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Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege

Prof. Dr. Josef Schmid

veröffentlicht am 16.03.2023

Abkürzung: BAGFW

Amtlicher Name: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V., Amtsgericht Berlin (Charlottenburg), VR 20123

Website: www.bagfw.de

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. (BAGFW) ist ein Zusammenschluss der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Sie vertritt deren Gesamtinteresse gegenüber dem Staat und der Gesellschaft, um eine Sicherung und Weiterentwicklung der sozialen Arbeit und der Sozialpolitik zu realisieren.

Überblick

  1. 1 Geschichte und Funktion
  2. 2 Aufgaben und Organisation
  3. 3 Besonderheiten
  4. 4 Quellenangaben

1 Geschichte und Funktion

Die „Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege“ (BAGFW) steht in der Tradition der 1924 gebildeten „Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege“. Die Vernetzung der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege ist als „Korrelat zur Zentralisierung von Gesetzgebungsbefugnissen und finanziellen Ressourcen auf Reichs- und Landesebene zu verstehen; als Entwicklung eines verbandlichen Pendants zum zentralisierten Wohlfahrtstaat“ (Sachße 2011, S. 102). Im Nationalsozialismus ist die Bedeutung zugunsten regimetreuer Organisationen zurückgegangen; das System ist jedoch gleich nach dem Krieg rekonstruiert worden.

„Nach regimespezifischen Veränderungen […] während der NS-Zeit erfolgte schon während der Besatzungszeit ihre Wiederherstellung. […] In Nachfolge der Liga bildeten die W. die BAGFW. Auch die übergreifenden Fachverbände und der DV [Deutscher Verein] nahmen kurz nach Kriegsende ihre Arbeit wieder auf. Bei der Neufassung des Fürsorgerechts 1961 (BSHG, JWG) verstärkte der Bundesgesetzgeber durch weitergehende Subsidiaritätsregelungen die Position der W. auf Kosten der öffentlichen Träger zusätzlich“ (Hammerschmidt 2022).

Das dabei betonte „Miteinander öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik“, wie es sich in der BAGFW organisatorisch realisiert und deren Selbstverständnis charakterisiert, wird jedoch auch relativiert und kritisch interpretiert:

„Was die BAGFW als „einmaliges Miteinander“ bezeichnete, galt KritikerInnen der Verbändewohlfahrt nicht nur, aber auch aus Kreisen, die Wirtschaftsinteressen vertraten, als „Wohlfahrtskartell“, wenn nicht gar als „Wohlfahrtsmafia“, die ihre „Wohlfahrtskonzerne“ gegen „Konkurrenz“ abschirmten. In der Wissenschaft war dagegen ab den 1970er-Jahren von Korporatismus bzw. von neokorporatistischen wohlfahrtspolitischen Netzwerken die Rede“ (Aner und Hammerschmidt 2018, S. 144).

Die entsprechende Koordinierungs- und Bündelungsfunktion der BAGFW ist nicht einfach umzusetzen und erfordert es, „eine gemeinsame innerverbandliche Sprache und entsprechend abgestimmte Strategien“ zu entwickeln und mehrheitsfähig zu machen (Boeßenecker und Vilain 2013, S. 40). Dies heißt vor allem „Schnittmengen auszuloten, zu managen und lobbyistisch […] durchzusetzen“ (Boeßenecker und Vilain 2013, S. 40). Auf Länderebene und auf der kommunalen Ebene sind dementsprechende Landesligen und Arbeitsgemeinschaften am Werk, um die Beschaffung von Finanzmitteln und die Beeinflussung von sozialpolitischen Entscheidungen zu unterstützen. Darüber hinaus bestehen auch wohlfahrtsverbandsübergreifende Fachverbände, teils nur auf der Bundes-, teils aber auch auf der Landesebene, bei denen die BAGFW mitwirkt.

2 Aufgaben und Organisation

Die BAGFW verfolgt wie die Wohlfahrtsverbände als oberstes Ziel aller Aktivitäten „die Verbesserung von Lebenslagen. Sie bringen die Interessen von Benachteiligten in den gesellschaftlichen Dialog ein. Mit engagiertem sozialpolitischem Handeln tragen die Verbände dazu bei, dass unser Sozialstaat zukunftsfähig bleibt“ (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege o.J.a).

