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Egozentrierte Netzwerkanalyse

Prof. Dr. phil. Noreen Naranjos Velazquez

veröffentlicht am 30.04.2026

Etymologie: lat. ego Ich; gr. kentron Mittelpunkt; gr. análysis Auflösung, Zergliederung

Englisch: egocentric network analysis

Die Egozentrierte Netzwerkanalyse ist ein Teilbereich der sozialen Netzwerkforschung, bei der eine Person (Ego) zu ihren Beziehungen zu anderen (Alteri) und/oder zu den Beziehungen der anderen zueinander (Alter-Alter) befragt wird. Geeignet ist sie für qualitative sowie quantitative Forschungsdesigns.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriffliche Einordnung
  3. 3 Methodik: Datenerhebung und deskriptive Datenauswertung
    1. 3.1 Datenerhebung
    2. 3.2 Datenauswertung
    3. 3.3 Gütekriterien
  4. 4 Anwendung in pädagogischen Kontexten
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Egozentrierte Netzwerkanalysen ermöglichen die Beschreibung von Netzwerken aus Perspektive einer Person (Ego). Genutzt werden sie sowohl in qualitativen als auch quantitativen Forschungsdesigns, um zum Beispiel Netzwerkanalysen zu bestimmten Adressat:innen, Berufsgruppen oder Mitarbeitenden durchzuführen. Im Gegensatz zu Analysen von Gesamtnetzwerken sind grafische Darstellungen bei egozentrierten Analysen nicht immer üblich. Allerdings bieten quantitative Netzwerkanalysen die Möglichkeit, entsprechende Kennzahlen zu berechnen und mittels statistischer Verfahren, wie Korrelationen oder Regressionen, zu untersuchen. Damit ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, um egozentrierte Netzwerkanalysen in pädagogischen Kontexten zu nutzen.

2 Begriffliche Einordnung

In der egozentrierten Netzwerkforschung sind Netzwerke und ihre Mechanismen aus Perspektive einer Person dem sogenannten „Ego“ relevant. Ego wird dabei hinsichtlich anderer Netzwerkpartnerschaften „Alteri“ befragt, um die jeweiligen Beziehungen zwischen Ego und Alteri sowie zwischen verschiedener Alteri selbst zu erheben (Naranjos Velazquez 2023, S. 91). Die Methode selbst entstammt den Sozialwissenschaften, wird aber zunehmend auch in anderen Disziplinen genutzt. Deshalb ist sie zum Beispiel auch im Kontext von Kindheitspädagogik oder Sozialer Arbeit als relevant einzuordnen (Naranjos Velazquez 2025a; Stimmer 2020, S. 267; Ziegenhain et al. 2011, S. 54).

3 Methodik: Datenerhebung und deskriptive Datenauswertung

Egozentrierte Netzwerkanalysen können sowohl qualitativ als auch quantitativ durchgeführt werden, wobei die für die Netzwerkforschung typischen grafischen Darstellungen aufgrund der Datenmenge bei quantitativen Designs häufig entfallen. Exemplarische Visualisierungen mittels digitaler Tools werden in diesem Zusammenhang genutzt, um zum Beispiel Hypothesen abzuleiten oder typische Muster zu erkennen (Perry et al. 2018, S. 133).

Darüber hinaus sprechen Perry et al. (2018, S. 153) von transformativen Effekten, wenn zum Beispiel befragte Personen im Verlauf des Forschungsprozesses selbst die Möglichkeit haben, ihr visualisiertes Ego-Netzwerk zu betrachten.

Systematische, das heißt quantitative egozentrierte Netzwerkanalysen können deskriptiv‑ und inferenzstatistisch ausgewertet werden. Zusammengefasst können untersuchte Analyseschwerpunkte drei Kategorien zugeordnet werden (Crossley et al. 2015, S. 76; Perry et al. 2018, S. 159):

  1. Zusammensetzung und Struktur der Netzwerke
  2. Multivariate Regressionsanalysen
  3. Dynamiken in egozentrierten Netzwerken.

Im Sinne eines Überblicks werden im Folgenden die Erhebung und deskriptiven Analysen zum Schwerpunkt Netzwerkzusammensetzung und Netzwerkstruktur (1.) sowie zentrale Netzwerkmaße vorgestellt.

