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Empowerment (Konzeptgeschichte)

Prof. Dr. Norbert Herriger

veröffentlicht am 19.02.2026

Englisch: empowerment (history of the concept)

Der Begriff Empowerment (wörtlich übersetzt: „Selbstbefähigung“; „Selbstbemächtigung“) bezeichnet biographische Prozesse, in denen Menschen mehr Autonomie und Lebenssouveränität erlangen. Die Geschichte des Empowerment-Konzepts begann in den 1960er Jahren und ist eng verknüpft mit den Entwicklungspfaden wirkmächtiger Sozialer Bewegungen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Soziale Bewegungen als Ausgangspunkt
  3. 3 Die Reise zurück – historische Quellen
    1. 3.1 Black America: Die Bürgerrechtsbewegung
    2. 3.2 Consciousness Raising: Kampagnen im Globalen Süden
  4. 4 Der Sprung in die Jetzt-Zeit
    1. 4.1 Black Lives Matter
    2. 4.2 Women’s Empowerment und Geschlechtergerechtigkeit
    3. 4.3 Selbstbemächtigende Praxis marginalisierter Gruppen
      1. 4.3.1 Autonomes Leben von Menschen mit Behinderung
      2. 4.3.2 Rassismuskritische Bewegungen
      3. 4.3.3 Jenseits von Heteronormativität und binärer Genderordnung
      4. 4.3.4 Selbstorganisation nach Flucht und Migration
  5. 5 Zwischen Modebegriff und politischem Konzept
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Empowerment beschreibt mutmachende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situationen der Hilflosigkeit und der Ohnmacht beginnen, sich ihrer Fähigkeiten und Stärken bewusst zu werden und ihre Ressourcen im Sinne einer selbstbestimmten Lebensführung zu nutzen. Das Konzept geht auf die Bürgerrechtsbewegung des Schwarzen Amerika und die mit dem Namen Paulo Freire verknüpften politischen Kampagnen im Globalen Süden zurück. Heutige Soziale Bewegungen knüpfen an das Erbe dieser historischen Vorläufer an und rücken das Empowerment-Narrativ ins Zentrum.

2 Soziale Bewegungen als Ausgangspunkt

Die Reise zurück zu den Anfängen des Empowerment-Gedankens ist eine Zeitreise durch die Entwicklungslinien Sozialer Bewegungen, die seit den 1960er Jahren sozialpolitische Prozesse in den USA und anderen kapitalistischen Gesellschaften des Globalen Nordens nachhaltig geprägt haben. In diesem Kontext haben Menschen ihren Anspruch auf „ein Mehr an eigenem Leben“ und ihr Engagement gegen die Schwerkraft scheinbar unverrückbarer Lebensverhältnisse immer vernehmlicher zum Ausdruck gebracht. Soziale Bewegungen sind Netzwerke von Menschen, Gruppen und Organisationen, die mit kollektiven Aktionen des (nicht institutionalisierten) Protests sozialen Wandel herbeiführen wollen. Träger der Sozialen Bewegungen sind Akteursgruppen, die in besonderer Weise von sozialen Ungleichheitsstrukturen betroffen sind und die – eingebunden in die Solidargemeinschaften alternativer Organisationen – für eine Erweiterung ihrer politischen Beteiligung eintreten (Rucht 2023).

Soziale Bewegungen sind (1) Aktionszentren einer umfassenden Demokratisierung der Lebenswelt. Sie politisieren noch ungelöste strukturelle Problemlagen und geben den Betroffenen eine kollektive politische Stimme (agenda-setting-function). Sie sind (2) kritische Gegenmacht und mobilisieren Widerstand gegen den Rückbau von Bürgerrechten und stellen machtgetragene Interessenmuster der Privilegierung und der Ausschließung auf den Prüfstand. Soziale Bewegungen sind schließlich (3) Lernfelder einer entwickelten partizipativen Demokratie (civic culture): Sie eröffnen den Bürgern neue Horizonte der politischen Selbstvertretung und identitätspolitischen Teilhabe. Selbst wenn ihre Ziele einer durchgreifenden Umverteilung materieller, sozialer und kultureller Ressourcen nicht (oder nicht unmittelbar) erreicht werden, sind diese Solidarbewegungen Agens weitreichender kultureller Veränderungen. Sie produzieren strukturelle Veränderungen des politisch-kulturellen Klimas und bewirken durch ihre Opposition gegen traditionelle Muster der Sozialstaatspolitik und durch ihre Produktion alternativer Güter gesellschaftliche Mobilisierungen, die weit über die Gemeinschaften der unmittelbaren Aktivist:innen hinausreichen (Bunk und Maurer 2026; Ohme-Reinicke 2025).

