Embodiment
Carla van Kaldenkerken
veröffentlicht am 16.06.2025
Embodiment steht für das grundlegende Verständnis, dass unsere Handlungen, Gedanken, Gefühle, Situationsbewertungen in fortlaufenden Wechselwirkungen (Bidirektionalität) mit physiologischen, motorischen und psychischen Prozessen und der Umwelt unmittelbar verbunden und aufeinander bezogen sind. Nicht das Gehirn wird als Ort der Kognition und des Geistigen verstanden, sondern die zirkuläre Verbindung von Geist, Körper und der Umwelt.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Wissenschaftliche Bezüge
- 3 Pioniere und Entstehung
- 4 Die Embodimentkonzeption in der Praxis
- 5 Quellenangaben
- 6 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Die Verkörperungsperspektive wird in den Emotionswissenschaften, Kognitions- und Neurowissenschaften, Kommunikationswissenschaften, der Pädagogik, Psychotherapie und auch in der Soziologie in je eigener Weise beforscht und hat dort, aber auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen zu einer tiefgreifenden Wende geführt.
Von der Perspektive ausgehend, dass alle psychischen, geistigen und körperlichen Prozesse miteinander rückgekoppelt verbunden sind, hat das für die Soziale Arbeit, die Beratung, Psychotherapie und Pädagogik einschneidende Konsequenzen.
Wenn der Körper an allen kognitiven und emotionalen Vorgängen beteiligt ist und Erfahrungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen verkörpert und in diesem Sinne gespeichert sind, sollte die Beteiligung des Körpers in der Kommunikation, im pädagogischen Handeln sowie bei therapeutischen Interventionen grundsätzlich mit beachtet werden.
Die Embodimentkonzeption beschränkt sich dabei nicht nur auf methodische Überlegungen, sondern versteht sich als ein durchgängiges Prinzip, eine zusätzliche Perspektive und Einstellung.
2 Wissenschaftliche Bezüge
In einem interdisziplinären, sich dynamisch entwickelnden Forschungsfeld an der Schnittstelle von Philosophie, Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaften, Entwicklungspsychologie und Körperpsychotherapie hat sich ein Diskurs entwickelt, der über die Traditionen und Paradigmen vieler körperpsychotherapeutischer Konzepte und erlebensorientierter Methoden hinausgeht. Vom „body-turn“ in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ist die Rede (Gugutzer 2006). Auch die Erkenntnisse der neurowissenschaftlichen Forschung haben die Rolle des Körpers in dem gesamten Geschehen von Denken, Fühlen und Handeln hervorgehoben (Fuchs 2017; Petzold 2003)
Die Verbindung von Körper/Leib, Geist und die Einbettung in die Umwelt schließt auch gesellschaftliche Themen ein. Die Bedrohung unserer Natur und unserer eigenen Lebensgrundlage werden in den oben erwähnten Konzeptionen konsequent mitbedacht.
3 Pioniere und Entstehung
Die Integration und größere Beachtung des Körpers sind in einigen Professionen und Wissenschaften nicht neu. Die Fragestellung zum Verhältnis von Körper und Geist und die Bedeutung des Körpers bei der Erkenntnisgewinnung sind durchgehend Gegenstand philosophischer Reflexionen, insbesondere in den Schriften der (Leib-) Philosophen Merleau-Ponty, Böhme, Fuchs, Waldenfels und Schmitz (auch Alloa et al. 2012).
Im Methodenrepertoire und den Arbeiten von Moreno und dem von ihm entwickelten Psychodrama, der Aufstellungsarbeit mit ihren Wurzeln bei Satir und in vielen Elementen der Gestalttherapie (Perls) spielen der Körper und das leibliche Erleben eine zentrale Rolle. Die Inspirationen und Wurzeln dieser körperintegrativen Interventionen gehen auf den Einfluss von Elsa Gindler und ihren Schülerinnen und Schülern zurück, die zu den Pionieren der Körperwahrnehmungsschulen zählen. Fritz Perls, Otto Fenichel, Wilhelm Reich, George Downing, Ruth C. Cohn, Virginia Satir, Jacob Moreno u.a. hatten alle direkt oder über ihre Schüler:innen – insbesondere Charlotte Selver (sensitive awareness) – mit der Arbeit von Gindler Kontakt.
