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Early Excellence

Interessenlage: Die Autorin war als Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin (1999 –2017) federführend an Aufbau und Entwicklung von Early Excellence in Deutschland beteiligt.

Early Excellence ist ein (früh-)pädagogischer Ansatz, der basierend auf ethischen Grundlagen und fachlichen Erkenntnissen praktische Handreichungen für die Arbeit mit Kindern bietet. Die Ressourcenorientierung kommt in der Kernidee „Kinder fördern – Familien stärken – Netzwerke aufbauen“ zum Ausdruck. Der auf ein britisches Regierungsprogramm zurückgehende Ansatz wurde vom Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus im Dialog mit einem der ersten Early Excellence Centres „Pen Green“ in Corby weiterentwickelt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 „Der positive Blick“ und ressourcenorientierte Beobachtungen
  3. 3 Das Bild vom Kind
  4. 4 Jedes Kind ist einzigartig
  5. 5 Zusammenarbeit mit Eltern
  6. 6 Öffnung in den Stadtteil
  7. 7 Die pädagogischen Strategien
  8. 8 Der ethische Code
  9. 9 Offene Arbeit und Eingewöhnung
  10. 10 Rituale, Regeln und Gemeinschaft
  11. 11 Fachliche Weiterentwicklungen
    1. 11.1 Kognitiv anregende Interaktion mit Kindern
    2. 11.2 Beobachtung von Kindergruppen
  12. 12 Fach- und Organisationsentwicklung
  13. 13 Kooperation im Team
  14. 14 Vernetzung und Verbreitung
  15. 15 Quellenangaben
  16. 16 Literaturhinweise
  17. 17 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Die Entwicklung des Early Excellence-Ansatzes lässt sich von drei zentralen Fragen leiten:

  1. Wie kann eine hohe Qualität der Bildung, Erziehung und Betreuung in der pädagogischen Arbeit gewährleistet werden, die der individuellen Verschiedenheit von Kindern (Diversity) gerecht wird?
  2. Wie können Eltern in die Reflexion und den Austausch über die Bildungsprozesse ihrer Kinder einbezogen werden? Und wie kann dieser Austausch zwischen ErzieherInnen und Eltern wechselseitig werden?
  3. Welchen Beitrag kann eine pädagogische Einrichtung leisten für den Aufbau einer familienfreundlichen Infrastruktur im Sozialraum?

Diese Fragen stellen sich nicht nur im Elementarbereich, sondern auch in Schule, Familienzentrum oder Jugendhilfeeinrichtung und bieten damit Ansatzpunkte für fachliche Weiterentwicklungen auch in diesen Bereichen.

Im Early Excellence-Ansatz geht es immer um beides, um die Ziele einer an den Interessen und Potenzialen von Kindern und ihren Familien orientierten Bildung und Erziehung und zugleich um den Prozess ihrer Umsetzung in Praxis. Im Zentrum steht das Kind. Dieses zu fördern, ihm die bestmöglichen Bildungs- und Entwicklungschancen zu geben, ist das zentrale Anliegen von Early Excellence.

Dies kann nur gelingen, wenn ein Konzept auch die Wege dahin zeigen kann, wenn nicht nur hehre Ziele formuliert werden, sondern deutlich wird, was eine gute pädagogische Arbeit in der Praxis ausmacht.

Der Early Excellence-Ansatz benennt dabei wichtige „Bausteine“, aus denen das Gesamtkonzept sich zusammensetzt und die zugleich Wege und Instrumente der Umsetzung in die Praxis beschreiben. Da es hier um grundlegende Prinzipien einer am Kind zentrierten Pädagogik geht, können wesentliche Bestandteile auch auf andere Bereiche wie Familienzentren oder Grundschulen (Hebenstreit-Müller 2016) übertragen werden.

