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Bildungspatenschaft

Prof. Dr. Sarah Häseler

veröffentlicht am 04.01.2023

Synonym: Lernpatenschaft

Englisch: educational sponsorship

In einer Bildungspatenschaft gehen eine erfahrenere Person als Pat*in (Mentor*in) und eine weniger erfahrenere Person als Mentee eine stabile 1:1-Beziehung ein, die durch Interesse, Wohlwollen, Exklusivität, Freiwilligkeit und Entwicklung gekennzeichnet ist. Hauptziel von Bildungspatenschaften ist, Bildungsbenachteiligungen entgegenzuwirken.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Entwicklung von Bildungspatenschaften
  3. 3 Formate, Ziele und Aufgaben von Bildungspatenschaften
  4. 4 Forschungsstand
  5. 5 Ausblick
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

An einer Bildungspatenschaft sind Pat*innen, Mentees und Koordinator*innen beteiligt. Pat*innen bringen durch das ehrenamtliche Engagement ihr Erfahrungswissen ein und profitieren durch die Verantwortungsübernahme. Mentees entwickeln Selbstbewusstsein, soziale Kompetenzen und schulische Perspektiven. Durch gemeinsam abgestimmte Aktivitäten tragen Bildungspatenschaften zur Entwicklung der Persönlichkeit bei und wirken zugleich in die Gesellschaft.

Die Begriffe Bildungspatenschaft und Mentoring werden im deutschsprachigen Raum trotz der unterschiedlichen begrifflichen Historie weitestgehend synonym verwendet, wobei Mentoring eine stärkere Zielorientierung im Programm aufweist. Daher wird von einer identischen Definition ausgegangen und die unter dem Begriff Mentoring aufgeführten Aspekte gelten ebenso für Bildungspatenschaften. Besonders hervorzuheben sind aufgrund der Begrifflichkeit die Chancenpatenschaft für Menschen mit Fluchterfahrung, die hierüber zu Integration beitragen und Familienpatenschaften als Stärkung von Alltagskompetenz.

In Abgrenzung dazu ist mit dem Begriff Erziehungs- und Bildungspartnerschaft ein Konzept zur Zusammenarbeit von pädagogischen Fachkräften und Eltern im Elementarbereich gemeint.

2 Entwicklung von Bildungspatenschaften

Perzlmeier und Sonnenberg (2013, S. 19) unterscheiden in Aktiv-Pat*innen, Spender-Pat*innen und Themen-Pat*innen. Unter Spender-Pat*innen werden Formate gefasst, die das Spenden von Geld fokussieren, bspw. regelmäßig für ein Kind oder eine Familie in einem anderen Land. Themen-Pat*innen übernehmen repräsentative Aufgaben, um die Bedeutung eines Themas zu vermitteln, bspw. für den Tierschutz. Unter Aktiv-Pat*innen werden ehrenamtliche Pat*innen gefasst, die sich freiwillig durch ihre Zeit engagieren. Darunter fallen Bildungspatenschaften.

In Ergänzung und zugleich Abgrenzung zur Begriffsentwicklung von Mentoring ist der Begriff „Patenschaft“ im Christentum zu verorten und bezeichnet die mit einer Taufe einhergehende Aufnahme in die christliche Gemeinschaft. Der*die Pat*in führt den Täufling in die Religion ein und unterstützt die Eltern in der christlichen Erziehung (Jakob 2019, S. 6). Der Patenschaft liegt somit eine intergenerative, exklusive Beziehung zugrunde, die durch Verantwortungsübernahme einer erfahreneren für eine zumeist jüngere Person gekennzeichnet ist und mit Sinnstiftung einhergeht (a.a.O., S. 12).

Die Entwicklung von Bildungspatenschaften verläuft analog zur Entwicklung des Mentorings. Programme werden als Bildungspatenschaften bezeichnet, wenn die Zielstellung darin liegt, Bildungsbenachteiligungen entgegenzuwirken. Die 2008 initiierte „Aktion zusammen wachsen“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend trägt den Untertitel „Bildungspatenschaften stärken, Integration fördern“. In der weiteren Beschreibung wird dann von Mentoring- und Patenschaftsprogrammen gesprochen, wobei der Fokus auf Bildungsorientierung durch die Förderung der Sprach- und Lesekompetenz sowie die Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Übergang in Ausbildung und Beruf gelegt wird (s. Informationen im Internet).

Auch das im Jahr 2016 aufgelegte Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ spricht von Patenschaften für Menschen mit Fluchterfahrung und zielt auf Teilhabechancen und Bildungsgerechtigkeit. Die 2018 eingerichtete Förderrichtlinie „Chancenpatenschaften“ erweitert Patenschaften um die Begleitung von Menschen in benachteiligten Lebenssituationen.

