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Delfintherapie

Prof. Dr. Eva Stumpf

veröffentlicht am 31.03.2023

Weitere Schreibweise: Delphin­therapie

Synonym: delfingestützte Therapie

Englisch: dolphin therapy; dolphin-assisted therapy

Mit „Delfintherapie“ werden unterschiedliche Angebote bezeichnet, in denen (ein oder mehrere) Delfin(e) in einen Behandlungsprozess einbezogen werden. Wissenschaftlich solide sollte der Begriff ausschließlich für solche Angebote verwendet werden, in denen ein theoretisch begründetes Behandlungskonzept vorliegt, das von therapeutisch ausgebildetem Personal in einem zielgerichteten und strukturierten Prozess durchgeführt wird.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Angebote und Nachfrage
  3. 3 Theoretisches und therapeutisches Fundament
  4. 4 Erklärungsansätze der Wirkweise von delfingestützten Maßnahmen
  5. 5 Rolle des Delfins
  6. 6 Wirksamkeit von Delfintherapien
  7. 7 Delfinhaltung und Tierschutz
  8. 8 Hinweise für Familien
  9. 9 Quellenangaben
  10. 10 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Die Angebote, die als Delfintherapie bezeichnet werden, reichen von unstrukturierten Begegnungen zwischen Mensch und Delfin im offenen Meer bis hin zu hochstrukturieren Interventionen nach einem klaren Therapiekonzept. Ähnlich vielfältig sind die Erklärungsansätze zur Wirkweise, wovon einige als widerlegt betrachtet werden müssen. Von Therapie im hier verstandenen Sinn kann nur bei planvollem und strukturiertem Vorgehen gesprochen werden. Die Rolle des Delfins liegt in der Sicherung der Motivation der Klient:innen und wird von einer Therapeutin oder einem Therapeuten zielgerichtet eingesetzt. Wirksamkeitsstudien gibt es insgesamt noch wenige, für Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen sind positive Effekte strukturierter Delfintherapien bestätigt.

2 Angebote und Nachfrage

Angebote, die als „Delfintherapie“ bezeichnet werden, wurden seit den 1970er-Jahren zuerst in den USA und später auch in anderen Ländern (z.B. Israel, Spanien) entwickelt. Anfang der 2000er-Jahre war ein regelrechter Boom in der Ausweitung dieser Angebote zu beobachten. Hintergrund war die außerordentlich hohe Nachfrage, wobei Familien aus Deutschland kontinuierlich die größte Klientel darstellen. Befeuert wurde die Nachfrage durch emotionale Medienberichte über Einzelfälle, in denen beispielsweise Kinder mit schweren Behinderungen während oder nach einer Delfintherapie (offenbar) gravierende Entwicklungsfortschritte zeigten.

Während die Pioniere der Delfintherapien ursprünglich insbesondere Kinder mit Behinderungen mit den Delfinen in Kontakt brachten, wurden die Zielgruppen nach und nach ausgeweitet. Heutzutage existieren darüber hinaus Angebote zur Behandlung von Depression, Neurodermitis, Essstörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen sowie zur Verbesserung des Wohlbefindens (für einen Überblick Stumpf 2016). Gleichzeitig wurde die Angebotspalette auf das Erwachsenenalter ausgeweitet.

3 Theoretisches und therapeutisches Fundament

Die oben beschriebene Vielfalt der Zielgruppen sollte Interessierte stutzig machen und zu einer genaueren Analyse der Angebote veranlassen. Es ist zu hinterfragen, inwieweit ein Behandlungsangebot für derart unterschiedliche Klientelgruppen hilfreich sein kann. Theoretisch ist dies dann möglich, wenn mit der Behandlung fundamentale Prozesse verbessert werden, die für die Entwicklung von Bedeutung sind. Dies erfordert ein klares Konzept, das Aussagen zu folgenden Aspekten der Behandlung formuliert:

  • Auf welcher theoretischen Basis fußt die Behandlung? Welche Ziele werden mit der Behandlung angestrebt?
  • Wie läuft die Intervention ab und warum? Über welche Kompetenzen und Qualifkationen muss das ausführende Personal verfügen?
  • Welche Rolle wird der Therapeutin bzw. dem Therapeuten und welche dem Delfin zugeschrieben?
  • Bei welchen Indikationen (Krankheiten, Störungen) sind die in der Behandlung definierten Mechanismen bedeutsam, warum und in welcher Weise?
  • Wie wird die erwartete Wirkung der Behandlung bei den anvisierten Indikationen theoretisch erklärt?

