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Deutscher Caritasverband

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder

veröffentlicht am 09.02.2024

Abkürzungen: DCV; CV

Amtlicher Name: Deutscher Caritasverband e.V., Amtsgericht Freiburg, VR 570

Synonyme: Caritas Deutschland; Deutsche Caritas; Caritas

Website: www.caritas.de

Die Caritas Deutschland ist die Dachorganisation der katholisch-karitativen Einrichtungen im Bereich der Wohlfahrtspflege. Der Deutsche Caritasverband e.V. versteht sich in seinem Leitbild als ein Wohlfahrtsverband, welcher auf christlichen Werten und Weltanschauungen basiert und dabei sowohl an der kirchlichen als auch der gesellschaftlichen Lebensgestaltung in Deutschland mitwirkt. Er versteht sich als Teil der katholischen Kirche; bekennt sich in seiner Arbeit zum kirchlich vermittelten Glauben und den Ansprüchen des Evangeliums.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Auftrag
  3. 3 Aufgaben und Arbeitsweise
  4. 4 Organisation
  5. 5 Geschichte
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Der katholische Deutsche Caritasverband (DCV) ist der älteste heute noch aktive Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege, dessen Strukturen bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Etwas mehr als 24.000 Betriebe und Einrichtungen zählen heute zum Einflussbereich der Caritas. Mit fast 600.000 Beschäftigten ist er nicht nur der größte unter den Wohlfahrtsverbänden, sondern auch der mit Abstand größte deutsche Arbeitgeber jenseits des Staates. Seine wichtigsten Arbeitsfelder liegen in der Gesundheitspflege, der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Altenpflege.

„Caritas ist Kirche“ (DCV 1997), so schreibt es der „Caritasverband für das katholische Deutschland“ in seinem Leitbild anlässlich seines 100-jährigen Bestehens im Jahr 1997, und so wird dies von Caritas-Funktionären bis heute noch dargestellt (Interview Kostka, Schroeder 2017, S. 180 ff.). Dieses Selbstverständnis basiert auf dem Anspruch, Teil der Verkündigung der katholischen Kirche zu sein. Einem solchen Auftrag kommt der Verband mitsamt seinen Unterorganisationen und angehörigen Einrichtungen durch seine karitative Arbeit nach. Seine Tätigkeit ist durch die Prinzipien der Subsidiarität, Personenwürde und freien Selbstbestimmung der Betroffenen sowie der Solidarität von Gesunden mit den Kranken und der Förderung gerechter sozialer Lebensbedingungen geprägt (DCV 2022b, S. 2). Im Rahmen der Caritas als Institution zeigen sich diese Vorgaben in vielfältigen sozialen Hilfsdiensten wie beispielsweise dem Betreiben von Kindergärten, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen oder therapeutischen Einrichtungen.

Ein wesentliches Merkmal der Caritas als Wohlfahrtsverband ist ihre Einbindung in das Netzwerk der katholischen Kirche. Mit rund 21,6 Millionen Mitgliedern im Jahr 2021 in Deutschland (Deutsche Bischofskonferenz 2022, S. 74) verfügt diese über eine große Mitgliederbasis sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Allerdings steht die katholische Kirche einer anhaltenden Austrittsbewegung und einem Akzeptanzverlust in einer sich zunehmend entkirchlichten Gesellschaft gegenüber.

Die Verbindung zwischen Caritas und katholischer Kirche besteht auf zwei Ebenen: zum einen in Form der verbandsrechtlichen Steuerung durch die Deutsche Bischofskonferenz und zum anderen durch die Besetzung verbandlicher Ämter mit kirchlichem Personal (Jüster 2015, S. 337).

