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Bürgerschaftliches Engagement

Birger Hartnuß

veröffentlicht am 28.10.2020

Anmerkung: Der Beitrag basiert in weiten Teilen auf Hartnuß (2018).

Bürgerschaftliches Engagement ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Formen von freiwillig, nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtete unentgeltliche oder für eine geringe Aufwandsentschädigung erbrachte Tätigkeiten, die im öffentlichen Raum stattfinden und damit anschlussfähig für Interessierte und Mitwirkende sind. In der Regel werden die Tätigkeiten gemeinschaftlich und kooperativ ausgeübt und zielen in ihren Wirkungen nicht nur auf die unmittelbar Beteiligten, sondern leisten einen Beitrag zur Förderung des Gemeinwohls. Bürgerschaftliches Engagement ist aber mehr als nur ein Sammelbegriff. Durch den bewussten Bezug auf das Konzept einer aktiven Bürgergesellschaft erfährt er eine politische Aufwertung (Enquete-Kommission 2002, S. 86 ff.).

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Theoretische Anmerkungen zur Begriffsdefinition
  3. 3 Empirische Befunde
  4. 4 Unterschiedliche Facetten und Bereiche bürgerschaftlichen Engagements
    1. 4.1 Ehrenamt oder ehrenamtliches Engagement
    2. 4.2 Selbsthilfe
    3. 4.3 Freiwilligendienste
    4. 4.4 Bürgerbeteiligung
  5. 5 Engagementpolitik
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Seit der Jahrtausendwende erfreut sich die Debatte über das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland ungebrochener öffentlicher und politischer Aufmerksamkeit. Die Diskussionen sind dabei von verschiedenen Begriffen dominiert. Allerdings werden viele dieser Begriffe nicht trennscharf oder sogar synonym verwendet. So gibt es in der wissenschaftlichen Diskussion bis heute auch kein allgemein gültiges und akzeptiertes Begriffsverständnis von bürgerschaftlichem Engagement.

Im Folgenden wird vor allem auf die Arbeiten der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags Bezug genommen (Enquete-Kommission 2002). Ihre Analysen und Arbeiten haben die Diskussionen über das bürgerschaftliche Engagement der letzten 20 Jahre maßgeblich bestimmt.

2 Theoretische Anmerkungen zur Begriffsdefinition

Bürgerschaftliches Engagement ist kein präziser wissenschaftlicher, sondern vielmehr ein politischer Begriff. Eingeführt und geprägt wurde er vor allem von der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages, die zu Beginn des neuen Jahrtausends (1999–2002) eine umfangreiche Bestandsaufnahme sowie Empfehlungen zur Förderung des Engagements vorgelegt hat. Ausgangspunkt der Kommission waren die in den vorangegangenen Jahrzehnten stattgefundenen Veränderungen mit neuen Ausdrucksformen, Motivlagen und Begründungsmustern freiwilligen und unentgeltlichen Engagements.

Diese neue Vielfalt und Unübersichtlichkeit machte es erforderlich, das Gemeinsame in all den verschiedenen Formen von Engagement zu betonen und auf diese Weise separat verhandelte Felder in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu bringen. Dies leistet der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements in seiner Bedeutung als Sammelbegriff.

Zum bürgerschaftlichen Engagement zählen traditionelle und neue Formen ehrenamtlicher Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden und Kirchen, Freiwilligendienste, unterschiedliche Varianten der Selbsthilfe, der Wahrnehmung öffentlicher Funktionen sowie Formen der politischen Beteiligung und Mitbestimmung. Es umfasst also weit mehr als das traditionelle Ehrenamt.

Bürgerschaftliches Engagement ist aber nicht nur ein Sammelbegriff. Der Begriff ist eng mit dem Konzept der Bürger- bzw. Zivilgesellschaft verbunden. Er erfährt dadurch eine normative Ausrichtung, dass er Gemeinwohlverantwortung mit Teilhabe- und Mitbestimmungsmöglichkeiten und der Bildung von sozialem Kapital in der Gesellschaft verbindet.

Dabei sind jedoch unterschiedliche Konzepte von Sozialkapital zu unterscheiden (Bourdieu 1983; Putnam 2000). Soziales Kapital ist sowohl ein privates wie auch ein öffentliches Gut. Es lässt sich sowohl aus individueller Perspektive als soziales Kapital von einzelnen Menschen als auch aus gesellschaftlicher Perspektive als soziales Kapital von Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften beschreiben. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat es vor allem als individuelle Ressource gekennzeichnet und damit Prozesse gesellschaftlicher Differenz beschrieben. Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital können von Menschen angesammelt und gegenseitig konvertiert werden. Mit diesem Modell erklärt er soziale Ungleichheit (Bourdieu 1983). Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Putnum hingegen – auf ihn wird in der Debatte über die Bürgergesellschaft vorrangig Bezug genommen – unterscheidet zwischen „Bridging Social Capital“ und „Bonding Social Capital“ (Putnum 2000). Während Letzteres Gruppen gleicher Hautfarbe, sozialer Lage und Herkunft zusammenschweißt, ihre Zusammengehörigkeit fördert, sie gegenüber anderen Gruppen abgrenzt und damit nicht selten Elitenbildung und soziale Trennung fördert, betont der erste Begriff die positiven, Brücken bauenden Seiten von Sozialkapital. Im gemeinsamen bürgerschaftlichen Engagement entsteht Bridging Social Capital in Form von sozialen Netzwerken. In ihnen können ethnische, soziale, generationelle, geschlechtliche oder religiöse Grenzen überwunden werden (Braun 2011, S. 58 ff.). Bürgerschaftlichem Engagement wird der positive gesellschaftliche Effekt zugeschrieben, unterschiedliche Menschen miteinander zu verbinden und Gemeinsamkeiten zwischen ihnen zu stiften. Auf diese Weise entsteht soziales Kapital als ein gesellschaftliches Gut in Form von Netzwerken, geteilten Normen von Gegenseitigkeit, Formen der Zusammenarbeit sowie nicht zuletzt sozialem Vertrauen (Enquete-Kommission 2002, S. 77 f.).

