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Coolness-Training

Abkürzung: CT (Die Abkürzung ist markenrechtlich geschützt.)

Das Coolness-Training (CT) ist ein Derivat des Anti-Aggressivitäts-Trainings (AAT). Im Unterschied dazu setzt es aber nicht deliktspezifisch an, sondern wurde vielmehr als ein primär präventives Angebot zur Vermeidung oder Verringerung aggressiven und gewaltförmigen Verhaltens bei älteren Kindern und Jugendlichen entwickelt.
Dieses Sozialtraining kommt überwiegend in Schulen und in der Jugend(sozial)arbeit zur Anwendung. Zentrales Ziel ist die Opfervermeidung. Es richtet sich daher in der Regel nicht nur an gewaltaffine ältere Kinder und Jugendliche, sondern auch an deren potenzielle wie tatsächliche Opfer, an „scheinbar“ unbeteiligte Dritte sowie an den jeweiligen institutionellen Kontext wie z.B. Schule, pädagogische Einrichtung.
Mit einem CT soll prosoziales Verhalten und der konstruktive Umgang mit Problem- und Konfliktsituationen gefördert, (potenzielle) Opfer gestärkt, gewaltbereite Akteure sensibilisiert und begrenzt sowie das soziale Klima signifikanter sozialer Kontexte (z.B. Schulklasse) verbessert werden.
Das CT basiert wie das AAT auf kognitionspsychologischen Theorieansätzen und ist als eine Methode der Konfrontativen Pädagogik konzipiert.
Die Teilnahme am CT ist absolut freiwillig. Eine Einverständniserklärung seitens der Schule, der Eltern und der Teilnehmenden ist unverzichtbare Voraussetzung.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Anwendungsbereiche und mögliche Rechtsgrundlagen
  3. 3 Entwicklung, systematischer Ort und theoretischer Hintergrund
  4. 4 Pädagogischer Ansatz, Zielstellung und Zielgruppen
  5. 5 Formaler Rahmen, Prinzipien, Lernziele und pädagogische Mittel
    1. 5.1 Prinzipien
    2. 5.2 Lernziele und pädagogische Mittel
  6. 6 Trainingsstandards und Trainerqualifikation
  7. 7 Empirische Evaluation
  8. 8 Kritische Würdigung
  9. 9 Quellenangaben
  10. 10 Literaturhinweise
  11. 11 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Die Konfrontative Pädagogik dehnt mit dem Coolness-Training ihren Anwendungsbereich auf die primäre Gewaltprävention aus. Als freiwillig wahrzunehmendes Angebot setzt es ressourcenorientiert sowie alters- und situationsangemessen in Schule und Jugendarbeit an.

Dieses Sozialtraining basiert auf sozial-kognitiven Theorieansätzen und bezieht auf methodischer Ebene Elemente der Gruppen- und Freizeitpädagogik ein. Sein oberstes Ziel ist die Opfervermeidung.

Das CT ist systemisch ausgerichtet und folgt der Erkenntnis, dass nicht nur der aggressive junge Mensch, sondern auch die anderen beteiligten Akteure und der institutionelle Kontext für Gewaltereignisse verantwortlich sind.

Das CT ist entwicklungsgeschichtlich mit dem Anti-Aggressivitäts-Training eng verwandt, dennoch unterscheiden sich beide Programme deutlich voneinander. Dieser Unterschied wird jedoch u.a. auch in der Anwendungspraxis nicht immer deutlich. Kritische Stimmen fordern daher zur Vermeidung inhaltlicher Verwirrung und Unschärfe eine deutliche Differenzierung zwischen beiden sozialpädagogischen Verfahren.

2 Anwendungsbereiche und mögliche Rechtsgrundlagen

Das Coolness-Training ist eine Maßnahme der Gewaltprävention in den Bereichen Schule und Jugend(sozial)arbeit. Angebote im schulischen Zusammenhang stehen im Vordergrund.