Fach- und Organisationsentwicklung sind im Early Excellence-Ansatz eng verknüpft und verbunden mit einer entsprechenden Weiterbildungskonzeption, die auf die grundlegenden fachlichen Bausteine rekurriert.

2 „Der positive Blick“ und ressourcenorientierte Beobachtungen

Ressourcenorientierte, an Stärken und Kompetenzen orientierte Beobachtungen und die Abkehr von einer Defizitorientierung spielen eine zentrale Rolle im Early Excellence-Ansatz. Sie sind der Schlüssel zum Entstehen des „positiven Blicks“, einer anderen Haltung im Umgang mit Kindern – ein Blick, der auf die Entdeckung von Ressourcen, von Kompetenzen und Potenzialen von Kindern gerichtet ist. Er ist Bedingung dafür, Kinder in ihren individuellen Fähigkeiten zu stärken und unterstützen zu können. Es ist der wertschätzende Blick auf Kinder, der zu einer grundlegenden Haltungsänderung auf Seiten der ErzieherInnen beiträgt und schließlich die gesamte Kultur einer Einrichtung – den Umgang im Team wie mit den Eltern – positiv beeinflusst.

3 Das Bild vom Kind

Wer Kinder individuell fördern und unterstützen will, ist angewiesen auf die genaue Wahrnehmung ihrer Selbst-/Bildungsprozesse. Ausgangspunkt ist dabei ein Bild vom Kind wie Malaguzzi, Begründer der Reggio-Pädagogik, es mit wenigen Worten treffend umreißt: „Unser Bild vom Kind bedeutet, es ist reich an Potenzialen, stark, kraftvoll, kompetent und vor allem verbunden mit Erwachsenen und anderen Kindern“ (zit. nach Malaguzzi). Eine solche Betrachtung unterstellt, dass Kinder aktiv-forschend auf ihre Welt zugehen. Das Kind in diesem Verständnis ist kein leeres Gefäß, das mit Hilfe von Erwachsenen mit Kenntnissen gefüllt werden muss. Wäre es so, dann würden fertige Lernprogramme diesen Zweck am ehesten erfüllen. Aber weil Kinder sind wie sie sind, heißt sie zu fördern vor allem, sie in dem, was sie tun, genau wahrzunehmen. Der Early Excellence-Ansatz bietet dazu Beobachtungsverfahren und -methoden für eine Umsetzung in der pädagogischen Praxis (Hebenstreit-Müller 2012, Hebenstreit-Müller und Müller 2012, Hebenstreit-Müller 2013).

4 Jedes Kind ist einzigartig

Mit dem Bild vom Kind, das kompetent und aktiv ist und doch Förderung braucht, ist das Wissen verbunden: Jedes Kind ist einzigartig. Es genügt nicht, bestimmte entwicklungspsychologische Kenntnisse zu haben, um zu wissen, wie ich ein Kind fördern, unterstützen und begleiten kann. Ich muss jedes Kind, so wie es ist, mit seinen spezifischen Potenzialen und Entwicklungsmöglichkeiten kennenlernen. Jedes Kind ist anders, vielleicht sogar in jedem Moment anders. Das eine Kind hat Stärken im sprachlichen Bereich, das andere Kind bewegt sich gern, wieder andere brauchen Ruhe und Rückzugsorte. Die einen beschäftigen sich gern allein und intensiv mit einer Sache, andere suchen dabei die Interaktion und Kommunikation mit anderen – und das kann wechseln. Dies bedeutet: Wer Kinder individuell fördern will, muss sie genau kennenlernen. Grundlage dafür ist die Beobachtung.

