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Diesterweg, Adolph

Abbildung 1: Adolph Diesterweg um 1860
Abbildung 1: Adolph Diesterweg um 1860 (Quelle: Sammlung Klaus Goebel/Wuppertal)

* 29.10.1790 in Siegen
† 07.07.1866 in Berlin

Adolph Diesterweg war ein bedeutender bürgerlicher und liberal denkender Lehrer, Lehrerbildner, pädagogischer Publizist und bildungspolitisch engagierter Schulpädagoge, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte.
Die vom Humanismus und der Aufklärung inspirierte Idee von Bildung als Selbstbildung und Erziehung als Ermöglichung von Selbsttätigkeit, wurde durch ihn verbreitet. Damals waren Überlegungen zu einer allgemeinen Bildung für alle Menschen neu. Johann Amos Comenius, die sogenannten Philanthropen sowie Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Wilhelm von Humboldt und Daniel Friedrich Schleiermacher sahen gerade in der Bildung jedes Menschen das notwendige Entwicklungspotenzial der Gesellschaft. Adolph Diesterweg entwickelte die Volksschule, prägte die Lehrer und fundierte deren Ausbildung auch in Bezug auf die soziale Frage der Zeit. Wie Pestalozzi glaubte auch Diesterweg, dass Bildung ein Weg sei, aus der Armut herauszukommen (Reyer 2002, S. 27–33).

Überblick

  1. 1 Lebenslauf
  2. 2 Lebenswerk
    1. 2.1 Erprobung als Lehrer und Konrektor
    2. 2.2 Lehrerseminar in Moers und Stadtschulseminar in Berlin
    3. 2.3 Amtsenthebung und neue Aufgaben
  3. 3 Wirkungsgeschichte
    1. 3.1 Diesterwegs Bedeutung für die Pädagogik in Deutschland
  4. 4 Aktuelle Bedeutung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Lebenslauf

Adolph Diesterweg wurde 1790 in Siegen als siebtes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater war dort Advokat. Seine Mutter Catharina Charlotte, die Tochter eines Gemeindevorstehers, bekam mit Carl Friedrich Diesterweg zehn Kinder. Als Adolph acht Jahre alt war, starb die Mutter und der Vater erkrankte an einer Depression. Nach dem Besuch der Lateinschule in Siegen studierte Adolph Diesterweg von 1808 bis 1810 Mathematik, Philosophie und Geschichte in Herborn, Heidelberg und Tübingen. Er wollte Vermessungsingenieur werden. Um zur Prüfung nach Düsseldorf zu kommen, wanderte er von Tübingen aus zu Fuß nach Mannheim. Dort besuchte er seinen älteren Bruder Wilhelm. Um den Aufenthalt mitzufinanzieren, vermittelte ihm dieser Privatschüler. Diesterweg gefiel das Unterrichten. Danach ging er zu Fuß weiter nach Elberfeld/Wuppertal. Hier wohnte er bei Johann Friedrich Wilberg, einem Philanthropen und Freund seines Bruders. Aufgrund des napoleonischen Russlandfeldzuges kam die für Dezember 1811 vorgesehene Prüfungskommission nicht zustande. Deshalb nahm er eine Lehrerstelle für Mathematik und Geografie am Wormser Gymnasium an (Rupp 2017, S. 20). 1814 heiratete Diesterweg Sabine Enslin, die er 1812 in Worms kennengelernt hatte. Sie war die Tochter eines Lehrers aus Wetzlar. Mit ihr hatte Diesterweg neun Kinder. Das Ehepaar war 54 Jahre verheiratet. 1866 starben beide kurz nacheinander in Berlin an der Cholera. Ihr Sohn Moritz Diesterweg gründete den Diesterweg Verlag. Ihre Tochter Hermine begann 1850 eine Ausbildung zur Kindergärtnerin bei Friedrich Fröbel (Köhler 2016, S. 127).