3 Die Reise zurück – historische Quellen

3.1 Black America: Die Bürgerrechtsbewegung

Geburtsort der Philosophie und der Praxis des Empowerments war ohne Zweifel die Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) der schwarzen Bevölkerung in den USA. Wenngleich die Bürgerrechtsbewegung in unserer europäischen Erinnerung aufs Engste mit dem Namen Martin Luther King verbunden ist und mit dem von ihm inspirierten Flächenbrand der Aktionen zivilen Ungehorsams in den 1950er und 1960er Jahren, so knüpft diese Bewegung doch an Vorläufer an, die historisch weiter zurückreichen. Garrow (1989; 1999) und Kirk (2013) haben in ihren detailreichen historischen Chronologien der Bürgerrechtsbewegung auf diese Vorläufer aufmerksam gemacht. Die Autoren lassen ihre Geschichtsschreibung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit beginnen. Sie benennen zwei Startimpulse: Da ist zum einen die Unabhängigkeitsbewegung der schwarzafrikanischen Staaten und das Ende der kolonialen Besatzungspolitik. Getragen vom Gedankengut post- und dekolonialer Denker- und Aktivist:innen (z.B. Frantz Fanon; Adda Nkollo; Albert Memmi; Kwame Nkrumah) traten Massenorganisationen schwarzer Gegenmacht ins politische Leben, die Ressourcenausbeutung und ökonomische Enteignung, kulturelle und soziale Unterwerfung, politische Entrechtung und Fremdbestimmung durch koloniale Herrschaft zum Anknüpfungspunkt ihres „Rufes nach Freiheit“ (Gandhi) machten. Die afrikanische Unabhängigkeitsbewegung, ihre politischen Begründungs- und Rechtfertigungsmuster und ihre erfolgreichen Instrumente des Widerstandes waren Lernstoff für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Die jüngere Geschichte der Bewegung des Schwarzen Amerika beginnt Mitte der 1950er Jahre inmitten der restaurativen Roll-Back-Politik der McCarthy-Ära. Sie ist eng mit dem Wirken Martin Luther Kings verbunden, der sich durch die Arbeiten von Thoreau, Du Bois und Gandhi zur Theorie des politischen Widerstands inspirieren ließ. Martin Luther King wurde durch seine Schriften, mehr noch aber durch seine charismatische Führerschaft zur Lichtgestalt eines neuen politischen Selbstbewusstseins der „black nation“. Die unter dem Dach des Southern Christian Leadership Councils (1957 in Atlanta gegründet) sich organisierende Bewegung verfolgte eine Doppelstrategie:

  1. Direkte Aktionen des gewaltfreien Widerstandes: Als Instrument des Widerstands dienten konfrontative Strategien des zivilen Ungehorsams, also Aktionen, die durch kalkulierte Regelverletzungen (wie die Besetzung von Rathäusern und Ämtern, Sitzblockaden und Boykottaufrufe) die unter der dünnen Kruste der Gleichheitsideologie verborgenen Muster rassischer Segregation aufbrechen ließen. Waren diese Aktionen zivilen Ungehorsams zielgerichtete und – am Beginn des Medienzeitalters – für die laufenden Fernsehkameras publikumswirksam inszenierte Skandalisierungen rassischer Ungleichheit, so wirkte die zweite Strategie eher still im Hintergrund.
  2. Multiplikatorenprogramme zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung: Getragen von Aktivist:innen der Bürgerrechtsbewegung, später dann von der akademischen Jugend, hatten diese Consciousness-Raising-Kampagnen im amerikanischen Süden das Ziel, eine organisierte Allianz von Gegenmacht gegen rassische Diskriminierung und Segregation aufzubauen. Ihr Fokus lag auf verschiedenen Schlüsselstellen zur Herstellung gleicher Rechte:
    • Abschaffung aller Restriktionen im Hinblick auf die Ausübung des aktiven und passiven Wahlrechts (noch zu Beginn der 1960er Jahre mussten sich schwarze Bürger einem entwürdigenden „voter registration test” unterziehen, um das Wahlrecht zu erlangen)
    • Alphabetisierung und Einführung kompensatorischer Bildungsprogramme
    • Absicherung arbeitsplatzbezogener Risiken
    • Abbau von Zugangsbarrieren zu Programmen der Erwachsenenbildung, der Gesundheitssicherung und der Wohn(qualitäts)sicherung
    Mit dem Civil Rights Act (1964) und dem Voting Rights Act (1965) konnte die Bürgerrechtsbewegung des Black America ihre größten Erfolge feiern. Die Abschaffung der Rassentrennung wurde formales Recht – ergänzt durch die Einführung von „affirmative action-Programmen“, deren Ziel es war und ist, soziale Ungleichheiten beim Zugang zu höherer universitärer Bildung auszugleichen. Beide Aktionsstrategien – Widerstand und Bewusstseinsbildung – waren von einer integrativen Perspektive miteinander verbunden: den Glauben an eine demokratische Ressourcenschöpfung durch die Integration der schwarzen Minderheitsbevölkerung in eine gesellschaftliche Wirklichkeit geteilter und gerecht verteilter sozialer Rechte. Ein politisch buchstabiertes Verständnis von Empowerment war (ohne dass dieser Begriff schon zur Verfügung gestanden hätte) so stets der rote Faden im Wirken von Martin Luther King (King 2022).

