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Critical Incident Technique

Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf

veröffentlicht am 25.03.2024

Abkürzung: CIT

Synonym: Critical Incident Methode

Etymologie: engl. critical kritisch; engl. incident Vorfall, Ereignis; engl. technique Methode, Technik, Verfahren

Deutsch: Methode der kritischen Ereignisse

Die Critical Incident Technique (CIT) ist ein Instrument zur Aufdeckung und Auswertung von kritischen Ereignissen. Es wird zumeist als halbstrukturiertes Interviewverfahren zur Anforderungsanalyse eingesetzt. Die CIT kommt seit Jahrzehnten beim Militär und bei der Polizei zum Einsatz. Anwendung findet sie heute aber auch in diversen anderen Bereichen, u.a. im Personalmanagement, in der Flugsicherung, in Krankenhäusern und Kernkraftwerken sowie in der Kinder- und Jugendhilfe.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Entstehung und Anwendungsmöglichkeiten
  3. 3 Merkmale der CIT
  4. 4 Anwendung der CIT
    1. 4.1 Untersuchungsziel
    2. 4.2 Untersuchungsplan
    3. 4.3 Datenerhebung
    4. 4.4 Datenanalyse
    5. 4.5 Dateninterpretation
  5. 5 Mögliche Vorteile der CIT
  6. 6 Mögliche Nachteile der CIT
  7. 7 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Bei der CIT handelt es sich um eine Form der teilstandardisierten Befragung, bei der kritische Vorfälle/Ereignisse fokussiert werden. Ziel der Methode ist es, mittels systematischer Analyse detaillierte Informationen über komplexe Situationen und Prozesse zutage zu fördern, in denen das Bewältigungshandeln der Beteiligten sichtbar wird. Die CIT eignet sich, um Handlungsversäumnisse und Kompetenzen zu identifizieren. Insbesondere in Organisationen und Arbeitsfeldern, in denen kleine Fehler katastrophale Folgen nach sich ziehen können, kann die Nutzung der CIT ein probates Mittel zur kontinuierlichen Leistungsverbesserung sein.

Durch die Analyse vergangener Ereignisse soll die Methode kritischer Ereignisse dazu beitragen, Fehler, die gravierende Auswirkungen haben können, zukünftig zu vermeiden bzw. sie zu verringern. Als Kritikpunkt an der CIT wird ihre mangelnde Objektivität genannt, da bei der Methode allein auf subjektive Darlegungen von sich selektiv erinnernden Personen vertraut werde. Daher kann die alleinige Nutzung der CIT unzureichend sein, wenn die Ausprägung einer achtsamen Fehlerkultur angestrebt wird. Im Rahmen eines triangulativen Methodenmixes kann die CIT-Anwendung aber von Nutzen sein.

2 Entstehung und Anwendungsmöglichkeiten

Entwickelt wurde die CIT von John C. Flanagan (1906–1996) in den 1940er-Jahren im Rahmen eines Flugpsychologieprogramms der US-Luftwaffe zur Auswahl von Flugzeugbesatzungen. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges etablierte sich die CIT dann auch in zivilen Bereichen, u.a. in der Flugsicherung und Wirtschaft, insbesondere im Rahmen der Personalauswahl. Im Laufe der letzten Jahrzehnte diversifizierte sich das Anwendungsfeld der CIT noch weiter.

Heutzutage kommt sie auch bei der Polizei, im Personal- und Customer-Service-Management, in der Organisations- und Pflegeforschung, auf Intensivstationen im Krankenhaus, in Atomkraftwerken und im Rahmen der Sicherstellung des Kindeswohlschutzes im Jugendamt zur Anwendung (Chell 1998, S. 52; Stauss 1993, S. 411; Reuschenbach 2008, S. 147–149; Gwenn Hiller 2009). Flanagan selbst zeigte ab den 1950er-Jahren, in denen er Untersuchungen an Schulen durchführte, dass die CIT auch in Handlungsfeldern der pädagogischen Psychologie von Nutzen sein kann, etwa bei der Entwicklung individualisierter, leistungsgerechter Curricula.

