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Capabilities

Lilija Wiebe

veröffentlicht am 23.04.2021

Synonym: Verwirklichungschancen

Etymologie: capability engl. Fähigkeit, Potenzial, Vermögen

Capabilities (dt. Fähigkeiten) sind nach Martha Nussbaum und Amartya Sen die Freiheiten oder Möglichkeiten, die einer Person zur Verfügung stehen, nicht also nur die einer Person innewohnende Fertigkeiten oder Begabungen.

Überblick

  1. 1 Unterschiedliche Capabilities
  2. 2 Zehn zentrale Capabilities
  3. 3 Quellenangaben

1 Unterschiedliche Capabilities

Mit einem Capability ist die Freiheit gemeint, zwischen einer Reihe von Chancen wählen und dementsprechend handeln zu können (Sen 1992, S. 49; Nussbaum 2015, S. 25). Martha Nussbaum unterscheidet zwischen basic (grundlegenden), internal (internen) und combined (kombinierten) Capabilities (Nussbaum 2015, S. 29–31; Nussbaum 2011, S. 21–24). Dabei ist das spezifizierende Merkmal der unterschiedlichen Capabilities die Art und Weise, wie sie angeeignet wurden.

Basic Capabilities sind die Basis für die spätere Entwicklung und Ausbildung eines Menschen. Diese werden in der pränatalen und sehr frühen Kindheitsphase erworben. Dazu gehört die Ernährung während der Schwangerschaft und pränatale Erfahrungen, die Einfluss auf die Gestaltung und Entwicklung der Capabilities eines Menschen haben (Nussbaum 2015, S. 32).

Internal Capabilities werden, im Unterschied zu den angeborenen Capabilities, größtenteils durch die Wechselbeziehungen im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, häuslichen und politischen Umfeld eingeübt und entwickelt (Nussbaum 2015, S. 30). Diese bestehen aus geistigen und körperlichen Fertigkeiten (z.B. Bildung und Kritikfähigkeit). Sie werden auch als „personale Zustände“, die nicht statisch, sondern dynamisch sind, beschrieben (Nussbaum 2015, S. 29–30). Diese internal Capabilities entsprechen nicht der Definition von Capabilities, wie sie oben gegeben wird. Erst die Kombination der internal Capabilities mit politischen, gesellschaftlichen und/oder wirtschaftlichen Chancen und Möglichkeiten ergeben die Capabilities eines Menschen wie sie von Nussbaum und Sen definiert werden.

Dementsprechend ist eine combined Capability per Definition eine internal Capability plus einer gesellschaftlichen, politischen und/oder wirtschaftlichen Bedingung. Diese Kombination ist die Grundlage des Capabilities Approach, der das Ziel hat, durch die Kombination der Capabilities einem jeden Menschen ein Leben in menschlicher Würde zu ermöglichen (Nussbaum 2015, S. 40). Gleichzeitig beinhalten combined Capabilities eine Wahlmöglichkeit (Nussbaum 2015, S. 31). Jeder Mensch hat die Wahl, die Kombination seiner internal Capabilities anzunehmen oder diese abzulehnen (Nussbaum 2015, S. 27).

2 Zehn zentrale Capabilities

Nussbaum schlägt eine Liste von „ten central capabilities“ vor, die jede Regierung für die Bürger*innen ihres Landes ermöglichen sollte (Nussbaum 2015, S. 41). Diese sind:

