartikel von Mone Welsche.


Zitiervorschlag
Welsche, Mone, 2021. Bewegungserziehung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 28.05.2021 [Zugriff am: 27.10.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Bewegungserziehung

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.