Abbildung 2: Adolph Diesterweg nach einer Zeichnung von Wilhelm Hensel 1847
Abbildung 2: Adolph Diesterweg nach einer Zeichnung von Wilhelm Hensel 1847 (Quelle: Sammlung Klaus Goebel/Wuppertal)

2 Lebenswerk

2.1 Erprobung als Lehrer und Konrektor

In der damaligen kurpfälzischen und französischen Stadt Worms sammelte der junge Diesterweg seine ersten pädagogischen und didaktischen Erfahrungen. Um nicht am napoleonischen Krieg teilnehmen zu müssen, wechselte er 1813 die Stelle und ging an die Pestalozzi Musterschule nach Frankfurt am Main. Dort waren die Lehrer philanthropisch eingestellt, und die Schule war in der Bevölkerung als Reformschule bekannt. Diesterweg wurde von den Kollegen geschätzt. Mit dem Frankfurter Schulleiter gab es jedoch Konflikte in Bezug auf das Unterrichten. Adolph Diesterweg qualifizierte sich während der Jahre in Frankfurt mit einer mathematisch-fachwissenschaftlichen Arbeit an der Universität Tübingen. 1817 erhielt er das Doktordiplom. Darüber hinaus engagierte er sich für die Bildung von Handwerkern und wurde Mitglied in der Frankfurter Museumsgesellschaft. 1818 wechselte er als Konrektor an die reformierte Lateinschule nach Elberfeld/Wuppertal. Wegen weltanschaulicher Differenzen mit dem reformierten konservativen Stadtpfarrer und Schulleiter kündigte er zwei Jahre später die Stelle (Rupp 2017, S. 23 f.). In Elberfeld, der bedeutendsten Industriestadt jener Zeit, setzte sich Diesterweg zunächst mit religiösen Fragen auseinander und publizierte 1820 eine Schrift „Ueber Erziehung im Allgemeinen und Schul-Erziehung im Besonderen“. Die gymnasialen Unterrichtsmethoden waren ihm zu konservativ. Statt des Memorierens von Glaubenssätzen und Bibelversen forderte er mit Verweis auf Friedrich Herbart (1776–1841) den entwickelnden, fragenden und die Schüler begeisternden Individualunterricht einzuführen (Rupp 1989, S. 41 ff.). Deshalb bewarb sich Adolph Diesterweg auf die Direktorenstelle eines neu einzurichtenden Seminars für Elementarschullehrer in Moers.

2.2 Lehrerseminar in Moers und Stadtschulseminar in Berlin

Von 1823 bis 1832 leitete Adolph Diesterweg eines der ersten deutschen Lehrerseminare in Moers. Am Niederrhein entwickelte er seine Pädagogik, die das Kind und die Person des Lehrers in den Mittelpunkt rückte. „Er wollte aus dem Gedankenreichtum von Tradition und Gegenwart Antworten auf die pädagogischen Lebensfragen seiner Zeit finden und primär nicht zum Nutzen der gelehrten Welt, sondern als ‚Wegweiser‘ für die Lehrer der Massenschulen seine Essenz aufbereiten“ (Hofmann 1990, S. 13). Dass Adolph Diesterweg freie selbstständig denkende Schüler und Lehrer forderte, war den Verantwortlichen für das Schulwesen bekannt. Vermutlich dauerte die offizielle Bestätigung ins Amt deshalb auch länger, denn es waren Fürsprecher notwendig, damit er 1823 offiziell ins Amt eingeführt werden konnte (Rupp 2017, S. 27). Er selbst formulierte in einem Brief: „Freilich wirkte und wirke ich für die Entwicklung des Menschen und dadurch für die Nation und in und mit ihr für beider Selbstbestimmung, Selbständigkeit, Mündigkeit und Selbstregierung“ (Köhler 2016, S. 17).

