Deutsche Liga für das Kind
Prof. Dr. Jörg Maywald
veröffentlicht am 24.02.2026
Die Deutsche Liga für das Kind ist ein interdisziplinärer Zusammenschluss von rund 230 Verbänden und Organisationen vor allem aus dem Bereich der frühen Kindheit.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Gründung und Entwicklung
- 3 Verbandliche Organisation
- 4 Politische Einflussnahme
- 5 Programme und Projekte
- 6 Zeitschrift frühe Kindheit
- 7 Vernetzung
- 8 Ausblick
- 9 Quellenangaben
- 10 Informationen im Internet
1 Zusammenfassung
Die Deutsche Liga für das Kind wurde 1977 als gemeinnütziger Verein gegründet. Unter dem Motto „Kinder haben eine Lobby – Die Deutsche Liga für das Kind“ hat sich der Verband zum Ziel gesetzt, das Wohlergehen und die Rechte von Kindern zu fördern und ihre Entwicklungschancen in allen Lebensbereichen zu verbessern. Dazu nimmt die Liga Einfluss auf die Gesetzgebung, informiert Eltern, Kindertageseinrichtungen sowie die Öffentlichkeit über die Bedürfnisse und Rechte von Kindern und initiiert eigene Projekte.
2 Gründung und Entwicklung
2.1 Entstehungsgeschichte 1973–1977
Am Anfang stand ein besonders brutaler Mord. Im Januar 1973 brachten in Neuwied am Rhein vier Jugendliche – darunter ein Mädchen – mit 26 Messerstichen einen ihnen unbekannten Jugendlichen um. Ein Motiv fehlte. Wie die Gerichtsverhandlungen ergaben, hatten alle Täter:innen eine trostlose Kindheit in schlechten Elternhäusern und in Heimen hinter sich.
Der am selben Ort wohnende Anthropologe Dr. Klaus G. Conrad erkennt einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen fehlender Liebe und Geborgenheit in der Kindheit und späterer Kriminalität. Conrad ist Mitglied des Lions Serviceclubs Neuwied, der sich – wie auch Rotary – dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt. Im April desselben Jahres berichtet er auf einer Mitgliederversammlung von Lions Clubs in Bad Dürkheim über diesen Mord und veranlasst damit eine Diskussion über die Frage, ob diese Gewalttat eine Bürgerinitiative zur Bekämpfung von Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft auslösen kann.
Das ist die Geburtsstunde der Lions-Initiative „Kind-Familie-Gesellschaft“ (KFG), die vier Jahre später zur Gründung der „Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft“ führt. Dieses Langzeitprogramm geht über die konkrete, auf den Mitmenschen gerichtete tätige Hilfe hinaus und zielt auf einen Wandel im Bewusstsein zu Kind und Familie.
2.2 Gründungsjahr 1977
Am 25. Juni 1977 gründeten engagierte und weitsichtige Vertreter:innen von Lions und Rotary sowie aus zehn weiteren Verbänden und Körperschaften die Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e.V. und gaben ihr den Zusatz „Initiative gegen frühkindliche Deprivation“. Zweck des Vereins ist es,
„die Ursachen und die Entstehung frühkindlicher Deprivation in jeder Form zu verhindern“ (Deutsche Liga für das Kind 1978).
Das soll zum Beispiel erreicht werden durch
- die Förderung gesetzgeberischer Maßnahmen,
- durch ideelle wie materielle Hilfen und
- durch eine langfristige Aufklärung der Bevölkerung über das Wesen früher emotionaler Vernachlässigung und deren Folgen.
Denn schon die damals vorliegenden Forschungsergebnisse zeigen, dass die frühkindliche Deprivation, also seelische Entbehrungserlebnisse in den ersten Lebensjahren, zu Störungen in der psychosozialen Entwicklung des Kindes führen kann.