In der konzentrativen Bewegungstherapie von Stolze (2002) verbinden sich die Ideen Gindlers mit einer psychoanalytischen Konzeption (für einen Überblick: Marlock und Weiss 2007).
4 Die Embodimentkonzeption in der Praxis
Das grundlegende Verständnis, dass unsere Handlungen, Gedanken, Gefühle, Situationsbewertungen in fortlaufenden Wechselwirkungen (Bidirektionalität) mit physiologischen, motorischen und psychischen Prozessen sowie der Umwelt verbunden sind, stellt die tief verwurzelte Vorstellung vom Körper-Geist-Dualismus infrage. Dies verdeutlicht die Bedeutung, die dem Körper in der Sozialen Arbeit, der Beratung und der Pädagogik zukommen sollte.
Es ist nicht einfach, die Trennung von Körper und Geist zu überwinden, da diese Vorstellung seit Descartes weit verbreitet ist. Der Dualismus von Körper und Geist ist tief verankert und beeinflusst unser Denken und Handeln.
„Der Cartesianismus ist nicht bloß eine Theorie, sondern wir leben den Cartesianismus, und zwar nicht bloß in einer Betrachtungsweise, sondern im instrumentellen Umgang mit uns selbst“ (Böhme 2017, S. 52).
Die Aussage „Wir haben uns lange den Kopf zerbrochen, bis wir diese Entscheidung fällen konnten“ zeugt von der Lokalisierung geistiger Vorgänge im Kopf. Gleichzeitig erkennen wir das „Wissen unseres Körpers“, wenn das „Bauchgefühl“ sich bemerkbar macht und der Zusammenhang von somatischen Signalen und emotionalen Prozessen deutlich wird.
Die lange Tradition der Körperwahrnehmungs- und Achtsamkeitspraxis, einige methodische Schulen, sowie die psychosomatische Medizin und Körperpsychotherapie haben wichtige Grundlagen gelegt und bereits ein großes Repertoire an Interventionsmöglichkeiten entwickelt.
Die Körperpsychotherapien, insbesondere die von Hilarion Petzold begründete integrative Therapie, sind hier hervorzuheben (Petzold 2003). Auch Maja Storch und Wolfgang Tschacher (2014) haben mit ihrer verkörperten Kommunikationstheorie, Entwicklungen vorangetrieben, die für die Praxis relevant sind.
Embodimentorientiert zu arbeiten und zu beraten, bedeutet den körperlichen Phänomenen und Emotionen mehr Beachtung zu schenken und sie als „Stimmen“ und hochverdichtete Stellungnahmen zur Situation zu bewerten.
In vielen Redewendungen wird die direkte Verbindung von situativem Umstand und körperlichen Erscheinungen zum Ausdruck gebracht: Da schlägt einem das Herz bis zum Hals, es wird mir eng ums Herz, es schnürt einem die Kehle zu und man bekommt weiche Knie. Am eigenen Leib spüren wir deutlich die Verbindungen und Wechselwirkungen von Körper/Leib, Geist und Umwelt, wenn der Körper mit starken positiven oder negativen Gefühlen auf äußere Eindrücke reagiert und in die Wahrnehmung tritt.
Jeder Eindruck aus der äußeren Welt, jede wiederbelebte Erinnerung und Erfahrung löst komplexe körperlich-emotionale Reaktionen aus, an denen das zentrale und autonome Nervensystem, Herz und Kreislauf, Muskulatur und Atmung, innere Organe beteiligt sind. Viele Experimente und Forschungsergebnisse haben den wechselseitigen Einfluss verschiedener Körpervariablen (Körperhaltung, Mimik, Gestik u.a.) auf Emotionen, motivationale Prozesse, neurobiologische Vorgänge, Wahrnehmungen, Einstellungen und Bewertungen aufgezeigt.