Bürgerschaftliches Engagement hat zugleich einen demokratiepolitischen Mehrwert, weil hierbei gesellschaftliche Ansprüche von Teilhabe, Beteiligung und Gestaltung der Gesellschaft gelebt und zivile Tugenden und Verhaltensformen eingeübt bzw. praktiziert werden. Mit dem bewussten Bezug auf den Bürgerstatus schlägt der Begriff zudem die Brücke zwischen Zivilgesellschaft als Beschreibung eines real bestehenden gesellschaftlichen Sektors und der Vision von Bürgergesellschaft als Leitvorstellung unseres politischen Gemeinwesens.

In der Praxis hat sich indes der Begriff des Bürgerschaftlichen Engagements nicht durchsetzen können. Engagierte verstehen ihr Tun auch weiterhin überwiegend als Ehrenamt, Freiwilligenarbeit oder freiwilliges Engagement. Lediglich in den eher politischen Bereichen, insbesondere auf kommunaler und lokaler Ebene bezeichnen sich Engagierte als „bürgerschaftlich engagiert“ (Gensicke et al. 2015, S. 337 f.).

Nichtsdestotrotz wird der Begriff weiterhin auf politischer und fachpolitischer Ebene verwendet und hat hier seine Bedeutung und Berechtigung. In dieser Funktion hat er entscheidend zur öffentlichen und politischen Aufwertung bürgerschaftlichen Engagements beigetragen (Klein, Hartnuß und Olk 2010, S. 24 ff.).

3 Empirische Befunde

Obwohl in Bezug auf das bürgerschaftliche Engagement noch große Forschungslücken bestehen, gibt es inzwischen eine Reihe von Studien, die eine solide Datenbasis darstellen.

Freiwilligensurvey

Der Freiwilligensurvey ist die bislang größte Untersuchung zum freiwilligen Engagement in Deutschland. Als repräsentative Bevölkerungsbefragung wird er seit 1999 im Abstand von jeweils fünf Jahren durchgeführt und ermöglicht damit Betrachtungen von Entwicklungen und Veränderungen im Zeitverlauf. Dem Freiwilligensurvey 2014 (Simonson, Vogel und Tesch-Römer 2016; Gensicke 2011) zufolge sind in Deutschland fast 44 % der Menschen über 14 Jahren freiwillig engagiert. Hochgerechnet entspricht dies rund 31 Millionen Engagierten. In den vergangenen 15 Jahren ist die Engagementquote dabei um knapp 10 % gestiegen.

Dieser Befund lässt sich nicht eindimensional, sondern nur mit dem Wissen um verschiedene Entwicklungen und Faktoren erklären. So spielt sicherlich der demografische Wandel mit seinen Begleiterscheinungen eine wichtige Rolle. Menschen werden älter, sind länger gesund und suchen in der nachberuflichen Lebensphase eine sinnstiftende Betätigung. Aber auch der Umbau des Sozialstaats hat in vielen Bereichen Lücken und Bedarfe sichtbar werden lassen, um die sich engagierte Bürger*innen kümmern. Nicht zuletzt hat auch die staatliche Engagementpolitik mit ihren Programmen der Engagementförderung ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Insgesamt hat sich das gesellschaftliche Klima und die Art und Weise, wie über ehrenamtliches Engagement berichtet und diskutiert wird, positiv verändert.

Auch unter den bislang nicht Engagierten ist die Bereitschaft, sich künftig ehrenamtlich zu betätigen, beachtlich, und dieses Engagementpotenzial ist ebenfalls gestiegen. Jeder zweite bisher nicht Engagierte wäre bereit, sein Verhalten unter bestimmten Voraussetzungen zu ändern. Auf diese Personengruppe zielen inzwischen zahlreiche Maßnahmen, Projekte und Programme von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen ab, um sie für ein freiwilliges Engagement zu gewinnen.

Der größte Bereich des freiwilligen Engagements ist mit Abstand der Sport, gefolgt von Schule und Kindergarten, Kultur und Musik, Kirche und Religion, Freizeit und Geselligkeit sowie dem sozialen Bereich. Mit Abstand am häufigsten engagieren sich Menschen in

  • Vereinen
  • individuell organisierten Gruppen
  • Einrichtungen in öffentlicher, freier oder kirchlicher Trägerschaft.