2 Auftrag

Das Selbstverständnis der Caritas wird mit ihrer theologischen Basis begründet, nach welcher sie sich zur universal und zentralistisch verstehenden römischen Weltkirche bekennt. Sozialpolitische und wohlfahrtsstaatliche Zielsetzungen sowie programmatische Vorstellungen der kirchlich-karitativen Arbeit sind letztlich Ausdruck dieser Grundlegung. Das Leitbild der Caritas von 1997 beruft sich explizit auf „theologische Grundlagen“, die in der heiligen Dreifaltigkeit wurzeln, einem „menschenfreundlichen Gott“ als „Anwalt der Armen, Schwachen und Entrechteten“ sowie in einer „diakonischen Kirche“, in der der Caritas-Dienst „wie der Gottesdienst“ zum „Lebensvollzug der Kirche“ gehöre (DCV 1997, S. 10). Caritas sei „praktizierte Nächstenliebe“, die die „Würde des Menschen“, den „Schutz vor Ausnutzung, vor Ausgrenzung und zugleich Vereinnahmung“ zu bieten und mit „ganzheitlicher Hilfe“ an die „geistig-seelische Situation und die Lebenswelt der Menschen“ anzudocken habe (a.a.O., S. 3 ff.).

Für ihre Auftragswahrnehmung ist das geschilderte Leitbild der Caritas also von zentraler Bedeutung. Es wird aus einem spezifischen Subsidiaritätsverständnis entwickelt. Dieses Grundprinzip ist auch der entscheidende Maßstab, um die eigene Programmatik an die veränderten Rahmenbedingungen von staatlich-marktwirtschaftlicher Steuerung und europäischer Rahmung anzupassen. Das Leitbild verweist an zahlreichen Stellen darauf, dass das Ziel der Hilfsarbeit stets auch dazu dient, „Selbsthilfekräfte anzuregen“ und die Hilfsbedürftigen zu ermutigen, „an der Veränderung ihrer Lebenssituation aktiv mitzuwirken“ (DCV 1997, S. 6 f.). Das damit verbundene Gerechtigkeitsverständnis wird als „Chancengerechtigkeit“ definiert (a.a.O., S. 7). Dabei spielt nicht zuletzt eine christliche Auffassung von Freiheit, Autonomie und selbstständigem wie selbstverantwortlichem Leben eine bedeutsame Rolle (Baumgartner 2002). Dies impliziert auch, dass entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip vorrangig zuerst das persönliche Umfeld (Familie, Bekanntenkreis) unterstützen müsse, ehe die institutionelle Caritas aktiv wird. Ein umfassendes, universalistisches Leistungsprofil des Sozialen Dienstes wird abgelehnt. Vor einer solchen „Vereinnahmung“ sei der Mensch ebenso zu schützen, wie „vor Ausnutzung, [und] vor Ausgrenzung“ (DCV 1997, S. 6).

Ihren Auftrag sieht die Caritas vor allem in der Armenhilfe und der Unterstützung sozial in Not geratener Menschen. Dieses Vermächtnis geht insbesondere auf die Entstehung der Caritas in der Zeit der Industrialisierung und den damit verbundenen sozialen Problemlagen zurück. Antworten auf Armut blieben damit immer ein zentrales Begründungsmotiv karitativer Arbeit. Gleichzeitig weitete sich das eigene Engagement stets mit veränderten gesellschaftlichen Problemlagen sowie Problemdiskursen deutlich aus. Seit den schweren Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrisen der 1970er-Jahre drängte ein Diskurs um eine „neue soziale Frage“ bzw. um „neue Armut“ wieder stärker in den Vordergrund gesellschaftlicher Debatten (Boldorf 2008). Auch in der Caritas trat die Armutsorientierung in dieser Zeit wieder deutlich zutage (Schäfer 2010, S. 359). Im Zuge der ökonomischen Krise in den neuen Bundesländern nach der Deutschen Wiedervereinigung setzte sich der Deutsche Caritasverband gezielt mit der Armutsproblematik auseinander und veröffentlichte 1993 den Bericht „Arme unter uns“, der auf einen starken Anstieg der offenen und verdeckten Armut verwies. Fünf Jahre später wurde in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein vergleichbarer Armutsbericht für die neuen Bundesländer in Auftrag gegeben (Hübinger und Neumann 1998).