  1. Leben: Fähig zu sein, ein Menschenleben normaler Dauer zu leben; nicht verfrüht zu sterben oder bevor das Leben so eingeschränkt ist, dass es nicht mehr lebenswert ist.
  2. Körperliche Gesundheit: Sich einer guten Gesundheit, einschließlich der reproduktiven Gesundheit, erfreuen zu können; ausreichend ernährt zu sein und eine angemessene Unterkunft zu besitzen.
  3. Körperliche Unversehrtheit: Fähig zu sein, sich frei zu bewegen; vor gewalttätigen, einschließlich sexuellen Übergriffen und häuslicher Gewalt geschützt zu sein; über Gelegenheiten sexueller Befriedigung zu verfügen und frei in Fragen der Fortpflanzung entscheiden zu können.
  4. Sinne, Vorstellungskraft, Denken: In der Lage zu sein, die Sinne zu benutzen, Vorstellungen zu entwickeln, zu denken und zu argumentieren – und all dies auf ‚wirklich menschliche‘ Weise zu tun, d.h. geprägt und kultiviert durch eine hinreichende Bildung, die Lese-, Schreibfähigkeit und Grundkenntnisse der Mathematik und Wissenschaft einschließt, sich darauf aber nicht beschränkt; Vorstellungskraft und Denken im Zusammenhang mit dem Erleben und Erzeugen von Werken der eigenen Wahl, u.a. religiöser, literarischer, musikalischer Art, nutzen zu können; befähigt zu sein, den eigenen Verstand auf eine Weise zu nutzen, die durch Garantien politischer und künstlerischer Meinungsfreiheit sowie der freien Religionsausübung geschützt ist; fähig zu sein, angenehme Erfahrungen zu machen und unnötigen Schmerz zu vermeiden.
  5. Gefühle: Fähig zu sein, Bindungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu entwickeln; die zu lieben, von denen man geliebt wird und die sich um einen sorgen; bei deren Abwesenheit betrübt sein zu können; generell gesagt Liebe, Trauer, Sehnsucht, Dankbarkeit und berechtigten Zorn erfahren zu können; fähig zur Entwicklung eigener Gefühle zu sein, diese nicht durch Furcht und Sorgen verkümmern lassen zu müssen (diese Fähigkeit zu befördern heißt, Formen menschlichen Zusammenschlusses zu befördern, die für deren Entwicklung nachweislich entscheidend sind).
  6. Praktische Vernunft: Fähig zu sein, eine Vorstellung vom Guten zu bilden und über die eigene Lebensplanung in kritischer Weise nachzudenken. Dies beinhaltet den Schutz der Gewissensfreiheit und der Freiheit der Religionsausübung.
  7. Zugehörigkeit: (A): Fähig zu sein, mit anderen und für andere zu leben, andere Menschen anzuerkennen und sich um sie zu kümmern, sich an vielfältigen Formen gesellschaftlicher Interaktion zu beteiligen; sich in die Lage eines anderen hineinversetzen zu können (diese Fähigkeit zu schützen heißt Institutionen zu schützen, die solche Formen der Zugehörigkeit schaffen und hegen, wie auch die Versammlungsfreiheit und die Freiheit der politischen Rede zu schützen). (B) Über die gesellschaftlichen Grundlagen der Selbstachtung und der Nichtdemütigung zu verfügen; fähig zu sein, mit einer Würde behandelt zu werden, die der anderer gleich ist. Hierzu gehören Regelungen, die die Diskriminierung auf Grundlage der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Ethnizität, der Kastenzugehörigkeit, der Religion und der nationalen Herkunft ausschließen.
  8. Andere Gattungen: Fähig zu sein, in Rücksicht auf Tiere, Pflanzen und Natur und in Beziehung mit diesen zu leben.
  9. Spiel: Lachen, spielen und sich Freizeitaktivitäten erfreuen zu können.
  10. Kontrolle über die eigene Umwelt: (A) Politisch: Fähig zu sein, sich effektiv an den politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen, die das eigene Leben bestimmen; das Recht zu politischer Teilnahme zu besitzen, den Schutz der freien Rede und der Versammlungsfreiheit zu genießen. (B) Materiell: Über Eigentum (sowohl an Land als auch an mobilen Gütern) verfügen zu können und Eigentumsrechte gleich anderen Menschen zu besitzen; das Recht, gleich anderen eine Beschäftigung zu suchen; unberechtigte Durchsuchungen und Beschlagnahme nicht fürchten zu müssen. Fähig zu sein, als Mensch zu arbeiten, die praktische Vernunft einzusetzen und in sinnvolle Beziehungen zu anderen Beschäftigten auf der Basis gegenseitiger Anerkennung zu treten“ (Nussbaum 2015, S. 41–42).

Nussbaum sieht den Zugang zu diesen zehn Capabilities für alle Bürger*innen als „[…] eine notwendige Bedingung gesellschaftlicher Gerechtigkeit“ (Nussbaum 2015, S. 48). Die Konkretisierung der einzelnen Capabilities ist, ihrer Ansicht nach, Aufgabe der einzelnen Länder und kann in Form einer „Schwelle“, als hinreichendes gesellschaftliches Minimum, festgelegt werden. Nussbaum schlägt vor, dass diese „Schwelle“ von jedem Land selbstständig, unter Berücksichtigung der länderspezifischen Traditionen und seiner Geschichte, festgelegt wird (Nussbaum 2015, S. 47–49). Sie bezeichnet die Liste als einen Vorschlag, der als Diskussionsgrundlage dienen kann (Nussbaum 2015, S. 44). Gleichzeitig geht sie aber davon aus, dass eine Auflistung hilft, Versäumnisse in der Gewährleistung aufzuzeigen und Machtmissbrauch vorzubeugen (Alkire und Deneulin 2009, S. 43).

3 Quellenangaben

Alkire, Sabina und Séverine Deneulin, 2009. The Human Development and Capability Approach. In: Séverine Deneulin und Lila Shahani, Hrsg. An introduction to the human development and capability approach: Freedom and agency. International Development Research Centre. Sterling: Earthscan, S. 22–48. ISBN 978-1-55250-470-3

Nussbaum, Martha C., 2011. Creating capabilities: The human development approach. Cambridge: Belknap Press of Harvard University Press. ISBN 978-0-674-05054-9

Nussbaum, Martha C., 2015. Fähigkeiten schaffen: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität. Freiburg im Breisgau: Alber. ISBN 978-3-495-48669-6

Sen, Amartya, 1992. Inequality reexamined. Oxford: Oxford University Press. ISBN 978-0-19-152129-4

Autorin
Lilija Wiebe
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Zitiervorschlag
Wiebe, Lilija, 2021. Capabilities [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 23.04.2021 [Zugriff am: 10.05.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Capabilities

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