Nach dem Freiwilligensurvey sind Männer insgesamt etwas häufiger freiwillig engagiert als Frauen (Simonson, Vogel und Tesch-Römer 2016; Gensicke 2011). Dabei sind Männer häufiger als Frauen in Vorstands- und anderen Wahlpositionen zu finden. In sozialen Bereichen bzw. in den eher direkt helfenden und fürsorglichen Feldern sind Frauen dagegen stärker engagiert. Der Geschlechtervergleich macht deutlich, dass im bürgerschaftlichen Engagement ebenso gesellschaftliche Ungleichheiten bestehen wie in der Arbeitswelt.

Auch zwischen den Altersgruppen gibt es erhebliche Unterschiede (Simonson, Vogel und Tesch-Römer 2016; Gensicke 2011): Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie den Menschen im Alter von bis zu 50 Jahren ist das Engagement besonders hoch. In den höheren Altersgruppen ab 65 Jahren ist die Quote zwar insgesamt geringer, allerdings gab es hier in den vergangenen 15 Jahren dennoch große Zuwächse.

Ob Menschen sich bürgerschaftlich engagieren, hängt zudem in hohem Maße von ihrem Bildungshintergrund ab (Simonson, Vogel und Tesch-Römer 2016; Gensicke 2011). 52 % der Menschen mit hoher schulischer Bildung (Gymnasium) engagieren sich bürgerschaftlich, dagegen sind es nur 28 % der Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau (Hauptschule, ohne Schulabschluss).

Bürgerschaftliches Engagement ist in den neuen Ländern geringer ausgeprägt als in den alten (Simonson, Vogel und Tesch-Römer 2016; Gensicke 2011). 2014 betrug die Engagementquote in den westdeutschen Ländern 45 %. In Ostdeutschland lag sie bei 38 %. Damit haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West in den letzten Jahren verringert; in den vorhergehenden Wellen des Surveys waren sie deutlich größer.

Im bürgerschaftlichem Engagement verbindet sich eine Mischung aus verschiedenen Interessen und Erwartungen, die von altruistischen Motiven über Eigensinn bis hin zu Eigennutz reichen. Dabei stehen Freude an der Tätigkeit, das Zusammenkommen mit sympathischen Menschen sowie der Wunsch, anderen Menschen zu helfen und dem Gemeinwohl zu dienen, an vorderster Stelle. Aber auch das Interesse an Qualifikationen, die ggf. auch für den Beruf nützlich sind, die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und im Engagement Entscheidungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu finden, ziehen hohe Erwartungen auf sich. Die Motive der Engagierten und ihre Erwartungen bezüglich des bürgerschaftlichen Engagements zu verstehen, ist eine besonders wichtige Voraussetzung für die Entwicklung passgenauer Förderstrategien.

Von Staat und Gesellschaft wünschen sich Engagierte vor allem (Simonson, Vogel und Tesch-Römer 2016)

  • bessere Information und Beratung über Möglichkeiten des Engagements
  • die Absicherung von Risiken (Versicherung)
  • eine bessere Vereinbarkeit des Engagements mit Beruf und Familie (z.B. durch spezielle Freistellungsregelungen)
  • steuerliche und finanzielle Anreize.

An die Organisationen richten sich insbesondere Erwartungen wie

  • die Bereitstellung von Räumen und Ausstattung
  • fachliche Unterstützung
  • Weiterbildung.

Von Organisationen, dem Staat, den Kommunen und der Gesellschaft als Ganzes erwarten Engagierte

  • angemessene Formen der Anerkennung und Würdigung.

ZiviZ-Survey

Der ZiviZ-Survey (Zivilgesellschaft in Zahlen) (Krimmer und Priemer 2013) ist die umfassendste Datenerhebung zur organisierten Zivilgesellschaft in Deutschland. Er wurde erstmals im Jahr 2012 durchgeführt und 2016 wiederholt. Der Survey ist ein gemeinsames Projekt des „Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft“, der Bertelsmann Stiftung und der „Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung“. ZiviZ ist eine Befragung von Organisationen und in vielen Bereichen spiegelbildlich zum Freiwilligensurvey als Personenbefragung angelegt.

Ein besonderes Verdienst des ZiviZ-Surveys liegt zunächst in seiner gründlichen Bestandserhebung in der Zivilgesellschaft. Dabei konnten allerdings nur Organisationen mit eigener Rechtsform in die Analyse einbezogen werden. Die ebenfalls zur Zivilgesellschaft gehörenden Projekte und Initiativen ohne Rechtsform konnten aus methodischen Gründen nicht erfasst werden. Der Survey beschreibt also nicht die Zivilgesellschaft in Gänze, sondern liefert fundierte Daten und Erkenntnisse zum Dritten Sektor (Nonprofit-Sektor). In Deutschland existieren insgesamt über 600.000 zivilgesellschaftliche Organisationen, wobei dieser Sektor wächst; vor 20 Jahren waren es noch rund 50.000 Organisationen weniger (Krimmer und Priemer 2013; Priemer, Krimmer und Labigne 2017).

