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Bildungsmythen

Dr. Stefan T. Siegel

veröffentlicht am 03.10.2023

Etymologie: gr. mythos Wort, Erzählung, Geschichte

Englisch: education myths

Bildungsmythen sind weit verbreitete Überzeugungen über Lehr- und Lernphänomene, die dem aktuellen Stand der Forschung widersprechen, sich aber dennoch hartnäckig halten.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Merkmale und Beispiele
  3. 3 Prävalenz, Ursachen und Persistenz
  4. 4 Problematische Folgen
  5. 5 Prävention, Identifikation und Intervention
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Bildungsmythen treten oft in Form von Plattitüden auf (zum Beispiel: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ oder „Vorlesungen sind anderen Lehr-/​lernmethoden bzw. -formaten im Großen und Ganzen unterlegen“. Obwohl für viele dieser fragwürdigen Überzeugungen über Bildungsphänomene keine oder sich widersprechende Evidenzen vorliegen, sind sie zum Teil weit verbreitet, hartnäckig und haben es geschafft, zum Allgemeinwissen zu werden (De Bruyckere et al., 2015; 2020; Steins et al. 2022).

Obgleich diese Mythen manchmal aus einem Fünkchen Wahrheit erwachsen, können sie Lehrpersonen, Lernenden und auch pädagogischen Professionen auf vielfältige Weise schaden. Kurz gesagt: Sie sind mit einer exzellenten (Aus-, Fort- und Weiter-)Bildung nicht vereinbar (bspw. Lilienfeld et al. 2010, S. 8 f.). Daher zielt eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen in der pädagogischen Psychologie darauf ab, gängige Fehlvorstellungen zum Lehren und Lernen zu identifizieren, zu analysieren und zu widerlegen (u.a. Christodoulou, 2014; Holmes 2016).

2 Merkmale und Beispiele

Mythen im Sinne von Legenden und Sagen stehen in der Regel nicht im Mittelpunkt der pädagogisch-psychologischen Forschung. Stattdessen liegt der Fokus auf fragwürdigen Annahmen über Lehr-Lern-Phänomene. Oft werden diese Mythen auch synonym mit folgenden Begriffen bezeichnet (siehe zur konzeptionellen Abgrenzung Steins et al., 2022, V-X):

  • Fehlvorstellungen,
  • Fehlkonzepten und
  • Irrtümern (im Deutschen) oder mit
  • Misconceptions,
  • Erroneous oder
  • Questionable Beliefs (im Englischen).

Bildungsmythen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich

  1. auf einen pädagogisch-psychologischen Gegenstand (z.B. Lernstrategien, Lehrmethoden) oder Bereich (z.B. Neuromythen, Digitalisierung) beziehen,
  2. dem aktuellen Stand der Forschung widersprechen und
  3. in gewissem Maße verbreitet (d.h. mehr als eine Einzelmeinung) sind (Christodoulou, 2014, S. 5–8; Holmes, 2016, ixf.).

Einschlägige Publikationen bieten diverse Mythen-Sammlungen an: So liefern beispielsweise Lilienfeld et al. (2010) einen Überblick über 50 psychologische Mythen, De Bruyckere et al. (2015; 2020) über urbane Legenden zum Lehren und Lernen und Steins et al. (2022) Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht. Diese wertvollen Sammlungen und Beschreibungen von Bildungsmythen können als Mythologien (Lilienfeld et al. 2010, S. 2) bezeichnet werden. Sie können zwar nicht als vollständig erachtet werden, zeigen jedoch eindrucksvoll die Vielfalt und Verbreitung von Bildungsmythen auf. Einige prominente Beispiele sind:

  • Lernstile: Die Annahme, jeder habe einen Lerntyp (z.B. visuell oder auditiv), trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenzen für deren Existenz und Effektivität.
  • Lernpyramide: Eine häufig mit genauen Prozentangaben versehene Darstellung der Effektivität verschiedener Rezeptions- bzw. Lernformen, ohne fundierte wissenschaftliche Grundlage.
  • Multiple Intelligenzen: Die Idee mehrerer unabhängiger Intelligenzen (u.a. musikalisch oder logisch), obwohl sich diese empirisch nicht in dieser Form abbilden lassen.

