Einelternfamilie
Dr. Melanie Oehl
veröffentlicht am 30.07.2026
Eine Einelternfamilie ist eine Familie, in der ein Elternteil ein oder mehrere minderjährige Kinder hauptverantwortlich versorgt, ohne dass ein zweiter Elternteil im Haushalt lebt.
Überblick
1 Begriffsverständnis und Abgrenzung
Einelternfamilie und Alleinerziehende bezeichnen weitgehend denselben Sachverhalt und werden in Teilen der Fachliteratur überwiegend gleichbedeutend verwendet (beispielsweise Dechant und Rost 2016, S. 14; JUNO – Zentrum für Getrennt‑ und Alleinerziehende 2019; Hahmann 2026). In beiden Fällen betreut und versorgt ein Elternteil ein oder mehrere minderjährige Kinder. Es besteht dabei eine gegenseitige emotionale Bindung sowie eine an die Erziehungsperson gerichtete Fürsorgeerwartung für die minderjährigen Familienmitglieder. Einelternfamilien weisen damit ebenso wie Alleinerziehende die grundständigen Merkmale von Familie auf und sind wie andere Familienformen in ihren Lebenswirklichkeiten, ihrem Zugang zu Ressourcen und ihrer rechtlichen Schutzstellung ausdifferenziert.
Die beiden Begriffe sind allerdings nicht vollständig deckungsgleich: Alleinerziehende bezeichnet Personen, Einelternfamilie eine Familienform. Der sprachliche Bezugspunkt verschiebt sich damit vom einzelnen Elternteil auf die Familie als Einheit. Auf semantischer Ebene transportiert die Verwendung des Begriffs Einelternfamilie zusätzliche Bedeutungen (BMFSFJ 2025, S. 59).
2 Begriffsdiskussion
Sprache bildet Wirklichkeiten nicht nur ab, sondern konstruiert und verfestigt diese über den gesellschaftlichen Diskurs (zum Überblick etwa Gardt 2018). Auch gesellschaftliche Kategorien und Erwartungen an Familienformen sind damit nicht neutral, sondern werden innerhalb heteronormativer Ordnungen hervorgebracht (Butler 1990, S. 24). Aus wissenssoziologischer Sicht kann die Wahl zwischen zwei weitgehend gleichbedeutenden Begriffen deshalb auf unterschiedliche dahinterliegende Wirklichkeit(en) und auf deren Bewertung verweisen (Berger und Luckmann 1993, S. 90 f.).
Während alleinerziehend eine Abweichung von der heteronormativen Zweielternfamilie markiert (allein anstelle von zu zweit), rückt Einelternfamilie die Beziehungen der Sorge und die familiale Vielfalt in den Vordergrund. Die familiale Konstellation wird beschrieben, ohne sie primär über das Fehlen einer zweiten Erziehungsperson zu definieren. Dieser Vorgang lässt sich als semantischer Ausdruck von doing family in Anlehnung an Jurczyk, Lange und Thiessen (2014, S. 9) lesen.
Die Verwendung des Begriffs Einelternfamilie wird in dieser Perspektive als Öffnung des traditionellen Familienbegriffs verstanden, die beide Begriffe gleichwertig nebeneinanderstellt, ohne eine Abwertung vorzunehmen. Sie kann damit als emanzipatorischer und politischer Akt gelesen werden. Als Argumente hierfür werden angeführt, dass
- Elternschaft ohne zweite Erziehungsperson im Haushalt nicht als Abweichung einer sogenannten Norm markiert wird
- Unterschiede zwischen Familienformen durch sprachliche Referenz Anerkennung finden
- bestehende gesellschaftliche Normen in Bezug auf Familie und Elternschaft hinterfragt werden
- Handlungsmacht bei den Beteiligten freigesetzt wird, die sich in einer Sprache wiederfinden, die ihre lebensweltliche Realität spiegelt.
Unabhängig von der begrifflichen Rahmung werden für Einelternfamilien wie für Alleinerziehende Belastungen beschrieben, die sich aus der alleinigen Verantwortung für Erziehung, Pflege und Versorgung Minderjähriger ergeben. Dazu zählen die materielle Absicherung, die zeitliche Verfügbarkeit zwischen Haushalt, Erziehung und Existenzsicherung, die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf sowie ein unzureichender Zugang zu Unterstützung und Information. Diese Risiken werden überwiegend nicht auf die Lebensform selbst zurückgeführt, sondern auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit, heteronormative Familienbilder, fehlende Infrastruktur und soziale Ungleichheit.