5 Zusammenarbeit mit Eltern

Niemand kennt das Kind so gut wie die eigenen Eltern. Eltern wollen, dass es ihrem Kind gut geht, dass es sich wohl fühlt und sich entwickeln kann. Der Early Excellence-Ansatz benennt Eltern als die ersten ExpertInnen ihrer Kinder und unterstreicht damit die Bedeutung und Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit. Mit dieser Formulierung wird Bezug genommen auf Friedrich Fröbel, für den – damals – die Mütter die ersten Expertinnen ihrer Kinder waren. Deshalb war es für ihn unabdingbar, mit diesen zum Wohle des Kindes eng zusammen zu arbeiten. Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Darin werden sie im Early Excellence-Ansatz bestärkt und bestätigt. Hier entsteht die Basis der Zusammenarbeit mit den Eltern mit dem Ziel, sie teilhaben zu lassen an der Entwicklung ihres Kindes in der Einrichtung und umgekehrt, den Eltern die Gelegenheit zu geben, ihrerseits von ihrem Kind zu berichten, von dem, was es zu Hause tut und wofür es sich interessiert. Eine Grundlage dafür ergibt sich aus unterschiedlichen Medien und Materialien wie Fotos, Beobachtungsbögen, Entwicklungsordnern oder Videos, die Entwicklungsfortschritte und Interessen der Kinder visualisieren und anschaulich machen. So entsteht nicht nur ein vielfältiges Bild des Kindes. Pädagogische Fachkräfte wie auch Eltern erhalten in einem solchen Austausch miteinander Anregungen und Ideen, auf welche Weise sie das Kind jeweils stärker unterstützen und begleiten können (Hebenstreit-Müller und Kühnel 2005, Whalley und das Pen Green Team 2007). Die Zusammenarbeit mit Eltern orientiert sich im Grundsatz an solchen Rückkoppelungsschleifen wechselseitiger Information und Reflexion. So entsteht zugleich eine gemeinsame Sprache mit den Eltern, die Resultat und zugleich Bedingung eines erfolgreichen Dialoges miteinander ist.

Die Einbeziehung der Eltern ist ein Schlüssel für eine gelungene pädagogische Arbeit in der Frühpädagogik. Junge Kinder lernen mehr und sind glücklicher, wenn Eltern und PädagogInnen zusammenarbeiten und sich darüber austauschen, wie man das Kind am besten unterstützen und fördern kann (Althey 1990).

6 Öffnung in den Stadtteil

Kindertagesstätten können einen wesentlichen Beitrag zur Schaffung einer familienfreundlichen Infrastruktur im Stadtteil leisten und sind selbst schon ein wesentlicher Bestandteil derselben. In einer Reihe von Bundesländern bzw. Städten erhalten Kindertagesstätten zusätzliche Mittel, um sich mit anderen Einrichtungen und ihren Angeboten im sozialen Umfeld zu vernetzen oder die eigene Einrichtung zu öffnen für zusätzliche Angebote für Eltern und Kinder.

Wo dies nicht gegeben ist, haben Early Excellence-Einrichtungen gleichwohl eine Möglichkeit, sich zu öffnen und zu vernetzen, indem sie eine Verweisungskompetenz entwickeln, die hilft, Eltern an die richtigen Stellen zu vermitteln. Und sie können sich einbringen in den Aufbau stadteilbezogener Netzwerke und die Kooperationspartner persönlich kennen lernen, was eine Vermittlung erheblich erleichtert.

Es kennzeichnet den Early Excellence-Ansatz, dass er mit bestimmten Achtsamkeitsregeln für den pädagogischen Umgang sowie einem ethischen Code verbunden ist, der gleichsam den Schlüssel zum Konzept bietet. Zudem benennt der Ansatz Bedingungen wie Offene Arbeit und Eingewöhnung, die eine kindzentrierte Arbeit wesentlich unterstützen können.

7 Die pädagogischen Strategien

Die acht pädagogischen Strategien für die Arbeit nach dem Early Excellence-Ansatz wurden ursprünglich von Margy Whalley und Cath Arnold (Whalley und Arnold 1997) entwickelt. Ihren Ursprung haben sie in verschiedenen pädagogischen Theorien des Erwachsenenverhaltens Kindern gegenüber.