3 Merkmale der CIT

Die CIT ist eine teilstrukturierte Methode. Der Befragungs- bzw. Beobachtungskontext ist vorgegeben, die Analyse der daraus gewonnenen Daten wird aber mitbestimmt durch die Gegebenheit der Befragung und das Feld. Aus dem englischen Begriff „critical incident“ wird unmittelbar deutlich, was die relevanten Kriterien dieser Technik sind:

„By an incident is ment any observable human activity that is sufficiently complete in itself to permit inferences and predictions to be made about the person performing the act“ (Flanagan 1954, S. 327).

Das Ziel ist das Aufdecken von Handlungen, die so bedeutsam sind, dass sie wahrscheinlich eine Aussage über späteres Verhalten erlauben. Reuschenbach (2008, S. 144) zufolge ermöglicht die CIT die systematische Definition von Kompetenzanforderungen, die sich als zweckmäßig für die erfolgreiche Bearbeitung kritischer Ereignisse (CI) erwiesen haben. Anders als in der Alltagssprache gebräuchlich, ist das Adjektiv „kritisch“ im Kontext der CIT nicht notwendigerweise negativ konnotiert. Es ist der Technik keinesfalls zu eigen, dass nur fatale und letale Unfälle untersucht werden. Genauso können besonders gelungene Handlungsepisoden (Good Practices) damit analysiert werden.

Die CIT eignet sich insbesondere für die Analyse von Verhaltensweisen und Handlungsepisoden, in denen unter Unsicherheit, ohne eindeutige Vorgaben sowie unter der Prämisse des begrenzten Wissens agiert wird. Die Untersuchung kritischer Ereignisse erweist sich als praktikabel, wenn es gilt, die Unterschiede im individuellen Verhalten ersichtlich zu machen, die wirklich einen Unterschied machen. CI können auch als Lernkatalysatoren und „reminder“ dessen fungieren, dass nicht immer alles nach Plan verläuft und es daher sinnvoll sein kann, allzu detaillierten Planungen mit Skepsis zu begegnen, um keiner Kontrollillusion zu erliegen.

Es handelt sich bei der CIT einerseits um eine retrospektive Beobachtungsmethode (Was ist passiert?), mittels derer eine Antwort auf die Frage gefunden werden kann, welche Handlungen welcher Person(en) in welchem Kontext was bewirkt haben (Stauss 1993, S. 412). Andererseits ist die CIT ebenfalls eine prospektive Methode, die genutzt werden kann, um zukünftiges Verhalten zu antizipieren und Personalentscheidungen zu legitimieren (Wer wird erfolgreich sein? Wen stellen wir ein?).

Die CIT fußt auf dem Sammeln und Auswerten von Daten. Personen, deren Handlungskompetenz aufgedeckt werden soll, werden im Rahmen der CIT angehalten, ihre Erfahrungen im Umgang mit einem für sie kritischen Ereignis so detailliert wie möglich zu beschreiben. Darauf basierend werden Implikationen hinsichtlich dessen abgeleitet, welche Fähigkeiten erforderlich sind, um eine solche Situation zu meistern. Die Möglichkeiten der Datenerhebung sind variabel. Sowohl die direkte Beobachtung im Feld als auch die Analyse der Aussagen von Zeug:innen sowie die kombinierte Sichtung von Videoaufnahmen, Protokollen etc. sind möglich (Hettlage und Steinlin 2006, S. 6 ff.).

Sofern nur auf ein Instrument der Datenerhebung zurückgegriffen werden kann, hat sich das Interview als effektivstes Vorgehen herausgestellt. Dieses erlaubt am ehesten, detaillierte Informationen zu evozieren, da die Interaktivität Nachfragen und die Vertiefung bedeutsamer Aspekte erleichtert. In Fällen, in denen es Interviewten nicht möglich ist, Einzelheiten ihres Handelns zu rekapitulieren, macht die Anwendung der CIT keinen Sinn.