3.1 Datenerhebung

Die Datenerhebung erfolgt via Umfrage, typischerweise durch eine interviewende Person vor Ort, Telefoninterviews oder Onlineerhebungen, bei denen sich Teilnehmende selbstständig durch den Fragebogen zur Vernetzung klicken (Perry et al. 2018, S. 37). Darüber hinaus kann die Datenerhebung für egozentrierte Vernetzungsanalysen auch mittels Beobachtung und Dokumentenanalyse erfolgen. Gerade archivierte und oft frei zugängliche Onlinedaten gewinnen im Zeitalter von Social Media eine zunehmend bedeutende Rolle (Perry et al. 2018, S. 55).

Die Face-to-Face-Befragung gilt als die am häufigsten genutzte Methode zur Datenerhebung egozentrierter Analysen (Perry et al. 2018, S. 51).

Abhängig ist die Wahl der entsprechenden Erhebungsmethode vom Untersuchungsgegenstand und der fokussierten Stichprobe selbst. Dabei können sowohl größere Populationen als auch marginale Gruppen im Fokus stehen (Perry et al. 2018, S. 38 f.).

Die Art genutzter Daten kann bei egozentrierten Netzwerkanalysen in zwei Kategorien unterteilt werden:

  1. Personenbezogene Daten
  2. Netzwerkbezogene Daten

Personenbezogene Daten werden in anderen Kontexten auch als soziodemografische Daten bezeichnet, hierzu gehören beispielsweise Alter, Wohnort, Geschlecht, Bildungsgrad und Beruf befragter Personen (Naranjos Velazquez 2023, S. 90 f.).

Netzwerkbezogene Daten beziehen sich demgegenüber auf die folgenden Aspekte (Naranjos Velazquez 2023, S. 91):

  • Beziehungen zwischen Ego und seinen Alteri
  • Beziehungen zwischen Alter und Alter

Beziehungen werden zum Beispiel über Zufriedenheit oder Häufigkeit des Kontaktes oder der Zusammenarbeit zwischen Ego und Alteri beziehungsweise Alter und Alter erfasst (Naranjos Velazquez 2023, S. 92), wie:

  • Arbeiten Sie mit der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt zusammen?
  • Wie häufig tauschen Sie sich mit der Interventionsstelle aus?
  • Wie häufig kontaktieren Sie die Interventionsstelle?
  • Wie häufig werden Sie von der Interventionsstelle kontaktiert?
  • Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit mit der Interventionsstelle?

Für Forschungsfragen, bei denen potenzielle Netzwerkpartnerschaften im Vorfeld nicht bekannt sind, werden sogenannte Namensgeneratoren genutzt, um die Vernetzungsaktivität von Ego zu ermitteln (Perry et al. 2018, S. 68). Zu unterscheiden sind dabei verschiedene Ansätze, die sich allerdings in der Forschungspraxis selbst nicht selten ebenso konzeptionell überlappen (Perry et al. 2018, S. 377):

  • Austausch (exchange approach): Im Fokus stehen Personen (Alteri), die mit Ego im Austausch stehen und damit eine bestimmte Funktion erfüllen, zum Beispiel in Bezug auf Informationen oder Unterstützung.
  • Inhalt (content approach): Hierbei handelt es sich um Egos Kontakte, zum Beispiel Nachbarn, Freunde oder Bekannte, mit denen ein Austausch zu bestimmten Themen erfolgt.
  • Affekt (affect approach): Fokussiert werden emotionale Charakteristika der Beziehungen zu Alteri. So werden dabei enge oder unbeliebte Kontakte in Bezug auf ein bestimmtes Thema erhoben.
  • Interaktion (interaction approach): Die Fragen zur Datenerhebung beziehen sich auf sozialen Austausch. Meist liegt der Fokus auf einem bestimmten Thema oder Zeitraum.

3.2 Datenauswertung

Ein spezialisiertes Tool für egozentrierte Netzwerkanalysen, welches ebenso grafische Darstellungen ermöglicht, ist Ego-Net. UCINET – originär zur Analyse von Gesamtnetzwerken gedacht – kann unter bestimmten Voraussetzungen ebenso für egozentrierte Analysen genutzt werden (u.a. Crossley et al. 2015). Die Auswertung von Netzwerkdaten kann aber auch mittels gängiger Statistiksoftware wie SPSS, R oder PSPP erfolgen.