Das Civil Rights Movement – so können wir zusammenfassen – hat das Grundkapital einer sich später ausdifferenzierenden Praxis des Empowerment in politischer Selbstorganisation geschaffen:

  • Die Abkehr von People of Color von ohnmächtiger Resignation und die aktive Aneignung von Bastionen der Macht
  • Das Gewinnen von Stärke im Plural des Projektes kollektiver Selbstorganisation
  • Die Entwicklung von durchsetzungskräftigen Instrumentarien eines bürgerschaftlichen Engagements

3.2 Consciousness Raising: Kampagnen im Globalen Süden

Großen Einfluss auf die Formulierung der Empowerment-Praxis hatten – zeitgleich mit der Bürgerrechtsbewegung – die Arbeiten des brasilianischen Pädagogen und Sozialreformers Paulo Freire (Freire 1998, zuerst 1973; Dabisch 2020; Roberts 2022). Zu Anfang der 1960er Jahre begann Freire in den Gemeinden der brasilianischen Landbevölkerung sein Programm der Alphabetisierung und der politischen Mobilisierung. Ganz in der Tradition einer aufklärenden Pädagogik stehend ging die Zielsetzung dieses Programms über das Lernen von Lesen und Schreiben hinaus. Ziel war es, über die „De-Codierung von Schlüsselwörtern“ (z.B. ‚Lohn‘; ‚Arbeiterschaft‘; ‚Kapital‘) die in Sprache eingelassenen realen Lebensverhältnisse der Landbevölkerung zu thematisieren und strukturelle Muster der Entmündigung und der Unterdrückung zu dechiffrieren.

Die Erfahrungen dieser ersten Aufklärungskampagnen setzte Freire in den 1970er Jahren im Auftrag des Weltkirchenrates in Genf in eine Vielzahl von weiterführenden Programmen in Lateinamerika und Afrika um. Dieses Material bildet auch die Grundlage für sein theoretisches Projekt. Im Mittelpunkt steht hier das „Konzept der Bewusstseinsbildung“ (conscientização), das zugleich auch sein Verständnis des Auftrages von Erziehung spiegelt. Erziehung ist nach Freire stets ein interessengeleitetes, normatives Unternehmen. Die Aufgabe von Erziehung ist es im Spiegel dieses Verständnisses, Menschen das Werkzeug an die Hand zu geben, durch das sie ein kritisch-analytisches Verständnis ihrer Welt gewinnen und zu Subjekten der sozialen und politischen Selbstgestaltung werden können. Kritisches Wissen und die Fähigkeit zur Gestaltung von Lebenswelt sind aber keine Importe eines pädagogischen Experten. Vielmehr müssen sie häufig gegen ein pädagogisches Programm durchgesetzt werden, das erforschendes Lernen unterbindet und somit Komplize einer Ideologie der Unterdrückung ist. Kritisches Wissen und Gestaltungskraft sind vielmehr Qualifikationen, die im dialogischen Lernen mit anderen Menschen in gleicher Situation kollektiv generiert werden. Das Konzept der Bewusstseinsbildung bezeichnet so einen Prozess, in dessen Verlauf Menschen sich ein vertieftes Verständnis der sozialen Realität erarbeiten, die ihre Lebensaktualität formt, wie auch die Fähigkeit gewinnen, soziale Unterdrückung und Deprivation zu transformieren.

Freire formuliert für seine aktivierende Gruppenarbeit eine Methodologie in drei Schritten – „from silence to language to action“:

  1. Engagiertes Zuhören: In dieser ersten Phase geht es darum, die Mauer des Schweigens einzureißen und Anstöße für eine Erinnerungsarbeit zu geben, in der die biographische Geschichte als Teil einer kollektiven Geschichte sichtbar wird. Diese Erinnerungsarbeiten aller Beteiligten verdichten sich in der Formulierung gemeinsamer Problemthemen, der Festlegung von Prioritäten und der Ausarbeitung von Schrittfolgen der Problembearbeitung.
  2. Problemanalytischer Dialog: Der kritische und befreiende Dialog bedient sich sogenannter „Codes“. Das sind nach Freire Repräsentationen und Vergegenständlichungen der kollektiven, sozialräumlich verorteten Lebensprobleme. Rollenspiele, Video-Dokumentationen des Barrios, das Durchforsten von Archiven, investigative Interviews mit Bezugspersonen der eigenen Lebenswelt, Zeitzeugen, lokalen Schlüsselpersonen u.a.m. sind Mittel zur Erstellung dieser Codes. Im problemanalytischen Dialog fungieren diese Codes als Projektionsflächen für kollektive Lebenserfahrungen. Mit ihrer Hilfe werden Feindiagnosen multipler Problemfacetten erarbeitet, neue Fäden einer sozialen Verbundenheit zwischen den Bewohnern hergestellt und handfeste Visionen einer Veränderung lokalräumlicher Lebensqualität formuliert.
  3. Soziale Aktion: In dieser letzten Phase vergegenständlicht sich das kollektiv generierte kritisch-analytische Wissen in sozialer Aktion. Die Menschen testen ihre analytischen Lernerfahrungen in der wirklichen Welt; sie treten ein in einen Raum kritischen sozialen Handelns, welches ihre Lebensgegenwart verändert und die Bearbeitung kultureller, sozialer und historischer Lebensbarrieren ermöglicht.