Noch im selben Jahr sind alle bedeutenden wissenschaftlichen Gesellschaften für die Erforschung der frühen Kindheit sowie alle Vereinigungen, die sich der praktischen Betreuung des Kindes widmen, als Mitglieder unter dem Dach der Liga vereinigt. Gründungspräsident ist der Physiologe Prof. Hans Schaefer, Begründer der Sozialmedizin in Deutschland. Vizepräsidenten sind Dr. Klaus G. Conrad und der Rotarier Dr. Hanns-Dieter Wolff, der sich für eine möglichst frühe Adoption von Heimkindern einsetzte. Zum Vorstand gehören unter anderen die Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates und der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes.
Ende des Jahres 1977 präsentiert sich die Liga in der Bonner Beethovenhalle zum ersten Mal mit einem Symposium der Öffentlichkeit. Das Thema lautet: „Gesellschaft in Gefahr – durch Störung der Persönlichkeitsentwicklung des Kleinkindes“. Vertreter:innen der wichtigsten Forschungsrichtungen zum Deprivationsproblem stellen sich hier der öffentlichen Diskussion. Das Echo in den Medien ist positiv; die eigentliche Arbeit der Liga kann beginnen.
3 Verbandliche Organisation
Die Deutsche Liga für das Kind ist ein Netzwerk im Dreieck von Wissenschaft, Praxis und Politik. Zu den heute etwa 230 Mitgliedsorganisationen gehören wissenschaftliche Gesellschaften, kinderärztliche, psychologisch-therapeutische und juristische Vereinigungen, Familien‑ und Jugendhilfeverbände sowie zahlreiche Lions Clubs.
Der interdisziplinär zusammengesetzte Vorstand wird auf drei Jahre gewählt. Aktuelle Präsidentin ist Prof. Dr. Sabine Walper, Psychologin und ehemalige Direktorin des Deutschen Jugendinstituts (Stand: Januar 2026). Das Kuratorium hat beratende Funktion. Hier stehen Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dem Vorstand zur Seite (Deutsche Liga für das Kind 2023).
Die jährlich stattfindende Mitgliederversammlung ist stets verbunden mit einer öffentlichen Tagung. Viele prominente Politiker:innen – darunter Angela Merkel und Katharina Barley – wirkten bei früheren Jahrestagungen mit. Häufig greift die Liga frühzeitig Fragen auf, die oft erst später von der öffentlichen Diskussion aufgenommen werden.
Bei den Jahrestagungen ging es beispielsweise um die „Die neuen Kinderkrankheiten“, um „Kinder im erweiterten Europa“ oder um den Zusammenhang von „Kindeswohl und Elternverantwortung“. Bereits 2003 wird auf einer Jahrestagung das „Wahlrecht von Geburt an“ diskutiert, drei Jahre später unter dem Titel „Ein guter Start ins Leben“ der Bedarf an Frühen Hilfen erörtert.
Weitere Tagungen beschäftigen sich mit der Qualität in der frühen Kindertagesbetreuung, mit der Rolle der Väter oder mit den Anforderungen an ein inklusives Bildungssystem. Auch die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention, die frühe Medienbildung, die Situation von Kindern mit psychisch erkrankten Eltern, der Umgang mit kindlicher Sexualität und der Schutz der Kinder vor sexuellem Missbrauch sowie die erforderlichen Hilfen für geflüchtete Kinder aus Krisenregionen waren Themen von Jahrestagungen.
4 Politische Einflussnahme
In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens setzte sich die Liga vor allem für Verbesserungen der seelischen Gesundheit junger Kinder ein. Hierzu gehörten die
- Einführung des Rooming-in in Geburtskliniken (Versorgung von Mutter und Kind nach der Geburt in demselben Raum),
- Möglichkeit der Mitaufnahme eines Elternteils auf Kinderstationen und in Kinderkliniken,
- Förderung des Stillens sowie
- flächendeckende Einführung Früher Hilfen und damit verbunden die Gründung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen.