Da dieses Sozialtraining auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht und ein Angebot ohne strafrechtlichen Zwangskontext darstellt, bieten Jugendämter, oft in Kooperation mit örtlichen Schulen, CTs als niedrigschwellige Maßnahmen der Gewaltprävention an.

Die Untersuchung von Dreßing (2016) zeigt, dass sich in Bezug auf das CT eine „vielfältige und inhomogene Angebotsstruktur herausgebildet“ (ebd., S. 35) hat. Viele Angebote verzichten auf die Nennung ihrer rechtlichen Verankerung.

Mehrere Rechtsgrundlagen sind für ein CT gegeben.

  • In der Schule kann es auf das jeweilige Schulrecht sowie die Schulsozialarbeit nach § 11 SGB VIII (Sozialgesetzbuch Achtes Buch) gestützt werden, in der Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit sind die §§ 13 und 11 SGB VIII einschlägig (ebd., S. 36).
  • In der Jugendsozialarbeit (§ 13 SGB VIII) sind Coolness-Trainings als Hilfe für sozial benachteiligte junge Menschen denkbar. Ein Individualanspruch auf Leistungen nach § 13 SGB VIII besteht jedoch nicht.
  • Im Bereich der Jugendarbeit nach § 11 SGB VIII können ebenfalls solche Trainingsmaßnahmen durchgeführt werden. Sie dienen der Entwicklungsförderung junger Menschen, soziale Beeinträchtigungen und Benachteiligungen werden nicht vorausgesetzt.
  • Coolness-Trainings sind zudem auch im Rahmen mobiler Jugendarbeit (§ 11 SGB VIII und § 13 SGB VIII) möglich.
  • Im Bundesland Hamburg können derartige Trainings als schulische Erziehungsmaßnahme (§ 49 Abs. 2 HmbSG – Hamburger Schulgesetz) angeordnet werden.

3 Entwicklung, systematischer Ort und theoretischer Hintergrund

Das CT ist eine Methode der Konfrontativen Pädagogik. Da Letztere als ein (sozial)pädagogischer Handlungsstil für besondere Zielgruppen begriffen wird (Weidner und Kilb 2011, S. 6; Gall o.J.c), lässt es sich der Sozialpädagogik/Sozialen Arbeit zuordnen.

Das Coolness-Training ist mit dem Anti-Aggressivitäts-Trainings inhaltlich eng verwandt. In der Regel werden beide Trainingsformen als zusammenhängendes Akronym (AAT/CT) gefasst.

Mit Einführung der sozialen Gruppenarbeit durch § 29 SGB VIII etablierte sich das AAT auch im Jugendhilfebereich und damit in einer nicht-justiziellen Sphäre. Die Konzipierung des CT ging mit dieser Entwicklung einher. Als primärpräventive Maßnahme sicherte es sich an Schulen und in der Jugendarbeit einen festen Platz. Damit konnte die Konfrontative Pädagogik ihre Zielgruppe von „kriminell auffälligen Gewalttätern auf lediglich gewaltgefährdete“ (Dreßing 2016, S. 9) junge Menschen erweitern.

Als kennzeichnendes Kriterium für die Unterscheidung zwischen AAT und CT schlägt Dreßing vor, „bei rechtlichen Maßnahmen, die ausschließlich an gewalttätige Jugendliche gerichtet sind, von AAT zu sprechen“, wohingegen „Maßnahmen, die neben den potenziellen Täter auch die Allgemeinheit adressieren“ als CT zu bezeichnen sind (ebd., S. 6 f.).

Wie das AAT basiert das Coolness-Training auf dem Ansatz des sozial-kognitiven Lernens nach Bandura (1991), der Konfrontativen Therapie Corsinis (1983) sowie der Provokativen Therapie nach Farrelly und Brandsma (1986).

Darüber hinaus integriert der methodische Ansatz des CT gruppenpädagogische (z.B. Guided Group-Interaction und Peer-Group Education) sowie spiel-, theater- und erlebnispädagogische Elemente.
Die Technik des „Heißen Stuhls“ kommt in diesem Training – anders als im AAT – allerdings nicht zur Anwendung.