Der weitaus größte Teil der zivilgesellschaftlichen Organisationen ist in Vereinsform organisiert. Die Anzahl der Vereine ist von 580.294 im Jahr 2012 auf 603.886 im Jahr 2017 noch einmal erheblich gestiegen. Dabei bestehen große regionale Unterschiede in der Vereinsdichte. Während etwa im Saarland auf 1.000 Einwohner zehn Vereine kommen, sind es in Hamburg lediglich fünf (Krimmer und Priemer 2013, S. 19.).

Der Dritte Sektor hat enorme ökonomische Relevanz: Jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ist inzwischen in einer Nonprofit-Organisation tätig. Mit 89 Milliarden Euro hat der Dritte Sektor einen Anteil von 4,2 % an der Bruttowertschöpfung in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2011; Krimmer und Priemer 2011).

Aus der Gesamtheit der zivilgesellschaftlichen Organisationen wurde für den ZiviZ-Survey eine repräsentative Stichprobe gezogen und zur Bestandsituation, zu Entwicklungen und Herausforderungen wie auch zum Thema bürgerschaftliches Engagement befragt. Demnach bestimmen Sport-, Freizeit- und Geselligkeitsvereine sowie Kultur- und Bildungsorganisationen die Landschaft. Über die Hälfte aller zivilgesellschaftlichen Organisationen sind in diesen Feldern tätig.

Charakter und Selbstverständnis der Organisationen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Ältere Organisationen verstehen sich stärker als Mitgliederorganisationen oder Gemeinschaften Gleichgesinnter und sind überwiegend lokal aktiv. Jüngere Organisationen dagegen sind häufiger als Netzwerke organisiert, verstehen sich als Impulsgeber*innen für sozialen Wandel, als Selbsthilfe- oder auch Förderorganisationen (Krimmer und Priemer 2013, S. 33).

Freiwilliges und ehrenamtliches Engagement ist für den Dritten Sektor von existenzieller Bedeutung. Über drei Viertel aller Organisationen (78 %) werden ausschließlich von freiwilligem Engagement getragen, hingegen arbeiten nur 3 % allein mit hauptamtlichem Personal. In 19 % der Organisationen gibt es hybride Personalstrukturen; hier sind sowohl haupt- als auch ehrenamtlich Tätige im Einsatz (Krimmer und Priemer 2013, S. 38). Nicht nur der Freiwilligensurvey berichtet von einem insgesamt gestiegenen bürgerschaftlichen Engagement, auch ein gutes Drittel der Organisationen meldet tendenziell steigende Zahlen an Mitgliedern und Engagierten. Nur ein knappes Viertel berichtet von einem Rückgang. Dabei sind die größten Zuwächse in den sozialstaatsnahen Bereichen Bildung und Erziehung, Gesundheitswesen sowie soziale Dienste zu verzeichnen (ebd., S. 42).

Generell kann man daher auch aus der Perspektive der Organisationen nicht von einer Ehrenamtskrise sprechen, auch wenn der ZiviZ-Survey auf ein zunehmendes Problem aufmerksam macht, das viele Organisationen vor erhebliche Herausforderungen stellt. Trotz einer insgesamt hohen Engagementbereitschaft fällt es vielen Organisation zunehmend schwer, Engagierte für Führungs- und Leitungsaufgaben wie z.B. Vorstandsfunktionen im Verein zu gewinnen (Krimmer und Priemer 2013, S. 45). Zivilgesellschaftliche Organisationen stehen daher vor der Aufgabe, neue Strategien der Engagementförderung für sich zu entwickeln. Hierfür benötigen sie interne Zuständigkeiten und Strukturen für die Gewinnung, Begleitung und Koordinierung freiwillig Engagierter. Bislang verfügen lediglich 15 % der Organisationen über (haupt- oder ehrenamtliche) Freiwilligenkoordinator*innen oder sogenannte „Volunteer Manager“. In den Organisationen mit hybrider Personalstruktur liegt der Anteil inzwischen bei 30 %. Hier beginnt sich ein neues berufliches Tätigkeitsfeld innerhalb der Sozialwirtschaft zu entwickeln.

Für den ZiviZ-Survey liegen inzwischen mehrere vertiefende Sonderauswertungen vor, z.B. für den Bildungsbereich, zur Frage der Finanzierung von Dritt-Sektor-Organisationen oder auch zu einzelnen Bundesländern.

4 Unterschiedliche Facetten und Bereiche bürgerschaftlichen Engagements

Bürgerschaftliches Engagement wird unter Bezugnahme auf das Konzept der Bürgergesellschaft als Sammel- oder Oberbegriff für unterschiedliche Formen von freiwilligen, nicht auf materiellen Gewinn ausgerichteten, gemeinwohlorientierten Tätigkeiten gebraucht (Enquete-Kommission 2002, S. 86 ff.).

