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Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge

Abkürzungen: Deutscher Verein, DV

Offizielle Bezeichnung: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V., Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, VR 26485 B

Website: www.deutscher-verein.de

Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (DV) ist die fachliche Organisation für den Austausch und die Koordinierung der öffentlichen und privaten Träger der Wohlfahrtspflege sowie für AkteurInnen aus Wissenschaft und Politik. Er ist überkonfessionell und überparteilich ausgerichtet und arbeitet konsensorientiert.

Überblick

  1. 1 Geschichte
  2. 2 Mitglieder und Struktur
  3. 3 Finanzierung
  4. 4 Aufgaben
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Geschichte

„Seine wechselvolle Geschichte ist eng verbunden mit Entstehung, Ausbau und Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaates und veranschaulicht die unterschiedlichen historischen Lösungen für soziale Probleme – von der Armenpflege im Kaiserreich über das Weimarer Fürsorgewesen bis hin zum Sozialhilferecht der Bundesrepublik“ (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge o.J.a).

In den Jahren 1879/80 begannen intensive Bemühungen zur besseren Organisation und Koordination der deutschen Armenpflege. Die Gründungsväter des Deutschen Vereins sind Albert Doell (1814-1892), Wolfgang Straßmann (1821-1885) und Ludwig Friedrich Seyffarth (1827-1901). Nach der Gründungsveranstaltung im November 1980 wurde auf einer am 11. und 12. November 1881 in Berlin stattfindenden Versammlung die Satzung einstimmig angenommen und damit der „Deutsche Verein für Armenpflege und Wohlthätigkeit“ konstituiert. Seinen heutigen Namen: „Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge“ gab sich der Verein 1919 (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge o.J.c).

In der Weimarer Republik transformiert der „Honoratiorenverein bürgerlichen Zuschnitts“ zusehends zu einer „wohlfahrtspolitischen Großorganisation“ und „einem professionell geführten Interessenverband“. Vor allem unter der Leitung von Wilhelm Polligkeit (1876-1960) nahm der Deutsche Verein nachhaltigen Einfluss auf die Fürsorge- und Sozialpolitik und trug wesentlich zur Etablierung des besonderen Entwicklungspfade der sozialen Dienste in Deutschland bei (Sachße 2011).

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten führte zur – von Wilhem Polligkeit mit-/betriebenen – „Gleichschaltung“, also der Unterordnung unter die rassenhygienische und autoritäre Sozialpolitik des Hitler-Regimes. Stein (2019) relativiert die lange vorherrschende Leseart, wonach der Deutsche Verein von den Nationalsozialisten „ausgeschaltet“ worden sei (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge o.J.b; DBSH 2016).

Wie der Deutschen Verein selbstkritisch festhält, hat es eine Auseinandersetzung der nationalsozialistischen Vergangenheit bis in die 1980er-Jahre nicht gegeben.

„Dass sich der DV aus seiner langjährigen Blockadehaltung gelöst hatte, zeigte u.a. 2003 der Abdruck eines biografischen Beitrages über die Geschäftsführerin Eiserhardt, in dem auch die Vereinsgeschichte im ‚Dritten Reich‘ näher beleuchtet wurde. Einen weiteren Schritt zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit unternahm der DV mit der Erstellung einer kritisch angelegten Vereinsgeschichte, die anlässlich des 125-jährigen Vereinsjubiläums 2005 erschien. Sie ließ erkennen, dass zahlreiche Persönlichkeiten aus den Gremien des DV in die Machenschaften des NS-Regimes verstrickt waren“ (Stein 2019).

Nach dem Ende des NS-Regimes wurde 1946 ein erster Fürsorgetag nach Frankfurt a.M. einberufen, auf dem Vorstand und Hauptausschuss gewählt, die demokratische Satzung der Weimarer Republik erneut beschlossen und Wilhelm Polligkeit zum Vorsitzenden und Geschäftsführer berufen wurde. Der DV knüpfte folglich sowohl personell als auch organisatorisch nahtlos an die Zeit vor 1933 an. Er schalte sich erfolgreich in die Sozialreformdebatten der Adenauer-Zeit ein und trug so vor allem zur Novellierung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes und zur Einführung des Fürsorgeänderungsgesetzes bei. Auch übernahm der DV den Auftrag zur Ermittlung des sozialen Existenzminimums und berechnete (1954/55) erstmals auf wissenschaftlicher Basis die staatlich garantierte Mindestversorgung von FürsorgeempfängerInnen. Der DV war ebenfalls an der Ausarbeitung des Bundessozialhilfe- und des Jugendwohlfahrtsgesetzes beteiligt und befürwortete massiv die vorgesehene Vorrangstellung der freien Wohlfahrtspflege gegenüber der öffentlichen Fürsorge, was 1967 durch das Bundesverfassungsgericht bestätigte wurde.