Sie lauten:

  1. Sanfte Intervention: Warten und Beobachten in respektvoller Distanz.
  2. Kontextsensitivität: Den kindlichen Kontext kennen und fähig sein, seine früheren Erlebnisse mit einzubeziehen, damit Lernprozesse an Erfahrungen anknüpfen können.
  3. Zuwendung durch physische Nähe und Mimik und damit Bestätigung (Affirmation) des Kindes.
  4. Das Kind ermutigen, zu wählen und selbst zu entscheiden.
  5. Das Kind dabei unterstützen, angemessene Risiken einzugehen.
  6. Das Kind ermutigen, auch dann etwas zu tun, wenn den Erwachsenen der Ablauf selbst unklar ist. Das Kind bei diesem Experiment begleiten.
  7. Wissen, dass die Haltung und die Einstellung des Erwachsenen das Kind beeinflussen.
  8. Der Erwachsene zeigt, dass er und das Kind im Lernen Partner sind.

Wie auch der ethische Code (s.u.) bieten die pädagogischen Strategien Hinweise und Anhaltspunkte, um das eigene Verhalten zu überprüfen, im Team darüber zu reflektieren und/oder in einen Dialog dazu mit den Eltern zu gehen. Weil sie eine bestimmte Qualität der Interaktion miteinander bezeichnen, lassen sie sich auch für andere Bereiche ausformulieren, wie beispielsweise für den Umgang miteinander im Team (Freytag, Martin und Piasecki 2015).

8 Der ethische Code

Der ethische Code gibt Regeln vor, an denen die PädagogInnen ihr Verhalten überprüfen und darüber in einen Dialog miteinander kommen können. Er umfasst folgende wichtige Grundorientierungen:

  • Positive Grundeinstellung gegenüber Kindern, Eltern, Familien und MitarbeiterInnen
  • Etablierung einer Vertrauensbasis gegenüber allen Beteiligten
  • Konsequente Orientierung an den Bedürfnissen und Wünschen von Kindern und Eltern
  • Entwicklung einer gemeinsamen Sprache und Haltung
  • Informationen und Dokumentationen sind für alle verständlich und werden allen Beteiligten zur Verfügung gestellt

Die pädagogischen Fachkräfte setzen sich einzeln und im Team mit dem ethischen Code auseinander und erarbeiten Wege, wie dieser in ihrer Einrichtung praktisch erlebbar gemacht werden kann. Von Bedeutung ist dabei die Erfahrung, dass ein ethischer Code nicht abstrakt bleibt, sondern an konkreten Verhaltensweisen ablesbar ist.

9 Offene Arbeit und Eingewöhnung

Offene Arbeit will Kinder darin unterstützen, Aktivitäten und Spielpartner frei zu wählen und eigenverantwortlich handeln zu lernen.
Dazu werden die bisherigen Gruppenräume geöffnet und zu Funktionsräumen umgestaltet, die zu forschender Tätigkeit, kreativem Gestalten, Bewegung, Musizieren oder gemeinsamen Rollenspielen anregen. Solche Funktionsräume können den Kindern bessere Bedingungen für ihr Experimentieren, Ausprobieren und frei gewähltes Spielen bieten als begrenzte Ecken in Gruppenräumen.

Wenn die Kinder sich frei in der gesamten Einrichtung bewegen können, bedarf es umso mehr

  • eines Orientierungssystems, beispielsweise mit Magnettafeln, auf denen die Kinder sich im Tageslauf den jeweiligen Räumen zuordnen können,
  • einer übersichtlichen Tagesstruktur, die z.B. mit einem gemeinsamen Morgenkreis beginnt und nicht zuletzt
  • einer gelungenen Eingewöhnung mit einer guten Bindung an die jeweiligen BezugserzieherInnen, die „ihre“ Eingewöhnungskinder in besonderer Weise im Blick haben.