Trotz dieser begrifflichen Differenzierung werden in beiden Bundesprogrammen zahlreiche Mentoringprojekte aufgeführt bzw. gefördert. Dies ist ein Indikator für die synonyme Nutzung der Begriffe Mentoring und Patenschaften. Daher gelten die unter Mentoring beschriebenen Aspekte ebenfalls für Bildungspatenschaften.

3 Formate, Ziele und Aufgaben von Bildungspatenschaften

Bildungspatenschaften werden von Vereinen und Trägern der Kinder- und Jugendhilfe formal institutionalisiert. Sie zielen darauf, Bildungsbenachteiligungen auszugleichen. Dies gilt insbesondere für Menschen mit Fluchterfahrung. Durch die Pat*innen werden eigenständige Bewältigungsformen (Häseler-Bestmann et al. 2018, S. 174 ff.) zugänglich gemacht, die wiederum Fremdheit verringern (Gesemann et al. 2020, S. 14). Je nach individueller Ausgangslage zielen Bildungspatenschaften darauf, unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden (Han-Broich 2015).

„Dazu zählen diversitätssensible, dialogische Beziehungen aller Art, die geflüchtete Menschen mit Sprache, sozio-kulturell codierten Verhaltensweisen, Normen, Werten und Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaft vertraut machen und sie zugleich mit ihrem jeweils ganz spezifischen Erfahrungswissen ernstnehmen und als Potenzial unserer Gesellschaft betrachten“ (Gesemann et al. 2020, S. 13).

Bildungspatenschaften können in beziehungs- und aufgabenorientierte sowie situationsorientierte Patenschaften unterschieden werden (Perzlmeier und Sonnenberg 2013, S. 21). Mit einer aufgabenorientierten Patenschaft geht eine stärkere Zielrichtung einher als bspw. bei einer Patenschaft im Kontext der Berufsorientierung. Oftmals wird diese Zielorientierung eher dem Mentoring zugeschrieben. In einer beziehungsorientierten Patenschaft steht der Aufbau einer langfristigen Beziehung im Vordergrund, wie bspw. in Patenschaften für Kinder von Eltern mit einer psychischen Erkrankung. Eine situationsorientierte Patenschaft stellt eine Mischform von Beziehungs- und Aufgabenorientierung dar (ebd.). In der Praxis lässt sich diese Differenzierung so nicht wiederfinden. 

Des Weiteren gibt es Programme, die Lesepatenschaften oder Schülerpatenschaften umsetzen, aber nicht unbedingt auf dem Format einer exklusiven 1:1-Beziehung basieren. Die zentrale Zielstellung liegt in der Förderung der Lesekompetenz und/oder der schulischen Förderung. Der Unterschied liegt darin, dass durchaus mehrere Kinder von einem*r Pat*in begleitet werden und die Treffen in einem institutionalisierten Rahmen in der Schule oder in einer Nachbarschafts- oder Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung stattfinden. So begleitet ein*e Pat*in mehrere Kinder bei den Hausaufgaben, beim Lernen, Vorlesen und gemeinsamen Lesen.

Familienpatenschaften werden im Bereich der Frühen Hilfen eingesetzt. Familienpatenschaften richten sich an Eltern mit Kindern im Alter von bis zu drei Jahren, insbesondere wenn keine weiteren sozialen und familiären Netzwerke vorhanden sind. Sie unterstützen präventiv und niedrigschwellig durch alltagsnahe Hilfen (Perzlmaier et al. 2013, S. 22). Die Aufgaben liegen in der Begleitung zu Behörden, Antragsstellung, im Geben von Tipps, alltagsorientierten Austausch sowie in der Freizeitgestaltung mit den Kindern.

4 Forschungsstand

Die Forschungserkenntnisse zu Bildungspatenschaften korrespondieren mit denen zum Mentoring. Hier wird insbesondere auf Erkenntnisse aus der Forschung über Bildungspatenschaften für Menschen mit Fluchterfahrung und Familienpatenschaften eingegangen.

Bildungspatenschaften für Menschen mit Fluchterfahrung wurden im Rahmen des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ beforscht. So tragen Bildungspatenschaften aus Sicht der freiwillig Engagierten dazu bei, dass teilnehmende Menschen mit Fluchthintergrund über selbstbestimmtes Handeln, die Verbesserung der Sprachkenntnisse und Horizonterweiterung integriert werden (BMFSFJ 2017, S. 58 ff.).

