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Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen mitzufühlen. Voraussetzung dafür ist, dass die Situation des anderen Menschen verstanden wurde (Perspektivenübernahme) und gleichzeitig die Quelle der mitgefühlten Emotion bewusst beim anderen Menschen liegt (Selbst-Andere-Differenzierung), also keine reine Emotionsübertragung (Gefühlsansteckung) stattfindet.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Empathiemodelle
    1. 2.1 Empathie als Fähigkeit und Charaktereigenschaft
    2. 2.2 Duales Empathiemodell
    3. 2.3 Empathie als interpersoneller Prozess
    4. 2.4 Neuropsychologische Empathiemodelle
  3. 3 Empathische Kommunikation in der Anwendung
  4. 4 Trainierbarkeit von Empathie
  5. 5 Pathologische Einschränkungen im empathischen Erleben
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Der Begriff Empathie wird in sehr unterschiedlichen Kontexten verwendet und entsprechend breit ist das Spektrum der Empathiemodelle. Empathietrainings können bestimmte Anteile der Empathie auch kurzfristig verändern. Für die Gestaltung empathischer Kommunikation im Alltag existieren ratgeberische Konzepte. Typische Einschränkungen im empathischen Erleben finden sich in Persönlichkeitsstörungen und in Formen des Autismus.

2 Empathiemodelle

Aufgrund der unterschiedlichen Anwendungsfelder und Perspektiven auf Empathie sind viele unterschiedliche Konzepte und Modelle entstanden. Im Folgenden werden die einflussreichsten kurz erläutert.

2.1 Empathie als Fähigkeit und Charaktereigenschaft

Die grundlegende Konzeption von Empathie ist zumeist entweder Empathie als Fähigkeit oder Empathie als Charaktereigenschaft.

Empathie als Fähigkeit verstanden bedeutet, die Emotionen und Gedanken anderer Menschen genau erkennen und verstehen zu können (empathic accuracy; Ickes 1993). Ähnlich wie bei der Fähigkeit Intelligenz, würde dann auch hier gelten: Je mehr man von dieser Fähigkeit hat, desto besser, bzw. je weniger, desto schlechter. Das bringt mit sich, dass eine geringe Empathiefähigkeit ebenso wie eine Rückentwicklung der Empathiefähigkeit als problematisch bzw. defizitär bis pathologisch angesehen werden müsste.

Empathie dagegen als Charaktereigenschaft (Asendorpf und Neyer 2012) anzusehen bedeutet, dass Menschen unterschiedlich häufig und unterschiedlich intensiv die Perspektive anderer einnehmen und emotional mitschwingen. Hier wird keine Kompetenz beschrieben, sondern typisches Verhalten. Damit wären auch die Extremwerte „extrem empathisch“ und „extrem unempathisch“ keine Bewertungen, sondern Beschreibungen von für diese Menschen typischem Verhalten. Ähnlich, wie manche Menschen beim Skifahren gern schnell die steilen Pisten herunterfahren und andere gern mit Langlaufskiern gerade Strecken laufen, würde man in diesem Sinne nicht von Empathiedefiziten o.ä. sprechen können. Ebenso ist in dieser Konzeption möglich, dass ein Mensch, der typischerweise selten oder wenig intensiv empathisch ist, in bestimmten Situationen sehr empathisch sein kann – er macht es nur typischerweise selten bzw. weniger intensiv.

Wichtig ist anzumerken, dass sich diese beiden grundsätzlichen Perspektiven nicht ausschließen, aber unreflektiert in der Interaktion gravierende Konsequenzen haben können. Die Bewertung „Wie kann man nur so unempathisch sein wie du“ impliziert die vermutlich unzutreffende Unterstellung einer geringen Empathiefähigkeit. Hier wäre die Perspektive auf das Persönlichkeitsmerkmal eher hilfreich, z.B. mit der Frage, warum dieser Mensch in dieser Situation nicht empathisch mitfühlen konnte oder wollte. Andererseits wäre die andauernde Suche nach spezifischen Erklärungen für solche Situationen bei einem Kind mit autistischer Störung wenig zielführend, da hier eine grundsätzlich pathologische Einschränkung der Empathiefähigkeit gegeben ist. Hier wäre die Perspektive auf den Fähigkeitsaspekt eher hilfreich, z.B. mit der Frage, welche Hilfsmittel dem Kind gegeben werden können, damit es sein Defizit in der Empathiefähigkeit ausgleichen kann, um weniger Schwierigkeiten im Alltag zu haben.

