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Engagement

Alexandra Engel, David Rüger

veröffentlicht am 20.04.2021

Engagement ist eine freiwillige Tätigkeit, die im engen Zusammenhang mit der aktuellen Lebenslage und biografischen Erfahrungen engagierter Menschen steht. Mittels der oft vorangestellten Adjektive ehrenamtlich, freiwillig, sozial, politisch, zivilgesellschaftlich und bürgerschaftlich werden verschiedene Facetten oder Bereiche der Tätigkeit betont.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Tätig sein für eigene und fremde Belange
  3. 3 Biografisch verankerte Beweggründe
  4. 4 Engagementförderung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Engagement findet in sehr vielfältiger Art und Weise und unterschiedlichen Strukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen statt. Es wird gestaltet durch die Diversität engagierter Menschen. Aufgrund der biografisch verankerten Beweggründe kann es weder nachhaltig durch Dritte gesteuert werden, noch sollte es durch moralischen Druck gefordert sein. Engagementförderstrategien sollten sich darauf fokussieren, Engagierte bei der Verfolgung und Verwirklichung ihrer Engagementziele zu unterstützen.

2 Tätig sein für eigene und fremde Belange

Eine umfassende Definition von Engagement hat die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages (2002) vorgelegt. Genau genommen bezieht sie sich auf bürgerschaftliches Engagement, die zu Beginn dieses Beitrages aufgezählten anderen Formen gehen darin aber auf (Evers 1998, S. 186 ff.; Deutscher Bundestag 2002, S. 27 f.; Meusel 2016, S. 15 ff.; Roß 2020, S. 1). Engagement ist demzufolge „eine freiwillige, nicht auf das Erzielen eines persönlichen materiellen Gewinns ausgerichtete, auf das Gemeinwohl hin orientierte, kooperative Tätigkeit. Sie entfaltet sich in der Regel in Organisationen und Institutionen im öffentlichen Raum“ (Deutscher Bundestag 2002, S. 40).

Laut des Freiwilligensurveys, der bislang größten quantitativen Studie über Engagement in der Bundesrepublik Deutschland, engagieren sich Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters aus beinahe allen Bevölkerungsgruppen (Simonson et al. 2016, S. 97 ff. und S. 579 ff.). Der Survey belegt allerdings auch bekannte soziale Ungleichheiten zwischen Engagierten (z.B. geschlechts-, herkunfts- und bildungsspezifische), die sich auf die Art und Weise ihrer Engagements auswirken und in dessen Verlauf reproduziert werden (Munsch 2005; Klatt und Walter 2011).

Die Möglichkeiten, sich zu engagieren sind vielfältig. Engagement lässt sich etwa im Sport, in der Bildung, in der Justiz, im Umwelt-, Natur- und Tierschutz, in der beruflichen und politischen Interessenvertretung, der Katastrophenhilfe sowie in daseinsvorsorgenden, kulturellen, sozialen, religiösen und gesundheitsbezogenen Organisationen und Gruppen beobachten (Simonson et al. 2016, S. 110 und S. 251 ff.). Der Formalisierungsgrad und der personelle Umfang der Gruppen und Organisationen variieren dabei.

Außer vor Ort findet Engagement zunehmend auch in digitalen Räumen und mithilfe digitaler Kommunikationsmedien statt. Welche Auswirkungen das hat, wird derzeit viel diskutiert und muss in Bezug auf den Digital Divide, Strukturen und Kommunikationsformen weiter beobachtet werden (Röbke 2020; Hofmann et al. 2020).

Innerhalb der gerade genannten Räume und Felder üben Engagierte verschiedenste Tätigkeiten aus. Während einige zum Beispiel andere Personen führen oder Veranstaltungen organisieren, halten andere Geräte instand, waschen Wäsche, backen Kuchen, sortieren und verteilen Nahrungsmittel oder besuchen andere Menschen (Röbke 2020, S. 259 ff.).

Ebenso variiert die Rolle, in der Engagierte tätig werden. Mal füllen sie Lücken, in denen der Staat keine Angebote vorhält, mal flankieren sie dessen Angebote und mal erbringen sie staatliche Leistungen (z.B. in Freiwilligen Feuerwehren).

Durch ihr Engagement leisten Engagierte Beiträge zur Bewältigung politischer, ökologischer und sozialer Herausforderungen (z.B. kommunale Selbstverwaltung, Klima oder demografische Veränderungen). Ob sie sich für oder gegen etwas engagieren, etwa für oder gegen die Integration geflüchteter Menschen, variiert jedoch (Evers et al. 2015, S. 5). Engagierte handeln folglich nicht immer einmütig, sondern mitunter auch kontrovers und im Konflikt miteinander.