Gerlinde Lill weist darauf hin, dass offene Arbeit auch und gerade einen offenen Blick der PädagogInnen braucht, mit dem sie ihre eigene Arbeit kritisch beleuchten und unter die Lupe nehmen: Neues ausprobieren und offen sein für Ideen und Bedürfnisse der Kinder (Lill 2010).

10 Rituale, Regeln und Gemeinschaft

Es könnte der Eindruck entstehen, als würde sich Early Excellence im Beobachten der Kinder und individuellen Angeboten erschöpfen und die Kinder sich in anregend gestalteten Um-Welten ansonsten selbst bilden. Dies ist so nicht der Fall. Kinder brauchen Freiräume, aber auch Rituale, Regeln und Herausforderungen, die ihnen Halt geben, Geborgenheit wie auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Eine „Storytime“ bzw. Morgenkreis zu Beginn des Tages, die gemeinsame Tagesplanung – zumeist im Kreis der „Bezugsgruppe“ – die Verständigungen über Regeln des Umgangs miteinander, die Essens-, Begrüßungs- und Abschiedsrituale, das gemeinsame Feiern, gehören ebenso dazu wie die Entwicklung und Durchführung von Projekten, Ausflugstagen etc. Entscheidend bei alledem ist, dass die Kinder beteiligt werden, sie mitreden und aktiv mitwirken können an der Ausgestaltung ihres Lebensortes Kindertagesstätte, Familienzentrum oder Ganztagsschule.

11 Fachliche Weiterentwicklungen

Early Excellence ist kein feststehendes und fertiges Konzept. Im Gegenteil: es lebt davon, dass die Beteiligten es jeweils anpassen an ihre spezifischen Bedingungen in ihrer jeweiligen Einrichtung.

Early Excellence setzt sich immer wieder neu mit aktuellen Fachdiskursen auseinander und lernt aus den Erfahrungen aller Beteiligten.

Dem entspricht, dass vorhandene „Bausteine“ immer wieder überprüft und neue, ergänzende entwickelt werden. Dazu zwei Beispiele:

11.1 Kognitiv anregende Interaktion mit Kindern

Eine wichtige Herausforderung für eine konzeptionelle Weiterentwicklung liegt in den Fragen:

  • Wie und auf welche Weise kann die Fachkraft das forschende Lernen von Kindern im pädagogischen Alltag unterstützen?
  • Was kann sie dazu beitragen?
  • Und wie kann dies gelingen, ohne die Kinder dabei einzuengen, sondern bei deren Interessen und Anliegen zu bleiben?

Dazu bedarf es ganz konkreter Fähigkeiten wie: offene Fragen stellen können oder in einen Dialog mit dem Kind gehen können. Wie im Rahmen der englischen EPPE-Studie (Effective Pre-School and Primary Education Project) herausgefunden wurde, sind Einrichtungen dann von hoher Wirksamkeit bezogen auf die kognitive und soziale Entwicklung der Kinder, wenn die pädagogischen Fachkräfte im Dialog mit den Kindern Probleme lösen, Ideen austauschen oder sich miteinander über Aktivitäten verständigen. Sie nannten dieses Phänomen „sustained shared thinking“ (Sylva et al. 2010a und 2010b).

Der Akzent im Hinblick auf Early Excellence wird insbesondere auf die Unterstützung kognitiv anregender Dialoge im pädagogischen Alltag gesetzt mit Blick auf die Frage, welches „Handwerkszeug“ pädagogische Fachkräfte benötigen, damit ihnen dies gelingt (Hebenstreit-Müller 2012). Early Excellence erschöpft sich nicht in Beobachtungen und individuellen Angeboten. Vielmehr ist es die Qualität der ErzieherIn-Kind-Interaktion, die den Alltag ausmacht und die es als solche weiter zu qualifizieren und zu beschreiben gilt.