In Anbetracht des Anstiegs von Engagement- sowie Partizipationsbedürfnissen seit den 1980er-Jahren würdigte die Caritas entsprechende soziale Netzwerke der Selbsthilfe auch außerhalb des kirchlichen Bereiches als wichtige Stützen des Sozialen. Der sogenannte Befähigungsansatz ergänzt seitdem das Leitbild des Verbandes. Er wurde im Jahr 2005 in das karitative Sozialdenken aufgenommen und in einer „Befähigungsinitiative“ umgesetzt. Befähigung bot in ihrer Betonung von Freiheit und Selbstbestimmtheit durchaus Anknüpfungspunkte zu einem christlichen Freiheitsbegriff, in dem die Chancen der Selbstverwirklichung betont werden (Baumgartner 2002). In diesem Sinne verwies der damalige Caritas-Generalsekretär Georg Cremer darauf, dass Gerechtigkeit als „Befähigungsgerechtigkeit“ zu verstehen sei, die die „individuellen Verwirklichungschancen“ erweitern möchte und somit an das Konzept der Chancengerechtigkeit anknüpft (Cremer 2007, S. 3). Damit wird das Konzept von Befähigung und Hilfe um die Eigenverantwortung des Individuums erweitert, die aber keineswegs eine losgelöste Individualisierung der Problemlagen bedeute, sondern neben der Caritas auch das persönliche Umfeld (Familie, Nachbarschaft, Schule, Betrieb) in eine ganzheitliche Form sozialer Verantwortung einbeziehe (ebd.). Die Caritas fühlt sich somit einer vorsorgenden Sozialpolitik verpflichtet, die darauf zielt, Menschen zu befähigen, aus eigener Kraft am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben (Schroeder 2017, S. 16).

Die Ideen von Befähigung und Vorsorge erweitern seither das programmatische Repertoire der Caritas und der verfassten Kirchen in Deutschland. Dieses Verständnis steht auch im Zentrum des ökumenischen Papiers „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“, das von der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland 2014 verfasst wurde. In der Konzeption geht es um eine partizipativ herzustellende Chancengerechtigkeit, die gesellschaftliche Teilhabe qua Bildung und am Arbeitsmarkt präferiert (DBK und EKD 2014). In ihrem Positionspapier „Menschen befähigen, Gerechtigkeit fördern, den Sozialstaat stärken“ forderte die Caritas anlässlich der Bundestagswahl 2013 die subsidiäre Betonung der Familie und zivilgesellschaftliches Engagement (DCV 2013). Das Kerngeschäft der Caritas konzentriert sich insgesamt auf eine verstärkt präventive Wohlfahrtsarbeit.

3 Aufgaben und Arbeitsweise

Die Caritas ist einer von sechs Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland und neben der Diakonie und der sehr viel kleineren Zentralwohlfahrtsstelle der Juden einer der konfessionell geprägten Wohlfahrtsverbände. Die hohe Bedeutung der Wohlfahrtsverbände für den deutschen Sozialstaat und insbesondere der konfessionell geprägten Wohlfahrtspflege von Caritas und Diakonie, die einen Großteil der freien Wohlfahrtspflege erbringen, sind eine deutsche Besonderheit, die auf die Anfänge des Sozialstaates im 19. Jahrhundert zurückgehen (Schroeder 2017, S. 22).

Der Deutsche Caritasverband ist nicht homogen, sondern faktisch ein Dach zahlreicher selbstständiger Einheiten. Jede dieser Einheiten ist Träger für ein vielfältiges Dienstleistungsangebot und für deren konkrete Ausrichtung selbst verantwortlich. Das übergeordnete theologische und normative Leitbild sowie der strategische Handlungsrahmen werden zwar zentral festgelegt, aber die konkreten Leistungen und Handlungen unterliegen den einzelnen Organisationen, die diese unterschiedlich umsetzen (Schroeder 2017, S. 70).

Die zentralen Arbeitsfelder des DCV liegen im Bereich der Gesundheitshilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Familienhilfe sowie Alten- und Behindertenhilfe. Einen zusammenfassenden Überblick zu den Tätigkeitsfeldern mit entsprechenden Adressierungen stellt der Verband auf seiner Website zur Verfügung. Neben diesen klassischen Feldern der Wohlfahrtsarbeit werden auch Nachhaltigkeit und Integrationsarbeit erwähnt, was das zeitgemäße Profil der karitativen Arbeit widerspiegelt (DCV 2022a). Diese beschränkt sich nicht nur auf Deutschland. Die Caritas International ist das Hilfswerk des DCV und leistet gemeinsam mit Partnerorganisationen humanitäre Hilfe im Ausland (Caritas International 2023).