Engagement wirkt nicht nur gesamtgesellschaftlich. Durch die Mitgliedschaft in Gruppen jenseits der eigenen Familie und des eigenen Freundeskreises vergrößern sich die persönlichen Netzwerke von Engagierten. Dass diese in verschiedener Hinsicht unterstützend wirken, beispielsweise bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz, ist wissenschaftlich erwiesen (Putnam 2000). Des Weiteren vermittelt Engagement – sofern Engagierte erreichen, was sie während ihrer Engagements anstreben – den befriedigenden Eindruck, so leben zu können, wie man gerne möchte (Corsten und Kauppert 2007).

3 Biografisch verankerte Beweggründe

In der Regel beginnen Menschen sich zu engagieren, wenn gleichzeitig drei Bedingungen erfüllt sind (Corsten und Kauppert 2007, S. 359 f.):

  • Erstens muss eine Person den Eindruck haben, dass sie nicht tun kann, was ihr gefällt oder nicht so behandelt wird, wie sie es sich wünscht. Gleichermaßen engagementauslösend ist auch, wenn dies für Menschen zutrifft, denen sie sich verbunden fühlt.
  • Zweitens muss die Tätigkeit oder der Umgang von herausragender Bedeutung für das Selbstverständnis der Person sein. Dass sie oder andere Menschen nicht so handeln können oder behandelt werden, wie es ihr gefällt, muss ihrem Selbstverständnis folglich deutlich entgegenstehen und den Eindruck auslösen, ihr Leben nicht so führen zu wollen.
  • Drittens muss die Person davon überzeugt sein, durch Engagement etwas an der Ausgangslage (Erstens) verändern zu können. Wenn die Ursache der fehlenden Handlungsoptionen ihnen unveränderlich erscheint, ist Engagement eher unwahrscheinlich.

Während ihrer Engagements streben Engagierte erwartungsgemäß danach, so handeln zu können oder behandelt zu werden, wie es ihnen gefällt. Trifft das zu, liegt eine Weiterführung des Engagements nahe. Ist dem nicht so, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Engagementabbruchs (Corsten und Kauppert 2007, S. 346). Die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen von Engagementabbrüchen für direkt und indirekt involvierte Akteure (Engagierte, AdressatInnen sowie Organisationen) wurden bislang noch nicht systematisch erforscht.

Welche Tätigkeiten und welcher Umgang miteinander Menschen gefällt und welches Selbstverständnis sie haben, entwickelt sich im Laufe ihres Lebens durch Erfahrungen mit anderen Personen sowie mit gesellschaftlichen und politischen Strukturen. Was Engagierte während ihrer Engagements anstreben, ist somit biografisch verankert (Corsten und Kauppert 2007, S. 351 ff.).

4 Engagementförderung

Die wesentlichste Erkenntnis der Funktionslogik von Engagement ist, dass es weder durch moralische Appelle angeregt, noch durch äußere Impulse in seiner Richtung bestimmt werden kann (Corsten und Kauppert 2007, S. 360).

Engagement ist nicht steuerbar. Wer die Wahrscheinlichkeit kontinuierlicher Engagements erhöhen möchte, kommt deshalb nicht umhin, Engagierte zu unterstützen, das tun, erleben und sein zu können, was sie anstreben (Roth 2011, S. 27). Dementsprechende Bemühungen werden als freiwilligenorientierte Engagementförderung bezeichnet (Engel et al. 2019).

Staatliche Akteure in der Bundesrepublik Deutschland fördern Engagement, welches an den verfassungsrechtlich garantierten Menschenrechten sowie den Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaats orientiert ist. Die Rede ist dann von zivilgesellschaftlichem bzw. bürgerschaftlichem Engagement (Jakob 2018, S. 715). Der Einsatz für antidemokratische und antifreiheitliche Positionen und Praxen wird nicht unterstützt. Er entspricht zwar auch den eingangs zitierten Engagementdefinitionen, basiert jedoch auf einer entgegengesetzten Vorstellung vom Gemeinwohl und kann in Abgrenzung zu zivilgesellschaftlichem bzw. bürgerschaftlichem Engagement als unziviles Engagement bezeichnet werden (Roth 2003, S. 71). Engagement ist folglich immer politisch und seine Förderung dementsprechend zu reflektieren (Klein 2020).

5 Quellenangaben

Corsten, Michael und Michael Kauppert, 2007. Wir-Sinn und fokussierte Motive. Zur biographischen Genese bürgerschaftlichen Engagements. In: Zeitschrift für Soziologie [online]. 36(5) [Zugriff am: 18.02.2021]. ISSN 2366-0325. Verfügbar unter: DOI: https://doi.org/10.1515/zfsoz-2007-0502

Deutscher Bundestag, Hrsg., 2002. Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“. Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft [online]. Berlin: Deutscher Bundestag [Zugriff am: 14.02.2021]. PDF e-Book. ISSN 0722-8333. Verfügbar unter: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/089/1408900.pdf

Engel, Alexandra, David Rüger und Jessica Schneider, 2019. Freiwilligenorientierte Engagementförderung: Vom Eigensinn ausgehen. In: Soziale Arbeit. 68(10), S. 362–367. ISSN 0490-1606