Neben der Verwendung als Dachbegriff gibt es jedoch auch eine engere Bedeutungszuschreibung „bürgerschaftlichen Engagements“. Hierbei steht der Aspekt der Bürgerschaftlichkeit als normatives Qualitätsmerkmal im Mittelpunkt. Menschen übernehmen mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement Verantwortung in ihrer Rolle als Staatsbürger und engagieren sich für ein bestimmtes politisches Gemeinwesen, z.B. auf lokaler, regionaler, nationaler oder europäischer Ebene (Olk und Hartnuß 2011, S. 157). Die Aufmerksamkeit wird damit also eng auf die Sphäre des Politischen und damit auf das besondere Verhältnis zwischen Bürger*innen und Staat gelenkt. Das Ideal des politischen Aktivbürgers steht im Mittelpunkt (Münkler und Krause 2001, S. 312). Es geht vorrangig um politische Teilhabe und Demokratisierung, wohingegen der Aspekt der Erbringung von Leistungen zur Wohlfahrtsproduktion in den Hintergrund rückt (Priller 2011, S. 35).

4.1 Ehrenamt oder ehrenamtliches Engagement

Ehrenamt oder ehrenamtliches Engagement beschreibt einen Teilbereich des als Sammelbegriff verstandenen bürgerschaftlichen Engagements. Mit Ehrenamt verbinden sich üblicherweise traditionelle und historisch gewachsene Formen freiwilliger, gemeinwohlorientierter Tätigkeiten. Sie finden i.d.R. im Rahmen strukturierter Organisationen wie Kirchengemeinden, sozialen Organisationen, Wohlfahrtsverbänden, Sport- und Kulturvereinen oder staatlichen Einrichtungen und Organen statt (Beher et al. 2008, S. 49; Stricker 2011, S. 163). Ehrenamtliches Engagement findet sich dabei auch heute noch in drei unterschiedlichen Formen (Stricker 2011):

  • soziales Engagement
  • Übernahme von Gremienfunktionen
  • Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben, Funktionen und Wahlämter.

Das Ehrenamt ist i.d.R. mit einer formalen Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Organisation (Mitgliedschaft) verbunden, z.B. bei einem Verein oder einem Wohlfahrtsverband. Es werden personenbezogene Aufgaben (bspw. in der Pflege oder in der Jugendarbeit) sowie sachbezogene Aufgaben (bspw. in einem Vereinsvorstand) übernommen. Das Ehrenamt überschreitet regelmäßig den sozialen Nahraum der Familie und steht damit für die Hilfe und das Engagement für andere. Es wird mit legitimierter Funktion (z.B. Vereinsvorsitzende*r) oder ohne diese (z.B. Rettungssanitäter*in beim Deutschen Roten Kreuz) ausgeübt. Ebenso kann Ehrenamt sowohl mit bestimmten Qualifikationen (z.B. in der Telefonseelsorge) als auch ohne diese (z.B. haushaltsnahe Unterstützung wie Einkaufsdienste, Reinigungstätigkeiten) erbracht werden (ebd., S. 164). Ehrenamtliches Engagement ist in der Praxis traditionell mit einer bestimmten Dauer (häufig über mehrere Jahre), einem bestimmten Umfang (meist mehrere Stunden pro Woche) sowie einem hohen Grad an Verbindlichkeit verbunden.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich allerdings in und außerhalb traditioneller Organisationen neue Formen von ehrenamtlichem Engagement herausgebildet, die auf veränderte gesellschaftliche und biografische Bedingungen reagieren. So finden sich vermehrt Formen von Engagement, die zeitlich befristet sind, sich auf ein konkretes Projekt und seine Umsetzung konzentrieren und auf eine dauerhafte Bindung an eine Organisation verzichten. Wünsche und Interesse der Engagierten gewinnen dabei gegenüber denen der Organisation an Gewicht. Diese Veränderungen werden auch als „Strukturwandel des Ehrenamtes“ (Beher, Liebig und Rauschenbach 2000) beschrieben. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde daher eine Debatte über das sogenannte „neue Ehrenamt“ häufig in Konkurrenz zum alten, traditionellen Ehrenamt, geführt. Diese nicht sehr fruchtbare Auseinandersetzung hat ebenfalls dazu beigetragen, mit dem Begriff des bürgerschaftlichen Engagements eine Klammer zu schaffen, die unterschiedliche Formen freiwilligen Tuns miteinander verbindet. Der Begriff des Ehrenamtes allerdings beschreibt diese neuen Formen gemeinwohlorientierter Tätigkeiten nur unzureichend, da hier ausdrücklich kein Amt übernommen wird. Ebenso wenig identifizieren sich diese Engagierten mit dem Attribut der Bürgerschaftlichkeit. Deshalb ist hier in der Praxis nicht selten von „freiwilligem Engagement“ oder „Freiwilligenarbeit“ die Rede (Olk und Hartnuß 2011, S. 150).