Der DCV hat es sich zudem zur Aufgabe gemacht, „das soziale Bewusstsein in der Gesellschaft und den innerverbandlichen Zusammenhalt durch Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit“ (DCV 2022b, S. 8) zu stärken. Im Rahmen von bundesweiten Kampagnen nimmt die Caritas jedes Jahr ein neues Thema in den Fokus, um auf die Situation benachteiligter Personen aufmerksam zu machen. Dabei greift sie auch Diskurse auf, die nicht zwingend zum Kerngeschäft eines Sozialverbandes gehören. So beschäftigt sich die aktuelle Kampagne mit der sozialen Komponente von Klimaschutz, um zu zeigen, wie eine Politik aussehen kann, die allen nutzt und die sich alle leisten können (DCV 2023). Bereits zur Bundestagswahl 2021 wurden eine Broschüre und weitere Materialien mit Forderungen für eine sozial gerechte Klimapolitik veröffentlicht (DCV 2021). Die an die Kampagnen gekoppelten Projekte werden vornehmlich im lokalen Raum umgesetzt, was einer Verlängerung der früheren milieutypischen Verwurzelung der katholischen Kirche und ihrer Hilfsorganisationen in lokalen Gemeinschaften entspricht. Das Konzept der „Sozialraumorientierung“ knüpft an das Subsidiaritätsprinzip und den Befähigungsansatz an: Gezielte Projekte vor Ort sollen die Menschen „aktivieren“ und dazu „befähigen“, ungünstigen Lebenssituationen zu entkommen.

Neben der öffentlichen Präsenz durch diverse Kampagnen in sozialen öffentlichen Räumen spielt auch die Freiwilligenhilfe eine wichtige Rolle für die aktive Caritas. Schließlich ist auch die Zivilgesellschaft eine Adressatin des Verbandes, um Ehrenamtliche zur Mitarbeit zu gewinnen. Jahrzehntelang bestand keine Notwendigkeit, Ehrenamtliche zu mobilisieren, weil über die Kirchen ein ausreichend großer Zustrom existierte (Backhaus-Maul 2015). Doch die steigenden Austrittszahlen und der zunehmende Bedeutungsverlust der Kirche machen eine aktive Ansprache und Anwerbung von potenziellen Ehrenamtlichen erforderlich. In jüngerer Zeit hat die Caritas ihr Werben um Ehrenamtliche deshalb intensiviert. Neben verstärkter Werbung um Ehrenamtliche auf der eigenen Homepage wurde im Januar 2013 die Abteilung „youngcaritas“ gegründet, um eine Plattform für ehrenamtliches Engagement von jungen Menschen zu etablieren und diese für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu gewinnen (youngcaritas 2024). Auch lokal können sich Interessierte in „Freiwilligenzentren“ darüber beraten lassen, wo sie ihre Kräfte einbringen können.

In seinem Kerngeschäft als Spitzenverband sozialer Dienste tritt der DCV zudem wie ein klassischer Lobbyist gegenüber dem Staat auf. Dabei sieht er sich mit der Aufgabe einer doppelten Interessenvertretung konfrontiert. Zum einen vertritt er die Klientelinteressen der Mitglieder und individuellen Dienstleistungsnehmer:innen. Zum anderen verfolgt er jedoch auch die eigenen wirtschaftlichen und organisatorischen Interessen. Die neue wettbewerbliche Dimension, die nach der Öffnung des Marktes für soziale Dienstleistungen seit den 1990er-Jahren erfolgt ist, verlangt außerdem neues strategisches Denken, um die eigene Organisation im Wettbewerb gut zu platzieren. Im Fokus der Arbeit soll trotzdem das Bedürfnis der „Kund:innen“ und Patient:innen stehen. Zudem sind immer wieder neue, zeitgemäße Antworten auf die veränderten Rahmenbedingungen der Säkularisierung, der Entkirchlichung und Individualisierung zu geben, die zugleich die Professionalität der eigenen Organisationen stärken (Schroeder 2017, S. 70 f.).

