Destruktive Kontrolle
Prof. Dr. habil. Björn Kraus
veröffentlicht am 09.12.2025
Als Fachbegriff steht Destruktive Kontrolle für Interaktionen, die auf die Einhaltung und/oder Erfüllung von Vorgaben und/oder Erwartungen mittels Destruktiver Macht zielen. Theoretisch begründet und verortet ist der Begriff im Relationalen Konstruktivismus und der Relationalen Sozialen Arbeit und bezeichnet wertneutral eine spezifische Form von Kontrolle, deren Bewertung je nach zugrunde gelegten Werten negativ oder positiv ausfallen kann.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Begriffsentwicklung
- 3 Voraussetzungen und Konsequenzen
- 4 Bilanz
- 5 Quellenangaben
- 6 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Destruktive Kontrolle nutzt Destruktive Macht, um die Einhaltung von Vorgaben unabhängig vom Willen der kontrollierten Person durchzusetzen. Im Unterschied zur Instruktiven Kontrolle zeichnet sie sich durch höhere Wirksicherheit aus, ist jedoch mit größeren Kosten und Nebenwirkungen verbunden. In der Sozialen Arbeit kommt sie etwa zum Einsatz, wenn andere Interventionsformen zum Schutz des Kindeswohles nicht mehr ausreichen. Die Bewertung des Einsatzes Destruktiver Kontrolle erfolgt stets aus einer Beobachterperspektive und erfordert die fachliche und moralische Legitimation.
Darauf basiert die Entscheidung darüber, ob der Einsatz Destruktiver Kontrolle entweder positiv (als angemessen, hilfreich oder gar notwendig) oder negativ (als unangemessen, schädlich und/oder verwerflich) bewertet wird.
2 Begriffsentwicklung
Der Terminus Destruktive Kontrolle verwendet den Begriff der Destruktion im Sinne des lat. destructivus rein beschreibend für Löschung und/oder Zerstörung. Insofern ist im Unterschied zur umgangssprachlichen Nutzung keine moralisch negative Bedeutungszuweisung impliziert und Destruktive Kontrolle kann sowohl positiv als auch negativ bewertet werden.
Die Entwicklung dieses Terminus hat ihre Wurzeln in den konstruktivistischen Machtdiskursen der 1980er- und -90er-Jahre, innerhalb derer die grundsätzlichen Grenzen der Machtausübung und Willensdurchsetzung diskutiert wurden (etwa Bateson 1996, S. 625; Dell 1990, S. 99–106; Portele 1989, S. 198 ff.; zur Übersicht Böse und Schiepek 2000, S. 107 ff.). In Anschluss an die Gegenüberstellung von Instruktiver Macht und Destruktiver Macht wurde zwischen Instruktiver Kontrolle und Destruktiver Kontrolle unterschieden.
Als eine spezifische Form der Kontrolle (Kraus 2025b) wird Destruktive Kontrolle wie folgt definiert (Kraus 2021, S. 108):
Als Destruktive Kontrolle gilt das aus einer Beobachterperspektive bestimmte Interagieren eines Systems gegenüber einem anderen System zur Einhaltung von Vorgaben mittels Destruktiver Macht.
3 Voraussetzungen und Konsequenzen
Der Terminus Destruktive Kontrolle impliziert zumindest folgende Annahmen: (vgl. zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden den Beitrag zu Instruktiver Kontrolle):
- Die Relation von mindestens zwei bio-psychischen und/oder sozialen Systemen (Kraus 2024b)
- Ein System verfolgt das Ziel, dass das andere System Vorgaben einhält und/oder Erwartungen erfüllt
- Das kontrollierende System verwendet als Mittel der Kontrolle Destruktive Macht (Kraus 2023c)
- Ebenso wie die eingesetzte Destruktive Macht ist die Wirksamkeit von Destruktiver Kontrolle relativ unabhängig vom Eigensinn der zu kontrollierenden Systeme (höhere Wirksicherheit als bei Instruktiver Kontrolle)
- Die Entscheidung über das Vorliegen der zuvor genannten Punkte erfolgt immer aus einer Beobachterperspektive
- Die moralische und fachliche Bewertung Instruktiver Kontrolle erfolgt ebenfalls immer aus einer Beobachterperspektive
Damit verbunden ergeben sich u.a. folgende Fragen:
- Moralisch: Wer entscheidet auf welchen Grundlagen über die Legitimität der Vorgaben und/oder Erwartungen, sowie der eingesetzten Kontrollmittel?
- Funktional: Inwieweit wird Destruktive Kontrolle als möglich bewertet, bzw. welche Ziele können damit (nicht) erreicht werden und welche Nutzen und Kosten sind damit verbunden (hierzu Kraus 2023c)?