2.2 Duales Empathiemodell

Das duale Modell der Empathie ist die bisher einflussreichste Konzeption und beschreibt im Wesentlichen zwei unterschiedliche Empathiekomponenten: die kognitive und die affektive.

Die kognitive Komponente beschreibt das gedankliche Verstehen und Nachvollziehen der Gefühle, Motive, Gedanken, Einstellungen, Wünsche sowie der aktuellen Situation einer anderen Person. Diese Komponente entspricht im Wesentlichen dem Konzept der Perspektivenübernahme und der „theory of mind“ (Steins und Wicklund 1993). Wenn zum Beispiel einer Freundin die Arbeitsstelle gekündigt wird, kann ich durch meine kognitive Empathie verstehen bzw. erschließen, dass sie frustriert und wütend ist, und dass sie sich Sorge macht, ob sie wieder eine neue Anstellung finden kann. Kognitive Empathie ermöglicht also das Erkennen und Verstehen, beinhaltet aber per Definition kein Mitfühlen.

Die affektive Komponente beschreibt das emotionale Mitfühlen mit den – vermuteten oder tatsächlichen – Emotionen einer anderen Person. Damit ist nicht Mitgefühl gemeint, das das Erleben von fürsorglichen Gefühlen für die andere Person (z.B. Sorge, Mitleid) umschreibt, sondern das Erleben derselben oder ähnlicher Emotionen wie die andere Person. Wenn also beispielsweise ein Kind unruhig und nervös ist, wäre es Mitgefühl, wenn ich warme, positive Gefühle für das Kind empfinde und ihm deswegen Trost anbiete. Hier unterscheiden sich die Gefühle des Kindes qualitativ deutlich von meinen. Affektive Empathie wäre allerdings, wenn ich ebenso wie das Kind unruhige und nervöse Gefühle aufgrund des Verstehens und Einfühlens in die Situation des Kindes erlebe. Dabei sind meine Gefühle ähnlich – wenn auch nicht gleich – wie die des Kindes, wenngleich leichte qualitative (nicht exakt die gleichen Gefühle) und quantitative (nicht exakt im gleichen Ausmaß) Unterschiede bestehen können. Durch meine affektive Empathie entsteht in mir ein emotionaler Zustand (im Beispiel: Unruhe, Nervosität), der mehr zur Situation des Gegenübers passt, als zu meiner eigenen. Diese Konzeption wird auch von neuropsychologischen Studien gestützt, die zeigen konnten, dass Menschen dieselben Hirnareale für die eigene Emotionsrepräsentation wie auch für die Repräsentation der Emotionen von anderen nutzen (Bernhardt und Singer 2012).

Diese duale Vorstellung von kognitiver und affektiver Empathie ist besonders von Kohut in folgender Definition zusammengefasst worden, wonach Empathie bedeutet: „to think and feel oneself into the inner life of another person“ (Kohut 1984, S. 84).

Zwei wichtige, aber häufig unterschlagene Aspekte sind dabei zu ergänzen: Gefühlsansteckung und Selbst-Andere-Differenzierung. Erstens kann von Empathie eigentlich nur gesprochen werden (siehe zusammenfassende Definition oben), wenn emotionales Mitfühlen aufgrund kognitiven Verständnisses entsteht. Emotionales Mitfühlen ist auch ohne kognitives Verstehen möglich und wird dann Gefühlsansteckung (emotional contagion; Hatfield, Cacioppo und Rapson 1994) genannt. Dabei werden die Emotionen des Gegenübers miterlebt, ohne sie mit dem Grund für diese Emotionen in Verbindung zu bringen. Säuglinge verfügen bereits über diesen Mechanismus und lachen, wenn andere lachen, und weinen, wenn andere weinen, ohne die auslösenden Situationen einsehen zu können. Im Erwachsenen ist diese Tendenz nur noch selten zu beobachten, aber auch im Erwachsenenalter werden wir manchmal von der Müdigkeit oder einem herzlichen Lachen angesteckt und fühlen uns ebenso müde bzw. lachen, ohne kognitive Einsicht in die Ursachen zu haben. Wir fühlen also nicht mit, sondern parallel zu der anderen Person. Die bei Affen untersuchten Spiegelneurone werden auch beim Menschen als Ursache für diese Prozesse diskutiert (Rizzolatti und Craighero 2004). Gefühlsansteckung kann als hilfreiche Brücke genutzt werden, um Verständnis für eine andere Person zu erlangen, besonders, wenn diese sich (aktuell) nicht sprachlich äußern kann.