Die hermetische Dichte von Armut und Marginalisierung, die die Lebenssituation der Bewohner der Favelas Lateinamerikas damals wie heute prägt, macht nach Freire eine vollständige (und schon gar eine kurzfristige) Realisierung von Lebensvisionen nur schwer erreichbar. Wenngleich sich also die Grenzen eines eingezäunten Lebens nur schwer erweitern lassen, so setzen diese Prozesse kognitiven, emotionalen und strategischen Lernens, in denen eine eingeübte Kultur des Schweigens und feste Muster der Selbstattribution von Versagen, Schuld und Inkompetenz aufgebrochen werden, doch Zukunftsperspektiven eines besseren Lebens frei, die – in weiten Zeithorizonten – Motor für Lebensveränderung sein können.

Freires Konzept der „Entwicklung kritischen Bewusstseins“, das es den Unterdrückten ermöglicht, vom Verstehen zum Handeln überzugehen, fand und findet auch heute im politischen Handeln der Bewegung der Landarbeiter ohne Boden (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra- MST) Niederschlag. Die MST ist eine gesamtgesellschaftlich relevante soziale Bewegung in Brasilien, die sich durch kollektive Aktions- und Organisationsformen für eine radikale Landreform einsetzt und gegen die sozialökonomische Deprivation der landlosen, ländlichen Bevölkerungsgruppen eintritt. Aktionsformen der MST waren und sind (mitunter gewaltgeprägte) Landbesetzungen von brachliegenden Landflächen (acampamentos) und die Ansiedlung von landlosen Familien, welche im Rahmen einer Produktionsgemeinschaft die Produktionsmittel gemeinsam verwalten. Trotz blutiger Repression durch Militär und private Milizen und im Schulterschluss mit anderen Bewegungen, Gewerkschaften und der regierenden Arbeiterpartei PT ist MST heute wirkmächtiger politischer Erbe des Freire‘schen Befreiungsnarrativs (Bunk 2018; De la Fontaine 2008).

4 Der Sprung in die Jetzt-Zeit

4.1 Black Lives Matter

Es gibt Bilder, die sich ihren Weg in jeden Kopf bahnen. Die Aufnahmen von George Floyds Tod zählen dazu. Der 46-jährige Floyd, Vater von fünf Kindern, prekärer Arbeiter und Schwarzer US-Amerikaner, starb am Abend des 25. Mai 2020 in Minneapolis unter dem Knie eines weißen Polizisten – die Worte „I can't breathe“ brannten sich ein in das kollektive Gedächtnis. Der gewaltsame Tod von George Floyd löste landesweite gewaltsame Riots aus. In den Tagen und Wochen danach strömten die Menschen auf die Straßen, um gegen nicht judizierte Polizeigewalt und strukturellen Rassismus zu demonstrieren. Zwar erfuhr die Bewegung durch den Vorfall eine nie dagewesene mediale Aufmerksamkeit, ihren Ursprung hat sie aber bereits im Jahr 2013. Die Aktivistinnen Garza, Cullors und Tometi gründeten den Hashtag #BlackLivesMatter als Reaktion auf den Freispruch eines weißen Wachmannes, der zuvor den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin tötete.

Black Lives Matter (BLM) formiert sich auf der Grundlage von zwei theoretischen Konzepten: die critical race theory mit dem Fokus auf strukturellen Rassismus und der black feminism (Hill Collins 2025), der eine intersektionale Perspektive etablierte. Die Ziele und Forderungen von BLM gehen über die bloße Anklage rassistischer Polizeigewalt hinaus:

  • Defund the Police als Aufforderung, staatlichen Sicherheitsbehörden die finanziellen Mittel zu entziehen und diese in die Infrastruktur sozioökonomisch benachteiligter Nachbarschaften zu investieren
  • Aufbau eines neuen Systems von öffentlicher Sicherheit im Sinne einer Transformation des lokalen Sicherheitsapparats in ein System von Gewaltprävention und Community Empowerment
  • Abschaffung eines segregierenden Rechts- und Justizsystems, das People of Color strukturell entrechtet und gewaltsame Übergriffe von Polizei und (weißen) Bürgermilizen allzu oft straffrei lässt
  • Vernetzung und Schaffung eines überlokalen/​nationalweiten Netzwerkes (Black Lives Matter Global Network) mit gemeinsamen politischen Zielsetzungen und Aktionsformen.

Trotz dieser anspruchsvollen Agenda: Die Bilanz von BLM ist bislang ernüchternd. Der Einfluss schwindet und die Proteste bleiben meist lokal, auf erneute Vorfälle von Polizeigewalt begrenzt. Zu den Gründen schwindender Wirkmächtigkeit zählen die mangelnde überörtliche Vernetzung der Initiativen, das Fehlen medienwirksamer charismatischer Führungspersönlichkeiten und das noch uneingelöste und anspruchsvolle Projekt einer (über die Schwarze Community hinausgehenden) multiethnischen proletarischen Solidarität (Allen/​Durham/​Jones 2025; Johnson 2024).