4 Organisation

Der deutsche Caritasverband besitzt eine föderal gegliederte Verbandsstruktur, die parallel zu den territorialen Strukturen der katholischen Kirche in Deutschland verläuft. Seit 1897 ist die Zentrale des Bundesverbandes in Freiburg beheimatet. Ihm untergeordnet sind die 27 Diözesan-Caritasverbände sowie 543 Orts- und Kreisverbände. Darüber hinaus gehören zum DCV18 karitative Fachverbände und sechs Vereinigungen (Schroeder 2017, S. 52).

Nach eigenen Angaben arbeiten derzeit über 690.000 Menschen in fast 25.000 Einrichtungen der Caritas, wobei die Personalausstattung mit über 280.000 Angestellten im Bereich der Gesundheitshilfe am größten ist. Um die 40 % des Angestelltensektors machen diesen Bereich aus. Die übrigen 60 % der Mitarbeitenden verteilen sich auf die Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe, Altenhilfe, Behindertenhilfe/​Psychiatrie, Familienhilfe und weitere soziale Hilfeleistungen. Ergänzt wird das angestellte Personal durch viele hunderttausende ehrenamtliche Hilfskräfte (DCV 2022a).

Die zunehmende Wettbewerbssituation ab Mitte der 1990er-Jahre in den Tätigkeitsfeldern der Caritas infolge der Liberalisierung des Pflege- und Gesundheitssektors, bewegte den Verband in seiner Organisationsstruktur vermehrt zur Anpassung an die politisch administrative Struktur der Bundesländer. Diese landesbezogenen Arbeitsgemeinschaften bestehen bspw. in Form der Hessen-Caritas oder der Arbeitsgemeinschaft der Caritasverbände in Rheinland-Pfalz (Boeßenecker und Vilain 2013, S. 97). Vor dem Hintergrund der politischen, strukturellen und finanziellen Veränderungen im Umfeld der Caritas in den vergangenen Jahren entwickelte sich eine Debatte über die Aufgaben und Funktionen der einzelnen verbandlichen Ebenen. Neben die erwähnten Strukturreformen traten auch besser koordinierende Aktivitäten zum Ausbau der Zusammenarbeit zwischen der Bundes- und Länderebene. Die im Rahmen des Projektes „Föderalismus und Kommunalisierung: Konsequenzen für die verbandliche Caritas“ entwickelten Vorschläge zu einer koordinierten Zusammenarbeit durch Themenverantwortliche in den Ländern wurden verstärkt umgesetzt (DCV 2011).

Die einzelnen Einrichtungen unter dem Dach der Caritas werden im Zuge des Stukturumbaus aufgrund der Marktentwicklungen zunehmend in verschiedenen Rechtsformen geführt. Neben der gängigen Geschäftsform als e.V. werden vermehrt auch Einrichtungen und Organisationen als GmbHs und Stiftungen geführt. Hinzu kommt neben einem kleinen Anteil sonstiger Rechtsformen noch die Einrichtungsführung als AG. All dies geschieht im Sinne einer privatwirtschaftlich orientierten Managementstrategie, welche durch den zunehmenden Aufbau von betriebswirtschaftlich geschulten Fachkräften eine zeitgemäße Marktausrichtung gewährleisten soll (Schroeder 2017, S. 54).

Aus all dem ergeben sich einige Verschiebungen: So lässt sich in Teilen eine gewisse Verselbstständigung der Einrichtungen feststellen, worunter mitunter auch das christlich-katholische Profil leiden kann. Insgesamt kann man in der Caritas eine Art Dualisierungstendenz erkennen: auf der einen Seite der Verband, der sich an der katholischen Kirche und ihrem Selbstverständnis der Hilfe für Schwache orientiert, auf der anderen Seite eine marktorientierte Unternehmenspolitik (Jüster 2015, S. 357). Auf der Ebene der Leitungsfunktion wird die traditionell theologische Führungsgruppe durch fachlich-betriebswirtschaftliche Orientierungsgruppen ersetzt. Die Notwendigkeit, den moralischen Anspruch der Kirche mit ökonomischen Erfordernissen in Einklang zu bringen, birgt Konfliktpotenzial und stellt die Akteure vor große Herausforderungen. So ist allgemeines Wachstum der Beschäftigten im Zuge der wohlfahrtsstaatlichen Expansion teilweise mit einer erheblichen Zunahme an prekären Beschäftigungsverhältnissen verbunden. Mit Blick auf das normative Ziel der Caritas ist dies keineswegs unproblematisch, da der Verband eine sozialpolitische Anwaltsfunktion für die Schwachen für sich beansprucht (Schroeder 2017, S. 56 f.). Auf diese Probleme hat der DCV mittlerweile reagiert und sich neu orientiert.