Grundsätzlich können erhobene sowie im Nachgang berechnete Variablen wie gewohnt in statistischen Analysen genutzt werden (Crossley et al. 2015, S. 76). Zur statistischen Datenanalyse bei Untersuchungen egozentrierter Netzwerke können neben Korrelationsanalysen oft auch Regressionsanalysen dienlich sein. Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu beachten, dass diese teils als hierarchisch anzulegen sind, als sogenannte Mehrebenenanalysen (Crossley et al. 2015, S. 126 f.). Dies ist dann der Fall, wenn die Voraussetzung der Unabhängigkeit von Datenpunkten bei Regressionen nicht gegeben ist (Naranjos Velazquez 2023, S. 105). Praktisch ist dies zum Beispiel gegeben, wenn einzelne Alteri von mehreren Egos benannt werden. Es handelt sich dabei um minimale Überschneidungen der einzelnen Ego-Netzwerke, die entsprechend über zwei Ebenen zu modellieren wären (Crossley et al. 2015, S. 129).

Im Nachfolgenden werden exemplarisch zwei ausgewählte, häufig genutzte Maßzahlen zur Analyse egozentrierter Netzwerke skizziert:

  1. Netzwerkgröße
  2. Netzwerkzusammensetzung

Die Netzwerkgröße beschreibt die Anzahl von Alteri im Netzwerk von Ego. Dementsprechend wird die Kennzahl über die Summe der angegebenen Alteri ermittelt (Naranjos Velazquez 2025b, S. 189; Perry et al. 2018, S. 159).

Da zum Beispiel auch personenbezogene Merkmale, wie Beruf oder Geschlecht der Alteri in Bezug auf Egos Verhalten oder Einstellungen relevant sein können, kann diesbezüglich auch die Netzwerkzusammensetzung des egozentrierten Netzwerks beschrieben werden. Diese kann heterogen oder homogen sein (Crossley et al. 2015, S. 77; Naranjos Velazquez 2025a; Perry et al. 2018, S. 164). Heterogen wäre das Netzwerk von Ego, wenn es in Bezug auf das Geschlecht der Alteri divers zusammengesetzt ist. Ein homogenes Netzwerk bestünde zum Beispiel lediglich aus Alteri, die dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. Zur Berechnung der Netzwerkzusammensetzung stehen in Abhängigkeit von der jeweiligen Skalierung verschiedene Indizes zur Verfügung, wie der EI-Index für kategoriale Variablen (Crossley et al. 2015, S. 80 f.; Naranjos Velazquez 2025a; Perry et al. 2018, S. 168).

3.3 Gütekriterien

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass bei quantitativen Erhebungen von egozentrierten Netzwerkdaten Validität und Reliabilität gegeben sind (Naranjos Velazquez 2023, S. 134). Dies gilt insbesondere bei webbasiert erhobenen Daten (Naranjos Velazquez 2025a; Perry et al. 2018, S. 52).

Im Gegensatz dazu existieren teils kontroverse Fachdiskurse in Bezug auf die Güte egozentrierter Netzwerkdaten, die mittels Namensgeneratoren erhoben werden. So sind gerade Einschätzungen von Ego hinsichtlich der Kontakthäufigkeiten nicht durchweg als zuverlässig einzustufen (Crossley et al. 2015, S. 73).

Darüber hinaus gibt es Unterschiede hinsichtlich der Art erhobener Netzwerkdaten. So gilt die Annahme, dass allgemeine Angaben zu egozentrierten Netzwerkdaten – zum Beispiel Häufigkeit der Kontaktaufnahme – valider sind als Angaben zu emotionalen Aspekten Egos (Naranjos Velazquez 2023, S. 134 f.). Werden zudem auch Eigenschaften der Alteri erfragt, ist mit Verzerrungen zu rechnen. Dies gilt vor allem dann, wenn es um Einstellungen geht. Meist valide sind demgegenüber jedoch Angaben zu soziodemografischen Merkmalen der Alteri (Naranjos Velazquez 2023, S. 135).