4.2 Women’s Empowerment und Geschlechtergerechtigkeit

Am Anfang steht eine wegweisende Veröffentlichung: In „Black feminist thought – knowledge, consciousness, and the politics of empowerment“, veröffentlicht 1990 (Neuauflage: 2025; deutsche Übersetzung 2025), unternimmt Patricia Hill Collins den Versuch, die Empowerment-Praxis der Bürgerrechtsbewegung und die Aktionsformen des Schwarzen Feminismus miteinander zu verbinden. Sie entwirft Women’s Empowerment als eine kritische Gesellschaftstheorie, welche Schwarzen Frauen die Mittel an die Hand gibt, Gegenwehr gegen intersektionale Unterdrückungen zu leisten. Mit diesem theoretischen Rüstzeug entwickelt Hill einen Rahmen für das Werk so prominenter Schwarzer feministischer Denkerinnen wie Angela Davis, bell hooks, Alice Walker und Audre Lorde. Das Ergebnis ist ein ausdrucksstarkes und radikales Buch, das einen umfassenden Überblick über das selbstbemächtigende Handeln afroamerikanischer Feministinnen gibt und Wegweiser der angloamerikanischen Diskussion wurde.

Die feministische Empowerment-Bewegung begann ihren Siegeszug also im kapitalistisch-entwickelten Globalen Norden, erreichte aber schon bald den Globalen Süden. Seit Mitte der 1980er Jahre (UN-Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi) verorten sich auch die Projekte und Programme des Feminismus in Ländern des Globalen Südens explizit im Horizont des Empowerment-Konzeptes. Mit dem Beschluss der UN-Generalversammlung von 2015 ist „Gender Equality and Women Empowerment“ ein verbindliches Ziel der United Nations 2030-Agenda for Sustainable Development Goals. Diese feministische Politik beansprucht für sich – zunehmend selbstbewusst – einen „zweiten Weg“. Gemeinsam ist ihren Praxisformen die Abkehr von einem hegemonialen Diskurs des Nordens, der (gleichsam in Reproduktion verstaubter paternalistischer Muster der Entwicklungspolitik) die Zielsetzungen, Aktionsmuster und Durchsetzungsstrategien der feministischen Bewegung des Nordens unhinterfragt in den Süden exportiert. Gerade in aktuellen Projekten einer empowerment-orientierten Bewegung der Frauen des Globalen Südens dokumentiert sich der Versuch, in der Reflexion von länderspezifisch-eigenen Mustern kultureller, religiöser und geschlechtsspezifischer Tradition eine autonome Gender-Policy von Frauen für Frauen zu formulieren und durchzusetzen. Dies wird durch die Entwicklung von lokal verorteten Basisinitiativen, durch die Stärkung von kollektiven Organisationsformen und durch den politisch artikulierten Widerstand gegen patriarchale Strukturen der Entrechtung initiiert.

Die Macht der Männer ist an vielen Orten dieser Welt noch ungebrochen. Mädchen und Frauen erfahren nach wie vor Benachteiligung und Unterdrückung, sodass sie kaum eine Chance haben, ein Leben in Selbstbestimmung und sozialer Anerkennung zu führen. Die kulturellen Geschlechterrollen sind zum Nachteil der Frauen buchstabiert. Sie erhalten seltener eine Schulbildung, sind aus dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt und leben in ökonomischer Abhängigkeit. Mädchen und Frauen im Globalen Süden, besonders in den ländlichen Gebieten, sind zudem vielfach Opfer patriarchalischer Gewalt. Zwangsehen, Frühverheiratung und kulturelle Traditionen wie z.B. Beschneidungen nehmen ihnen Chancen der Eigenregie. Women‘s Empowerment schafft hier eine weibliche Gegenmacht. Das „Empowerment der Frauen“ bedeutet, dass Mädchen und Frauen Widerstand gegen hegemoniale Männlichkeit leisten, Gemeinschaften der Selbstorganisation bilden und im gemeinsamen solidarischen Handeln die Regie über das eigene Leben gewinnen. Auf der individuellen Ebene geht es um die Stärkung von Selbstwert und Handlungsmacht – auf der strukturellen Ebene steht eine nachhaltige Menschenrechtspolitik der Gender Equality auf der Agenda (Ahndung häuslicher Gewalt; Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt; Kampf gegen diskriminierende Geschlechterstereotypen in den Köpfen der Menschen). „Women’s Empowerment ist der Prozess, durch den Frauen Macht und Kontrolle über ihr eigenes Leben erlangen und die Fähigkeit erwerben, strategische Entscheidungen zu treffen. Es ist der Prozess, Frauen zu fördern und zu befähigen, Kontrolle über ihr eigenes Leben zu erlangen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre Ziele zu erreichen. Dazu gehört die Verbesserung der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und bildungsbezogenen Chancen für Frauen sowie die Infragestellung und Veränderung von Geschlechternormen und Stereotypen, die das Potenzial von Frauen einschränken“ (UN-2030 Agenda for Sustainable Development; Koul et al. 2025; Skjerven und Fordham 2022).