Unter anderem die bereits genannte Literatur, aber auch Podcast-Initiativen wie Besserwissen: Bildungsmythen auf der Spur (Universität Erfurt) oder Bildungsmärchen – Pädagogische Mythen entzaubert (Universität Kassel) diskutieren diese und ähnliche fragwürdige Annahmen aus theoretischer, empirischer und praktischer Perspektive.

3 Prävalenz, Ursachen und Persistenz

Wie in anderen Domänen auch existieren im Bildungsbereich viele Mythen und fragwürdige Annahmen (Bennett 2019). Die (inter-)nationale pädagogisch-psychologische Forschung liefert zunehmend empirische Belege dafür, dass bestimmte Bildungsmythen trotz fehlender empirischer Evidenzen weit verbreitet sind – nicht nur unter Laien, sondern auch (angehenden) Lehrpersonen und anderen professionellen pädagogischen Fachkräften (De Bruyckere et al., 2020; Lilienfeld et al. 2010).

Die Ursachen für die Entstehung von Bildungsmythen sind vielfältig: Häufig entstehen Bildungsmythen aus logischen Fehlschlüssen und kognitiven Verzerrungen: Die Übergeneralisierung eigener Erfahrungen bzw. anekdotischer Evidenz kann zur Mythenbildung beitragen. Jedoch können auch die vereinfachten und verkürzten Darstellungen von Lehr-Lernphänomenen in Medienbeiträgen, populärwissenschaftlichen Ratgebern und selbst wissenschaftlichen Publikationen sowie deren Miss- oder Falschverstehen zu fragwürdigen Überzeugungen führen (bspw. Lilienfeld et al. 2010, S. 10–19).

Die bisherige Forschung legt nahe, dass fragwürdige Überzeugungen zu Bildungsphänomenen im Allgemeinen stabil, widerstandsfähig gegen Veränderungen und häufig tief in einer entwickelten Wissensstruktur verankert sind (Sinatra und Jacobson 2019). Sie werden oft durch Tradition, gesellschaftliche Normen oder persönliche Meinungen aufrechterhalten. Häufig werden sie in der Populärkultur oder im Bildungssystem als universelle Wahrheiten oder gesunder Menschenverstand (common sense) dargestellt. Einige sprechen deshalb auch von „zombie concepts“, die trotz widersprechender Evidenz immer wiederkehren (Sinatra und Jacobson, 2019, S. 8; Menz et al. 2021, S. 477).

4 Problematische Folgen

Die negativen Folgen von Bildungsmythen können erheblich sein: Sie können zu ineffektiven Lehrmethoden (u.a. entdeckendes Lernen ohne Scaffolding) führen, die wertvolle Zeit und Ressourcen verschwenden. Zudem können Fehlvorstellungen auch zu falschen Erwartungen und Enttäuschungen bei Lehrpersonen und Lernenden führen. Ferner können Sie dazu beitragen, dass Lehrende und Lernende sich auf unzureichende oder sogar schädliche Praktiken verlassen, anstatt evidenzbasierte Ansätze zu nutzen (bspw. Lilienfeld et al. 2010).

5 Prävention, Identifikation und Intervention

Verschiedene Autor:innen haben sich mit allgemeinen Bildungs- und psychologischen Mythen auseinandergesetzt und dabei unterschiedliche Ansätze verfolgt:

  • Prävention durch Inokulation („Schutzimpfung“): Dieser Ansatz besteht darin, Menschen bereits vor dem Kontakt mit Mythen auf diese hinzuweisen und sie dadurch davor zu schützen, diese Mythen zu übernehmen. Durch diese Vorbeugemaßnahme sind Menschen besser vorbereitet und resistenter gegenüber Mythen (bspw. Lewandowsky et al. 2020, S. 6).
  • Identifikation mit Heuristiken: Bei der Vielzahl von Bildungsmythen kann es schwierig sein, den Überblick zu behalten. Es gibt jedoch Eigenschaften, anhand derer man Bildungsmythen identifizieren kann, ohne sich zu jedem Thema im Detail auskennen zu müssen. Asberger et al. (2022) schlagen vor, Heuristiken zu verwenden, um Mythen zu erkennen und zu bewerten.
  • Intervention mit Widerlegungen (Debunking): Ein weiterer Ansatz besteht darin, Mythen gezielt zu widerlegen, indem man die fragwürdigen Annahmen aufdeckt und korrigiert. Lewandowsky und andere Forscher haben Strategien entwickelt, um Mythen effektiv zu entkräften und Menschen dabei zu helfen, korrektes Wissen aufzubauen und zu nutzen (Lewandowsky et al. 2020, S. 8–12).