Wie dies praktisch aussehen kann, stellen Sabine Hebenstreit-Müller und Frauke Hildebrandt (2015) am Beispiel des Pilotprojektes im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus zur Förderung „kognitiv anregender Interaktion (KAI)“ vor.

Welchen Einfluss philosophisches Denken und Reflektieren auf das Entstehen einer Lerngemeinschaft von Kindern, Eltern und MitarbeiterInnen haben kann, zeigen Kate Hayward und Annette Cummings (2007) anhand einer Studie teilnehmender Forschung im Pen Green Centre in Corby.

11.2 Beobachtung von Kindergruppen

Eine weitere Frage bezieht sich darauf, wie nicht nur einzelne Kinder, sondern Kindergruppen beobachtet werden können. Diese erweiterte Perspektive hat nicht unwesentliche Konsequenzen für das Beobachtungskonzept, das bislang auf das einzelne Kind zentriert war. Dabei ist dessen Beobachtung Dreh-und Angelpunkt und von diesen Beobachtungen aus wird die pädagogische Arbeit gestaltet, werden Angebote für die einzelnen Kinder entwickelt, wird dokumentiert und mit den Eltern kooperiert. Wo bleiben dabei jedoch die Interaktionen der Kinder untereinander, wo die Bedeutung von Kindergruppen? Diese mögen im pädagogischen Alltag wahrgenommen werden, müssen jedoch auch explizit im Beobachtungskonzept verankert werden. Hier bedarf es einer systematischen Weiterentwicklung, die darauf reflektiert, Kindergruppen in den Blick zu nehmen, ohne damit einen Schritt zu tun in die traditionelle „Gruppenarbeit“ (Brandes 2008, S. 17). Ein wichtiger Schritt, der Bedeutung von Kindergruppen Rechnung zu tragen, besteht in gezielten Beobachtungen. Notwendig sind dabei Beobachtungsinstrumente und -verfahren, die dem Rechnung tragen und die individuelle Beobachtungen nicht ersetzen, sondern ergänzen (Hebenstreit-Müller und Sommerfeld 2015).

12 Fach- und Organisationsentwicklung

Fach- und Organisationsentwicklung – so ein wesentliches Credo von Early Excellence – müssen eng miteinander korrespondieren. Es muss immer auch darum gehen, die Stärken der Einrichtungen ins Bewusstsein aller Akteure zu rufen, diese zu bewahren und darauf aufbauend weitere Schritte zu gehen. Early Excellence ist kein ausgefeiltes Konzept, das den Fachkräften übergestülpt werden könnte – und diese damit entmündigt. Es muss nicht einfach „angewendet“, sondern in Auseinandersetzung mit den jeweiligen Bedingungen vor Ort erarbeitet werden. Ebenso wenig gibt es einen festen Plan, der genauestens vorschreibt, wie und in welcher Zeit die Einrichtung Early Excellence aufbauen soll. Vielmehr kommt es auch hier darauf an, die Potenziale wahrzunehmen, die bei den Menschen und in ihrer gegenwärtigen Situation liegen und diese für Veränderung zu nutzen. Early Excellence ist in erster Linie ein Qualitätsentwicklungskonzept, eines, das gerade auch im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen vermitteln kann, wie die Leitideen praktisch umgesetzt werden können.

13 Kooperation im Team

Ohne ein Team, das sich positiv auf die Herausforderung der Entwicklung von Early Excellence einlässt, geht es nicht. Qualitäts- und Teamentwicklung sind wechselseitig aufeinander bezogen: Die Stärken des Teams wachsen in dem Maße, in dem seine Mitglieder sich auf den „positiven Blick“ einlassen und ihn in ihrem pädagogischen Alltag praktizieren. Das ist in der Privatwirtschaft nicht anders. Frederik Pferdt, Innovationschef bei Google, hält es für ein zukunftsfähiges Unternehmen für unabdingbar, dass Mitarbeiter „kreatives Selbstvertrauen entwickeln können“ und sie die Freiheit erhalten, Ideen zu verwirklichen. Dabei muss das Gefühl entstehen, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten, sie voranzutreiben und dabei auch offen zu sein für Kritik. „In so einer positiven, optimistischen Umgebung wird viel mehr ausprobiert, entstehen viel mehr Ideen“ (Der Spiegel 2014, S. 68 f.). Dies gilt auch und gerade für die Entwicklung von Early Excellence.