Zweitens ist für Empathie (siehe zusammenfassende Definition oben) das Aufrechterhalten der Selbst-Andere-Differenzierung (self-other-differentiation; Lamm, Batson und Decety 2007) notwendig. Sie ermöglicht eine Bewusstheit darüber, wo die Quelle bzw. der Ursprung der Emotionen liegt, die empathisch in der eigenen Person aufgekommen sind. Würde ich beispielsweise von der traurigen Situation einer Freundin erfahren und nicht die Selbst-Andere-Differenzierung aufrechterhalten (können), würde ich diese traurige Situation als meine eigene traurige Situation erleben. Mit Selbst-Andere-Differenzierung kann ich empathisch mit der Freundin mitfühlen, aber es bleiben ihre Situation und ihr Gefühl. Risiken fehlender Selbst-Andere-Differenzierung sind Überforderung und in der Folge Abwehr der anderen Person, Aggression und egoistisches Verhalten (Batson, Early und Salvarani 1997). Im Kontext sozialer Berufe wird entsprechend die Entstehung von Burnout und Depressivität diskutiert (Altmann und Roth 2014).

2.3 Empathie als interpersoneller Prozess

Während Empathie vorangehend als Fähigkeit und Charaktereigenschaft jeweils mit einer kognitiven und affektiven Komponente insgesamt als zeitlich stabiles Persönlichkeitsmerkmal angesehen wurde, werden in anderen Modellen auch die Aspekte der Interaktion konzeptualisiert. Diese sind entsprechend auch deutlich relevanter für die Betrachtung von Empathie in der Praxis.

Empathie kann so z.B. als dreischrittiger Prozess der Kommunikation angesehen werden (Kunyk und Olson 2001). Hier ist Empathie nicht nur ein intra-individueller Prozess, der nur den Anlass des Gegenübers braucht, sondern beschreibt vielmehr eine komplexe Interaktion mit Rückmeldungen und Reaktionen darauf.

  • Schritt 1:
    Der Akteur nimmt den emotionalen Zustand des Gegenübers wahr, versteht und fühlt mit.
  • Schritt 2:
    Der Akteur drückt dem Gegenüber aus, dass er wahrgenommen, verstanden und mitgefühlt hat.
  • Schritt 3:
    Das Gegenüber nimmt wiederum wahr, dass der Akteur diese Empathie aufgebracht hat und erlebt diese als zu seiner Situation passend oder stimmig.

Empathie kann im interaktiven Sinne auch verstanden werden als die Rückmeldung, die der Akteur dem Gegenüber gibt. Dabei sollte diese verbale Antwort den emotionalen Inhalt der Mitteilung des Gegenübers sowie den mitgeteilten Grund für diese Emotion enthalten (Winefield und Chur-Hansen 2000). Empathie wird hier als erlernbare Fertigkeit angesehen, wobei Handlungsabfolgen und das Heraushören und Wiedergeben von bestimmten Inhalten trainiert werden können.

2.4 Neuropsychologische Empathiemodelle

Auch wenn neuropsychologische Modelle nur begrenzt psychologisches Erleben widerspiegeln können, sollen zwei wesentliche erwähnt werden.

Ein Modell schlägt Empathie als Ergebnis der Interaktion von vier neuronalen Netzwerken vor (Decety und Moriguchi 2007). Diese übernehmen die Aufgaben emotionales Teilen, Selbst-Andere-Differenzierung, Perspektivenübernahme und Emotionsregulation. Das Modell nutzt dazu unter anderem die Idee der begrenzten, spezialisierten und miteinander interagierenden Netzwerke sowie der Spiegelneurone. Das Modell dynamisierte weitere Forschung, um die einzelnen Instanzen bzw. Netzwerke zu lokalisieren und deren Interaktionen zu verstehen. Die Forschungsergebnisse von Tania Singer (Singer et al. 2004; Singer et al. 2006) stützen die Annahme, dass abgrenzbare neuronale Netzwerke unterschiedliche Aufgaben in der Empathie bzw. Verarbeitung eigener und fremder Emotionen sowie deren Differenzierung haben.