Nach der Vereinigung beider deutscher Staaten verstärkten sich die Diskussionen um die Finanzierbarkeit der Sozialleistungen und die Umgestaltung des Sozialstaats – etwa in den Debatten um die Zusammenführung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe, an denen sich der Deutsche Verein beteiligte. Auch beim Bundesteilhabegesetz und der Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes meldete sich der DV zu Wort und konnte wesentliche Empfehlungen machen (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge o.J.e).

2 Mitglieder und Struktur

Der DV trägt die Rechtsform eines eingetragenen Vereins und hat ca. 2.000 Mitglieder. Zu den Mitgliedern gehören die Kommunen und ihre Verbände, die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege einschließlich ihrer Unterorganisationen und weitere Akteure des Sozialen wie Verwaltungs- und Sozialgerichte, Universitäten, Fachhochschulen, Ausbildungsstätten, Vereine, Verbände, Unternehmen, privat-gewerbliche Träger und ihre Verbände, Stiftungen und Einzelpersonen aus allen Bereichen der Sozialpolitik, des Sozialrechts und der Sozialen Arbeit (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge o.J.c).

Der DV verfügt über die vereinsüblichen Gremien wie Mitgliederversammlung, Arbeitskreise und Vorstand sowie eine Geschäftsstelle mit Sitz in Berlin, bei der aktuell über 80 MitarbeiterInnen beschäftigt sind. Die Hälfte davon sind wissenschaftliche ReferentInnen (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2020).

Eine Mitgliederversammlung findet alle zwei Jahre statt.

Die Geschäftsstelle ist nach Arbeitsfeldern organisiert:

  • Grenzüberschreitende Sozialarbeit – Internationaler Sozialdienst (ISD)
  • Kindheit, Jugend, Familie, Soziale Berufe
  • Grundlagen sozialer Sicherung, Sozialhilfe, soziale Leistungssysteme
  • Alter, Pflege, Rehabilitation, Sozialplanung
  • Bundeszentrale Fachpublikationen
  • Stabsstelle Internationales

3 Finanzierung

Der Deutsche Verein wurde von 2002 bis 2018 auf der Grundlage einer Vereinbarung mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert. Der Förderbetrag war über den gesamten Zeitraum auf 4.455.000 Euro gedeckelt. 2018 erfolgte erstmals eine Nachbewilligung über 216.907 Euro. Zusätzlich wurden für die Durchführung der Deutschen Fürsorgetage jeweils 145.000 Euro zur Verfügung gestellt. Weitere Einnahmen stammen aus Zuwendungen und den Mitgliedsbeiträgen. Insgesamt lagen die Einnahmen 2018 bei rund 8 Mio. Euro (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2019).

4 Aufgaben

Zu den wichtigsten Aufgaben, die der DV wahrnimmt, gehören

  • Clearing-Stelle, d.h. Aushandlung und Abstimmung unterschiedlicher Interessen und Fachpositionen, insbesondere zwischen öffentlichen und freien Trägern
  • Beeinflussung der sozialpolitischen Akteure und Institutionen als „Lobby des Sozialen“ (Lebedowicz 2015)
  • Erarbeitung von Empfehlungen für die Praxis der öffentlichen und freien sozialen Wohlfahrtspflege sowie die Herausgabe von Schriften (u.a. das renommierte Fachlexikon der Sozialen Arbeit)
  • Gutachterliche Tätigkeit auf dem Gebiet des Sozialrechts
  • Fort- und Weiterbildung von Führungskräften und MitarbeiterInnen u.a. durch die Deutschen Fürsorgetage
  • Unterstützung des Austauschs mit relevanten Wissenschaften
  • Förderung der internationalen Zusammenarbeit und des Internationalen Sozialdienstes (Aner und Hammerschmidt 2018, S. 169; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2019)