Für die Praxis ist interessant, wie über den körperlichen Ein und Ausdruck ein Blick und ein Zugang zur „Seele“ und dem latentem Körperwissen möglich wird.
So wie sich die Änderung von mentalen Einstellungen in einer veränderten Körperhaltung zeigt, ist es auch möglich, über eine veränderte Haltung und Bewegung Einstellungen zu verändern. „Positive“ Posen oder Ausdrucksbewegungen allein verändern unsere Emotionen und Bewertungen jedoch nicht direkt und diese lassen sich schon gar nicht nachhaltig beeinflussen. Haltungen sollten in Form von forschender Selbsterkundung unter fachkundiger Anleitung entstehen. Experimentelles Arbeiten mit verschiedenen Elementen von Körperhaltung, Bewegung, Stimme, Atmung u.a. kann dabei unterstützen.
Wenn zwei Personen angeregt und intensiv miteinander sprechen, kann eine Art Synchronie in den Bewegungen und Gesten sowie der Körperhaltung beobachtet werden. Auch lässt sich beobachten, wie sich ein Lächeln im Gesicht des Gesprächspartners fortsetzt. Dieser Prozess erfolgt automatisch und wird als Gesichtsmimikry bezeichnet. Das ist nur eines von vielen Beispielen für die unbemerkte präverbale Synchronie. Sie ist charakteristisch in der Interaktion und beginnt, sobald Menschen miteinander in Kontakt treten.
Obwohl sich in der Beratung überwiegend auf die verbale, explizite Interaktion konzentriert wird, besteht auch eine Verbindung auf einer unterschwelligen, präverbalen Ebene. Diese unterschwellige Interaktion ist ein maßgeblicher Teil der Beratungsinteraktion, eine gemeinsam gestaltete Atmosphäre und tragende Verbundenheit, die sich im unbewussten Angleichen von Gesten, Mimik, Stimmmodulation, Körperhaltungen und sogar im Herzschlag zeigt. Vertrauen, Kontakt und Sicherheit als tragende Basis und wichtiger Wirkfaktor einer guten Arbeitsbeziehung werden nicht verbal versichert, sondern (leiblich) gespürt.
Die relevantesten Aspekte lassen sich so zusammenfassen:
- Alle biografischen Erfahrungen, u.a. auch die frühkindlichen Bindungserfahrungen sind im unbewussten Körpergedächtnis abgelegt und wirken als Gewohnheiten auf aktuelles Handeln. Diese Handlungsbereitschaften und latenten Gewohnheiten wirken auch auf die Gestaltung von Beziehungen und auf die unbewusste, nicht-sprachliche Ebene der Kommunikation.
- Forschungsergebnisse bestätigen den Zusammenhang von Synchronie und Beziehungsqualität. Ein Großteil der eigentlichen Wirksamkeit von Beratungen und Therapien wird durch das zwischenleibliche Geschehen transportiert. Der Begriff „zwischenleiblich“ verweist auf die Unterscheidung zwischen dem physischen Körper (als objektiv beobachtbarer Gegenstand) und dem subjektiv erlebten Leib als Ort des Empfindens und der Wahrnehmung. In Bewegungs- und physiologischer Synchronie spiegeln sich die Qualität der Beratungsbeziehung. Synchronie in der dyadischen therapeutischen Interaktion steht im Zusammenhang mit einem positiven Therapieverlauf, Symptomreduktion, der Erreichung der individuellen Therapieziele, Rückgang interpersonaler Probleme und Selbstwirksamkeit.