Einen anderen Ansatz verfolgt ein Modell zur Wechselwirkung von Wahrnehmung und Erinnerung (Nichols et al. 1996). Das Modell beschreibt, dass bei der Begegnung mit einer anderen Person mit einem emotionalen Ausdruck eigene Erinnerungen an eigene Erfahrungen aktiviert werden, die ähnlich zu denen sind, die das Gegenüber gerade erlebt. Wenn wir also einem Menschen begegnen, der hilflos ist, weil er sich einer unlösbaren Situation ausgeliefert sieht, erinnern wir uns an eigene Erlebnisse, die ebenfalls Hilflosigkeit aufgrund erlebter Ausweglosigkeit ausgelöst haben. Über diese Erinnerungen an ähnliche eigene Emotionen wird Mitfühlen ausgelöst und Verständnis ermöglicht. Diese Ansicht ist auch in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet: Man kann nur verstehen und mitfühlen, was man selbst erlebt hat.

3 Empathische Kommunikation in der Anwendung

Unterschiedliche Modelle geben Hinweise und empfehlen Konzepte, wie „empathische“ Kommunikation – womit vermutlich einfühlsame, verständnisvolle und/oder kooperative Kommunikation gemeint ist – gestaltet werden kann. Das mit Empathie besonders stark verknüpfte Konzept der Klientenzentrierten Gesprächstherapie beschreibt Empathie als Voraussetzung und eine der zentralen heilsamen Variablen im therapeutischen Geschehen (Rogers 1975). Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (Rosenberg 2008) ist ähnlich angelegt und konkretisiert Handlungsschemata zur Gestaltung einer verständnis- und konfliktlösungsorientierten Kommunikation. Diese und weitere ähnliche Ansätze fokussieren die Gestaltung der Interaktion und setzen als Grundannahme, dass der Mensch im Normalfall über ausreichende empathische Fähigkeiten verfügt und nur die Umsetzung dieser Empathie durch die Handlungsvorschläge zu optimieren sei. Damit ist hier bereits die Grundidee der Empathietrainings angesprochen.

4 Trainierbarkeit von Empathie

Mittlerweile sind zahlreiche Empathietrainingsprogramme für Kinder und Erwachsene publiziert worden. Deutschsprachige und wissenschaftlich überprüfte Empathietrainingsprogramme, z.B. „Faustlos“ (Cierpka 2005) für Kinder und Jugendliche oder das Programm „Mit Empathie arbeiten – gewaltfrei Kommunizieren“ (Altmann und Roth 2014) für Menschen in sozialen Berufen, werden im Kompendium von Roth, Schönefeld und Altmann (2016) vorgestellt.

Durch die hohe Unterschiedlichkeit entsteht der Eindruck, dass sich die Trainings sehr stark in der grundsätzlichen Herangehensweise und Zielsetzung unterscheiden (Butters 2010). Allerdings zielen die meisten Trainings tatsächlich ähnlich auf die Veränderung der individuellen kommunikativen Muster, also auf die Art und Weise der Rückmeldung und der verbalen Interaktion. Damit werden lediglich der Prozesscharakter und der Fertigkeitsaspekt der Empathie fokussiert. Die Trainings ändern daher eigentlich eher den Einsatz von und den Umgang mit der individuell vorhandenen Empathie, aber nicht die Empathie selbst (Altmann 2015). Da Fähigkeit und Charaktereigenschaft grundsätzlich als nicht (oder nur schwer) direkt veränderliche Aspekte der Persönlichkeit gelten (Asendorpf und Neyer 2012), ist dieser Fokus der Trainings nachvollziehbar. Allerdings wird dies selten in den Trainingsmanualen so klar benannt. Diese Differenzierung ist besonders dann relevant, wenn Empathie z.B. bei Straftätern trainiert werden soll. Da eigentlich nur Aspekte der Gestaltung der zwischenmenschlichen Interaktion, nicht aber die Fähigkeit des Mitfühlens trainierbar sind, könnten im schlimmsten Fall nur die Fertigkeiten in der Manipulation steigen, aber kein prosoziales Verhalten entstehen.

5 Pathologische Einschränkungen im empathischen Erleben

Gefühlsansteckung als basaler Mechanismus von Gefühlsübertragung (siehe oben) wird beim Menschen als von Geburt an angelegt angenommen und ist bereits bei Säuglingen parallel zur Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeiten zu beobachten. Die Fähigkeit, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen, wird sukzessive ab einem Alter von etwa vier Jahren aufgebaut und noch im Kindesalter ausgeprägt (Schneider und Lindenberger 2012). Empathie im Sinne des Mitfühlens auf Basis einer Perspektivenübernahme entwickelt sich entsprechend darauf aufbauend und ersetzt so mit steigendem Alter die Gefühlsansteckung.