Kritisch wird jedoch eingewandt, dass haushaltsbezogene Begriffe wie Einelternfamilie und Alleinerziehend den nicht mit dem Kind lebenden Elternteil sprachlich und konzeptionell ausblenden können, obwohl er vielfach an Betreuung und Erziehung beteiligt ist und dafür bislang keine sprachliche Begrifflichkeit außerhalb negativer Konnotation („Umgangselternteil“, „der andere Elternteil“) existiert (BMFSFJ 2025, S. 69). Obwohl die Trennung auf Paarebene erfolgt ist, bedeutet das noch keine Trennung auf Elternebene: Der nicht mit dem Kind zusammenlebende Elternteil wird aus dem Blick verloren (Peuckert 2012, S. 346; Dechant et al. 2016, S. 14)
3 Solomutterschaft
Die begriffliche Öffnung setzt sich im Begriff Solomutterschaft fort. Als Solomütter bezeichnen sich Frauen, die sich bewusst dafür entschieden haben, ohne Partner:in ein Kind zu bekommen etwa über Adoption, Pflegeelternschaft, Samenspende oder Co-Elternschaft. Das Unterscheidungsmerkmal gegenüber Alleinerziehenden liegt nach dieser Selbstbeschreibung in der bewussten Entscheidung für diesen Weg, nicht im Bestehen oder Fehlen einer Partnerschaft (Solomütter Deutschland 2022; Bock, 2000, S. 53, 55; Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste 2021, S. 4; Hertz 2006, S. 4 f.).
Während Alleinerziehend-Sein oder Ein-Elternschaft häufig eine Verantwortungsverteilung nach dem Ende einer Partnerschaft beschreiben, liegt der Schwerpunkt bei der Solomutterschaft auf einer von vornherein als singulärer Akt geplanten Familiengründung.
4 Quellenangaben
Berger, Peter L. und Thomas Luckmann, 1993 [1969]. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. 10. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer. ISBN 978-3-596-26623-4
Bock, Jane D., 2000. Doing the right thing? Single mothers by choice and the struggle for legitimacy. In: Gender & Society [online]. 14(1), S. 62–86 [Zugriff am: 23.07.2026]. ISSN 1552-3977. doi:10.1177/089124300014001005
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2025. Zehnter Familienbericht: Unterstützung allein‑ und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen [online]. Berlin: BMFSFJ, 31.03.2025 [Zugriff am: 23.07.2026]. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/​service/​publikationen/​zehnter-familienbericht-254310
Butler, Judith, 1990. Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. New York, NY: Routledge. ISBN 978-0-415-90042-3
Dechant, Anna und Harald Rost, 2016. Familienformen und Familienleben nach Trennung. ifb-Materialien 4-2016. Bamberg: Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg
Gardt, Andreas, 2018. Wort und Welt: Konstruktivismus und Realismus in der Sprachtheorie. In: Ekkehard Felder und Andreas Gardt, Hrsg. Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin: De Gruyter, S. 1–44. ISBN 978-3-11-056342-9. doi:10.1515/9783110563436-001
Hahmann, Julia, 2026. Alleinerziehende zwischen Care‑ und Erwerbsarbeit: Zur Bearbeitung der Figur der „guten Mutter“. In: Sozial Extra [online]. [Zugriff am: 23.07.2026]. ISSN 1863-8953. doi:10.1007/s12054-026-00892-7
Hertz, Rosanna, 2006. Single by Chance, Mothers by Choice: How Women Are Choosing Parenthood Without Marriage and Creating the New American Family. New York: Oxford University Press. ISBN 978-0-19-517990-3
JUNO – Zentrum für Getrennt‑ und Alleinerziehende, 2019. Die Wohnsituation und Wohnbedürfnisse von Alleinerziehenden in Wien: Endbericht [online]. Im Auftrag der MA 50 – Referat Wohnbauforschung und internationale Beziehungen. Wien: Magistrat der Stadt Wien [Zugriff am: 30.07.2026]. Verfügbar unter: https://www.wohnbauforschung.at/index.php?id=494
Jurczyk, Karin, Andreas Lange und Barbara Thiessen, Hrsg., 2014. Doing Family: Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2239-1 [Rezension bei socialnet]
Peuckert, Rüdiger, 2012. Familienformen im sozialen Wandel. 8. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-18388-6
Solomütter Deutschland e.V., 2022. FAQ [online]. Berlin: Solomütter Deutschland e.V. [Zugriff am: 20.07.2026]. Verfügbar unter: https://www.smd-verein.de/faq
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