Abbildung 3: Elementarschule auf dem Katernberg
Abbildung 3: Elementarschule auf dem Katernberg am Rand der wachsenden Industriegroßstadt Elberfeld. im 19. Jahrhundert. Das Fachwerkhaus wurde 1802 erbaut und 1859 durch einen Neubau ersetzt. (Quelle: Sammlung Klaus Goebel/Wuppertal)

Den angehenden Volksschullehrern vermittelte er spezifische didaktisch-methodische Fachkenntnisse und Selbstbewusstsein. Er publizierte Fachartikel zu naturwissenschaftlichen Themen und gab seit 1827 die Rheinischen Blätter für Lehrer heraus. Er schrieb Schulbücher und Fachdidaktiken. 1832 bewarb er sich auf die Stelle des Leiters des Seminars für Stadtschullehrer in Berlin, denn er wollte die Institution Schule weiterentwickeln.
In Berlin nahm er an der letzten Vorlesung von Daniel Friedrich Schleiermacher teil, die ihn nachhaltig begeisterte (Rupp 1989, S. 65). 1834 gründete er mit anderen die „Pädagogische Gesellschaft“. Diese Gruppe traf sich einmal monatlich, um über Pädagogik zu diskutieren. Diesterweg war Mitglied im „Älteren Schullehrerverein“ in Berlin und gründete den „Verein für jüngere Schullehrer“ (Rupp 1989, S. 66). Mit dem Verein gelang ihm nicht nur die Politisierung der Lehrer, sondern auch deren Professionalisierung. Er publizierte Aufsätze zum Thema Bildung sowie allgemeinbildende Werke (Rupp 2017, S. 27). 1835 erschien das Buch „Wegweiser zur Bildung für Lehrer und die Lehrer werden wollen, und methodisch-praktische Anweisung zur Führung des Lehramtes“. Dieses Buch erschien in vier Auflagen und wurde quasi zum Bestseller (Rupp 2017, S. 29). Als 1840 Friedrich Wilhelm IV. an die Macht kam, galt Diesterweg bereits als unbequem und politisch gefährlich. Ferdinand Stiehl (1812–1878), ein neopietistisch erweckter Theologe, der im Kultusministerium für die Volksschule zuständig war, hatte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Diesterweg 1847 unterstützt. 1850 wurde der sechzigjährige Diesterweg dann endgültig pensioniert.

2.3 Amtsenthebung und neue Aufgaben

Abbildung 4: Adolph Diesterweg um 1866, wahrscheinlich letzte Aufnahme
Abbildung 4: Adolph Diesterweg um 1866, wahrscheinlich letzte Aufnahme (Quelle: Sammlung Klaus Goebel/Wuppertal)

Aufgrund der Amtsenthebung fand Diesterweg Zeit, sich auf andere Weise um die Verbesserung der Lehrerbildung zu kümmern. Im Kontext der 1848/49er-Revolution verfasste er in den Rheinischen Blättern unter dem Titel „Was fordert die Zeit?“ ein „Acht-Punkte-Programm“ für die Verbesserung der Volksschule (Rupp 1989, S. 89). Seine Vorschläge zur Neuordnung der Schule und zur Verbesserung der Versorgungsbezüge der Lehrer verhallten bei den schulpolitisch Verantwortlichen. Allerdings übten sie Kritik an seiner Person. In kirchlich-orthodox denkenden Kreisen galt der Nichttheologe schon länger als zu fortschrittlich und kirchenkritisch. Ihm wurde vorgeworfen, die Grundlagen des christlichen Glaubens preiszugeben und die Jugend zu gefährden (Rupp 2017, S. 161 f.). Seitens des Ministeriums unterstellte man Diesterweg kommunistisch-sozialistische Tendenzen. In Berlin gründete er die Pestalozzi-Stiftung, die ein Heim für Waisenkinder unterhielt. Von 1859 bis 1866 wirkte er, inzwischen fast siebzigjährig, als liberaler Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus. Bildungspolitisch setzte er sich mit den 1854 erlassenen Regulativen von Ferdinand Stiehl weiterhin kritisch auseinander.

3 Wirkungsgeschichte

Adolph Diesterwegs Wirken fällt in die Entwicklung der bürgerlichen und pädagogisch inspirierten Epoche nach der Französischen Revolution, dem sogenannten Vormärz, der ersten demokratischen Bewegung in Deutschland. Das Menschenrecht auf Bildung bedeutete für Diesterweg nicht nur Emanzipation, sondern auch Verantwortung für die Mitgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung (Rupp 2017, S. 35). Seine Arbeit richtete er deshalb auf die berufliche Bildung, die Volksschulbildung und Weiterbildung für Lehrer sowie die bildungspolitische Mitgestaltung der Schule.