4.2 Selbsthilfe

Die Selbsthilfe ist eine besondere Form bürgerschaftlichen Engagements, mit der ein breites Spektrum unterschiedlicher Selbsthilfeaktivitäten verbunden ist. Unter Selbsthilfe wird die Bewältigung von privaten Angelegenheiten, Aufgaben und Krisen verstanden. Im Mittelpunkt stehen nicht die öffentlichen, förmlich und kollektiv erbrachten Unterstützungsangebote, sondern die privat-individuellen Formen der Hilfeleistung. Dabei ist die Beteiligung weiterer Personen durchaus eingeschlossen. Im Kontext des bürgerschaftlichen Engagements meint Selbsthilfe also gemeinschaftliche Selbsthilfe in informellen sozialen Netzwerken (Grunow 2011, S. 174). Selbsthilfe hat in diesem Sinne vor allem im Gesundheitsbereich erhebliche Bedeutung und Verbreitung gefunden. Sie hat sich zu einer eigenständigen Säule des Gesundheitswesens und der Gesundheitspolitik entwickelt. Organisatorisch zu unterscheiden sind

  • Selbsthilfegruppen
  • Selbsthilfeorganisationen
  • Selbsthilfekontaktstellen (Matzat 2010, S. 547 ff.).

4.3 Freiwilligendienste

Eine weitere Sonderform bürgerschaftlichen Engagements sind die Freiwilligendienste. Sie haben eine eigene Organisationsstruktur und sind durch vertragliche Regelungen gerahmt. Im Unterschied zu anderen Formen bürgerschaftlicher Tätigkeiten sind Dauer, Aufgaben und Zielsetzungen sowie Einsatzstellen und Trägerstrukturen verbindlich geregelt und werden in vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Trägerorganisationen und den Teilnehmer*innen ausformuliert (Jakob 2011, S. 186). Die beiden klassischen, gesetzlich geregelten Freiwilligendienste sind das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Es sind Vollzeitdienste, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach der Schule bis zum 27. Lebensjahr im In- oder Ausland für i.d.R. ein bis maximal zwei Jahre geleistet werden können. Die entsprechenden Gesetze sehen hierfür verbindlich die Versorgung mit Taschengeld, Unterkunft, Verpflegung sowie Versicherungsschutz vor. Die Jugendfreiwilligendienste verbinden Bildungsmöglichkeiten (persönlich, sozial, beruflich) und biografische Orientierung mit der Übernahme sozialer Verantwortung. So übernehmen Jugendliche verantwortliche Tätigkeiten, wobei das erworbene Wissen in der obligatorischen pädagogischen Begleitung reflektiert wird (ebd.).

Neben den gesetzlich geregelten Diensten werden weitere, lokal und regional begrenzte Freiwilligendienste von Stiftungen, Kirchen und Bundesländern angeboten, die sich an den Vorgaben von FSJ und FÖJ orientieren (Jakob 2011, S. 188). Darüber hinaus gibt es internationale Freiwilligen- und Friedensdienste wie bspw. Workcamps, Friedens- und Jugendgemeinschaftsdienste oder der Europäische Freiwilligendienst, die von verschiedenen freien Trägern angeboten werden. Diese überschaubare Zahl von Freiwilligendiensten konnte die zunehmend hohe Nachfrage nicht dauerhaft decken. Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ und dem auf internationale Kulturarbeit ausgerichteten Programm „kulturweit“ hat die Bundesregierung die internationalen Dienste daher deutlich ausgeweitet (ebd., S. 190 f.).

Freiwilligendienste haben seit der Jahrtausendwende eine erhebliche Ausweitung erlebt. So wurden neue Einsatzfelder für FSJ und FÖJ erschlossen: Neben klassischen sozialen Feldern ist ein FSJ nun auch in Kultur, Schule und Politik und ein FÖJ im Ausland möglich. Die Dienste wurden dabei auch für andere Altersgruppen geöffnet und zeitlich flexibilisiert. Der „Freiwilligendienst aller Generationen“ bietet auch älteren Engagierten einen geregelten Dienst im Umfang von mindestens acht Wochenstunden und einer Dauer von mindestens sechs Monaten (Jakob 2011, S. 186.).

Die weitreichendste Änderung hat sich im Feld der Freiwilligendienste mit der Aussetzung der Wehrpflicht und der damit einhergehenden Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) ergeben. Im Jahr 2011 als Nachfolger des Zivildienstes eingeführt, wurde der BFD mit erheblichen Mitteln durch den Bund gefördert und hat inzwischen eine große Akzeptanz gefunden. Er bietet für unterschiedliche Altersgruppen zeitlich flexible Dienste in diversen Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern. Im Unterschied zu FSJ und FÖJ wird der BFD vom Bund organisiert und gesteuert. Die Ausübung des Dienstes erfolgt zwar weiterhin in den jeweiligen Einsatzstellen der Träger, die Vergabe der Dienstplätze sowie die gesamte Rahmung und Koordinierung sind jedoch bundeszentral über das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BaFzA, ehemals Bundesamt für den Zivildienst) gesteuert. Die Trägerorganisationen spielen damit im BFD eine deutlich geringere Rolle als in den traditionellen Diensten, weshalb in der Fachöffentlichkeit die Kritik geäußert wird, dass es zu einer zunehmenden Verstaatlichung von Freiwilligendiensten durch den BFD komme (Jakob 2011, S. 197 f.).