Dieser Trainings-Ansatz verwendet einen weiten Gewaltbegriff, der nicht nur physische Formen, sondern auch Mobbing, Dehumanisierung, Herabsetzung u.a. umfasst.

4 Pädagogischer Ansatz, Zielstellung und Zielgruppen

Das CT ist ein Angebot für ältere Kinder und Jugendliche und beruht grundsätzlich auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Trainerinnen und Trainer benötigen daher mehrere Interventionsberechtigungen, z.B. das Einverständnis der Eltern, der Schulklasse oder Gruppe, der involvierten PädagogInnen (z.B. LehrerInnen), der jeweiligen Institution und natürlich das der unmittelbar betroffenen jungen Menschen.

Das CT setzt ressourcenorientiert und altersangemessen an und wird als eine situationsspezifische Mischung aus Kompetenzförderung und Anti-Aggressivitäts-Training verstanden (Gall o.J.a).

Da dieses Training in erster Linie nicht deliktspezifisch ausgerichtet ist, bildet die jeweilige AggressorIn und die Konfrontation ihres Fehlverhaltens nicht den einzigen Mittelpunkt des Geschehens. Vielmehr zeigt das CT eine systemische Ausrichtung (Gall o.J.a) und nimmt besonders das „Handlungsviereck von Täter, Opfer, Gruppe und Einrichtung“ (Gall 2011, S. 132) und, in Zusammenhang mit der Schule, auch die Eltern in den Blick. Alle diese Elemente sind „auf ihre spezifische Weise und in vernetzter Form für die Bedingungen der Gewaltereignisse verantwortlich“ (ebd., S. 132). Die Ressourcen dieses Netzes und seiner Teile sollen für die Zielerreichung nutzbar gemacht werden.

Zuvörderst geht es um Opfervermeidung. Es wird der Erkenntnis Rechnung getragen, dass Opfer und zuschauende Dritte eine nicht unwichtige Rolle bei der Entstehung, Eskalation und Verfestigung von Gewalthandlungen spielen.

Kinder und Jugendliche sollen ihre Handlungskompetenzen in alltäglichen Konfliktsituationen verbessern und erweitern sowie einen friedfertigen Umgang miteinander habitualisieren. Neben der Förderung allgemeiner sozialer Kompetenzen, der Selbstbehauptung und eines deeskalierenden Verhaltens, stehen der Abbau von Feindseligkeit, die Sensibilisierung für Wirkungen und Folgen aggressiven Handelns sowie die Befähigung der Peer-Gruppe, selbstregulativ Konfliktsituationen gewaltfrei bewältigen zu können, im Vordergrund.

Aggressionsbereiten Kindern und Jugendlichen werden durch das CT klare und eindeutige Verhaltensorientierungen vermittelt. Bei Regel- und Normverstößen erfolgt sofortige Konfrontation. Opfer lernen, in Bedrohungssituationen keine Unterlegenheit zu signalisieren und sich nicht das Heft des Handelns aus der Hand nehmen zu lassen. Zuschauende Dritte werden befähigt, gewaltförmige Vorkommnisse angemessen zu erfassen, sich nicht einschüchtern zu lassen und sich gemeinsam friedfertig sowie deeskalierend einzumischen.

Dieser Trainingsansatz akzentuiert im Besonderen drei Aspekte (Gall o.J.c):

  • Pädagogische Haltung der Trainerinnen und Trainer,
  • Wirkmacht der Peer-group,
  • belastbare Beziehungen zwischen den Professionellen und den Trainingsmitgliedern sowie innerhalb der Trainingsgruppe.