Women‘s Empowerment bedarf sicherer und schützender Räume. „Safer Spaces“ – das sind inklusive Räume, in denen Mädchen und Frauen sich gesichert, akzeptiert und respektiert fühlen, ihre biographischen Geschichten ohne Angst vor männlicher Gewalt, Ausgrenzung und vorurteilshafter Etikettierung teilen und in einer Atmosphäre des Vertrauens kooperieren können – es sind herrschaftsfreie Begegnungsräume des Respekts, der Gleichberechtigung und der Empathie. Die Schaffung dieser Räume der Sicherheit, des Vertrauens und der Solidarität ist ein fortlaufender Prozess, der einer kontinuierlichen diskriminierungssensiblen Reflexion bedarf.

Was leisten Safer Spaces? Nach Freire sind es die drei Schritte der Selbstbefreiung „from silence to language to action“, die Mädchen und Frauen Auswege aus struktureller Benachteiligung und Diskriminierung aufzeigen. Es geht zunächst um die Überwindung der Sprachlosigkeit, anschließend um eine kritische Reflexion unterdrückender Geschlechterkonstruktionen und dann um die kollektive widerständige Aktion. Die Empowerment-Praxis folgt diesem Dreierschritt:

  1. Austritt aus der Sprachlosigkeit: Die schützenden Gemeinschaften der Frauen schaffen einen Vertrauensraum, der Mut macht, aus der lebenslang geübten „Kultur des Schweigens“ (Freire) auszutreten und für verinnerlichte Ohnmacht Sprache zu finden.
  2. Kontextualisierung: Sie erfahren – gespiegelt in den Lebenserzählungen der anderen – die eigenen Diskriminierungserfahrungen als strukturelle Repräsentationen von Ungleichheit, begegnen entmutigenden Selbstzuschreibungen von Schuld und Scham und gewinnen ein kritisches Wissen um rechtliche und politische Formen des Widerstands.
  3. Kollektive Gegenwehr: Die gemeinsamen widerständigen Narrative ermutigen schließlich zu Schritten auf die Bühne der Politik und der medialen Öffentlichkeit. An die Stelle des Schweigens und des Erduldens tritt so in diesem letzten Schritt die Organisation von Kampagnen und kollektiven Kämpfen um soziale Anerkennung oder die Durchsetzung einer befreienden Gender-Politik (z.B. in Form einer affirmative-action-Gesetzgebung).

4.3 Selbstbemächtigende Praxis marginalisierter Gruppen

Es geht um Anerkennung, Respekt und Teilhabe. Identitätspolitik – das ist die selbstbemächtigende politische Praxis marginalisierter Gruppen, die sich auf der Grundlage einer für politische Zwecke konstruierte kollektive Identität verbünden und gegen ihre Benachteiligung durch Strukturen, Kulturen und Normen der Mehrheitsgesellschaft einsetzen. Gemeinsam ist diesen Gruppen die Erfahrung von Diskriminierung und Alltagsrassismus, welche an Merkmalen wie Geschlecht, sexueller Orientierung, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Behinderung oder sozioökonomischem Status und/oder deren Verknüpfung (Intersektionalität) festgemacht werden. Identitätspolitik basiert auf geteilten Werten, lebensstilprägenden Praktiken, identitätsstiftenden Erfahrungen und Interessen. Sie vermittelt Minderheiten eine kollektive Subjektivität der Gegenwehr, welche es möglich macht, Diskriminierungserfahrungen kritisch zu reflektieren, Handlungsmacht zu gewinnen und bestehende soziale Strukturen der Ungleichbehandlung infrage zu stellen. Der Erfahrungskern der hier angesprochenen vulnerablen Gruppen ist die Zuschreibung von Unwert und die Erfahrung von Benachteiligung durch Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft.

4.3.1 Autonomes Leben von Menschen mit Behinderung

Die Autonom-Leben-Bewegung (Independent-Living) – bereits in den 1970er Jahren in den USA gegründet (Dowrick und Keys 2021) – ist die Selbstorganisation von Menschen mit Behinderung, die sich gegen die entmündigenden Strukturen einer behindernden Umwelt zur Wehr setzt und in allen diesen Lebenskreisen ein Mehr an Selbstbestimmung und autonomer Lebensgestaltung einfordert. Diese behindernden Strukturen können bspw. baulich-architektonische und vorurteilsgeprägte soziale Barrieren, eine Rehabilitationsmedizin, die eine Unterordnung des gesamten Lebensvollzugs unter therapeutische Reglements erzwingt, die Dauerabhängigkeit von den Pflegeleistungen und Alltagshilfen Dritter, die Ausgrenzung des behinderten Arbeitsvermögens in den Sonder-Arbeitsmarkt der Werkstätten für Behinderte sein.

Die Centers for Independent Living in den USA – nach dem Prinzip des Peer-Counseling von Betroffenen für Betroffene organisiert – sind regionale Servicezentren, in welchen Menschen mit Behinderung in eigenverantwortlicher Regie umfassende Dienstleistungen anbieten: Rechtsberatung; Familien- und Lebensberatung; Mobilitätstraining; Wohnanpassung; Netzwerkarbeit; politisches Lobbying u.a.m. In der BRD liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung“ nach Bundesteilhabegesetz (2018). Die bundesweit eingerichteten Beratungsstellen unterstützen im Vorfeld der Beantragung von Leistungen, wie z.B. einer Leistung zur medizinischen Rehabilitation, und stellen Hilfen bereit bei Fragen zur selbstbestimmten Lebensgestaltung, zur Teilhabe am Arbeitsleben und zur Gestaltung des Persönlichen Budgets (Nielsen 2013; Theunissen 2022).