Durch die anhaltende Entkirchlichung der Gesellschaft und die staatlich initiierte Entprivilegierung der Wohlfahrtsverbände kommt es zu einer Einfluss- und Machtverschiebung innerhalb der Caritas. Vor allem die autonomer werdenden Sozialunternehmen sind immer weniger an kirchliche Strukturen und Abläufe gebunden. Die durch den Staat und die eigenen Marktunternehmen in eine doppelnde Defensive geratenen Verbände würden, nach Möhring-Hesse, in der Folge zu „Lobbyisten in eigener Sache“, was gerade dem Selbstverständnis christlicher Verbände kaum entspreche (Interview Möhring-Hesse, Schroeder 2017). Die Erneuerungsbemühungen des Verhältnisses von Caritas und Kirche erfolgen nach den organisatorischen Reformen vielfach auf einer nachholenden Anpassung der programmatisch-theologischen Aussagen an die neuen Realitäten (Schroeder 2017, S. 62).

5 Geschichte

Unter dem Namen „Caritasverband für das katholische Deutschland“ gründete eine kleine Gruppe katholischer Sozialpolitiker am 9. November 1897, unter anderem initiiert vom damals jungen Priester Lorenz Werthmann, eine Organisation zur Unterstützung von Menschen in sozialer Not. Der in Köln ins Leben gerufene Verband baute bereits damals ein Netzwerk aus Hilfeeinrichtungen für verschiedenste Hilfebelange auf, so zum Beispiel auch Kindergärten oder Einrichtungen für Mädchenschutz. Seine offizielle Legitimation erhielt der junge Verband 1916 von den deutschen Bischöfen im Angesicht der hervorgerufenen sozialen Notlagen durch den Ersten Weltkrieg. Die Katholische Kirche erkannte die Caritas erstmals als eigenen Sozialdienst an, an dessen Spitze der Mitbegründer Lorenz Werthmann stand.

Schnell entwickelte sich der Verband zu einem Fortbildungszentrum und einer Ausbildungsstätte für soziale Berufe. Durch die Kindesfürsorge wurden erste Grundsteine für eine professionelle Wohlfahrts- und Sozialarbeit gelegt (DCV 2022a).

Trotz der Konflikte von Staat und Kirche mit dem Aufkommen des dritten Reichs ab 1933, gelang es dem Wohlfahrtsverband nach eigenen Angaben, nicht unter dem NS-Regime gleichgeschaltet zu werden und damit handlungsfähig zu bleiben. Dennoch sah sich der Verband damit einer schwierigen Zeit gegenüber, in der Teile der Angestellten sich der Diktatur und ihren Methoden widersetzten, andere Teile dem System aber zuarbeiteten. So wurden die Gräueltaten dieser Zeit zum Teil auch unterstützt und mitgetragen.

Unter Präsident Kreutz leistete der Caritasverband nach Ende des Zweiten Weltkrieges insbesondere Hilfe für Geflüchtete und Unterstützung bei Familienzusammenführung und Versorgungsarbeit.

Seit den 1950er-Jahren verstärkte die Caritas ihre Bemühungen in der Auslandshilfe, auch aufgrund der positiven Hilfeerfahrungen aus dem Ausland zum Wiederaufbau Deutschlands. Durch die deutschen Bischöfe beauftragt, leistet die Caritas bis heute in über 80 Ländern Hilfe bei Katastrophenfällen und Notlagen (DCV 2022a).

Während der Zweiteilung Deutschlands vertrat der Caritasverband vor allem in der DDR gemeinsam mit der Diakonie sozialstaatliche Fürsorgeaufgaben, denen der Staat teils nicht gerecht werden konnte. In der BRD baute der Verband sein Wohlfahrtsgeschäft aus.