4 Anwendung der CIT

Hinsichtlich des konkreten Vorgehens in der CIT gibt es kein Patentrezept. Flanagan selbst (1954, S. 355) warnt vor einem unflexiblen Methodismus in deren Anwendung:

„It should be emphasized that the critical incident technique does not consist of a single rigid set of rules governing such data collection. Rather it should be thought of as a flexible set of principles which must be modified and adapted to meet the specific situation at hand“ (zit. nach Reuschenbach 2000, S. 2).

Zwecks Systematisierung und Offenlegung des Forschungsvorgehens hat es sich in der Anwendung der CIT allerdings trotz aller Unterschiedlichkeit im Detail als zweckdienlich erwiesen, fünf Schritte sequenziell zu befolgen, die Query und Kreps (1993, S. 64) in Anlehnung an Flanagan (1954) formulieren.

4.1 Untersuchungsziel

Der erste Schritt ist die Spezifizierung dessen, „was“ erforscht werden soll. Was soll erreicht werden? Welcher Arbeitsbereich steht im Fokus des Interesses? Welches potenzielle Problem ist zu lösen? Welche Hypothese gilt es zu überprüfen? Welche „blind spots“ sollen sichtbar gemacht, welche Forschungsdefizite behoben werden? Und welchen Nutzen verspricht es, gerade dies zu erforschen? Das sind Fragen, die bei der Bestimmung des Untersuchungsziels beantwortet werden sollten.

4.2 Untersuchungsplan

Nach der Zielfestlegung erfolgen die Entwicklung eines Untersuchungsplans und die Darlegung der Datenerhebungsmethode. Der Plan soll Auskunft darüber geben, welche Charakteristika kritische Ereignisse determinieren, welche Personen dazu wann und wo befragt oder beobachtet werden sollen, welche Anforderungen an Interviewpartner:innen zu stellen sind und welche Daten wie erhoben werden sollen.

4.3 Datenerhebung

Im dritten Schritt erfolgt die Datenerhebung, meist mittels Interviews. Kernelement dieses Schrittes ist es, durch Nachfragen präzise Antworten der Interviewten zu evozieren, die Aufschluss darüber geben, was wie passiert ist und welche Folgerungen sich daraus ziehen lassen. Zweckdienlich können dabei Fragen wie die folgenden sein (Chell 1998, S. 59; Hettlage und Steinlin 2006, S. 9–10; Serrat 2017, S. 1080; Stauss 1993, S. 412):

  • Wer genau tat was?
  • Wer war daran beteiligt?
  • Was taten Sie?
  • Welche Gegebenheiten führten dazu?
  • Wie beurteilen Sie dieses Ereignis?
  • Was hätten Sie anders machen können?
  • Was waren die Folgen dieses Ereignisses?
  • Wo fand das Ereignis statt?
  • Wie ist es passiert?
  • Wann fand es statt?
  • Was macht das Ereignis kritisch?
  • Was waren die Begleitumstände?
  • Was erscheint ge-/misslungen?
  • Was würden Sie heute ändern?
  • Was sind die nächsten Schritte?

Um die detaillierte Beantwortung dieser Fragen zu ermöglichen, bietet es sich an, diese in großer Schrift auf einen DIN-A4-Zettel zu schreiben und den Interviewten als Reflexionshilfe vorzulegen, wie z.B. im folgenden Schaubild:

Beispiel für eine Reflexionshilfe im Interview
Abbildung 1: Beispiel für eine Reflexionshilfe im Interview (eigene Darstellung)

Die Fragen müssen je nach Kontext und Person adaptiert werden, um eine möglichst detailreiche Schilderung zu evozieren. Der bzw. die Interviewer:in muss ein Gespür dafür entwickeln, wie er oder sie Interviewte am besten anspricht, um an die relevanten Informationen zu erlangen. Reuschenbach (2008, S. 155–156) verweist darauf, dass sich die Anzahl zu sammelnder Ereignisse erst während des Forschungsprozesses abschätzen lässt.