Idealtypisch lässt sich der methodische Ansatz eines CT wie folgt skizzieren: Klassen- und cliqueneigene Muster von Aggression, Gewalt, Ausgrenzung und Herabsetzung werden von den Trainerinnen und Trainern aufgenommen und im Laufe des Arbeitsprozesses im Sinne der Trainingsziele verändert. Dabei kommt der Gruppe der Peers eine besondere Bedeutung zu. CT ist, ganz der Sozialen Gruppenarbeit ähnlich, sozialpädagogisch geführte Gruppeninteraktion; die Wirkmacht der Gruppe wird für den Trainingserfolg gezielt genutzt. Dabei geht es insbesondere um die Entwicklung einer förderlichen Gruppenkultur

Von den Professionellen wird eine besondere pädagogische Haltung erwartet. Sie sollen sich eindeutig und klar verhalten, beharrlich, angstfrei und bereit sein, in die Konfrontation zu gehen. Ihrer Qualifizierung wird daher eine große Bedeutung beigemessen.

Bedeutend für den Ansatz des Coolness-Trainings ist zudem die alte (sozial)pädagogische Erkenntnis, dass eine Veränderungsbereitschaft besonders auch bei jungen Menschen erst entsteht, wenn belastbare persönliche Beziehungen entstanden sind, zwischen den Professionellen und den TrainingsteilnehmerInnen, aber auch innerhalb der Gruppe. Diese Beziehungen werden als bedeutendes „Konformitätsband“ begriffen (Gall o.J.c).

5 Formaler Rahmen, Prinzipien, Lernziele und pädagogische Mittel

Die Dauer eines Coolness-Trainings variiert abhängig von der konkreten Situation in der Klasse oder Jugendgruppe. In der Regel findet es über drei bis sechs Monate statt. Die Mindestdauer beträgt 40 Stunden verteilt über drei Monate. Pro Woche werden ein bis zwei Sitzungen angeboten, die jeweils zwischen 60 und 90 Minuten dauern. Darüber hinaus ist es möglich, ein Training auch als Projektwoche durchzuführen.

Die Größe einer Trainingsgruppe liegt zwischen 6–25 TeilnehmerInnen. Mindestens eine zertifizierte Fachkraft und eine sog. Co-TrainerIn (ExpertIn für die Klasse oder Gruppe) tragen die pädagogische Verantwortung.

Jede einzelne Trainingssitzung folgt im Prinzip einer gleichen formalen Struktur: Begonnen wird mit einem Warming-up, darauf folgen Kampf- und Bewegungsspiele und danach die Bearbeitung des jeweiligen inhaltlichen Schwerpunktes. Mit einer Entspannung (Cool-down) und einer Abschlussaktion schließt die jeweilige Sitzung ab (Gall o.J.a).

5.1 Prinzipien

Einem Coolness-Training liegen allgemeine Prinzipien zu Grunde, die die pädagogische Arbeit kennzeichnen und für alle Teilnehmenden verbindlich sind

Mit ihnen werden zentrale normative und pragmatische Inhalte des Trainings zum Ausdruck gebracht.

Sinngemäß lauten diese Prinzipien (Gall o.J.c):

  • Kein Mensch hat das Recht, andere Menschen zu beleidigen, auszugrenzen oder zu verletzen.
  • Aggression und Gewalt sind zwar Gegebenheiten menschlichen Verhaltens, werden aber nicht akzeptiert und bedürfen einer Kultivierung durch Normen und Regeln.
  • Eine Missachtung dieser Grundsätze hat unweigerlich eine Konfrontation zur Folge.
  • Hierbei handelt es sich um eine „wohlwollende Konfrontation“, welche ein wesentliches Mittel des Trainings ist.
  • Die Konfrontation wird von allen Teilnehmenden akzeptiert und unterstützt.
  • Kinder und Jugendliche tragen Verantwortung für ein friedfertiges Miteinander in der Gruppe oder Schulklasse.

5.2 Lernziele und pädagogische Mittel

Auf dieser Grundlage verfolgt ein CT eine Reihe anspruchsvoller Lernziele (Gall 2011, S. 135 f.), wie z.B.