4.3.2 Rassismuskritische Bewegungen

Der Begriff „People of Color“ (PoC) findet in enger Definition Verwendung, um Menschen zu beschreiben, die keine weiße Hautfarbe haben und die in der alltäglichen Interaktion von anderen nicht als Teil der weißen Mehrheitsbevölkerung wahrgenommen werden. Obwohl hier geboren und von nationaler Zugehörigkeit, wird ihnen aufgrund ihres Nicht-Weißseins die vollständige gesellschaftliche Anerkennung verweigert. In erweiterter Definition bezieht sich der Begriff „People of Color“ auf Menschen jedweder Herkunft, die als nicht-weiß betrachtet werden und die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft aufgrund bestimmter Zuschreibungen und Zugehörigkeiten wie Sprache, Hautfarbe, Name, Herkunft, Ethnizität und/oder Religion negativ markiert werden und rassistische Diskriminierung erfahren. People of Color haben oft ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung, Rassismus und struktureller Ungerechtigkeit aufgrund ihres Nicht-Weißseins. Ihnen gemein sind die Marginalisierung durch die weiße Dominanzkultur und die schmerzliche Erfahrung von Abwertung und Ausgrenzung im Spiegel kolonialer Tradierungen, Repräsentationen und Stereotypisierungen (Chehata und Jagusch 2023).

Der „People of Color“-Ansatz schafft eine Plattform für Solidarität und intersektionale Zusammenarbeit. Er öffnet einen analytischen wie politischen Rahmen, in dem sich Unterschiede, Gemeinsamkeiten sowie Überlagerungen unterschiedlicher Unterdrückungsverhältnisse thematisieren lassen und gemeinsame Positionierungen der Gegenwehr möglich werden. Die Ziele der „Arbeit an der Selbstermächtigung“ sind vielfältig:

  • Die Stärkung von Selbstwerterfahrungen: die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und die Wertschätzung der Vielfalt von Talenten, Erfahrungen und biographischen Schätzen innerhalb nicht-weißer Gruppen.
  • Die Bekämpfung von Rassismus in all seinen Formen: die Problematisierung und die Dekonstruktion der oftmals unhinterfragten weißen Normalitätsvorstellungen, welche sich zu festen Vorurteilsmustern gegenüber Menschen anderer Hautfarbe verdichten.
  • Das Streben nach sozialer, wirtschaftlicher und politisch-rechtlicher Gleichberechtigung: der Widerstand gegenüber Diskriminierung und institutionellem Rassismus in verschiedenen Bereichen des Lebens, einschließlich Bildung, Beschäftigung, Wohnen und Zugang zu Ressourcen.
  • Sichtbarkeit und öffentliche Repräsentation: People of Color fordern einen offenen Zugang zu Foren der Selbstdarstellung in den Medien, der Politik, der Unterhaltungsbranche und anderen Bereichen der Gesellschaft; sie möchten ihre Stimmen erheben und ihre Geschichten erzählen (Mohseni 2020; Ogette 2025).

4.3.3 Jenseits von Heteronormativität und binärer Genderordnung

Der polizeiliche Übergriff auf das „Stonewall Inn NY“ (Juni 1969) und die anschließenden Proteste waren eine weltweit symbolkräftige Wendung im Kampf um sexuelle Selbstbestimmung jenseits von binärer Geschlechterordnung und Heteronormativität. Mehr als ein halbes Jahrhundert später kann die LGBTIAQ+ Bewegung (Abkürzung für „lesbian, gay, bisexual, trans, inter-, asexuell, queer and others“ – auch: Pride-Bewegung) auf viele erreichte Etappenziele zurückblicken. Dazu zählen die rechtsstaatliche Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe, die Veränderung des Adoptionsrechtes für gleichgeschlechtliche Paare, das aktuell diskutierte Selbstbestimmungsgesetz für trans Personen, der Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz u.v.m. All dies sind Indikatoren einer Normalisierung von Diversität. Gleichwohl ist der Kampf gegen Herabwürdigung, Alltagsrassismus, psychische und physische Übergriffe ist noch nicht zu Ende. Und so kämpft die LGBTIAQ+ Community weiterhin gegen die Marginalisierung und die Ausgrenzung nicht-heteronormativer sexueller Begehrens- und Lebensformen und für ein Mehr an Sichtbarkeit, Akzeptanz und Anerkennung (Browne und Kazyack 2025; Starbuck 2025; Todd 2021).