Abbildung 5: Adolph Diesterweg auf einer 10-Pfennig-Briefmarke der DDR aus dem Jahr 1990
Abbildung 5: Adolph Diesterweg auf einer 10-Pfennig-Briefmarke der DDR aus dem Jahr 1990 (Quelle: gemeinfrei)

In der DDR wurde Diesterweg als historisch relevanter Revolutionär der Bourgeoisie wahrgenommen. Seine didaktischen Auffassungen bekamen Relevanz für die sozialistische Schule. Die Erziehung zur Selbsttätigkeit in der Tradition der großen Philosophen, wie Kant, Fichte, Goethe und Rousseau sie formulierten, wurde als Fortentwicklung der Humanität interpretiert. Deshalb wurde Diesterweg als berufsethisches Vorbild immer wieder erwähnt. Wenngleich seine Bürgerlichkeit auch als Problem für die Revolution wahrgenommen wurde, galt sein Interesse an der Stärkung der Volksbildung als verdienstvoll (Hofmann 1962, S. 21). Die ideologische Vereinnahmung eröffnete aber auch eine Diesterweg-Forschung, die seit 1956 in der DDR dazu beitrug, sein Werk nicht zu vergessen.

Abbildung 6: Adolph Diesterweg auf einer 60-Pfennig-Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1990
Abbildung 6: Adolph Diesterweg auf einer 60-Pfennig-Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1990 (Quelle: gemeinfrei)

In der Bundesrepublik Deutschland dagegen wurde Diesterweg nicht als Bildungstheoretiker eingeordnet (Hofmann 1990, S. 13). Gerade das aufklärerische Ideal der Menschenerziehung und seine normative Sichtweise auf Pädagogik erschwerten es, ihn eindeutig als Klassiker einzuordnen (Geißler 2012, S. 147 f.; Geißler 1990). Das umfangreiche Werk wird aber seit der Wiedervereinigung Deutschlands im Rahmen eines neuen Herausgeberkreises weitergeführt. Die Gruppe erarbeitete den 18. Band der insgesamt 26-bändig geplanten Ausgabe seiner sämtlichen Werke. Für Gert Geißler bietet Diesterweg bis heute die Möglichkeit, sich intensiv mit der Entwicklung der Schule zu beschäftigen, wie es Band 23 der Gesamtausgabe leistet (Geißler 2012, S. 147 f.).

Der Kontakt zwischen Adolph Diesterweg und Friedrich Fröbel war auch für das Kindergartenverbot nicht ohne Bedeutsamkeit, wie Helmut Heiland erwähnt. Diesterwegs Publikationen über die Kindergartenpädagogik wurden seit der ersten Begegnung der Männer 1849 von einem breiten pädagogischen Publikum wahrgenommen. Gleichzeitig wird vermutet, dass gerade die Nähe zu den Lehrern und die antidemokratische Stimmung innerhalb des Machtapparates mitverantwortlich dafür ist, dass der Kindergarten zwischen 1851 und 1860 in Preußen verboten war (Heiland 1990, S. 182). Die Selbsttätigkeit des Kindes zu stärken und Bildung bereits im Vorschulalter zu beginnen, um damit den Kindergarten zugleich auch als Teil des Bildungssystems zu begreifen, war für beide Pädagogen wichtig (Rupp 2017, S. 55–61).