Hieraus leiten sich die Aufgaben der BAGFW ab:

  • Beratung und Koordinierung in allen Arbeitsfeldern der Freien Wohlfahrtspflege, auch vor dem Hintergrund der europäischen Entwicklung
  • Mitwirkung an der Gesetzgebung und Kontaktpflege zu relevanten politischen Gremien und Entscheidungsträgern (Lobbyarbeit)
  • Kooperation in allen sozialpolitischen Angelegenheiten mit Bund, Ländern und Kommunen und anderen Organen der Selbstverwaltung wie Krankenkassen oder Bundesagentur für Arbeit
  • Pflege und Stärkung der sozialen Verantwortung in der Bevölkerung
  • Wahrung der Stellung der Freien Wohlfahrtspflege in der Öffentlichkeit und des Subsidiaritätsprinzips (Moos und Klug 2009, S. 44; Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege o.J.b).

Die Mitgliederversammlung aus Vertreter/​innen aller sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege berät – wie bei allen Vereinen gemäß Satzung – über alle inhaltlichen und strategischen Schwerpunkte der Arbeit in der BAGFW. Den Vorsitz in der Mitgliederversammlung hat der derzeitige Präsident der BAGFW, Ulrich Lilie. Die operative Leitung obliegt dem/r Präsident/in und den beiden Vizepräsidenten/​innen und rotiert in einem zweijährigen Turnus zwischen den Mitgliedorganisationen (s. Satzung § 11, Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege 2012).

In der Geschäftsordnung sind ferner mehrere Kommissionen vorgesehen, die die innerverbandliche Willensbildung und Steuerung betreiben.

  • Kommission Finanzen, insbesondere Finanzen/​Recht/Ökonomie/​unternehmerische Belange/​Steuern/Gemeinnützigkeit/Lotteriewesen
  • Kommission Sozialpolitik I, zuständig insbesondere für die Arbeitsfelder Gesundheit, Rehabilitation, Pflege, Altenhilfe
  • Kommission Sozialpolitik II, zuständig insbesondere für die Arbeitsfelder Familie, Jugend, Bildung, Integration, Armut, Arbeitsmarktpolitik, Sozialhilfe
  • Exekutiv-Kommission, trifft Entscheidungen für die BAGFW, wenn keine der vorgenannten Kommissionen zuständig ist und die Mitgliederversammlung diese aus Zeitgründen nicht treffen kann. Die Mitgliederversammlung kann Entscheidungen an die Exekutiv-Kommission delegieren.

Hinzu kommt der Ausschuss Europa, welcher sich mit europäischen Vorhaben beschäftigt und politische Gespräche auf europäischer Ebene führt. Er koordiniert die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und bereitet Stellungnahmen und Konsultationsbeiträge vor (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege o.J.d).

Ein entsprechendes Organigramm findet sich auf der Website der BFAGW (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege 2022a).

Die BAGFW unterhält eine Geschäftsstelle in Berlin, eine Vertretung in Brüssel sowie die Abteilung Wohlfahrtsmarken in Köln. Sie ist in mehrere Referate mit etwa 3–10 Mitarbeiter*innen gegliedert. Neben dem Bereich Geschäftsführung gibt es Finanzen und Innerbetriebliche Organisation, Öffentlichkeitsarbeit, Digitalisierung sowie Wohlfahrtsmarken, die EU-Vertretung und eine ESF-Regiestelle.

Die Geschäftsstelle berät den Vorstand und die Gremien und arbeitet diesen zu, koordiniert und unterstützt die Facharbeit, die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen, etc. Außerdem geht es um die Darstellung und Kommunikation der Anliegen der Freien Wohlfahrtspflege in der Öffentlichkeit. Das umfasst ebenfalls eine Reihe an Stellungnahmen zu sozialpolitischen Gesetzgebungsverfahren und Maßnahmen (Boeßenecker und Vilain 2013, S. 42).