  • Verbesserung der eigenen Selbst- und Körperwahrnehmung;
  • Förderung und Sensibilisierung der Eigen- und Fremdwahrnehmung (z.B. Bewusstmachung aggressiver Anteile, körperlicher Reaktionen und Ausdrucksformen; Erkennen der eigenen Befindlichkeit in Konfliktsituationen, Wahrnehmung eigener Täter – bzw. Opferdispositionen; Erfassung und Überprüfung nonverbaler und verbaler Kommunikationsmuster);
  • Erkennen der eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen;
  • Ausprobieren und kritisches Überprüfen von Verhaltens- und Reaktionsmöglichkeiten in Konfliktsituationen;
  • Auseinandersetzung mit den verschiedenen subjektiven Wahrheiten in einer schwierigen sozialen Situation;
  • Auseinandersetzung mit den Befindlichkeiten von Gewaltopfern;
  • Einsicht in die Notwendigkeit der Kultivierung gewaltförmigen Verhaltens;
  • Erhöhung der Frustrationstoleranz, Erlernen des Aushaltens von Provokationen;
  • Einüben und Erproben von Verhaltensmöglichkeiten zur Entschärfung und Beruhigung konfliktträchtiger Situationen;
  • Vermittlung positiver Erfahrungen in und mit der Gruppe;
  • Konfrontation aggressiver und gewaltförmiger Verhaltensweisen im Kreise der Gruppe;
  • potenzielle Opfer erkennen und erproben (mit Hilfe der Gruppe) Verhaltensoptionen, die zugeschriebene Rolle zu verlassen oder erst gar nicht anzunehmen.

In diesem Training kommen verschiedene Spiele und Übungen zur Anwendung (ebd., S. 133 f.):

  • Körperlich betonte Spiele
  • Rollenspiele
  • Interaktionspädagogische Übungen
  • Visualisierungstechniken
  • Deeskalationsübungen
  • Konfrontative Feedback-Runden
  • Übungen zur Entwicklung von Opferperspektiven
  • Entspannungs- und Vertrauensübungen.

6 Trainingsstandards und Trainerqualifikation

Im Rahmen einer berufsbegleitenden Ausbildung zur/zum AAT-/CT-Trainerin/Trainer werden spezifische Inhalte für ein Coolness-Training vermittelt (Gall o.J.a).

Eine solche Qualifizierung ist in Deutschland lediglich an zwei Instituten möglich, dem Deutschen Institut für Konfrontative Pädagogik in Hamburg und dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt. Andere Ausbildungsangebote werden nicht akzeptiert.

Ab 2017 ist die TrainerInnenlizenz spätestens drei Jahre nach Abschluss im Rahmen einer Nachqualifizierung zu aktualisieren.

7 Empirische Evaluation

Obwohl es sich bei dem AAT und dem CT z.B. in Bezug auf Zielgruppen und Arbeitsansatz um unterschiedliche Verfahren handelt, werden in einschlägigen Evaluationsstudien beide Trainingsansätze nicht gesondert untersucht (z.B. Eggert und Feuerhelm 2007). Eine präzise Identifizierung und Differenzierung spezifischer Ergebnisse für das CT ist daher kaum möglich.

Eine im Jahre 2004 durchgeführte, nicht repräsentative SchülerInnen- und LehrerInnenbefragung in Oberhausen wendet sich ausschließlich dem Coolness-Training zu. Diese kommt zu einem unspezifischen, eigentlich für alle beziehungsgestützten Verfahren und pädagogischen Maßnahmen typischen Resultat, dass der Erfolg eines Coolness-Trainings von Faktoren abhängt, die vor allem im Persönlichkeitsbereich der PädagogInnen und TrainerInnen liegen. Aber auch die Qualität der Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern scheint eine förderliche Wirkung zu entfalten (Gall o.J.b)

Angesichts der starken Verbreitung und inhomogenen Vielfalt derartiger Angebote bedarf es unbedingt weiterer, speziell auf das CT gerichteter Evaluationsstudien.

Eine Begrenzung allein auf empirische Untersuchungen lässt aber andere wissenschaftliche Erkenntnisse außen vor.