Zur umfangreichen zivilgesellschaftlichen Konsolidierung legt der Deutsche Caritasverband seit 2006 jeweils in dreijährigen Kampagnen gesamtverbandliche Initiativen auf. So zum Beispiel das bereits beschriebene Konzept zur Befähigung oder die von 2018 bis 2020 laufende Initiative für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Im Jahr 2022 feierte der DCV sein 125-jähriges Bestehen und das unter der seit 2021 ersten weiblichen Führung durch Eva M. Welskop-Deffaa. Besonders im Fokus der aktuellen Arbeit stehen der Ausbau digitaler Dienste und die entstandenen Notlagen rund um die Corona-Pandemie (DCV 2022a).

6 Quellenangaben

Backhaus-Maul, Holger, 2000. Wohlfahrtsverbände als korporative Akteure. Über eine traditionsreiche sozialpolitische Institution und ihre Zukunftschancen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte [online]. 26–27 [Zugriff am: 08.12.2015]. Verfügbar unter: http://www.bpb.de/apuz/25545/​wohlfahrtsverbaende-als-korporative-akteure

Baumgartner, Alois, 2002. Christliches Menschenbild. In: Winfried Becker, Günter Buchstab, Anselm Doering-Manteuffel und Rudolf Morsey, Hrsg. Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland. Paderborn: Schöningh, S. 676–679. ISBN 978-3-506-70779-6

Boeßenecker, Karl-Heinz und Michael Vilain, 2013. Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege: Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder sozialwirtschaftlicher Akteure in Deutschland. 2., überarb. Aufl. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2502-6 [Rezension bei socialnet]

Boldorf, Marcel, 2008. Die „Neue Soziale Frage“ und die „Neue Armut“ in den siebziger Jahren. Sozialhilfe und Sozialfürsorge im deutsch-deutschen Vergleich. In Konrad H. Jarausch, Hrsg. Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 138–156. ISBN 978-3-525-36153-5

Caritas International, 2023. Über uns [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V. [Zugriff am: 07.10.2023]. Verfügbar unter: https://www.caritas-international.de/ueberuns/

Cremer, Georg, 2007. Für eine Sozialpolitik der Befähigung. Vortrag auf dem 1. Caritaskongress, 10.–12. Mai 2007 in Berlin [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V., 12.05.2007 [Zugriff am: 01.08.2016]. Verfügbar unter: https://www.caritas.de/cms/contents/​caritasde/​medien/​dokumente/​dcv-zentrale/​vorstand/​generalsekretaer/​vortraegeundreden/​2007-05-10-fuereines/​1-caritaskongress_fuer-eine-sozialpolitikder-befaehigung_mai07.pdf?d=a

Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 2014. Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft. Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung

Deutsche Bischofskonferenz, 2022. Katholische Kirche in Deutschland – Zahlen und Fakten 2021/2022 [online]. Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 07.2022 [Zugriff am: 04.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.dbk.de/fileadmin/​redaktion/​Zahlen%20und%20Fakten/​Kirchliche%20Statistik/​Allgemein_-_Zahlen_und_Fakten/​AH332_BRO_ZuF_2021-2022_WEB.pdf

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), Hrsg., 1997. Leitbild des Deutschen Caritasverbandes. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V.

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), 2011. Geschäftsbericht des Deutschen Caritasverbandes e.V. 2011. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V.

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), 2013. Menschen befähigen, Gerechtigkeit fördern, den Sozialstaat stärken. Sozialpolitische Themen des Deutschen Caritasverbandes für die Bundestagswahl 2013 [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V. [Zugriff am: 02.09.2016]. Verfügbar unter: https://www.caritas.de/cms/contents/​caritasde/​medien/​dokumente/​schwerpunkte/​sozialpolitischethem/​dcv_sozialpolitische_themen_bundestagswahl_2013_endgueltig__17_jan_2013.pdf?d=a&=pdf

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), 2021. Forderungen und Argumente für sozial gerechten Klimaschutz zur Bundestagswahl 2021 [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V. [Zugriff am: 12.04.2023]. Verfügbar unter: https://klima.caritas.de/wp-content/​uploads/2021/07/Broschuere_Forderungen_klimaschutz_caritas.pdf

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), 2022a. Die Caritas [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V. [Zugriff am: 11.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.caritas.de/diecaritas/​uebersicht