Flanagan (1954) zufolge kann von einer Sättigung ausgegangen werden, wenn bei 100 CI maximal zwei neue Kategorien entwickelt werden können. Das ist allerdings nur ein Richtwert, da die Sättigung auch durch die Feingliederung des gewählten Kategoriesystems, durch die verbale Kompetenz der Befragten und durch die Komplexität der geschilderten Verhaltensweisen beeinflusst wird (a.a.O., S. 156; Reuschenbach 2000, S. 3).

4.4 Datenanalyse

Der vierte Schritt beinhaltet nach Query und Kreps (1993, S. 64) die Analyse und Kategorisierung der im dritten Schritt erhobenen Daten. Zunächst müssen Ereignisse eliminiert werden, die den Mindestanforderungen nicht entsprechen, welche in der Darlegung des Untersuchungsplans genannt wurden. Es gilt, solche Ereignisse aus dem weiteren Analyseprozess auszuschließen, die der Definition nach nicht kritisch oder nicht auswertbar sind. Im Anschluss gilt es, einen allgemeinen Bezugsrahmen festzulegen, in den sich die CI einordnen lassen, aus dem Datenmaterial spezifische Haupt- und Subkategorien induktiv zu entwickeln und ein Abstraktionsniveau festzulegen, anhand dessen sich die Ereignisse kategorisieren lassen.

Stauss (1993, S. 413) betont diesbezüglich die Notwendigkeit, sich im Analyseprozess hinsichtlich der Kategorienbildung nicht zu früh festzulegen. Das Kategoriensystem stabilisiert sich erst mit der Zeit, wenn sich keine Handlungsweisen oder Ereignisse mehr finden lassen, die eine neue Kategorie rechtfertigen. Auch Reuschenbach hebt hervor, dass die gebildeten Kategorien „in kontinuierlichen Korrekturschleifen ausgeweitet, verändert und spezifiziert [werden sollten]. Die Kategorien sind dabei zunächst noch variabel, d.h. es bilden sich neue Subkategorien. Kategorien werden zusammengefasst oder verschmelzen“ (2008, S. 162).

4.5 Dateninterpretation

Den letzten Schritt in der CIT bildet die Interpretation der kategorisierten Daten. Hier gilt es zu überprüfen, inwieweit die erhobenen Daten geeignet sind, den oder die Forscher:in zu befähigen, all jene Fragen zu beantworten, die zu beantworten als Ziel der Untersuchung festgelegt wurde (Query und Kreps 1993, S. 65). Zentrale Fragen, die es durch umfassende Analyse, Interpretation und Abstraktion zu beantworten gilt, sind die folgenden:

  • Was wurde herausgefunden?
  • Was lässt sich basierend auf den gewonnenen Daten festhalten?
  • Was ist das Besondere des jeweiligen Falls?
  • Was ist gerade „nicht“ besonders?
  • Welche fallübergreifenden Handlungsmuster lassen sich rekonstruieren?
  • Was ist vom Einzelfall abstrahiert generalisierbar?
  • Welche Implikationen hinsichtlich einer etwaigen Theoriebildung oder Falsifizierung bestehender Theorien lassen sich aus dem Material ableiten?

Um selbstkritisch reflektieren zu können, ob korrekt gearbeitet wurde, d.h. ob valide Ergebnisse erzielt wurden, oder ob Faktoren unberücksichtigt blieben, die andere Interpretationen nahelegen, aber der eigenen Überzeugung zuwiderlaufen, ist eine gewisse Arroganzkontrolle geboten (Tavris und Aronson 2010, S. 171). Lassen sich die Ergebnisse anders interpretieren? Eigenen sie sich, um eine Theorie aus ihnen abzuleiten? Gab es einen „confirmation bias“ (Bestätigungsfehler)? Das muss dargelegt werden.

5 Mögliche Vorteile der CIT

Die Anwendung der CIT eignet sich, um Handlungsprozesse zu rekonstruieren und personenspezifische Fähigkeiten oder Versäumnisse sichtbar zu machen. Sofern Interviews zur Datenerhebung herangezogen werden, sollten diese offen strukturiert sein, da die kommunikativen Fähigkeiten und die Auskunftsbereitschaft von Interviewten im Vorfeld kaum verlässlich zu antizipieren sind. Der Ablauf des Interviews und die Art der Frageformulierung müssen stets an die Interviewten angepasst werden.