Die Fokussierung auf Stärken von Menschen – kleiner wie großer – verändert die gesamte Kultur einer Einrichtung. Dies kann nur gelingen, wenn man sich auf die jeweils eigenen Stärken besinnt – und die der anderen anerkennt. So kann eine lernende Organisation entstehen, in der Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte offen aufeinander zugehen und bereit sind, voneinander lernen (Eichrodt 2008, S. 24–28).

14 Vernetzung und Verbreitung

Seit seinem Start im Jahre 2000 war das Interesse an Early Excellence sehr groß. Schon früh wurde deshalb der Verein „Early Excellence – Zentrum für Kinder und ihre Familien“ gegründet, der in Verbindung mit dem Pestalozzi-Fröbel-Haus die Aufgabe der Weiterverbreitung durch Weiterbildung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit erhielt. Mittlerweile gibt es in Deutschland in allen Bundesländern eine wachsende Zahl von Early Excellence Einrichtungen – heute auch aktiv unterstützt durch die Heinz und Heide Dürr Stiftung, die das Konzept von Anfang an finanziell gefördert hat.

15 Quellenangaben

Athey, Chris, 1990. Extending Thought in young children – A Parent-Teacher Partnership. London: Paul Chapman Publishing. ISBN 1-85396-118-3

Brandes, Holger, 2008. Selbstbildung in Kindergruppen. Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-02031-7

DER SPIEGEL, 2014. SPIEGEL-Gespräch: „Yeah, lasst es uns versuchen“. In: DER SPIEGEL. ISSN 0038-7452

Eichrodt, Anke, 2008. Innovationswerkstatt Kita: Transferprozesse des Early Excellence Modells. Berlin: dohrmannVerlag, S. 24 -28. ISBN 978-3-938620-09-0

Freytag, Regina, Angelika Martin und Anja Piasecki, 2015. Pädagogische Strategien und ihre Relevanz für Teamentwicklung und eine positive Feedback-Kultur. In: Sabine Hebenstreit-Müller, Hrsg. Im Dialog mit der Praxis – Weiterentwicklungen von Early Excellence. Berlin: Verlag das netz. ISBN 978-3-938620-33-5 [Rezension bei socialnet]

Hayward, Kate und Annette Cummings, 2007. Philosophieren mit Kindern. Das Entstehen einer Lerngemeinschaft von Kindern, Eltern und ErzieherInnen in der Pen Green Nursery. In: Sabine Hebenstreit-Müller und Annette Lepenies, Hrsg. Early Excellence: der positive Blick auf Kinder, Eltern und Erzieherinnen. 1. Auflage. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-06-9 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Barbara Kühnel, Hrsg., 2005. Integrative Familienarbeit in Kitas. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-02-1 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine, 2012. Kitapädagogik als Blickschule -wie eine forschende Haltung entsteht [DVD] Ein Vortrag vom 11.01.2012 in der Justus-Liebig-Universität Gießen. Kaufungen: AV1 Pädagogik-Filme.