3.1 Diesterwegs Bedeutung für die Pädagogik in Deutschland

Um Diesterwegs Wirken einzuordnen, ist es hilfreich zu wissen, wie die Schule jener Zeit organisiert war. Das „Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten“ hatte zwar seit 1794 die Schulpflicht festgeschrieben, setzte das Recht jedoch nicht durch. Einerseits hatten Eltern, Bauern und Fabrikanten zurzeit Diesterwegs kein großes Interesse an der Schule, weil die Kinder bei der Arbeit gebraucht wurden. Andererseits fehlten entsprechende Räume und ausgebildete Lehrer, und der Staat scheute es, dafür Geld auszugeben (Rupp 2017, S. 85). Wer zu Schule ging, lernte den Katechismus, Bibelverse und Gesangbuchlieder kennen. Selbstständiges Denken und das Erforschen von naturwissenschaftlichen Phänomenen war in der Regel nicht erwünscht. Das Erziehungsziel war das der Gehorsamkeit. Da Schulen häufig unter kirchlicher Aufsicht standen, und Lehrer auch als Gerichts- und Gemeindeschreiber oder Küster arbeiteten, waren sie für den Fachunterricht nicht ausgebildet. Klaus Prange weist daraufhin, dass die Volksschullehrerausbildung in der Regel nach sechs bis acht Jahren Schulzeit begann. Die jungen Lehramtsanwärter, ausschließlich junge Männer, waren häufig zwischen 18 und 19 Jahre alt. Die Ausbildung zum Lehrer fand in der Schule statt, die von Pfarrern geleitet wurden. Die Lehrer an den Seminaren, die für die Gymnasien zuständig waren, waren Theologen, die keine Pfarrstelle hatten (Prange 2009, S. 72). Diesterwegs Empfehlungen für den fragenden und entwickelnden Unterrichtsstil erforderten aber die Berücksichtigung des Kindes und dessen Interesse an Selbsttätigkeit. Ein Lehrer müsse Fachkenntnisse und Autorität besitzen, damit er erfolgreich unterrichten könne. Didaktisch-methodisch sollte neben dem Prinzip des natürlichen Unterrichts und der Vermittlung von Kenntnissen auch das Prinzip der Zeitgemäßheit berücksichtigt werden. Im „Wegweiser für Lehrer“, der in der vierten Auflage 1850 Friedrich Fröbel gewidmet ist, schreibt Diesterweg: „Der Lehrerberuf ist ein innerer; der Lehrer hat den inneren Menschen zu bilden, auf äußere Zustände hat er direkt nicht zu wirken. Aber der Geist bildet die Welt um“ (Diesterweg 1962, S. 242).

Für Diesterweg gehörten Pädagogik, Gesellschaft und Politik zusammen. Sein umfangreiches publizistisches Werk und die Tätigkeit des Lehrens kreisen um das Thema Selbstbestimmung, Mündigkeit und Selbsttätigkeit. Bildung als Selbstbildung für alle Menschen beginnt in der Volksschule und wirkt als Handlungsorientierung. Sie ist eine Erziehungskunst, weshalb Diesterweg den akademisch etablierten Wissenschaften gegenüber eher skeptisch eingestellt war (Hofmann 1990, S. 11). „Diesterwegs Wirkung beruht auf dem Zusammenhang von theoretischem Schaffen, praktischer Tätigkeit, politischem Engagement und persönlicher Haltung. Damit kann er in einer Zeit tiefgehenden gesellschaftlichen Umbruchs zu einer Symbolfigur für den selbstbewussten, von Emanzipationsideen erfassten Teil der Volksschullehrer werden“ (Geißler 2012, S. 127). Mithilfe des von ihm gegründeten Lehrervereins gelang ihm die strukturelle Rahmung für die Professionalisierung des Unterrichts. In mühsamer Kleinarbeit gelang es ihm darüber hinaus, die Pensionen, das Einkommen und die Mitbestimmung der Lehrer zu verbessern.

Abbildung 7: Vorschlag für die Schulparagraphen einer neuen Preussischen Verfassung
Abbildung 7: Vorschlag für die Schulparagraphen einer neuen Preussischen Verfassung (Quelle: Erinnerungsplakat Horst F. Rupp)

4 Aktuelle Bedeutung

Die Beschäftigung mit Diesterwegs Werk und Biografie zeigt, dass öffentliche Erziehung und Bildung zu den einflussreichen Systemen einer Gesellschaft zählen. Das enorme Arbeitspensum dieses Mannes und seine Standhaftigkeit gegenüber dem politischen Establishment beeindruckt bis heute. Es zeigt auch, dass Engagement notwendig ist, wenn man etwas Neues auf den Weg bringen möchte.
In der Pädagogik der frühen Kindheit wirkt das Bildungsverständnis eines Adolph Diesterweg weiter, der Bildung als Selbstbildung und Ermöglichung zur Selbsttätigung auffasste. Die Beschäftigung mit Diesterweg zeigt, wie sich der Bildungsgedanke praktisch entfaltete und er verdeutlicht, welches Privileg mit dem Besuch der Schule verbunden ist.

