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Computerspielsucht

Dr. Armin Kaser

veröffentlicht am 11.05.2022

Synonyme: Computerspielabhängigkeit; Computersucht

Ähnlicher Begriff: Onlinespielsucht

Englisch: gaming disorder; gaming addiction; internet gaming addiction

ICD-11: 6C51 Gaming disorder

Computerspielsucht ist eine substanzungebundene Abhängigkeit, die durch die zwanghafte Nutzung von Computer- und Videospielen gekennzeichnet ist. Von normalem, unbedenklichem Computerspielen unterscheidet sich eine Computerspielsucht dadurch, dass die oder der Betroffene die Kontrolle über ihr/sein Spielverhalten verloren und die Sucht gravierende Auswirkungen auf ihren oder seinen Alltag hat.

Überblick

  1. 1 Symptome
  2. 2 Epidemiologie
  3. 3 Ursachen
  4. 4 Komorbidität
  5. 5 Diagnostik
  6. 6 Therapie
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Informationen im Internet

1 Symptome

Computerspielsucht wurde als „Internet Gaming Disorder“ bzw. „Gaming Disorder“ in das psychiatrische Diagnosemanual „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5) und in die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-11) aufgenommen und damit als eigenständige psychische Erkrankung anerkannt.

Für eine Diagnose müssen nach dem DSM-5 fünf der folgenden neun Kriterien über 12 Monate erfüllt sein:

  1. Gedankliche Eingenommenheit: Auch im Alltag kreisen die Gedanken der oder des Betroffenen vorrangig um Computerspiele und die nächste Gelegenheit zum Spielen.
  2. Entzugssymptome: Kann die oder der Betroffene nicht spielen, zeigt sie oder er psychische (Nervosität, Unruhe, Stimmungsschwankungen, Traurigkeit) oder körperliche Symptome (motorische Unruhe, Einschlafprobleme).
  3. Toleranzentwicklung: Während die Spielzeiten ansteigen, nimmt die tatsächliche Befriedigung durch und Freude an Computerspielen immer weiter ab.
  4. Fehlende Kontrolle: Versuche, den eigenen Konsum einzuschränken, scheitern.
  5. Interessenverlust: Frühere Hobbys werden aufgegeben, Freundeskreise vernachlässigt.
  6. Weitere Nutzung trotz auftauchender Probleme: Soziale und wirtschaftliche Kollateralschäden werden in Kauf genommen, um weiter spielen zu können:
  7. Vertuschen: Angehörige und Partner:innen werden über die tatsächliche Spieldauer massiv getäuscht.
  8. Flucht: Bei Verboten oder Hürden entziehen sich Süchtige der sozialen Kontrolle durch Eltern, Partner:innen oder Angehörige.
  9. Schwerwiegende Folgen: Die oder der Betroffene nimmt Beziehungskrisen, Trennungen, Verlust des Arbeitsplatzes und massive Einschränkungen der Lebensqualität in Kauf, um weiterspielen zu können.

Die Spielzeit selbst ist hingegen kein verlässliches Maß für das Vorliegen einer Computerspielsucht.

2 Epidemiologie

Studien ergeben zwischen 2 und 4 % Computerspielsüchtige in der Bevölkerung Österreichs und Deutschlands (Dreier et al. 2017; Rehbein et al. 2013, Riedl et al. 2016; Müller et al. 2012). Dabei sind alle Altersklasse gleichermaßen betroffen, mit Ausnahme einer leichten Häufung im Jugendalter.

Die Betroffenen sind überwiegend männlich. Mädchen und Frauen entwickeln eher eine Abhängigkeit nach sozialen Netzwerken (Internetabhängigkeit).

3 Ursachen

In der Regel entsteht eine Computerspielsucht durch eine ungünstige Kombination in drei Bereichen:

  1. Die Persönlichkeit des Betroffenen: Computerspielsüchtige sind tendenziell introvertierter und emotional instabiler. Sie zeigen auch eher Probleme mit Selbstkontrolle und Impulsivität. Häufig sind außerdem mangelndes Selbstvertrauen und Schwierigkeiten im Umgang mit Stress (Müller 2013).
  2. Die Gestaltung moderner Computerspiele: Erfolgreiche Spiele nutzen psychologische Mechanismen wie intermittierende Belohnungsmechanismen, die das Suchtpotenzial erhöhen (Wölfling et al. 2012). Zudem erfordern viele populäre Genres (Online Rollenspiele, Battle Royal) Teamarbeit, was den sozialen Druck auf die Mitglieder weiterzuspielen erhöht.
  3. Ungünstige Strukturen in Familie, Umwelt und Gesellschaft: Schicksalsschläge wie Todesfälle oder Trennung der Eltern, Umzug in eine fremde Stadt oder Mobbingerfahrungen können süchtiges Verhalten auslösen. Gesellschaftliche Entwicklungen wie die ständige Verfügbarkeit von Spielen am Smartphone, hoher Leistungsdruck und soziale Vereinsamung begünstigen eine Sucht ebenfalls.