4.4 Bürgerbeteiligung

Im Kontext der Förderung bürgerschaftlichen Engagements werden auch Formen und Ansätze der politischen Bürgerbeteiligung thematisiert: „Unter Bürgerbeteiligung versteht man die politische Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern an Entscheidungen des Staates auf lokaler, regionaler, nationaler oder auch supranationaler Ebene außerhalb der Wahl von Parlamenten. Es geht also um Formen der direkten und deliberativen Demokratie(Dienel 2011, S. 203). Bei Bürgerbeteiligung steht also die Einflussnahme der Bürger*innen auf das politische System im engeren Sinne im Mittelpunkt des Engagements.

Auch das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen wird in der Debatte um die Bürgergesellschaft als eine wichtige Form bürgerschaftlichen Engagements behandelt. In dieser Debatte gilt es, zwei Begriffe zu kennen und voneinander zu unterscheiden: Corporate Social Responsibility (CSR) und Corporate Citizenship (Backhaus-Maul und Friedrich 2011, S. 217). Corporate Social Responsibility beschreibt im Kern „die gesetzlich geregelte Verantwortung von Unternehmen, die einerseits im politischen Entscheidungsprozess unter maßgeblicher Beteiligung von Unternehmensverbänden und Gewerkschaften ausgehandelt und andererseits im wirtschaftlichen Kerngeschäft von Unternehmen implementiert wird“ (ebd.).

Hierbei geht es vor allem um die Verständigung über Sozial- und Umweltstandards und ihre Einhaltung in der Wertschöpfungskette von Unternehmen. CSR ist von daher eng mit dem Diskurs über die Nachhaltigkeit (ökonomisch, ökologisch, sozial) von Unternehmen verbunden. Ein nachhaltiges Wirtschaften, wie es viele Unternehmen anstreben, reicht in diesem Sinne häufig über die gesetzlich geregelten Mindeststandards hinaus.

Corporate Citizenship meint hingegen das freiwillige gesellschaftliche Engagement von Unternehmen, das über den politisch normierten und gesetzlich geregelten Rahmen hinausgeht (Backhaus-Maul und Friedrich 2011, S. 217). Unternehmen engagieren sich im Sinne bürgerschaftlichen Engagements als Teil der Gesellschaft, als „good corporate citizen“ (Unternehmensbürger). Bei Corporate Citizenship haben Unternehmen traditionell vielfältige gesellschaftliche Aktivitäten entwickelt, die auf die Bereiche Soziales, Kultur und Sport ausgerichtet sind; inzwischen finden sich jedoch auch viele Bemühungen zur Unterstützung des Bildungs- und Erziehungssystems. Zu unterscheiden sind insbesondere

  • Corporate Giving in Form von Geld- und Sachspenden
  • Corporate Foundations bzw. Stiftungsaktivitäten
  • Corporate Volunteering, d.h. Ansätze zur Unterstützung des Engagements von Mitarbeiter*innen (ebd., S. 218 ff.).

Bürgerschaftliches Engagement findet in all seinen verschiedenen Formen in nahezu allen Gesellschaftsbereichen statt (für einen Überblick über die Handlungsfelder: Olk und Hartnuß 2011).

Nach wie vor entfaltet sich ein Großteil des bürgerschaftlichen Engagements im Rahmen von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Zu den wichtigsten Organisationsformen zählen

  • Vereine
  • Verbände
  • Stiftungen
  • Genossenschaften.

Daneben gewinnen immer mehr kurzfristige, projektförmige Engagements jenseits von klassischen Organisationen an Bedeutung.

Lokale Infrastruktureinrichtungen haben sich vielerorts als wichtige Knotenpunkte der Engagementförderung in den Kommunen etabliert. Über die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche des Engagements hinweg und in engem Zusammenspiel von Politik, Verwaltung, organisierter Zivilgesellschaft und engagierten Bürger*innen informieren, beraten und vermitteln sie im Bereich des ehrenamtlichen Engagements. Die Einrichtungen bieten Fort- und Weiterbildung, betreiben Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit für das bürgerschaftliche Engagement, vernetzen und entwickeln Projekte der Engagementförderung vor Ort. Sie sind damit über die Vermittlungstätigkeit hinaus wichtige Entwicklungsagenturen bürgerschaftlichen Engagements in den Kommunen (Enquete-Kommission 2002, S. 298 ff.).

Die drei wichtigsten Einrichtungstypen sind

  1. Freiwilligenagenturen
  2. Senior*innenbüros
  3. Selbsthilfekontaktstellen (Olk und Hartnuß 2011).

Sie arbeiten auf lokaler wie überörtlicher Ebene eng zusammen und sind gut miteinander vernetzt. Die Einrichtungstypen unterscheiden sich mit Blick auf ihre Adressat*innengruppen und inhaltlichen Schwerpunkte. Zudem gibt es regionale und landestypische Unterschiede in den Konzepten.