Familienpatenschaften werden im Kontext der Frühen Hilfen mit dem Fokus auf Wirkung und Nutzen für die teilnehmenden Eltern erforscht. Wenn Eltern mit dem*r Pat*in und dessen/​deren Umgang mit den Kindern zufrieden sind, führt dies zu einer positiven Veränderung des Sicherheits- und Überforderungsgefühls der Eltern (Liebhardt et al. 2013, S. 59 und 85). Die Zufriedenheit mit der Familienpatenschaft trägt bei den Eltern zu einer Zunahme der Sicherheit im Alltag bei. Dies wiederum hat positive Auswirkungen auf den Umgang mit den Kindern und stärkt somit die Entlastung der Eltern (Liebhardt et al. 2013, S. 87; Bergold et al. 2013, S. 88). Neben der Entlastung verbessert sich die Gesundheit und beides wird als Erfolg positiv bewertet (Bergold et al. 2013, S. 88; Hilkert 2016, S. 59 f.).

5 Ausblick

Am 19.10.2022 wurde von über 20 Vertreter*innen aus regionalen und bundesweiten Netzwerken, Forscher*innen und Förder*innen nach einem zweijährigen partizipativen Planungsprozess der Bundesverband für soziales Mentoring gegründet. Die Zielstellung des Bundesverbandes liegt darin, Mentoring und Patenschaften bekannter zu machen, die Akteure zu vernetzen, Qualitätsstandards und Wirkungsmanagement gemeinsam voranzubringen und eine Interessensvertretung aktiv aufzubauen.

6 Quellenangaben

Bergold, Pia, Andrea Buschner, Marian Rupp, Beatrice Buchmann, Désirée Jacob und Corinna Krämer, 2013. Netzwerk Familienpaten Bayern: Durchführung der Familienpatenschaften – Teilbericht II. Bamberg: ifb-Materialien

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), 2017. Engagement in der Flüchtlingshilfe: Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach [online]. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [Zugriff am: 25.10.2022]. Verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/​service/​publikationen/​engagement-in-der-fluechtlingshilfe-122012

Gesemann, Frank, Iris Nentwig-Gesemann, Alexander Seidel und Bastian Walther, 2020. Lotsen-, Mentoren- und Patenprojekte: Systematisierungen – Wirkungen – forschungsmethodische Zugänge: Eine Einführung. In: Frank Gesemann, Iris Nentwig-Gesemann, Alexander Seidel und Bastian Walther, Hrsg. Engagement für Integration und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft. Wiesbaden: Springer, S. 1–28. ISBN 978-3-658-31630-3

Han-Broich, Misun, 2015. Engagement in der Flüchtlingshilfe. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 14, S. 43–48. ISSN 2194-3621

Häseler-Bestmann, Sarah, Bernd Traxl, Elisabeth Fritzsche, Alexander Liebenow und Greta Steckhan, 2018. PATEN: Patenschaften als Akteure gesellschaftlicher Teilhabe und Entwicklung. In: Theresa Hilse-Carstensen, Sandra Meusel und Germo Zimmermann, Hrsg. Freiwilliges Engagement und soziale Inklusion: Perspektiven eines gesellschaftlichen Phänomens in Wissenschaft und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 169–182. ISBN 978-3-658-23672-4

Hilkert, Marius, 2016. Evaluation der Wirksamkeit Früher Hilfen und anderer präventiver Maßnahmen in Hagen: Abschlussbericht. Frankfurt am Main: ISS-aktuell

Jakob, Gisela, 2019. Bürgerschaftliches Engagement in Patenschafts- und Mentoringprojekten: Forschungsbericht [online]. Darmstadt: Hochschule Darmstadt [Zugriff am: 25.10.2022]. Verfügbar unter: https://isasp.h-da.de/fileadmin/​documents/​Fachbereiche/​Soziale_Arbeit/​Isasp/​Downloads-isasp/Prof._Dr._Gisela_Jakob_Buergerschaftliches_Engagement_in_Patenschafts-_und_Mentoringprojekten.pdf

Liebhart, Hubert, E. König, Myriam Kiefer, T. Besier, Ute Ziegenhain und Jörg M. Fegert, 2013. Evaluation des Projekts „Frühe Hilfen in der Caritas“ des Deutschen Caritasverbandes (2010-2013): Endbericht. Ulm: Kinder- und Jugend- Psychiatrie/​Psychotherapie Universitätsklinik Ulm

Perzlmaier, Christiane und Birgit Sonnenberg, 2013. Patenschaften praxisnah: Herausforderungen und Umsetzung von Kinder- und Familienpatenschaften. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2093-9 [Rezension bei socialnet]

7 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Sarah Häseler
Professorin für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt lokale Demokratieförderung
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Sarah Häseler.

Zitiervorschlag
Häseler, Sarah, 2023. Bildungspatenschaft [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 04.01.2023 [Zugriff am: 30.01.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/7183

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