Seit fast fünf Jahrzehnten steht die Liga in einem engen Austausch mit der Politik, vor allem im Bund, aber auch auf Länder‑ und kommunaler Ebene, nicht zuletzt auch international. Die Liga war Mitinitiatorin wichtiger Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu familienpolitischen Ungerechtigkeiten des Steuer‑ und Sozialsystems.
Zahlreiche Gesetzesvorhaben wurden durch die Initiative der Liga im Sinne der Kinder beeinflusst, darunter u.a.
- die Einführung des Erziehungsgeldes (heute Elterngeld) und der Elternzeit
- die rentenrechtliche Anerkennung von Erziehungszeiten
- die große Kindschaftsrechtsreform
- die Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung
- der Ausbau der frühen Kindertagesbetreuung
- das Bundeskinderschutzgesetz und
- das Kinder‑ und Jugendstärkungsgesetz.
Die Liga war 2002 am Weltkindergipfel in New York beteiligt und hat sich in den darauffolgenden Jahrzehnten mehrfach gegenüber dem UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes sowohl mit eigenen Stellungnahmen als auch im Rahmen der National Coalition zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention zu Wort gemeldet.
5 Programme und Projekte
5.1 Faltblätter, Filme und Broschüren
Im Laufe ihres bald 50-jährigen Bestehens hat die Liga Millionen von Faltblättern an Eltern verteilt:
- „Die ersten Jahre entscheiden viel“
- „Was Kinder brauchen“
- „Stillzeit glückliche Zeit“ lauteten die ersten Titel, gefolgt von
- „Ein guter Start ins Leben“, das eineinhalb Jahrzehnte auf Entbindungsstationen verteilt wurde.
In 2019 entstanden die Faltblätter mit begleitenden Filmen „Seelisch gesund aufwachsen“, die von Kinderärzt:innen anlässlich der Krankheitsfrüherkennungsuntersuchungen U1 bis U9 verteilt werden.
Im Auftrag der Liga wurden – zum Teil mit Partnern – rund 15 Filme produziert, darunter die Titel:
- „Was ist Deprivation?“
- „Kinder sind unschlagbar“
- „Klug sein allein genügt nicht. Kinder brauchen emotionale Intelligenz“
- „Ein guter Start ins Leben“
- „Krippenkinder“
- „Kinder lassen sich nicht scheiden“
- „Babys Signale“
- „Mit Bilderbuch und Touchscreen“
und zuletzt die Lehrfilmreihe „Kindgerechte Erziehung“ in arabischer Sprache.
Es wurden zahlreiche Broschüren – teilweise mit Partnerorganisationen – für Eltern und Fachleute entwickelt und verteilt, wie zum Beispiel der „Wegweiser für den Umgang nach Trennung und Scheidung“ oder die Broschüren „Eltern vor dem Familiengericht“ und „Die beste Betreuung für mein Kind. Worauf Sie achten sollten, wenn Sie Ihr Kind in eine Krippe, Kita oder Kindertagespflegestelle geben“.
5.2 Das Programm Kindergarten plus
Besonders erfolgreich wird seit mehr als 20 Jahren das Programm Kindergarten plus weiterentwickelt und umgesetzt, ein Bildungs‑ und Präventionsprogramm zur Stärkung der kindlichen Persönlichkeit vier‑ und fünfjähriger Kinder in Kindertageseinrichtungen. Seit einigen Jahren wird das Programm ergänzt durch „START ab 2“ für Kinder im Krippenalter. Mehr als 2.600 Kitas in Deutschland nehmen an den Programmen teil.
Kindergarten plus ist unter dem Motto „Stark fürs Leben“ Bestandteil des Jugendprogramms der Deutschen Lions und steht unter der Schirmherrschaft der Bundesdrogenbeauftragten. Es bestehen zahlreiche Kooperationen und Partnerschaften, u.a. mit der DEUTSCHLAND RUNDET AUF gemeinnützige Stiftungs-GmbH, dem Institut für Präventives Handeln im Saarland und den Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz.