Es ist eine sehr große Bandbreite und auch ein gewisser Wildwuchs von „Delfinangeboten“ festzustellen. Manche Anbieter werben mit der Möglichkeit, im offenen Meer frei lebenden Delfinen zu begegnen und stellen solche Begegnungen als besonders heilsam dar. In Eilat (Israel) gibt es die Möglichkeit für ähnliche Begegnungen in einer vom Meer abgetrennten Lagune. An den meisten Standorten leben die Delfine allerdings in einem Delfinarium. Bevor erläutert wird, warum dies als Voraussetzung für die Durchführung eines therapeutischen Prozesses zu betrachten ist, soll die ebenfalls große Bandbreite der Gestaltung der Begegnungen von Klien:in und Delfin unter diesen Haltungsbedingungen aufgefächert werden.

Während bei manchen Anbietern eine weitgehend unstrukturierte, freie Begegnung zwischen Klient:in und Delfin im Vordergrund steht, steuern andere den Kontakt zwischen Klient:in und Delfin in Anwendung ihres therapeutischen Konzeptes. Dabei greifen einige Anbieter auf ein klares Verstärkerkonzept zu, indem jede erwünschte Handlung des Klienten oder der Klientin mit dem Kontakt zum Delfin belohnt wird. Andere Anbieter fördern insbesondere den direkten Hautkontakt zum Tier. Wieder andere setzen den Delfin als Anreiz ein, die eigenen Fähigkeiten zur Interaktion mit diesem einzusetzen. Ein Kind mit schwerer Körperbehinderung würde beispielsweise im ersten Fall vor motorische Aufgaben gestellt und bei korrekter Ausführung mit dem Kontakt zum Delfin belohnt werden. Im zweiten Fall würde die Herstellung von direktem Körperkontakt im Mittelpunkt stehen. Wohingegen im dritten Fall verschiedene Möglichkeiten der Interaktion aufgezeigt würden – z.B. Ball spielen, den der Delfin auf der Schnauze zurück balanciert – deren Einsatz die Aktivierung und Koordination der (eingeschränkten) Motorik erfordert (Ball greifen, festhalten, ins Wasser werfen und von der Delfinschnauze nehmen) und so trainiert.

Hinter diesen verschiedenen Praktiken liegen unterschiedliche Annahmen zur Wirkweise der Intervention. Bei nahezu allen Angeboten stellt die Begegnung zwischen Klient:in und Delfin nur einen Baustein der gesamten Behandlung dar, der um weitere Maßnahmen wie Elterngespräche, Craniosacraltherapie oder Logopädie ergänzt wird.

Da „Therapie“ als planvoller, zielgerichteter und strukturierter Prozess zu verstehen ist (Stumpf 2006), kann festgehalten werden, dass

  • eine Delfintherapie stets eine strukturierte, auf die Therapieziele ausgerichtete Begegnung zwischen Klient:in und Delfin erfordert, die von der Therapeutin bzw. dem Therapeuten angeleitet und gesteuert wird.
  • Delfine nicht als „Therapeuten“ agieren können. Vielmehr werden sie von fachkundigem Personal als Medium eingesetzt, um die Therapieziele besser erreichen zu können.

Insofern wird nachvollziehbar, warum der Einsatz von Delfinen für eine Intervention, die den Anspruch einer Therapie erhebt, mit in menschlicher Obhut lebenden und für den Kontakt mit Menschen gut vorbereiteten Delfinen erfolgen sollte.

4 Erklärungsansätze der Wirkweise von delfingestützten Maßnahmen

Die mögliche Wirkung des Kontakts zu Delfinen wird von den Anbietern im Wesentlichen auf einen der vier unterschiedlichen Aspekte zurückgeführt (Stumpf 2016):

  1. Die vom Delfin ausgesendeten Sonarwellen.
  2. Biophilie: Affinität des Menschen zur Natur.
  3. Die Ausweitung der Aufmerksamkeitsspanne.
  4. Eine Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten und des Sozialverhaltens.

Positive Wirkungen durch die Sonarwellen können in Therapiesitzungen unabhängig vom Setting (Delfinarium oder im offenen Meer) nach Stand der Forschung (Stumpf 2016) als widerlegt betrachtet werden.

Die Biophilie-Hypothese kann wohl die Faszination des Menschen für Delfine und insbesondere das Streben nach einer Begegnung mit frei lebenden Delfinen in deren natürlichen Habitat erklären. Wie oben bereits erläutert worden ist, erfüllen diese Maßnahmen allerdings nicht die Kriterien einer Therapie.