Unter dem Gesichtspunkt eines erweiterten Modells der Evidenzbasierung (Beelmann 2015) wäre das CT u.a. anhand folgender Überlegungen weiterzuentwickeln:

  • Legitimationsprüfung normativer Inhalte in Bezug auf moralphilosophische Erkenntnisse und höherwertige Rechtsnormen;
  • Reflexion in Bezug auf allgemeine Theorien menschlicher Entwicklung;
  • Ableitung der spezifischen Inhalte aus gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, besonders aus empirisch bestätigten Annahmen über Ursachen und Kontexte aggressiver und gewaltförmiger Verhaltensweisen im Kindes- und Jugendalter;
  • Überprüfung der Wirksamkeit des CT im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien, ebenso auch anhand seiner Bewährung in der Praxis.

8 Kritische Würdigung

Die fachliche Auseinandersetzung mit Ansatz und Methoden der Konfrontativen Pädagogik befasst sich ebenfalls vorrangig mit dem Anti-Aggressivitäts-Training, sodass es schwierig ist, eine speziell auf das Coolness-Training gemünzte kritische Würdigung darzustellen.

Folgende Überlegungen weisen auf wichtige Entwicklungsbedarfe des CT hin:

  • Das AAT und das CT sind zwei klar voneinander abgrenzbare Programme. Jedoch dienen „die Bezeichnungen in der Praxis weniger dazu, die inhaltlichen Unterschiede der Trainingsprogramme auszudrücken“ (Dreßing 2016, S. 6). Diese begriffliche Unklarheit stiftet nicht selten Verwirrung und inhaltliche Unschärfe.
  • Obwohl das CT im pädagogischen Bereich rein primär präventiv ansetzt, wird von „TäterInnen“ geredet. Gerade weil das CT ein Derivat des AAT ist, ist es notwendig, beide konfrontative Methoden inhaltlich und begrifflich schärfer zu differenzieren, um unpassende Formulierungen und Übertragungen zu vermeiden.
  • Professionelles Handeln im Rahmen eines CT will primäre Prävention (sozial)pädagogisch gestalten und sich dabei besonders auf aggressions- und gewaltaffine, aber auch auf andere soziale Normen verletzende Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen beziehen. Darüber hinaus wendet es sich in der Regel auch an (potenzielle) Opfer, zuschauende Dritte sowie den jeweiligen institutionellen Kontext. Dass die oben genannten Prinzipien der Konfrontation eine besondere Stellung zuweisen, befremdet angesichts dieser recht unterschiedlichen Zielgruppen. Zudem fällt auf, dass die Arbeit mit der Allgemeinheit (Opfer, Zuschauer, Institution) methodisch-didaktisch, wenn überhaupt, nur vage expliziert wird.
  • Die verschiedenen Anleihen aus anderen (sozial)pädagogischen Theoriebereichen (wie z.B. Gruppenpädagogik, Erlebnispädagogik, Spiel- und Theaterpädagogik) werden nicht konkret adressiert, nachvollziehbar integriert und auf ihre Kompatibilität mit dem konfrontativen Ansatz hin überprüft.
  • Es gilt als gesichert, dass in Bezug auf Aggression und Gewalt an Schulen Einflüsse der Unterrichts- und Schulkultur und des Schul- und Klassenklimas bedeutend sind (Schubarth und Melzer 2015). Für diese Autoren heißt die Vermeidung von Mobbing und Gewalt vor allen Dingen „Schulentwicklung zu betreiben“ (ebd., S. 403). Systemische Schulsozialarbeit teilt ein solches Verständnis, da sie sich nicht als „soziale Feuerwehr“ begreift. Sinnfällig wäre, nicht zuletzt aus Gründen der Nachhaltigkeit, die Integration des CT – welches ja ebenfalls systemisch ansetzen will (siehe oben) – in eine solche Schulsozialarbeit. Leider leisten die vorliegenden Entwürfe hierfür keine ausreichende Grundlage. Gerade die Arbeit mit und in dem s.g. „Handlungsviereck“ (Gall o.J.a) sollte genauer ausformuliert und methodisch operationalisiert werden.