Abweichungen im Kindesalter beziehen sich meist auf Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), die von den Eltern schon ab dem zweiten Lebensjahr erkannt werden können. Menschen mit ASS haben oft Schwierigkeiten, die Perspektive einer anderen Person zu übernehmen, Emotionen beim Gegenüber richtig zu erkennen und eigene Emotionen in üblicher Weise auszudrücken. Auch bauen sie keine empathische Verbindung durch empathisches Mitfühlen zum Gegenüber auf (Remschmidt 2012). Allerdings bestehen hier sehr große Unterschiede zwischen Formen und Schweregraden, weswegen kein einheitliches Bild bzgl. der Empathie bei Menschen mit ASS besteht. Die Differenzierung, ob überhaupt und wenn ja, welche Form des Autismus bzw. welcher Schweregrad im konkreten Einzelfall vorliegt, sollte nur durch eine professionelle Diagnostik erfolgen.

Im Erwachsenenalter können Einschränkungen im empathischen Erleben u.a. im Rahmen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und der dissozialen Persönlichkeitsstörung, aber auch durch hirnanatomische Veränderungen oder Schädigungen (z.B. durch Verletzung, Demenz oder Schlaganfall) entstehen. Die teilweise anachronistischen Bezeichnungen „Psychopath / Psychopathin“ bzw. „Soziopath / Soziopathin“ für extreme Fälle nicht-prosozialen Verhaltens werden zum Teil im Zusammenhang mit fehlender Empathie besprochen. Dabei sei allerdings angemerkt, dass mangelndes prosoziales Verhalten nicht gleichbedeutend ist mit fehlender Empathie. Auch wenn Empathie grundsätzlich positiv mit dem Auftreten prosozialen Verhaltens (z.B. helfen, trösten, unterstützen) assoziiert ist, ist es doch nicht damit gleichzusetzen und ist differenziert zu betrachten (Diskussion bei Batson 1997).

6 Quellenangaben

Altmann, Tobias, 2015. Empathie in sozialen und Pflegeberufen. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-658-06644-4 [Rezension bei socialnet]

Altmann, Tobias und Marcus Roth, 2014. Mit Empathie arbeiten – gewaltfrei kommunizieren. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-025156-4

Asendorpf, Jens und Franz J. Neyer, 2012. Psychologie der Persönlichkeit. 5., vollst. überarb. Auflage. Heidelberg: Springer. ISBN 978-3-642-30264-

Batson, C. Daniel, 1997. Self-other merging and the empathy-altruism hypothesis: Reply to Neuberg et al. (1997). In: Journal of Personality and Social Psychology. 73(3), S. 517–522. ISSN 0022-3514

Batson, C. Daniel, Shannon Early und Giovanni Salvarani, 1997. Perspective taking: Imagining how another feels versus imaging how you would feel. In: Personality and Social Psychology Bulletin [online]. 23(7), S. 751–758 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1177/0146167297237008

Bernhardt, Boris C. und Tania Singer, 2012. The Neural Basis of Empathy. In: Annual Review of Neuroscience [online]. 35(1), S. 1–23 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1146/annurev-neuro-062111-150536

Butters, Robert Paul, 2010. A Meta-analysis of Empathy Training Programs for Client Populations [Dissertation online]. Salt Lake City: University of Utah [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://collections.lib.utah.edu/details?id=192380

Cierpka, Manfred, 2005. Faustlos – Wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-28557-8

Decety, Jean und Yoshiya Moriguchi, 2007. The empathic brain and its dysfunction in psychiatric populations: Implications for intervention across different clinical conditions. In: BioPsychoSocial Medicine [online]. 1(22), S. 1–21 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1186/1751-0759-1-22

Hatfield, Elaine, John T.Cacioppo und Richard L. Rapson, 1994. Emotional contagion. New York: Cambridge University Press. ISBN 0-521-44498-5

Ickes, William, 1993. Empathic Accuracy. In: Journal of Personality [online]. 61(4), S. 587–610 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.1993.tb00783.x

Kohut, Heinz, 1984. How Does Analysis Cure? Chicago: University of Chicago Press. ISBN 0-226-45034-1

Kunyk, Diane und Joanne K. Olson, 2001. Clarification of conceptualizations of empathy. In: Journal of Advanced Nursing. 35(3), S. 317–325.