Beispiele für Destruktive Kontrolle sind etwa Eingriffe in die Elterliche Sorge durch die Inobhutnahme von Kindern zum Schutz des Kindeswohles oder Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen durch Zwangsmaßnahmen, die seinen Suizid verhindern sollen. Aber auch die Inhaftierung von Systemkritikern kann als Destruktive Kontrolle beschrieben werden.
4 Bilanz
Da im Unterschied zu Hilfe (Kraus 2024a) die Entscheidungshoheit im Bereich der Kontrolle auf Seiten der Kontrollierenden liegt, ergeben sich bezüglich der moralischen und/oder fachlichen Bewertung bei Destruktiver Kontrolle grundsätzlich die gleichen Anforderungen wie bei Instruktiver Kontrolle: Die Vorgaben und Erwartungen, die als Maßstab Destruktiver Kontrolle genutzt werden, sind fachlich zu begründen und rechtlichen und/oder moralischen zu legitimieren. Dabei erfolgt sowohl die fachliche Bewertung Instruktiver Kontrolle als funktional passend oder unpassend als auch die normative Bewertung als moralisch und/oder rechtlich gerechtfertigt oder ungerechtfertigt unumgänglich aus einer Beobachterperspektive.
Der Vorteil Destruktiver Kontrolle gegenüber Instruktiver Kontrolle liegt in der deutlich höheren Wirksicherheit. Wird etwa zum Schutz des Kindeswohls in die elterliche Sorge eingegriffen und werden Eltern und Kind zwangsweise getrennt, so verhindert dies unabhängig vom Eigensinn der Eltern jegliche Misshandlung durch die Eltern. Gleichwohl kann diese Form der Kontrolle nur Ultima Ratio sein, da mit ihr Kosten – Nachteile und Nebenwirkungen wie Beziehungsabbrüche oder etwa Traumatisierungen – verbunden sein können, die es zu reflektieren gilt.
Zu den Grenzen und Möglichkeiten sowie den Vor- und Nachteilen Destruktiver Kontrolle vgl. die Beiträge zur Instruktiven Macht und Destruktiven Macht.
5 Quellenangaben
Bateson, Gregory, 1996. Ökologie des Geistes: Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. 6. Auflage. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28171-0
Böse, Reimund und Günter Schiepek, 2000. Systemische Theorie und Therapie: Ein Handwörterbuch. 3., überarb. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme. ISBN 978-3-89334-152-8
Dell, Paul Frederick, 1990. Klinische Erkenntnis: Zu den Grundlagen systemischer Therapie. 2. Auflage. Dortmund: Verlag modernes lernen. ISBN 978-3-8080-0231-5
Kraus, Björn, 2019. Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit: Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3949-8 [Rezension bei socialnet]
Kraus, Björn, 2021. Macht – Hilfe – Kontrolle. Relationale Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Björn Kraus und Wolfgang Krieger, Hrsg. Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung [online]. 5., überarb. und erw. Aufl. Detmold: Jacobs Verlag, S. 91–116 [Zugriff am: 03.12.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-89918-284-2. Verfügbar unter: https://www.ssoar.info/ssoar/​handle/​document/​47358.2
Kraus, Björn, 2023a. Relationaler Konstruktivismus [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 20.12.2023 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​29989
Kraus, Björn, 2023b. Relationale Soziale Arbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.12.2023 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​29991
Kraus, Björn, 2023c. Destruktive Macht [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 02.10.2023 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​29857
Kraus, Björn, 2024a. Hilfe [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.05.2024 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/544
Kraus, Björn, 2024b. System [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 01.02.2024 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/1049
Kraus, Björn, 2025a. Instruktive Macht [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.06.2025 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​30778
Kraus, Björn, 2025b. Kontrolle [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 01.12.2025 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/2229
Portele, Gerhard, 1989. Autonomie, Macht, Liebe: Konsequenzen der Selbstreferentialität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-38094-9
6 Literaturhinweise
Kraus, Björn, 2025. Kontrolle [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 01.12.2025 [Zugriff am: 03.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/2229
Kraus, Björn, 2021. Macht – Hilfe – Kontrolle. Relationale Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Björn Kraus und Wolfgang Krieger, Hrsg. Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung [online]. 5., überarb. und erw. Aufl. Detmold: Jacobs Verlag, S. 91–116 [Zugriff am: 03.12.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-89918-284-2. Verfügbar unter: https://www.ssoar.info/ssoar/​handle/​document/​47358.2
Kraus, Björn, 2019. Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit: Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3949-8 [Rezension bei socialnet]
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Prof. Dr. habil. Björn Kraus
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