Hebenstreit-Müller, Sabine, 2013. Beobachten lernen – das Early-Excellence-Konzept. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-26-7 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Frauke Hildebrandt, 2015. Die Rolle der Erzieherinnen und Erzieher im EEC-Ansatz. Kognitiv anregende Interaktion im pädagogischen Alltag – sustained shared thinking. In: Sabine Hebenstreit-Müller, Hrsg. Im Dialog mit der Praxis – Weiterentwicklungen von Early Excellence. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-33-5 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine, Hrsg., 2016. Beobachten und Talente entdecken – Die Bedeutung von Wohlbefinden und Engagiertheit in der pädagogischen Arbeit mit Kindern in der Grundschule. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-38-0 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Burkhard Müller, Hrsg., 2012. Beobachten in der Frühpädagogik. Praxis – Forschung – Kamera. Berlin: Verlag das netz. ISBN 978-3-86892-054-3 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Jana Sommerfeld, 2015. Kindergruppen beobachten. In: Sabine Hebenstreit-Müller, Hrsg. Im Dialog mit der Praxis – Weiterentwicklungen von Early Excellence. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-33-5 [Rezension bei socialnet]

Lill, Gerlinde, 2010. Was Sie schon immer über Offene Arbeit wissen wollten… [online]. Bonn: socialnet GmbH, 04.11.2010 [Zugriff am 26.01.2018]. Verfügbar unter: https://www.erzieherin.de/was-sie-schon-immer-ueber-offene-arbeit-wissen-wollten.html

Sylva, Kathy und andere, Hrsg., 2010a. Early Childhood matters. Evidence from the Effective Pre-School and Primary Education project. London: Routledge. ISBN 978-0-415-48242-4

Sylva, Kathy und andere, 2010b. Frühe Bildung zählt. Das Effective Pre-School and Primary Education Project (EPPE) und das Sure Start Programm. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-18-2 [Rezension bei socialnet]

Whalley, Margy und Cath Arnold, 1997. Effective Pedagogic Strategies, TTA Summary of Research Findings, Teacher Training Agency. London

Whalley, Margy und das Team des Pen Green Centre, 2007. Eltern als Experten ihrer Kinder – Das „Early Excellence“ – Modell in Kinder- und Familienzentren. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-07-6 [Rezension bei socialnet]

16 Literaturhinweise

Bertram, Tony und andere (Projektgruppe INT 2), 2004. Early Excellence. Eine internationale Studie zur Integration frühkindlicher Bildung, Erziehung und Elternarbeit mit Vorschlägen für internationale Standards. Berlin: British Council. ISBN 978-3-9809532-0-7

Hebenstreit-Müller, Sabine, 2013. Beobachten lernen – das Early-Excellence-Konzept. Berlin dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-26-7 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine, Hrsg., 2015. Im Dialog mit der Praxis – Weiterentwicklungen von Early Excellence. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-33-5 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine, Hrsg., 2016. Beobachten und Talente entdecken – Die Bedeutung von Wohlbefinden und Engagiertheit in der pädagogischen Arbeit mit Kindern in der Grundschule. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-38-0 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Burkhard Müller, Hrsg., 2012. Beobachten in der Frühpädagogik. Praxis-Forschung-Kamera. Berlin: Verlag das netz. ISBN 978-3-86892-054-3 [Rezension bei socialnet]

Whalley, Margy und das Team des Pen Green Centre, 2007. Eltern als Experten ihrer Kinder – Das „Early Excellence“ – Modell in Kinder- und Familienzentren. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-07-6 [Rezension bei socialnet]

17 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller
Honorarprofessorin an der Universität Halle-Wittenberg, Diplompädagogin, derzeit tätig als Organisationsberaterin, Evaluatorin, Weiterbildnerin;
bis Juli 2017 Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin;
davor tätig als Leiterin des Amtes für Soziale Dienste Ost und Jugendamtsleiterin in Bremen; Leiterin des Bereichs Familie im Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft in Hannover; Lehrerin an Grund- und Hauptschulen mit dem Schwerpunkt Kunsterziehung
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Es gibt 3 Lexikonartikel von Sabine Hebenstreit-Müller.


Zitiervorschlag
Hebenstreit-Müller, Sabine, 2018. Early Excellence [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 02.02.2018 [Zugriff am: 18.11.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Early-Excellence

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veröffentlicht am 02.02.2018

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