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Bisexualität

Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch

veröffentlicht am 11.07.2024

Englisch: besexuality

Unter Bisexualität versteht man die Ausrichtung des sexuellen Begehrens auf Personen beider Geschlechter.

Überblick

  1. 1 Formen
  2. 2 Häufigkeit und Ursachen
  3. 3 Besonderheiten
  4. 4 Quellenangaben

1 Formen

Neben der Hetero- und der Homosexualität stellt die Bisexualität eine Variante der sexuellen Orientierungen dar. Bisexuelle Menschen fühlen sich romantisch und/oder sexuell von Personen beider Geschlechter angezogen. Eine spezielle Gruppe sind Personen, die sich als pansexuell bezeichnen. Sie sind gegenüber allen Menschen, unabhängig vom Geschlecht (weiblich oder männlich) und von der Geschlechtsidentität (cis oder trans*) offen.

2 Häufigkeit und Ursachen

Die Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung ist unbekannt. Die Schätzungen weichen erheblich voneinander ab. So sind gemäß Kinsey (1948, 1953) fast die Hälfte aller Frauen und Männer bisexuell. Die Studie „National Survey of Sexual Health and Behavior“ (o.J.) spricht demgegenüber von lediglich 2,6 Prozent bisexuellen Männern und 3,6 Prozent bisexuellen Frauen. Als Kriterium für „Bisexualität“ wird im Allgemeinen die Selbstdefinition verwendet, wodurch sich die großen Schwankungen in den Häufigkeitsangaben erklären (Haeberle und Gindorf 1994).

Die Ursachen der sexuellen Orientierungen generell sind weitgehend unbekannt, so auch die der Bisexualität. Freud (1905) hat die These einer konstitutionellen Bisexualität vertreten und die Bisexualität als die ursprüngliche Anlage des Menschen und als den normalen Entwicklungsprozess der menschlichen Sexualität und Geschlechtsentwicklung beschrieben. Diese Theorie hat sich aber letztlich auch in der Psychoanalyse nicht durchsetzen können. Die Forschung geht heute davon aus, dass die bisexuelle Orientierung eine eigenständige sexuelle Orientierung ist (Haeberle und Gindorf 1994; Ritter und Voß 2019; Rauchfleisch 2021; Shaw 2022), die selbst nichts mit Gesundheit oder Krankheit zu tun hat, sondern wie die Hetero-, die Homo- und die Asexualität, um nur die wichtigsten zu nennen, das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit (Rauchfleisch 2011, 2021) umfasst. Wenn sich bei bisexuellen Personen psychische Störungen finden, sind dies entweder von der sexuellen Orientierung unabhängige Störungen, wie sie auch bei Heterosexuellen auftreten, oder es sind reaktive Störungen (wie Depressionen, Ängste, Suizidalität), die aufgrund von Diskriminierungen und Ausgrenzungen entstanden sind. Falls diese Störungen behandlungsbedürftig sind, ist eine queersensible und queeraffirmative, d.h. die bisexuelle Orientierung akzeptierende Haltung der Therapeut:innen notwendig.

3 Besonderheiten

Bisexuelle Menschen halten ihre sexuelle Orientierung häufig geheim, da sie in verschiedener Hinsicht Diskriminierungen ausgesetzt sind. In unserer stark durch die Binarität der Geschlechter und die Polarität des sexuellen Begehrens geprägten Gesellschaft werden sie vielfach nicht wahr- und nicht ernst genommen. So erfahren sie von heterosexueller wie von homosexueller Seite Kritik, die ihnen Eigenständigkeit abspricht und ihnen vorwirft, sie würden sich nicht konsequent einer der beiden sexuellen Orientierungen anschließen. Andere kritische Argumente lauten: bisexuelle Personen seien beziehungsunfähig, könnten sich nicht entscheiden und wollten „alles“ haben, ohne sich festzulegen. Bisexuelle Personen beklagen, dass auf vielen Dating-Portalen nur die Möglichkeit bestehe, als Geschlecht der gewünschten Person männlich oder weiblich anzugeben.

Eine Beziehungsform, in der etliche bisexuelle Menschen leben, ist die Polyamorie. In dieser Beziehungskonstellation liebt eine Person mehrere Partner:innen und pflegt zu jeder/m eine Liebesbeziehung, wobei diese Tatsache allen Beteiligten bekannt ist und einvernehmlich gelebt wird.

4 Quellenangaben

Center for Sexual Health Promotion, [ohne Datum]. National Survey of Sexual Health and Behavior. Indiana University Bloomington

Freud, Sigmund, 1991 [1905]. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Frankfurt/M.: S. Fischer. ISBN 978-3-596-10440-6

Haeberle, Erwin J.und Rolf Gindorf, 1994. Bisexualitäten. Stuttgart: G. Fischer. ISBN 978-3-437-11571-4

Kinsey, Alfred C., 1954. Das sexuelle Verhalten der Frau. Frankfurt/M: S. Fischer

Kinsey, Alfred C., 1955. Das sexuelle Verhalten des Mannes: Kinsey Report Frankfurt/M. S. Fischer

Rauchfleisch, Udo, 2011. Schwule. Lesben. Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40415-7

Rauchfleisch, Udo, 2021. Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-039210-6 [Rezension bei socialnet]

Ritter, Kim und Heinz-Jürgen Voß, 2019. Being Be: Bisexualität zwischen Unsichtbarkeit und Chic. Göttingen: Wallstein. ISBN 978-3-8353-3402-1

Shaw, Julia, 2022. Bi: Vielfältige Liebe entdecken. München: Hanser. ISBN 978-3-446-27293-4 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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Es gibt 11 Lexikonartikel von Udo Rauchfleisch.

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Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025.
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