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), 2022b. Satzung des Deutschen Caritasverbandes e.V. vom 16. Oktober 2003 in der Fassung vom 13. Oktober 2022 [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V., 13.10.2022 [Zugriff am: 06.10.2023]. Verfügbar unter: https://www.caritas.de/glossare/​satzung-des-deutschen-caritasverbandes-e

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), 2023. Für Klimaschutz, der allen nutzt [online]. Freiburg im Breisgau: Deutscher Caritasverband e.V. [Zugriff am: 12.04.2023]. Verfügbar unter: https://www.caritas.de/magazin/​schwerpunkt/​klimaschutz/​klimaschutz

Deutscher Caritasverband e.V. (DCV), [ohne Jahr]. Spenden und Engagement. Die Engagementberater [online]. https://www.caritas.de/spendeundengagement/​engagieren/​ehrenamt/​freiwilligenzentren/​freiwilligenzentren. Zugegriffen: 06. September 2016.

Hübinger, Werner und Udo Neumann, 1998. Menschen im Schatten: Lebenslagen in den neuen Bundesländern. Freiburg im Breisgau: Lambertus. ISBN 978-3-7841-1121-6

Jüster, Markus, 2015. Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege – Eine institutionalistische Analyse der Sozialwirtschaft. Baden-Banden: Nomos. ISBN 978-3-8487-1448-3 [Rezension bei socialnet]

Schäfer, Gerhard K., 2010. Arme habt ihr immer bei euch. Armut als Herausforderung für die soziale Arbeit der Kirchen. In: Benjamin Benz, Jürgen Boeckh und Hildegard Mogge-Grotjahn, Hrsg. Soziale Politik, soziale Lage, soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer VS, S. 352–367. ISBN 978-3-531-16885-2 [Rezension bei socialnet]

Schroeder, Wolfgang, 2017. Konfessionelle Wohlfahrtsverbände im Umbruch: Fortführung des deutschen Sonderwegs durch vorsorgende Sozialpolitik?. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-16298-6 [Rezension bei socialnet]

youngcaritas, 2024. Was ist youngcaritas? [online]. Freiburg: Deutscher Caritasverband e.V. [Zugriff am: 05.02.2024]. Verfügbar unter: https://www.youngcaritas.de/ueber-uns/​ueber-uns

7 Literaturhinweise

Baumgartner, Alois, 2002. Christliches Menschenbild. In: Winfried Becker, Günter Buchstab, Anselm Doering-Manteuffel und Rudolf Morsey, Hrsg. Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland. Paderborn: Schöningh, S. 676–679. ISBN 978-3-506-70779-6

Boeßenecker, Karl-Heinz und Michael Vilain, 2013. Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege: Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder sozialwirtschaftlicher Akteure in Deutschland. 2., überarb. Aufl. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2502-6 [Rezension bei socialnet]

Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 2014. Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft. Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung

Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 2014. Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft. Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung

Jüster, Markus, 2015. Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege – Eine institutionalistische Analyse der Sozialwirtschaft. Baden-Banden: Nomos. ISBN 978-3-8487-1448-3 [Rezension bei socialnet]

Schäfer, Gerhard K., 2010. Arme habt ihr immer bei euch. Armut als Herausforderung für die soziale Arbeit der Kirchen. In: Benjamin Benz, Jürgen Boeckh und Hildegard Mogge-Grotjahn, Hrsg. Soziale Politik, soziale Lage, soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer VS, S. 352–367. ISBN 978-3-531-16885-2 [Rezension bei socialnet]

Schroeder, Wolfgang, 2017. Konfessionelle Wohlfahrtsverbände im Umbruch: Fortführung des deutschen Sonderwegs durch vorsorgende Sozialpolitik?. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-16298-6 [Rezension bei socialnet]

8 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Wolfgang Schroeder
Universität Kassel
Fachbereich 05, Gesellschaftswissenschaften
Leiter des Fachgebiets „Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel“
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Wolfgang Schroeder.

Zitiervorschlag
Schroeder, Wolfgang, 2024. Deutscher Caritasverband [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 09.02.2024 [Zugriff am: 27.02.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/1559

Link zur jeweils aktuellsten Version: https://www.socialnet.de/lexikon/Deutscher-Caritasverband

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