Das setzt Offenheit voraus. Eine Eingrenzung erfolgt zwar insofern, als kritische Ereignisse im Fokus des Interesses stehen, die Auswahlkompetenz darüber, was als „kritisch“ aufgefasst wird und was daran erzählenswert ist, bleibt aber bei den Interviewten. Daraus folgt, dass der bzw. die Interviewte bedingt durch seine bzw. ihre Auswahl dessen, was er oder sie als erzählenswert erachtet, die Kontrolle über das Geschehen behält.

Des Weiteren finden CIT-Interviews meist in einer den Interviewten vertrauten Umgebung statt, sodass davon ausgegangen werden kann, dass durch die Situationskontrolle die Auskunftsbereitschaft steigt (Hettlage und Steinlin 2006, S. 6). Ein weiterer zentraler Punkt, der für die Anwendung der CIT spricht, wird von Serrat (2017, S. 1082) hervorgehoben: Die Bitte, zu einem kritischen Ereignis Auskunft zu geben, kann zum Geschichtenerzählen anregen. Das ist ein probates Mittel, sich jenem prozeduralen Wissen zu nähern, das mittels standardisierter Verfahren schwer explizierbar ist.

Geschichten zu erzählen erlaubt das, was nicht „direkt“ gesagt wird, weil es nicht bewusst zugänglich ist oder weil die passenden Worte fehlen, dennoch auszudrücken, nämlich mittels Allegorien, Metaphern und Symbolismen, die stellvertretend für das sonst nicht zu präzisierende stehen können (Weick 1985, S. 72–77). Durch das Geschichtenerzählen werden abstrakte Erfahrungen, Regeln, Vorstellungen und Ziele erfahrbar.

Ein weiterer Aspekt, der für die Anwendung der CIT spricht, ist deren Praktikabilität hinsichtlich des Vergleichens von Fällen und bezüglich der induktiven Theoriebildung. Die CIT ermöglicht es, Merkmale des Einzelfalls herauszuarbeiten und so der Einmaligkeit des jeweiligen Kontexts gerecht zu werden. Dadurch, dass so intensiv darüber nachgedacht wird, was in einer Situation passiert ist, können blinde Flecken offengelegt werden. Die Auswertung kritischer Ereignisse kann somit auch als Katalysator für Organisationsentwicklung fungieren.

Mittels der CIT lassen sich zudem potenziell gefährliche Erfolgsverallgemeinerungen vermeiden, die zu Selbstüberschätzung und Fehleinschätzungen von Situationen führen können. Kritische Ereignisse können Komplexität offenlegen. Kritische Ereignisse zeigen, dass man Erfahrungswissen kritisch gegenüberstehen sollte. Sie zeigen, dass stets neu gelernt, verlernt, kombiniert und improvisiert werden muss. Kritische Ereignisse sind Anlass und Chance, das zu tun.

6 Mögliche Nachteile der CIT

Es stimmt zwar, dass kritische Ereignisse in der Regel gut erinnert werden. Das muss allerdings insofern relativiert werden, als das, was erinnert wird, nicht notwendigerweise dem entspricht, was tatsächlich passiert ist. Hettlage und Steinlin (2006, S. 6) bezeichnen das Phänomen als „inherent bias of retrospective judgement“. Nicht wenige Menschen neigen dazu, kognitive Dissonanzen reduzieren oder Ideologien aufrechterhalten zu wollen. Auch kann es passieren, dass Menschen ihre Handlungen aus Vergesslichkeit und Eitelkeit im Nachhinein umdeuten.