6 Quellenangaben

Asberger, Jana, Holger Futterleib, Eva Thomm, Eva und Johannes Bauer, 2022. Wie erkennt man Bildungsmythen? Sieben Heuristiken zum Selbsthinterfragen und Weitersagen. In Gisela Steins, Birgit Spinath, Stephan Dutke, Marcus Roth und Maria Limbourg, Hrsg. Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht (S. 3–26). Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-36260-7_1 ISBN 978-3-658-36259-1

Bennett, Tom, 2019. The researchED Guide to Education Myths: An evidence-informed guide for teachers (Craig Barton, Hrsg.). Woodbridge: John Catt Educational. ISBN 978-1-9129-0639-0

Christodoulou, Daisy, 2014. Seven myths about education. London: Routledge. ISBN 978-0-4157-4681-6

De Bruyckere, Pedro, Paul A. Kirschner, und Casper Hulshof, 2015. Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam: Academic Press. ISBN 978-0-1280-1537-7

De Bruyckere, Pedro, Paul A. Kirschner und Casper Hulshof, 2020. More urban myths about learning and education: Challenging eduquacks, extraordinary claims, and alternative facts. New York: Routledge. ISBN 978-0-8153-5457-4

Holmes, Jeffrey D., 2016. Great myths of education and learning. Hoboken: Wiley Blackwell. ISBN 978-1-118-76048-2

Lewandowsky, Stephan, John Cook und Ullrich Ecker et al., 2020. The Debunking Handbook 2020 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: https://sks.to/db2020. doi:10.17910/b7.1182

Lilienfeld, Scott. O., Steven J. Lynn, John Ruscio und Barrz L. Beyerstein, 2010. 50 great myths of popular psychology: Shattering widespread misconceptions about human behavior. Wiley-Blackwell. ISBN 978-1-4051-3112-4

Menz, Cordelia, Birgit Spinath und Eva Seifried, 2021. Misconceptions die hard: Prevalence and reduction of wrong beliefs in topics from educational psychology among preservice teachers. In European Journal of Psychology of Education. 36(2), 477–494. https://doi.org/10.1007/s10212-020-00474-5

Sinatra, Gale M. und Neil Jacobson, 2019. Zombie Concepts in Education: Why They Won’t Die and Why You Cannot Kill Them. In Panayiota Kendeou, Daniel H. Robinson, und Matthew. T. McCrudden, Hrsg. Misinformation and fake news in education (S. 7–27). Charlotte: Information Age Publishing, Inc. ISBN 978-1-64113-852-9

Sinatra, Gale M. und Neil Jacobson, 2019. Zombie Concepts in Education: Why They Won’t Die and Why You Cannot Kill Them. In Panayiota Kendeou, Daniel. H. Robinson und Matthew T. McCrudden, Hrsg. Misinformation and fake news in education (S. 7–27). Charlotte: Information Age Publishing. ISBN 978-1-64113-852-9

Steins, Gisela, Birgit Spinath, Stephan Dutke, Marcus Roth und Maria Limbourg, Hrsg., 2022. Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-658-36259-1

7 Literaturhinweise

De Bruyckere, Pedro, Paul Kirschner und Casper Hulshof, 2020. More urban myths about learning and education: Challenging eduquacks, extraordinary claims, and alternative facts. New York: Routledge. ISBN 978-0-8153-5458-1

Lilienfeld, Scott O., Steven J. Lynn, John Ruscio, John und Barrz L. Beyerstein, 2010. 50 great myths of popular psychology: Shattering widespread misconceptions about human behavior. Wiley-Blackwell. ISBN 978-0-8153-5457-4

8 Informationen im Internet

Verfasst von
Dr. Stefan T. Siegel
Universität St.Gallen
Institut für Wirtschaftspädagogik
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https://orcid.org/0000-0002-7065-1306
https://scholar.google.com/citations?user=i7lW1SQAAAAJ

Es gibt 3 Lexikonartikel von Stefan T. Siegel.

Zitiervorschlag
Siegel, Stefan T., 2023. Bildungsmythen [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 03.10.2023 [Zugriff am: 20.06.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29918

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