Abbildung 8: Regeln für den Unterricht in Betreff des Schülers, des Subjekts
Abbildung 8: Regeln für den Unterricht in Betreff des Schülers, des Subjekts (Quelle: Erinnerungsplakat Horst F. Rupp)

5 Quellenangaben

Diesterweg, Adolph, 1962. Wegweiser und andere didaktische Schriften. Wegweiser zur Bildung für deutsche Lehrer. Berlin: Volkseigener Verlag.

Geißler, Gert, 2012. Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790-1866). Was fordert die Zeit? In: Bernd Dollinger, Hrsg. Klassiker der Pädagogik. Die Bildung der modernen Gesellschaft. 3. durchgesehene Auflage. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-531-18525-5

Heiland, Helmut, 1990. Diesterwegs Fröbelrezeption. In: Gerd Hohendorf und Horst F. Rupp, Hrsg. Diesterweg: Pädagogik- Lehrerbildung – Bildungspolitik. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S. 177–202. ISBN 978-3-89271-214-5

Hofmann, Franz, 1990. Über die Stellung des Werkes F.A.W. Diesterwegs in einer Geschichte der pädagogischen Wissenschaft. In: Gerd Hohendorf und Horst F. Rupp, Hrsg. Diesterweg: Pädagogik- Lehrerbildung – Bildungspolitik. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S. 9–18. ISBN 978-3-89271-214-5

Hohendorf, Gerd und Horst F. Rupp, Hrsg., 1990. Diesterweg: Pädagogik- Lehrerbildung – Bildungspolitik. Weinheim: Deutscher Studien Verlag. ISBN 978-3-89271-214-5

Köhler, Lotte, 2016. Der Reformpädagoge Adolph Diesterweg (1760-1866). Psychoanalytische Betrachtungen zu seiner Biografie. Herausgegeben von Horst F. Rupp. Gießen: Psychosozial Verlag. ISBN 978-3-8379-2582-1 [Rezension bei socialnet]

Prange, Klaus, 2009. Schlüsselwerke der Pädagogik. Band 2: Von Fröbel bis Luhmann. Stuttgart: Kohlhammer Verlag. ISBN 978-3-17-019607-0

Reyer, Jürgen, 2002. Kleine Geschichte der Sozialpädagogik. Hohengehren: Schneider Verlag. ISBN 978-3-89676-432-4

Rupp, Horst F., 1989. Fr. A. W. Diesterweg. Pädagogik und Politik. Zürich, Göttingen: Muster-Schmidt Verlag. ISBN 978-3-7881-0137-4

Rupp, Horst F., 2017. Diesterweg im Fokus. Bildungs- und schulgeschichtliche Beiträge. Würzburg: Ergon Verlag. ISBN 978-3-95650-246-0

6 Literaturhinweise

Bloth, Hugo G., 1966. Adolph Diesterweg. Heidelberg: Quelle & Meyer.

Diesterweg, Friedrich Adolph Wilhelm, 1956. Sämtliche Werke. Herausgegeben von Heinrich Deiters u.a., bearbeitet von Ruth Hohendorf. Band 1 ff. Berlin-Ost: De Gruyter.
Ab Band 18 Hrsg. von Gerd Geißler, Klaus Goebel, Horst F. Rupp, u.a. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand Verlag, 1998 ff. bzw. Berlin 2014 ff.

Universität-Gesamthochschule Siegen, Hrsg., 1990. Adolph Diesterweg. Wissen im Aufbruch. Katalog zur Ausstellung zum 200. Geburtstag, Weinheim: Dt. Studien-Verlag. ISBN 978-3-89271-243-5

Autorin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
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Zitiervorschlag
Vetter, Christiane, 2018. Diesterweg, Adolph [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 11.07.2018 [Zugriff am: 19.11.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Diesterweg-Adolph

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Prof. Dr. Christiane Vetter
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veröffentlicht am 11.07.2018

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