Die Erklärungsansätze 3 und 4 wurden für die Behandlung von Kindern mit Behinderungen formuliert. Sie basieren auf wissenschaftlich gut fundierten Theorien und empirischen Befunden zu dieser Klientel. Beiden liegt die Hypothese zugrunde, dass der Delfin ein hochattraktiver Interaktionspartner für den Menschen ist.

5 Rolle des Delfins

Delfine üben auf die meisten Menschen eine hohe Anziehung aus. Dafür sprechen auch etliche mythologische Überlieferungen. Doch auch äußere Merkmale tragen vermutlich dazu bei. Nicht zufällig wird in den meisten delfingestützten Programmen der Große Tümmler eingesetzt, dessen gewölbte Stirn ihn trotz seiner beachtlichen Körperlänge von bis zu 4 m niedlich und harmlos erscheinen lässt. Seinem nach hinten gezogenen Maul verdankt er das für uns Menschen anhaltend lächelnde Aussehen – das allerdings weder veränderbar noch Ausdruck seiner aktuellen Stimmungslage ist.

Auf uns Menschen übt dieses lächelnde Gesicht in Verbindung mit dem schlanken Körper und den eleganten Bewegungen eine hohe Anziehung aus. Erste Studien zeigen, dass wir Delfinen deutlich mehr positive und weniger negative Eigenschaften zuschreiben als anderen Tieren (Stumpf 2019). All dies führt dazu, dass Menschen dieses Tier lange und gerne ansehen und Interesse an direkter Interaktion haben, während der wir seine Verhaltenssignale – häufig unbegründet – durchgehend positiv deuten.

Für den Einsatz in Therapien birgt diese anziehende Wirkung ein hohes Potenzial, denn die Klient:innen sind hoch motiviert, ihr motorisches und kommunikatives Repertoire einzusetzen, um mit dem Delfin interagieren zu können. Erfahrene Physiotherapeut:innen berichten, dass sie sich während einer Delfintherapie im Unterschied zu ihrer herkömmlichen Behandlung von Kindern mit körperlichen Behinderungen keine Mühe geben müssen, diese für die therapeutische Arbeit zu motivieren.

Für den Einsatz in einer Therapie bringen Delfine weitere Vorteile mit sich. Sie sind gut trainierbar und zeigen dann auf verschiedene Handzeichen ihres Delfintrainers oder ihrer Delfintrainerin bestimmte Übungen, die für die Interaktion mit den Klient:innen vielfältig eingesetzt werden. Das Repertoire reicht von Ball spielen, sich gegenseitig zuwinken (mit der Brustflosse), Töne auf ein Kommando des Kindes geben über akrobatische Sprünge bis hin zu ruhigen Phasen mit direktem Körperkontakt usw. Trainierte Delfine sind außerdem hochgradig verlässlich und für die therapeutische Situation weitgehend berechenbar, vorausgesetzt, dass neben der Therapeutin bzw. dem Therapeuten stets ein:e Delfintrainer:in das Verhalten des Tieres steuert. Die Regulation von Nähe und Distanz gelingt bereits in der ersten Kennenlernphase besonders gut, da die:der Klient:in vom Beckenrand aus den Abstand selbst regulieren kann. Hilfreich ist außerdem, dass die Klient:innen keine negativen Vorerfahrungen mit Delfinen gemacht haben, wie es etwa bei Hunden oder Pferden der Fall sein könnte.

6 Wirksamkeit von Delfintherapien

In einem Review (Stumpf 2016) über alle verfügbaren Wirksamkeitsstudien zu Delfintherapien weltweit zeigen sich für einen Großteil der Studien erhebliche methodische Mängel. Immerhin 13 Studien genügen grundlegenden methodischen Anforderungen. Diese bestätigen die positiven und zeitlich überdauernden Effekte auf die für Kommunikation und Interaktion notwendigen Fähigkeiten für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen (Stumpf 2016). Immerhin eine dieser methodisch soliden Studien verdeutlicht zudem positive Effekte auf die kognitive und motorische Entwicklung der gleichen Zielgruppe. Ebenso durch einzelne Studien deuten sich positive Wirkungen in der Behandlung von Essstörungen und Depression an. Insgesamt ist der Forschungsbedarf zu Delfintherapien noch hoch, um die genauen Effekte besser bewerten und die dahinterliegenden Wirkmechanismen identifizieren zu können.