9 Quellenangaben

Bandura, Albert, 1991. Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-12-920511-2

Beelmann, Andreas, 2015. Konstruktion und Entwicklung von Interventionsmaßnahmen. In: Wolfgang Melzer, Dieter Hermann, Uwe Sandfuchs, Mechthild Schäfer, Wilfried Schubarth und Peter Daschner, Hrsg. Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, S. 340 - 346. ISBN 978-3-8252-8580-7 [Rezension bei socialnet]

Corsini, Raymond J., 1983. Konfrontative Therapie. In: Raymond J. Corsini und Gerd Wenninger, Hrsg. Handbuch der Psychotherapie. Weinheim: Beltz, S. 555–570. ISBN 978-3-407-83057-9

Dreßing, Claudia, 2016. Das Anti-Aggressionstraining als Maßnahme der Jugendhilfe und Jugendstrafrechtspflege [Dissertation]. Heidelberg: Universität Heidelberg. Lit.-Verlag. ISBN 978-3-643-13513-1 [Rezension bei socialnet]

Eggert, Anne und Wolfgang Feuerhelm, 2007. Evaluation des Anti-Aggressivitäts-Trainings und des Coolness-Trainings in Mainz [online]. Mainz: Katholische Fachhochschule Mainz [Zugriff am: 14.06.2018]. PDF e-Book. Verfügbar unter http://www.konfrontative-paedagogik.de/uploads/aat-ct-evaluation-mainz-2007.pdf

Farrelly, Frank und Jeffrey M. Brandsma, 1986. Provokative Therapie. Berlin, Heidelberg: Springer. ISBN 978-3-540-16666-5

Gall, Reiner, 2011. Curriculum und Methodik des CoolnessTrainings. In: Jens Weidner und Rainer Kilb, Hrsg. Handbuch Konfrontative Pädagogik. Grundlagen und Handlungsstrategien zum Umgang mit aggressivem und abweichendem Verhalten. Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 132–139. ISBN 978-3-7799-0796-1

Gall, Reiner, [kein Datum]a. Coolness-Training (CT®) [online]. Bochum: Reiner Gall [Zugriff am 11.06.2018]. Verfügbar unter: http://www.coolness-training.de/leistungen/coolness-training/

Gall, Reiner, [kein Datum]b. Evaluation [online]. Bochum: Reiner Gall [Zugriff am 07.06.2018]. Verfügbar unter: http://www.coolness-training.de/fachartikel/evaluation/

Gall, Reiner, [kein Datum]c. Konfrontative Pädagogik [online]. Bochum: Reiner Gall [Zugriff am 13.06.2018]. Verfügbar unter: http://www.coolness-training.de/fachartikel/konfrontative-paedagogik/

Schubarth, Wilfried und Wolfgang Melzer, 2015. Schulische Strategien und Programme der Gewaltprävention. In: Wolfgang Melzer, Dieter Hermann, Uwe Sandfuchs, Mechthild Schäfer, Wilfried Schubarth und Peter Daschner, Hrsg. Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, S. 397–404. ISBN 978-3-8252-8580-7 [Rezension bei socialnet]

Weidner, Jens und Rainer Kilb, Hrsg., 2011. Handbuch konfrontative Pädagogik. Grundlagen und Handlungsstrategien zum Umgang mit aggressivem und abweichendem Verhalten. Weinheim und München: Juventa Verlag. ISBN 978-3-7799-0796-1

10 Literaturhinweise

Weidner, Jens und Rainer Kilb, Hrsg., 2011. Handbuch konfrontative Pädagogik. Grundlagen und Handlungsstrategien zum Umgang mit aggressivem und abweichendem Verhalten. Weinheim und München: Juventa Verlag. ISBN 978-3-7799-0796-1

11 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Gerd Krüger.


Zitiervorschlag
Krüger, Gerd, 2018. Coolness-Training [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 28.08.2018 [Zugriff am: 15.11.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Coolness-Training

Urheberrecht
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Autor

Prof. Dr. Gerd Krüger
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veröffentlicht am 28.08.2018

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