4.3.4 Selbstorganisation nach Flucht und Migration

Vertreibung hinterlässt Kratzspuren auf der Seele. Kriegerische Zerstörung, politische Verfolgung, Verletzung, Folter, Todesdrohung, der Verlust von Angehörigen, erniedrigende Fluchterfahrungen und das Ende aller subjektiven Zukunftswünsche u.a.m. – all dieses Erleben überschattet die Selbstwahrnehmung und belastet die Betroffenen mit der Hypothek traumatisierender Hilflosigkeit. Und bei allem Bemühen um eine „Willkommenskultur“: Alltagsrassismus, Abwertung und erniedrigende Etikettierungen von Andersartigkeit setzen sich vielfach auch im Aufnahmeland fort. Diese Zuschreibungen aber bleiben nicht äußerlich, Vorurteilsmuster und Unterdrückungsstrukturen üben eine stille Gewalt aus, sie werden verinnerlicht und in die Identitätskonstruktion inkorporiert. Mit der Verinnerlichung der Überzeugung von der eigenen Unterlegenheit aber vollendet sich das, was Goffman (1963) „eine beschädigte Identität“ (spoiled identity) genannt hat. Im Mittelpunkt der stärkenden Arbeit von Menschen nach Flucht und erzwungener Migration steht die Aufarbeitung dieser psychischen Verletzungen und schmerzhaften Traumatisierungen. Mittel der Wahl ist hier das Bereitstellen von geschützten Räumen, in denen die Betroffenen die Sprachlosigkeit überwinden, ihre subjektive Leidensgeschichte einem Publikum von Gleichbetroffenen erzählen und in diesen Narrationen Selbstwert finden können. Das Aussprechen und das Teilen von Diskriminierungserfahrungen sind so eine wichtige Strategie für den Empowerment-Prozess. Die Identitätspolitik der hier angesprochenen Gruppen wird vielfach ergänzt durch eine (Re-)Valorisierung der eigenen kulturell-religiösen Herkunft. Das Erinnern und Imaginieren der eigenen Herkunft zielen hier auf die Wiederherstellung von Würde und die Anerkennung des Wertes der gelebten Traditionen, Sprachen, religiösen Überzeugungen im Herkunftsland. Es geht um ein Wiederanknüpfen an das eigene kulturelle Erbe, um die Rückgewinnung und die Stärkung der (durch Flucht verschütteten) indigenen Erfahrungsbestände, Identitäten und Glaubenssysteme (Chehata et al. 2023; Goeke und Tekin 2025; Kleefeldt 2018).

5 Zwischen Modebegriff und politischem Konzept

In den letzten Jahrzehnten ist „Empowerment“ zu einem allseits genutzten modischen Etikett geronnen. Insbesondere im Bereich der betriebswirtschaftlichen (Personal-)Organisation wird Empowerment als ein Konzept zur Optimierung von betriebsinternen Hierarchien und Organisationsverläufen, des Managements von Human Resources und der kollegialen Kooperation (the empowerment organization) propagiert. Das Empowerment-Etikett – so scheint es – verspricht einen Hauch von Modernität, eine Prise Fortschrittlichkeit und Agilität. Vor dem Hintergrund dieser allseitigen Kooptation ist es notwendig, an die gesellschaftspolitische Herkunft des Empowerment-Diskurses zu erinnern. Empowerment ist ein machtkritisches und politisches Konzept. Gerade in einer krisenhaft durchsättigten Gegenwart beharrt Empowerment auf der Chance von Menschen, sich gegen alle Widerstände und Machtbarrieren, aber auch eingebunden in unterstützende Netzwerke, ein selbstbestimmtes und nach eigenen Maßstäben lebenswertes Leben zu leben. Dort aber, wo Menschen Erfahrungen von Selbstwert und aktiver Gestaltungskraft, von Ermutigung und sozialer Anerkennung sammeln können, vollziehen sich mutmachende Prozesse einer „Stärkung von Eigenmacht“. Der Rückgriff auf das positive Kapital dieser Erfahrungen macht es Menschen möglich, sich ihrer Umwelt weniger ausgesetzt zu fühlen und Mut für ein offensives Sich-Einmischen zu sammeln. Solche positiven Lebenserfahrungen aber, in denen Menschen neue Kapitalien von Selbstwert und Selbstwirksamkeit schöpfen, entfalten eine bemächtigende Kraft.

6 Quellenangaben

Allen, Shaonta, Simone N. Durham und Angela Jones, Hrsg., 2025. Black Lives Matter. A reference handbook. London: Bloomsbury Academic. ISBN 978-1-44087-917-3

Browne, Kath und Emily Kazyak, Hrsg., 2025. Polarising sexualities and genders. Divisions, differences and LGBTQIA+ equalities. London: Bloomsbury Academic. ISBN 978-1-350-44985-5

Bunk, Benjamin, 2018. Bildung und soziale Bewegung: Die brasilianische Landlosenbewegung und das Weltsozialforum als Räume für Bildungsprozesse. Kultur & Bildung, Band 6. Paderborn: Schöningh. ISBN 978-3-50677-252-7

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7 Literaturhinweise

Eine umfassende Einführung in das Empowerment-Konzept und ein umfangreiches aktualisiertes Literaturverzeichnis finden Sie hier:

Herriger, Norbert, 2024. Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. 7. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-044156-9

8 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit
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