5 Engagementpolitik

„Engagementpolitik beschreibt ein sich entwickelndes reformpolitisches Feld, das die Förderung bürgerschaftlichen Engagements unter der Leitperspektive einer aktiven Bürgergesellschaft verfolgt. Traditionell wird die Förderung des Ehrenamtes und seiner Rahmenbedingungen nur als Teilaspekt etablierter Bereichspolitiken wie der Sozial-, Familien-, Gesundheits-, Bildungs- oder Umweltpolitik behandelt. Der Zusammenhang von bereichsspezifischen und bereichsübergreifenden Entwicklungen von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement wird jedoch zunehmend erkannt und lässt die Notwendigkeit von Engagementförderung aus einer Querschnittsperspektive deutlich werden. Mit Engagementpolitik verbinden sich daher Aufgaben und Anliegen der Verbesserung rechtlicher und finanzieller Rahmungen auf nationaler und europäischer Ebene, von Demokratisierung und Partizipation, Organisations- und Institutionenentwicklung sowie der Absicherung engagementfördernder Infrastrukturen.“ (Hartnuß und Klein 2017, S. 233)

Eine systematische und bereichsübergreifende Engagementpolitik eröffnet weitreichende Gestaltungsoptionen, die in den aktuellen Reformdebatten zum Umbau des Sozialstaats allerdings noch häufig unterschätzt werden. Gleichwohl sind seit der Jahrtausendwende neue Strukturen und innovative Institutionen entstanden, die Einfluss auf engagementpolitische Aushandlungsprozesse nehmen und Agenda-Setting betreiben. Der Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement“ des Bundestags, das „Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement“, Netzwerke auf Landes- und regionaler Ebene, überregionale Fortbildungsinstitutionen, Stabs- und Leitstellen bei Ministerpräsidenten, kommunale Ansprechpartner und Netzwerke setzen sich dafür ein, bürgerschaftliches Engagement bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme verstärkt einzubeziehen und engagementfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Durch zahlreiche praxisorientierte Maßnahmen und Programme auf allen föderalen Ebenen hat Engagementpolitik spürbar an Konturen gewonnen (Hartnuß und Klein 2017, S. 233; Hartnuß, Olk und Klein 2011, S. 768 f.).

6 Quellenangaben

Backhaus-Maul, Holger und Friedrich, P., 2011. Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. In: Thomas Olk und Birger Hartnuß, Hrsg. Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Weinheim: Juventa, S. 215–229. ISBN 978-3-7799-0795-4 [Rezension bei socialnet]

Beher, Karin, Holger Krimmer, Thomas Rauschenbach und Annette Zimmer, 2008. Die vergessene Elite: Führungskräfte in gemeinnützigen Organisationen. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-1690-1 [Rezension bei socialnet]

Beher, Karin, Reinhard Liebig und Thomas Rauschenbach, 2000. Strukturwandel des Ehrenamtes: Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozess. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-1406-8 [Rezension bei socialnet]

Bourdieu, P., 1983. Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, R., Hrsg. Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2. Göttingen: Schwartz, S. 183–198. ISBN 978-3-509-01341-2

Braun, Sebastian, 2011. Sozialkapital. In: Thomas Olk und Birger Hartnuß, Hrsg. Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Weinheim: Juventa, S. 53–64. ISBN 978-3-7799-0795-4 [Rezension bei socialnet]

Dienel, Hans-Liudger, 2011. Bürgerbeteiligung. In: Thomas Olk und Birger Hartnuß, Hrsg. Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Weinheim: Juventa, S. 203–214. ISBN 978-3-7799-0795-4 [Rezension bei socialnet]

Enquete-Kommission Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements, Deutscher Bundestag, Hrsg., 2002. Bericht: Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Opladen: Leske + Budrich. ISBN 978-3-8100-3660-5

Gensicke, Thomas, 2011. Freiwilligensurvey. In: Thomas Olk und Birger Hartnuß, Hrsg. Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Weinheim: Juventa, S. 691–704. ISBN 978-3-7799-0795-4 [Rezension bei socialnet]

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Autor
Birger Hartnuß
Dipl.-Päd., arbeitete nach dem Studium der Erziehungswissenschaften mehrere Jahre in Forschungsprojekten zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule an den Universitäten Halle/S. und Greifswald. Er war Mitarbeiter im Sekretariat der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des 14. Deutschen Bundestags (2000–2002) und im Anschluss daran wissenschaftlicher Referent sowie stellvertretender Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) (2002–2007). Seit 2007 ist er in der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz tätig, deren Leitung er im Juni 2017 übernommen hat.

Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören der Ausbau von Engagementförderung und Bürgerbeteiligung in Rheinland-Pfalz und der Bundesrepublik. Er ist Mitglied mehrerer Beiräte (ZiviZ – Zivilgesellschaft in Zahlen, Netzwerk Bürgerbeteiligung, „jungbewegt – Dein Einsatz zählt“ der Bertelsmann Stiftung) sowie Mitglied des SprecherInnenrats des BBE. Neben seiner politischen Tätigkeit befasst sich Birger Hartnuß auch wissenschaftlich mit den Themen Engagementförderung und Engagementpolitik und beteiligt sich intensiv an der gesellschaftlichen Debatte über das bürgerschaftliche Engagement.
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Zitiervorschlag
Hartnuß, Birger, 2020. Bürgerschaftliches Engagement [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 28.10.2020 [Zugriff am: 14.05.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Buergerschaftliches-Engagement

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