Insgesamt lässt sich festhalten:

„Nicht nur Gesetzgebungsverfahren, sondern auch die konkrete Ausgestaltung und praktische Umsetzung gestaltet(e) der DV durch seine Aktivitäten (Aushandlungen, Beratung, Stellungnahmen, Empfehlungen usw., […]) entscheidend mit. So begleitete und förderte der DV die sozialen Hilfen und die Soziale Arbeit von den Anfängen bis zur Gegenwart. Heute sind neben den Kommunen, den kommunalen Spitzenverbänden, den Wohlfahrtsverbänden und sonstigen Fachverbänden auch Bundes- und Landesbehörden, Vertreter von Universitäten, Fachhochschulen und Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit Mitglieder […]“ (Aner und Hammerschmidt 2018, S. 168).

5 Quellenangaben

Aner, Kirsten und Peter Hammerschmidt, 2018. Arbeitsfelder und Organisationen der Sozialen Arbeit: Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-20563-8

Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH), 2016. Zur Verantwortung der Sozialen Arbeit im Dritten Reich. In: FORUM sozial [online]. 22(4), S. 19–21 [Zugriff am: 22-02-2020]. ISSN 1433-3945. Verfügbar unter: https://www.dbsh.de/fileadmin/​redaktionell/pdf/Profession/​20170419_Erklärung_zur_Verantwortung_Sozialer_Arbeit_im_dritten_Reich.pdf

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, [ohne Jahr]a. 140 Jahre Deutscher Verein [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 13.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-v erein.de/de/wir-ueber-uns-verein-140-jahre-deutscher-verein-1777.html

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, [ohne Jahr]b. Der Deutsche Verein im Nationalsozialismus [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 22.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/wir-ueber-uns-140-jahre-deutscher-verein-geschichte-nationalsozialismus-3721.html

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, [ohne Jahr]c. Geschichte des Deutschen Vereins [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 13.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/wir-ueber-uns-geschichte-des-deutschen-vereins-3676.html

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, [ohne Jahr]d. Mitglieder und Unterstützer [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 13.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/mitglieder-2283.html

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, [ohne Jahr]e. Wiederaufbau nach 1945 [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 13.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/wir-ueber-uns-140-jahre-deutscher-verein-geschichte-nach-1945-3725.html

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 2019. Geschäftsbericht 2018 [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 13.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/uploads/​wir-ueber-uns/​geschaeftsstelle/​geschaeftsberichte/​dv-geschaeftsbericht-2018.pdf

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 2020. Organigramm der Geschäftsstelle [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V., 01.02.2020 [Zugriff am: 13.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/uploads/​wir-ueber-uns/​geschaeftsstelle/​organigramm/​organigramm.pdf

Lebedowicz, Aleksandra, 2015. Lobby des Sozialen: 135 Jahre Deutscher Verein. In: Der Tagesspiegel [online]. 16.06.2015 [Zugriff am: 14.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.tagesspiegel.de/politik/​135-jahre-deutscher-verein-lobby-des-sozialen/​11919610.html

Sachße Christoph, 2011. Zur Geschichte Sozialer Dienste in Deutschland. In: Adalbert Evers, Rolf G. Heinze und Thomas Olk, Hrsg. Handbuch Soziale Dienste. Wiesbaden: VS Verlag, S. 94–116. ISBN 978-3-531-15504-3 [Rezension bei socialnet]

Stein, Anne-Dore, 2019. Wilhelm Polligkeit und der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge – eine kritische Perspektive auf einen „Architekten“ der modernen Wohlfahrtspflege. In: Nachrichtendienst (NDV) [online]. 99(7), S. 309–315 [Zugriff am: 15.02.2020]. ISSN 0012-1185. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/de/wir-ueber-uns-140-jahre-deutscher-verein-geschichte-aufarbeitung-der-ns-geschichte-3723.html

6 Literaturhinweise

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Hrsg., 2005. Forum für Sozialreformen: 125 Jahre Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. ISBN 978-3-7841-1707-2

Autor
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
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Zitiervorschlag
Schmid, Josef, 2020. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 25.02.2020 [Zugriff am: 09.04.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Deutscher-Verein-fuer-oeffentliche-und-private-Fuersorge

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veröffentlicht am 25.02.2020

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