7 Delfinhaltung und Tierschutz

Entsprechend der oben genannten Definition sind Delfintherapien nur mit in menschlicher Obhut lebenden und speziell auf den Einsatz in der Therapie vorbereiteten Delfinen möglich. Dafür kommen Tiere zum Einsatz, die in Delfinarien oder in größeren Lagunen leben. Es handelt sich bei den Therapietieren daher überwiegend um Tiere, die bereits in menschlicher Obhut aufgewachsen sind und deren Herkunft nachgewiesen werden muss. Die Haltungsbedingungen für Delfine sind in Europa und den USA sehr streng, worunter u.a. die Überwachung der Wasserqualität fällt. Dies schützt auch die Klienten und Klientinnen. Die Arbeit mit Tieren birgt unbestritten ein Restrisiko, bei der Delfintherapie insbesondere deswegen, da sich Kind und Therapeut:in in das Lebenselement des Tieres begeben. Durch den Einsatz gut ausgebildeter und an die Arbeit mit Menschen gewöhnter Tiere kann dieses Risiko minimiert werden. Die Mitwirkung eines erfahrenen Delfintrainers oder einer erfahrenen Delfintrainerin, der bzw. die die Verhaltenssignale des Tieres gut deuten und entsprechend darauf reagieren kann, ist erfahrungsgemäß ebenfalls geboten.

8 Hinweise für Familien

Delfintherapien sind sehr aufwendig und auch deswegen teuer. Ein Zyklus von 2 Wochen kann bis zu 8.000 Euro kosten, hinzu kommen die Kosten für Anreise (z.B. in die Karibik oder nach Spanien) und Unterkunft. Doch wenn ein Familienmitglied von einer Krankheit oder Behinderung betroffen ist, für die Delfinzentren positive Effekte beschreiben, ist das Interesse an einer Teilnahme häufig sehr hoch. Einige Familien sammeln, mit Unterstützung durch regionale Medien, monatelang Spenden, um ihrem Kind eine Delfintherapie ermöglichen zu können.

Dahinter stehen hohe Erwartungen an die Wirksamkeit der Delfintherapie, die durch die positive Wahrnehmung von Delfinen und idealisierende Berichte in den Medien genährt wird. Insbesondere Eltern, deren Kind mit den herkömmlichen Therapien nur kleine Fortschritte macht, erhoffen sich von der Delfintherapie eine qualitative Veränderung im Entwicklungsprozess ihres Kindes. Häufig wollen sie auch diesen so erfolgversprechend dargestellten Therapieversuch schlicht nicht unversucht lassen.

Zweifellos hat die Teilnahme an einer Delfintherapie das Potenzial für bestimmte Klient:innen und deren Familien, hilfreiche neue Anregungen zu erhalten und dadurch die Entwicklung positiv zu beeinflussen. Ein Perspektive-Wechsel wird durch die völlig neue Situation und Umgebung, meist an klimatisch attraktiven Orten, sowie dem Abstand zum Alltag erleichtert. Und die für uns Menschen hoch anregende Ausstrahlung des Delfins motiviert die Klient:innen mühelos zur Mitwirkung. Nicht selten liegt für die Familien ein Gefühl der Leichtigkeit über dieser Zeitspanne, das sie in starkem Kontrast zu ihrem belasteten Alltag erleben und das sie nachhaltig beeindruckt.

Bei der Entscheidung für oder gegen die Teilnahme an einer Delfintherapie sollten die Familien die folgenden Überlegungen einbeziehen:

  • Warum scheint die Teilnahme wichtig, was genau wird erhofft?
  • Ist es in Anbetracht des Entwicklungsstandes des Kindes realistisch, positive Effekte zu erwarten?
  • Sind die erhofften Effekte in wissenschaftlichen Studien zu Delfintherapien beschrieben worden?
  • Wie hoch sind die Kosten und worauf muss verzichtet werden, um diese aufbringen zu können? Welche Konsequenzen hat dies, auch für Geschwisterkinder?

Sofern diese Überlegungen für die Teilnahme an einer Delfintherapie sprechen, sollte ein Therapiezentrum ausgewählt werden, das

  • ein klar erkennbares therapeutisches Konzept (s.o.) beschreibt,
  • von für die Indikation (z.B. körperliche Behinderung) speziell ausgebildetem Fachpersonal durchgeführt wird,
  • in mindestens einer wissenschaftlichen Studie beteiligt war, in der positive Effekte bestätigt werden konnten und deren Ergebnisse veröffentlicht sind.