4 Komorbidität

Mehr als 90 % der Abhängigen leiden neben der Computerspielsucht an einer weiteren psychischen Erkrankung. Am häufigsten sind: Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, ADHS und Angststörungen (González-Bueso et al. 2018).

5 Diagnostik

Für die Unterscheidung zwischen normalem und süchtigem Computerspielen sollte auf validierte psychologische Fragebögen zurückgegriffen werden. Im deutschsprachigen Raum wird am häufigsten die „Skala zum Computerspiel-Suchtverhalten“ von Wöfling et al. (2010) verwendet. Im englischsprachigen Raum findet der „Internet Addiction Test“ von Young (1998) Anwendung.

6 Therapie

Für die Behandlung von Computerspielsucht gibt es mehrere spezielle Therapieprogramme, die sich vor allem auf Techniken aus der psychologischen Verhaltenstherapie stützen (Illy und Florack 2021; Wöfling et al. 2012).

Die Programme werden meist in ambulanter Betreuung durchgeführt und bestehen aus Einzeltherapie und Gruppensitzungen. In der Psychoedukation lernen die Betroffenen ihre Erkrankung besser kennen und entwickeln ein Modell, wie die Computerspielsucht bei ihnen entstanden ist.

Für den Alltag erlernen sie Strategien, um mit schlechter Stimmung und Rückschlägen umzugehen. Ein wichtiger Bestandteil ist auch, die freigewordene Zeit systematisch mit Aktivitäten zu füllen, neue Hobbys aufzunehmen und ehemalige Freundeskreise wieder zu aktivieren.

Neben der Computerspielsucht müssen auch psychische Begleiterkrankungen behandelt werden. Bei Depressionen, ADHS und Angststörungen können deshalb auch medikamentöse Interventionen in Betracht kommen.

7 Quellenangaben

Dreier, Michael, Klaus Wölfling, Eva Duven, Sebastián Giralt, Manfred Beutel und Kai W. Müller, 2017. Free-to-play: About addicted Whales, at risk Dolphins and healthy Minnows.Monetarization design and Internet Gaming Disorder. In: Addictive Behaviors. 64, S. 328–333. ISSN 1873-6327

González-Bueso, Vega, Juan José Santamaría, Daniel Fernández, Laura Merino, Elena Montero und Joan Ribas, 2018. Association between Internet Gaming Disorder or Pathological Video-Game Use and Comorbid Psychopathology: A Comprehensive Review. In: International journal of environmental research and public health. 15(4), S. 668. ISSN 1661-7827

Illy, Daniel und Jakob Florack, 2021. Behandlungsmanual Videospiel- und Internetabhängigkeit. München: Elsevier. ISBN 978-3-437-23056-1

Müller, Kai W., 2013. Spielwiese Internet: Sucht ohne Suchtmittel. Berlin: Springer Spektrum. ISBN 978-3-642-38001-3

Müller, Kai W., Marcella Ammerschläger, Franz Joseph Freisleder, Manfred E. Beutel und Klaus Wölfling, 2012. Suchtartige Internetnutzung als komorbide Störung im jugendpsychiatrischen Setting. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 40(5), S. 331–339. ISSN 1422-4917

Rehbein, Florian, Thomas Mößle, Nicolas Arnaud und Hans-Jürgen Rumpf, 2013. Computerspiel- und Internetsucht. In: Nervenarzt. 84(5), S. 569–575. ISSN 0028-2804

Riedl, David, Andrea Stöckl, Charlotte Nussbaumer, Gerhard Rumpold, Kathrin Sevecke und Martin Fuchs, 2016. Nutzungsmuster von Internet und Computerspielen. In: neuropsychiatrie. 30(4), S. 181–190. ISSN 0948-6259

Wöfling, Klaus, Christina Jo, Isabel Bengesser, Manfred E. Beutel und Kai W. Müller, 2012. Computerspiel- und Internetsucht: Ein kognitiv-behaviorales Behandlungsmanual. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-021697-6

Wölfling, Klaus, Kai W. Müller und Manfred E. Beutel, 2010. Diagnostic measures: Scale for the Assessment of Internet and Computer game Addiction (AICA-S). In: Dorothee Mücken, Annette Teske, Florian Rehbein, Bert te Wildt, Hrsg. Prevention, diagnostics, and therapy of computer game addiction. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 212–215

Young, Kimberly S., 1998. Internet addiction: The emergence of a new clinical disorder. In: CyberPsychology & Behavior. 1(3), S. 237–244. ISSN 1094-9313

8 Informationen im Internet

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Zitiervorschlag
Kaser, Armin, 2022. Computerspielsucht [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 11.05.2022 [Zugriff am: 27.06.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Computerspielsucht

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