4 Anwendung in pädagogischen Kontexten

Insgesamt liegen im deutschen Sprachraum nur vereinzelt egozentrierte Netzwerkanalysen im Kontext pädagogischer Arbeitsfelder vor, obwohl im praktischen und theoretischen Fachdiskurs das Thema Vernetzung seit Langem präsent ist. Dies gilt zum Beispiel für:

Allen genannten Bereichen ist gemeinsam, dass mögliche Kooperationspartnerschaften auf regionaler Ebene zum Wohl der jeweiligen Adressat:innen identifiziert beziehungsweise gestärkt werden, um zum Beispiel Parallelstrukturen zu vermeiden (Förster 2020, S. 268). Egozentrierte Netzwerkanalysen werden in diesem Zusammenhang – neben Analyse von Gesamtnetzwerken – exemplarisch vorgeschlagen. So können zum Beispiel im Kontext Früher Hilfen oder Kita-Sozialarbeit mittels sektoraler Zuordnung der jeweiligen Partnerschaften egozentrierte Netzwerke von Fachkräften systematisch untersucht werden. Diese intersektorale Vernetzung dient als Grundlage für gelingenden (präventiven) Kinderschutz (Naranjos Velazquez 2023, S. 93; 2025a; 2025b).

5 Quellenangaben

Crossley, Nick, Elisa Bellotti, Gemma Edwards, Martin G. Everett, Johan Koskinen und Mark Tranmer, 2015. Social network Analysis for Ego-Nets. London: SAGE Publications. ISBN 978-1-4462-6777-6

Förster, Heike, 2020. Kinderarmut und Jugendhilfeplanung. In: Peter Rahn und Karl August Chassé, Hrsg. Handbuch Kinderarmut. Opladen: Verlag Barbara Budrich, S. 262–271. ISBN 978-3-8252-5356-1 [Rezension bei socialnet]

Jung, Edita und Annika Gels, 2019. Vernetzung von KiTas im Sozialraum und darüber hinaus. nifbe-Beiträge zur Professionalisierung (Band 10). Osnabrück: Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung. ISBN 978-3-943677-79-9

Naranjos Velazquez, Noreen, 2023. Die Rolle freiberuflicher Hebammen in Netzwerken Frühe Hilfen: Eine quantitative, egozentrierte Netzwerkanalyse. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-40952-4 [Rezension bei socialnet]

Naranjos Velazquez, Noreen, 2025a. Vernetzung messen in der Kindheitspädagogik: Netzwerkforschung in frühpädagogischen Einrichtungen als Tool für Träger und Wissenschaft zugleich [online]. In: ErzieherIn.de – Das Portal für die Frühpädagogik. Bonn: socialnet GmbH [Zugriff am: 13.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.erzieherin.de/vernetzung-messen-in-der-kindheitspaedagogik.html

Naranjos Velazquez, Noreen, 2025b. Kita-Sozialarbeit vernetzt: Evidenzbasierter Auf‑ und Ausbau von Kita-Netzwerken. In: Thielemann, Nurdin, Hrsg. Kita-Sozialarbeit: Grundlagen, Strukturen, Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, S. 184–194. ISBN 978-3-17-046577-0 [Rezension bei socialnet]

Perry, Brea L., Bernice A. Pescosolido und Stephen P. Borgatti, 2018. Egocentric network analysis: Foundations, methods, and models. Cambridge: Cambridge University Press. ISBN 978-1-107-13143-9

Stimmer, Franz, 2020. Grundlagen des Methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit. 4. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag. ISBN 978-3-17-035930-7

Ziegenhain, Ute, Angelika Schöllhorn, Anne K. Künster, Alexandra Hofer, Cornelia König und Jörg M. Fegert, 2011. Werkbuch Vernetzung: Modellprojekt Guter Start ins Kinderleben – Chancen und Stolpersteine interdisziplinärer Kooperation und Vernetzung im Bereich Früher Hilfen und im Kinderschutz. 4. Auflage. Köln: Nationales Zentrum Frühe Hilfen. Best.-Nr. 16000110

6 Literaturhinweise

Crossley, Nick, Elisa Bellotti, Gemma Edwards, Martin G. Everett, Johan Koskinen und Mark Tranmer, 2015. Social network Analysis for Ego-Nets. Kap. 4 und 6. London: SAGE Publications. ISBN 978-1-4462-6777-6

Naranjos Velazquez, Noreen, 2023. Die Rolle freiberuflicher Hebammen in Netzwerken Frühe Hilfen: Eine quantitative, egozentrierte Netzwerkanalyse. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-40952-4 [Rezension bei socialnet]

Perry, Brea L., Bernice A. Pescosolido, Stephen P. Borgatti, 2018. Egocentric network analysis: Foundations, methods, and models. Kap. 7. Cambridge: Cambridge University Press. ISBN 978-1-107-13143-9

Verfasst von
Prof. Dr. phil. Noreen Naranjos Velazquez
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