Valide Informationen über ein Ereignis lassen sich am ehesten gewinnen, wenn nur Fragen nach Handlungen im Gegensatz zu Fragen nach deren Interpretation gestellt werden. Die Validität der CIT kann gestärkt werden, wenn neben Interviews zur Ereignisrekonstruktion auf unterschiedliche Quellen wie Protokolle, Notizen, Videos, Tonaufnahmen etc. zurückgegriffen wird. Die darin enthaltenen Daten können mit den durch Interviews erlangten Informationen abgeglichen werden, was den zeitlichen und organisatorischen Aufwand der CIT allerdings deutlich ansteigen lässt.

Ein weiterer zu bedenkender Aspekt in der CIT-Anwendung ist die schwer zu testende Reliabilität der Forschungsergebnisse (Chell 1998, S. 70). Um diese zu überprüfen, können Interviewte mehrfach befragt werden. Auch das ist aus Zeit- und Kostengründen aber oft nicht möglich. Fraglich ist generell auch, ob ein qualitatives Verfahren, in dem wenige Fälle zwar umfassend, aber eben nicht repräsentativ analysiert werden, es gestatten, generalisierbare quantifizierbare Daten zu gewinnen.

Wer die Critical Incident Technique anwenden will, sollte stets berücksichtigen, dass das durch sie gewonnene Wissen stets auf subjektiven Darlegungen und Interpretationen beruht, die bisweilen von dem abweichen können, was wirklich passiert ist.

7 Quellenangaben

Chell, Elizabeth, 1998. Critical Incident Technique. In: Gillian Symon und Cathy Cassell, Hrsg. Qualitative Methods and Analysis in Organizational Research: A Practical Guide. London: SAGE, S. 51–72. ISBN 978-0-7619-5351-7

Flanagan, John C., 1954. The critical incident technique. In: Psychological Bulletin. 51(4), S. 327–357. ISSN 0033-2909

Gwenn Hiller, G., 2009. Der Einsatz der „Erweiterten Critical-Incident-Analyse“ in der kulturkontrastiven Forschung. In: Forum: Qualitative Sozialforschung. 10(1), Art. 45. ISSN 1438-5627

Hettlage, Raphaela und Marc Steinlin, 2006. The Critical Incident Technique in Knowledge Management Related Contexts. Working paper. Zürich

Query, Jim L. Jr.und Gary L. Kreps, 1993. Using the critical incident method to evaluate and enhance organizational effectiveness. In: Sandra S. Herndon und Gary L. Kreps, Hrsg. Qualitative research: Applications in organizational communication. Cresskill, NJ: Hampton Press, S. 63–77. ISBN 978-1-881303-38-1

Reuschenbach, Bernd, 2000. Grundlagen der Critical Incident Technique. August. Zugriff am: 14.07.2011. Verfügbar unter: http://www.pflegewissenschaft.org/cit_methode.pdf

Reuschenbach, Bernd, 2008. Einfluss von Expertise auf Problemlösen und Planen im komplexen Handlungsfeld Pflege. Berlin: Logos. ISBN 978-3-8325-1897-4

Serrat, Olivier, 2017. The Critical Incident Technique. In: Olivier Serrat. Knowledge Solutions [online]. Singapur: Springer [Zugriff am: 20.04.2020]. PDF e-Book. ISBN 978-981-10-0983-9. doi:10.1007/978-981-10-0983-9_123

Stauss, Bernd, 1993. Using the Critical Incident Technique in Measuring and Managing Service Quality. In: Eberhard E. Scheuing und William F. Christopher, Hrsg. The Service Quality Handbook. New York: AMACOM, S. 408–427. ISBN 978-0-8144-0119-4

Tavris, Carol und Elliot Aronson, 2010. Ich habe recht, auch wenn ich mich irre. München: Riemann. ISBN 978-3-570-50116-0

Weick, Karl E., 1985. Der Prozeß des Organisierens. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-06039-1

Verfasst von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit und Integrationsmanagement an der Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM) in Mannheim.
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Christian Philipp Nixdorf.

Zitiervorschlag
Nixdorf, Christian Philipp, 2024. Critical Incident Technique [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 25.03.2024 [Zugriff am: 21.04.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29867

Link zur jeweils aktuellsten Version: https://www.socialnet.de/lexikon/Critical-Incident-Technique

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