- Die Nachhaltigkeit von Lernprozessen ist ebenso abhängig davon, ob und wie der Körper einbezogen wird. Die Nachhaltigkeit von sozialpädagogischen, therapeutischen und anderen Veränderungsprozessen kommt i.d.R. nicht durch Einsicht zustande, sondern durch ein handelndes Lernen und Einüben, damit die gewonnenen Einsichten zu Gewohnheiten werden können.
- In dem wechselseitigen Geschehen und in den zirkulären Beeinflussungen von Emotionen, Bewertungen, körperlichen Vorgängen und begleitenden, unterschwelligen körperlichen Bewegungen können Interventionen an „jeder Stelle“ gesetzt werden, weil sie durch die fortlaufenden zirkulären Prozesse weitergetragen und an anderer Stelle in dem zirkulären Geschehen wirksam werden.
5 Quellenangaben
Alloa, Emanuel, Thomas Bedorf, Christian Grüny und Tobias Nikolaus Klass, 2012. Leiblichkeit. Tübingen: Mohr Siebeck UTB. ISBN 978-3-8252-3633-5
Böhme, Gernot, 2017. Leibsein als Aufgabe: Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht. 2. revidierte Auflage. Zug/Schweiz: Die graue Edition. ISBN 978-3-906336-69-5
Fuchs, Thomas, 2017. Das Gehirn – ein Beziehungsorgan: Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. 5. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-029793-7
Gugutzer, Robert, Hrsg., 2006. Body turn: Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports. Bielefeld. transcript Verlag. ISBN 978-3-89942-470-6
Gugutzer, Robert, 2015. Soziologie des Körpers. 5., vollst. überarb. Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-2584-4
Marlock, Gustl und Halko Weiss, 2023. Handbuch Körperpsychotherapie. 2. Auflage. Stuttgart: Schattauer Verlag. ISBN 978-3-608-43155-1
Merleau-Ponty, Maurice, 2011. Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter Studienbuch. Berlin: de Gruyter Verlag. ISBN 978-3-11-006884-9
Petzold, Hilarion, 2003. Integrative Therapie – Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie. Paderborn: Jungfermann. ISBN 978-3-87387-066-6 [Rezension bei socialnet]
Schmitz, Hermann, 2007. Der Leib, der Raum und die Gefühle. Bielefeld: Aisthesis Verlag. ISBN 978-3-89528-610-0
Schmitz, Hermann, 2011. Der Leib. Berlin: Walter de Gruyter. ISBN 978-3-11-025098-5
Stolze, Helmuth, 2002. Konzentrative Bewegungstherapie. 3. ergänzte Auflage. Heidelberg: Springer Verlag. ISBN 978-3-540-42901-2
Storch, Maja und Wolfgang Tschacher, 2014. Embodied Communication: Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf. Bern: Hans Huber. ISBN 978-3-456-85453-3 [Rezension bei socialnet]
Waldenfels, Bernhard, 2000. Das leibliche Selbst: Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-29072-9
6 Literaturhinweise
Kaldenkerken, Carla van, 2021. Der Eigensinn des Körpers. In: Organisationsberatung – Supervision – Coaching [online]. 28(1), S. 5–21 [Zugriff am: 05.06.2025]. ISSN 1618-808X. doi:10.1007/s11613-021-00687-7
Kaldenkerken, Carla van, 2019. Relevanz des Verkörperungsdiskurs für Supervision und Coaching. In: Positionen DGSv [online]. (3), S. 2–8 [Zugriff am: 05.06.2025]. ISBN 978-3-7376-0783-4, ISSN 1867-4992. Verfügbar unter: https://www.dgsv.de/wp-content/​uploads/2020/01/Positionen_3_2019.pdf
Verfasst von
Carla van Kaldenkerken
Dipl. Sozialpädagogin, Supervisorin und Coach (DGSv), Mediatorin und Ausbilderin für Mediation (BM®), Organisationsberaterin. Div. erlebenszentrierte methodischen Weiterbildung und körper- und bewegungspädagogische Ausbildungen u.a. in der Feldenkrais-Methode, als Tanz- und Bewegungspädagogin und Tangolehrerin
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