Weiterhin sollten die Familien sich klarmachen, dass der Delfin zwar den therapeutischen Prozess durch seine Attraktivität enorm unterstützt; nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen sind allerdings von der therapeutischen Vorgehensweise zu erwarten. In aller Regel werden diese eher kleine, graduelle Verbesserungen darstellen. In dieser Sichtweise steckt die Chance, aus dem Therapiezyklus möglichst viele Anregungen für die weitere Entwicklung der Klientin bzw. des Klienten mit nach Hause zu nehmen und dort fruchtbar werden zu lassen.

Schreiben die Familien hingegen etwaige positive Veränderungen während der Therapiesitzungen nur auf den Delfin zu, lassen sie die Chance auf diesen Transfer in die natürliche Lebensumwelt der Klientin oder des Klienten womöglich ungenutzt. Denn während es relativ wahrscheinlich ist, in völlig neuer Umgebung und mit intensiver therapeutischer Arbeit während der Therapiewochen neue Verhaltensweisen anzuregen, bleibt die Nachhaltigkeit dieser angestoßenen Effekte in vielen psychosozialen Interventionen eine große Herausforderung.

Diese Konstellation soll abschließend noch an einem Beispiel verdeutlicht werden:

Nahezu alle Eltern von Kindern mit Behinderung erleben während der Delfintherapie, wie ihr Kind Handlungen oder Verhaltensweisen zeigt, die sie überraschen. Einige staunen beispielsweise darüber, dass ihr Kind mit schwerer Körperbehinderung durchaus signalisieren kann, wie es die Situation gestalten möchte, etwa wenn es (vorerst zwei) Alternativen (z.B. Ball spielen oder Streicheln?) zur Auswahl gestellt bekommt, mit denen es zuvor einzeln vertraut gemacht wurde. Andere meinen, ihr Kind kaum wiederzuerkennen, da es der Therapeutin oder dem Therapeuten aufmerksam zuhört, ihre Instruktionen genau aufnimmt und seine Verhaltensimpulse so reguliert, dass die gewünschte Situation entstehen kann. Nicht selten äußern Eltern dann in den Gesprächen Aussagen wie „Das war toll, aber zu Hause habe ich halt keinen Delfin.“ Dadurch bringen sie zum Ausdruck, dass sie die gezeigten Fähigkeiten, Anstrengungen und Regulationen des Kindes auf den Delfin zurückführen. Tatsächlich ist dies aber ein Erfolg der therapeutischen Lenkung der Situation, der durch die hohe Motivation des Kindes unterstützt wird. Wenn es den Eltern gelingt, genau zu beobachten, wie die Situation und das Verhalten der Interaktionspartner gestaltet sein sollen, um das erstaunliche Verhalten ihres Kindes zu evozieren, können sie später zu Hause solche Anregungen aufgreifen und ihr eigenes Verhalten verändern. Dies gelingt umso besser, wenn der Transfer des Gelernten in das häusliche Umfeld explizit während der Therapiewoche thematisiert wird und die Eltern für Veränderungen ihres eigenen Verhaltens aufgeschlossen sind.

9 Quellenangaben

Stumpf, Eva, 2006. Delfintherapie aus wissenschaftlicher Perspektive – Möglichkeiten der Evaluationsforschung im sonderpädagogischen Feld. Freiburg: Fwpf. ISBN 978-3-939348-03-0

Stumpf, Eva, 2016, Therapeutische Konzepte und Wirksamkeit der Delfintherapien: Ein narrativer Review. In: Kindheit und Entwicklung. 25(2), S. 100–113. ISSN 0942-5403

Stumpf, Eva, 2019. Dolphins in the Human Mind: What characteristics do German students attribute to dolphins compared with apes and whales? An Exploratory Study. In: Anthrozoös. 32(6), S. 813–824. ISSN 0892-7936

10 Literaturhinweise

Breitenbach, Erwin, Lorenzo von Fersen, Eva Stumpf und Harald Ebert, 2006. Delfintherapie für Kinder mit schwerer Behinderung – Analyse und Erklärung der Wirksamkeit. Würzburg: Bentheim Verlag. ISBN 978-3-934471-59-7

Lämmermann, Nicole, 2012. Evaluation der Wirksamkeit der delfingestützten Therapie [Dissertation] [online]. München: Ludwig-Maximilians-Universität München [Zugriff am: 22.12.2022]. Verfügbar unter: doi:10.5282/edoc.15351

Verfasst von
Prof. Dr. Eva Stumpf
Professorin am Institut für Pädagogische Psychologie „Rosa und David Katz“ der Universität Rostock
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Es gibt 6 Lexikonartikel von Eva Stumpf.

Zitiervorschlag
Stumpf, Eva, 2023. Delfintherapie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 31.03.2023 [Zugriff am: 20.05.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/28388

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