Die Liga hat sich der Initiative Transparente Zivilgesellschaft angeschlossen und ist hinsichtlich ihres größten Projekts Kindergarten plus Träger des Phineo Wirkt-Siegels, mit dem gemeinnützigen Organisationen nach einer eingehenden Analyse die Leistungsfähigkeit und das Wirkungspotenzial bescheinigt werden.
6 Zeitschrift frühe Kindheit
Die Deutsche Liga für das Kind ist seit 1998 Herausgeberin der Zeitschrift frühe Kindheit. Die Zeitschrift versteht sich als ein fachliches Journal, wissenschaftsbasiert und mit Wirkung hinein in den politischen Raum. Von Beginn an war die interdisziplinäre Ausrichtung ein zentrales Markenzeichen. Alle mit jungen Kindern tätigen Berufsgruppen – vor allem aus den Bereichen Pädiatrie, Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse, Sozial‑ und Frühpädagogik, Soziologie und Recht – kommen darin zu Wort.
7 Vernetzung
Die Liga ist national und international mit zahlreichen anderen Verbänden und Organisationen vernetzt und arbeitet unter anderem aktiv mit im
- Netzwerk Kinderrechte – National Coalition zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention im
- Aktionsbündnis Kinderrechte und im
- Bundesforum Familie.
Darüber hinaus ist die Liga Mitglied im „Bündnis gegen Schütteltrauma“, am „Runden Tisch Stillförderung“ und Mitglied in der World Association für Infant Mental Health. Sie ist Unterstützerin des Leseförderprogramms „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ der Stiftung Lesen und Kooperationspartner des BELTZ Verlages und der Zeitschrift „kindergarten heute“.
8 Ausblick
Zu den Themen, mit denen sich die Liga in den kommenden Jahren befassen wird, gehören unter anderem der Einfluss der Digitalisierung auf Kinder und Familien, die Bedeutung internationaler Kriege und Krisen auf kindliche Lebenswelten sowie die Folgen des Klimawandels insbesondere für die jungen Generationen.
Aktuelle politische Forderungen der Liga beziehen sich unter anderem auf die Einführung bundesweiter Qualitätsstandards in der Kindertagesbetreuung, die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz, die Absenkung der Wahlaltersgrenze zur Verbesserung der Generationengerechtigkeit sowie auf die vollständige Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention.
9 Quellenangaben
Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e.V., 1998 [1978]. Satzung [online]. Berlin: Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e.V [Zugriff am: 10.02.2026]. Verfügbar unter: https://www.liga-kind.de/ueber-uns-satzung/
Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e.V., 2023. Satzung [online]. Berlin: Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e.V., Neufassung vom 1. Januar 2023 [Zugriff am: 10.02.2026]. Verfügbar unter: https://www.liga-kind.de/wp-content/​uploads/2024/02/Satzung_Stand_2023.pdf
10 Informationen im Internet
Deutsche Liga für das Kind: Projekte und Programme, Zeitschrift u.a.
- U1 bis U9. Faltblätter und Filme. Seelisch gesund aufwachsen
- Lehrfilmreihe „Kindgerechte Erziehung“ in arabischer Sprache
- „Wegweiser für den Umgang nach Trennung und Scheidung“
- Kindergarten plus
- „START ab 2“
- Phineo Wirkt-Siegel
- Zeitschrift „frühe Kindheit“
Die Deutsche Liga für das Kind wirkt u.a. bei folgenden Organisationen aktiv mit:
- Netzwerk Kinderrechte – National Coalition zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention
- Aktionsbündnis Kinderrechte: Kinderrechte ins Grundgesetz
- Bundesforum Familie
Verfasst von
Prof. Dr. Jörg Maywald
Soziologe, Honorarprofessor für Kinderrechte und Kinderschutz an der Fachhochschule Potsdam
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