3 Besonderheiten

Die BAGFW vermerkt zur Finanzierung der Aktivitäten in ihrem Jahresbericht, dass die Deutsche Post in 2021 rund 907.000 Euro für die Wohlfahrtsmarken mit Motiven aus dem Grimm‘schen Märchen „Frau Holle“ überwiesen hat. Hinzu kommt das Geschäft mit der Weihnachtsmarke; hier liegt der Erlös bei knapp 512.000 Euro. Die Verbände haben in mehr als 12.000 Einzelbestellungen 10 Mio. Wohlfahrts- und Weihnachtsmarken mit einem rechnerischen Zuschlagswert in Höhe von 4,3 Mio. Euro abgenommen (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege 2022b).

Zudem liefert die BAGFW mit ihren Gesamtstatistiken (zuletzt 2016) wichtige Daten zu den Einrichtungen und Dienste der Freien Wohlfahrtspflege (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege 2016).

4 Quellenangaben

Aner, Kirsten und Peter Hammerschmidt, 2018. Arbeitsfelder und Organisationen der Sozialen Arbeit: Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-20563-8

Boeßenecker, Karl-Heinz und Michael Vilain, 2013. Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder sozialwirtschaftlicher Akteure in Deutschland. 2. Auflage. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-2502-6 [Rezension bei socialnet]

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), 2012. Satzung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. in der Fassung vom 27.11.2012 und Geschäftsordnungen [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 23.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/ueber-uns/​satzung

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), 2016. Statistik [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 23.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/veroeffentlichungen/​statistik

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), 2018. Gesamtstatistik 2016 [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 04.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/fileadmin/​user_upload/​Veroeffentlichungen/​Publikationen/​Statistik/​BAGFW_Gesamtstatistik_2016.pdf

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), [2022a]. Organigramm [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 23.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/fileadmin/​user_upload/​Gremien/​Organigramm_Kommissionen/​20222-07-07_Organisation_Kommissionen.pdf

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), [2022b]. Jahresbericht 2021 des Fachausschusses Wohlfahrtsmarken [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 04.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/themen/​detail/​jahresbericht-2021-des-fachausschusses-wohlfahrtsmarken

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), [ohne Jahr] a. Allgemeine Informationen [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 04.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/ueber-uns/​aufgaben-der-bagfw

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), [ohne Jahr] b. Freie Wohlfahrtspflege Deutschland [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 23.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/ueber-uns/​freie-wohlfahrtspflege-deutschland

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), [ohne Jahr] c. Über uns [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 23.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/ueber-uns

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), [ohne Jahr] d. Über uns. Gremien [online]. Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [Zugriff am: 23.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.bagfw.de/ueber-uns/​gremien

Hammerschmid, Peter. Wohlfahrtsverbände. Version 08.06.2022, 09:10 Uhr. In: Staatslexikon online. Verfügbar unter: https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/​Wohlfahrtsverb%C3 %A4nde (abgerufen: 24.10.2022)

Merchel, Joachim, 2011. Wohlfahrtsverbände, Dritter Sektor und Zivilgesellschaft. In: Adalbert Evers, Rolf G. Heinze und Thomas Olk, Hrsg. Handbuch Soziale Dienste. Wiesbaden: VS Verlag, S. 245–264. ISBN 978-3-531-15504-3 [Rezension bei socialnet]

Moos, Gabriele und Klug Wolfgang 2009. Basiswissen Wohlfahrtsverbände. München/​Basel: UTB/Ernst Reinhard Verlag. ISBN 978-3-8252-3267-2 [Rezension bei socialnet]

Sachße Christoph, 2011. Zur Geschichte Sozialer Dienste in Deutschland. In: Adalbert Evers, Rolf G. Heinze und Thomas Olk, Hrsg. Handbuch Soziale Dienste. Wiesbaden: VS Verlag, S. 94–116. ISBN 978-3-531-15504-3 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor a.D. für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er war 2010-2022 hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
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Es gibt 7 Lexikonartikel von Josef Schmid.

Zitiervorschlag
Schmid, Josef, 2023. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 16.03.2023 [Zugriff am: 18.07.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/3652

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