Lamm, Claus, C. Daniel Batson und Jean Decety, 2007. The neural substrate of human empathy: Effects of perspective-taking and cognitive appraisal. In: Journal of Cognitive Neuroscience [online]. 19(1), S. 42–58 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1162/jocn.2007.19.1.42

Nichols, Shaun, Stephen Stich, Alan Leslie und David Klein, 1996. Varieties of off-line simulation. In Peter Carruthers und Peter K. Smith, Hrsg. Theories of theories of mind. Cambridge: Cambridge University Press, S. 39–74. ISBN 978-0-521-55110-6

Remschmidt, Helmut, 2012. Autismus: Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. München: C.H.Beck. ISBN 978-340-66434-7-7

Rizzolatti, Giacomo und Laila Craighero, 2004. The mirror-neuron system. Annual Review of Neuroscience [online]. 27(1), S. 169–192 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.27.070203.144230

Rogers, Carl R., 1975. Empathic: An unappreciated way of being. In: The Counseling Psychologist. 5(2), S. 2–10.

Rosenberg, Marshall B., 2008. Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann.

Roth, Marcus, Victoria Schönefeld und Tobias Altmann, Hrsg., 2016. Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung von Empathie – Ein praxisorientiertes Kompendium. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-662-48198-1 [Rezension bei socialnet]

Schneider, Wolfgang und Ulman Lindenberger, Hrsg., 2012. Entwicklungspsychologie. 7., vollst. überarb. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-27768-6 [Rezension bei socialnet]

Singer, Tania, Ben Seymour, John O’Doherty, Holger Kaube, Raymond J. Dolan und Chris D. Frith, 2004. Empathy for pain involves the affective but not sensory components of pain. In: Science [online]. 303(5661), S. 1157–1162 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1126/science.1093535

Singer, Tania, Ben Seymour, John O’Doherty, Klaas E. Stephan, Raymond J. Dolan und Chris D. Frith, 2006. Empathic neural responses are modulated by the perceived fairness of others. In: Nature [online]. 439(7075), S. 466–469 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1038/nature04271

Steins, Gisela und Robert A. Wicklund, 1993. Zum Konzept der Perspektivenübernahme: Ein kritischer Überblick. In: Psychologische Rundschau. 44(4), S. 226–239. ISSN 0033-3042

Winefield, Helen R. und Anna Chur-Hansen, 2000. Evaluating the outcome of communication skill teaching for entry-level medical students: Does knowledge of empathy increase? In: Medical Education [online]. 34(2), S. 90–94 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1046/j.1365-2923.2000.00463.x

7 Literaturhinweise

Altmann, Tobias und Marcus Roth, 2014. Mit Empathie arbeiten – gewaltfrei kommunizieren. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-025156-4
Das Buch bietet eine kurze Einführung in anwendungsorientierte Empathie-Konzepte, wie z.B. das Empathie-Prozess-Modell oder den Empathischen Kurzschluss, und beschreibt Übungen eines Empathie-Trainings für Menschen in der sozialen und pflegerischen Arbeit.

Gerdes, Karen E., Elizabeth A. Segal und Cynthia Lietz, 2010. Conceptualising and Measuring Empathy. In: British Journal of Social Work [online]. 40(7), S. 2326–2343 [Zugriff am 20.04.2018]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1093/bjsw/bcq048
Der Artikel bietet eine Übersicht über Empathie-Konzepte sowie psychometrische Messverfahren wie z.B. Fragebögen. Er führt in das Gebiet der „social cognitive neuroscience“ ein und diskutiert empirische Befunde mit Bezug zur Sozialen Arbeit.

Rogers, Carl R., 1975. Empathic: An unappreciated way of being. In: The Counseling Psychologist. 5(2), S. 2–10.
Grundkonzept zur therapeutischen Haltung der Empathie vom Begründer der Klientenzentrierten Gesprächstherapie.

Rosenberg, Marshall B., 2016. Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. 12., überarbeitete und erweiterte Auflage. Paderborn, Deutschland: Junfermann. ISBN 978-3-95571-572-4
Anwendungsperspektive und Handlungsanleitung zur Gestaltung einer „empathischen“ (im Kontext des Buchs zu verstehen als verständnisorientierte, konfliktlösende) Kommunikation.

Autor
Dr. Tobias Altmann
Akademischer Rat auf Zeit an der Professur für Differentielle Psychologie an der Universität Duisburg-Essen
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Zitiervorschlag
Altmann, Tobias, 2018. Empathie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 04.05.2018 [Zugriff am: 18.11.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Empathie

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veröffentlicht am 04.05.2018

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