Evers, Adalbert, 1998. Soziales Engagement: Zwischen Selbstverwirklichung und Bürgerpflicht. In: Institut für die Wissenschaften vom Menschen Wien, Hrsg. Vom Neuschreiben der Geschichte: Erinnerungspolitik nach 1945 und 1989. Frankfurt am Main: Verlauf Neue Kritik, S. 186–200. ISBN 978-3-8015-0329-1

Hofmann, Jeanette, Theresa Züger, Anja Adler und Julia Tiemann-Kollipost 2020. Dritter Engagementbericht [online]. Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter – Zentrale Ergebnisse. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [Zugriff am: 30.03.2021]. Verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/156432/​c022434af92b1044dbf45647556b834d/​dritter-engagementbericht-zentrale-ergebnisse-monitor-data.pdf

Jakob, Gisela, 2018. Bürgerschaftliches Engagement in der Sozialen Arbeit. In: Gunther Graßhoff, Anna Renker und Wolfgang Schröer, Hrsg. Soziale Arbeit: Eine elementare Einführung. Wiesbaden: Springer VS, S. 713–726. ISBN 978-3-658-15666-4

Klatt, Johanna und Franz Walter, 2011. Entbehrliche der Bürgergesellschaft?: Sozial Benachteiligte und Engagement. Bielefeld: Transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-1789-4 [Rezension bei socialnet]

Klein, Ansgar, 2020. Die Rolle der Zivilgesellschaft in der »Guten Regierungsführung« [online]. Berlin: BBE Geschäftsstelle gGmbH [Zugriff am: 20.02.2021]. Verfügbar unter: https://www.b-b-e.de/bbe-newsletter/​newsletter-nr-16-vom-1382020/​klein-zivilgesellschaft-in-der-guten-regierungsfuehrung/#Inhalt3

Meusel, Sandra, 2016. Freiwilliges Engagement und soziale Benachteiligung: Eine biografieanalytische Studie mit Akteuren in schwierigen Lebenslagen. Bielefeld: Transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-3401-3 [Rezension bei socialnet]

Munsch, Chantal, 2005. Die Effektivitätsfalle: Gemeinwesenarbeit und bürgerschaftliches Engagement zwischen Ergebnisorientierung und Lebensbewältigung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. ISBN 978-3-89676-891-9

Putnam, Robert David, 2000. Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster. ISBN 978-0-7432-0304-3

Roß, Paul-Stefan, 2020. Alles im Wandel – im Ehrenamt alles beim Alten?! [online]. Bonn: Stiftung Mitarbeit [Zugriff am: 14.02.2021]. Verfügbar unter: https://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_ross_200122.pdf

Röbke, Thomas, 2020. Digitalisierung [online]. Für eine zivilgesellschaftliche Perspektive. Berlin: BBE Geschäftsstelle gGmbH [Zugriff am: 20.02.2021]. Verfügbar unter: https://www.b-b-e.de/bbe-newsletter/​newsletter-nr-15-vom-3072020/​roebke-digitalisierung-und-zivilgesellschaft/

Roth, Roland, 2003. Die dunklen Seiten der Zivilgesellschaft. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen. 16(2), S. 59–73. ISSN 0933-9361

Roth, Roland, 2011. Das Politikfeld kommunale Engagementförderung: eine Bilanz. In: Ansgar Klein, Petra Fuchs und Alexander Flohé, Hrsg. Handbuch Kommunale Engagementförderung im sozialen Bereich. Berlin: Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V., S. 27–35. ISBN 978-3-7841-2025-6 [Rezension bei socialnet]

Simonson, Julia, Claudia Vogel und Clemens Tesch-Römer, 2016. Freiwilliges Engagement in Deutschland [online]. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [Zugriff am: 14.02.2021]. Verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/93916/%e2%80%8b527470e383da76416d6fd1c17f720a7c/%e2%80%8bfreiwilligensurvey-2014-langfassung-data.pdf

6 Literaturhinweise

Kewes, Andreas und Chantal Munsch, 2020. Engagement im Feld der Wohlfahrt zwischen Resonanz und Widerspruch. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen. 33(1), S. 37–50. ISSN 2192-4848
(Qualitative Studie über Engagementabbrüche im Feld der Wohlfahrtspflege)

Olk, Thomas und Birger Hartnuß, Hrsg., 2011. Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-0795-4 [Rezension bei socialnet]
(Umfassende Sammlung von Texten zu begrifflichen und historischen Grundlagen, strukturellen Rahmenbedingungen, Feldern, Bereichen und Organisationsformen sowie Förderstrategien von Engagement)

AutorInnen
Prof. Dr. Alexandra Engel
Leiterin der Forschungsgruppe „Engagement in ländlichen Räumen“ des Zukunftszentrums Holzminden-Höxter an der Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen der HAWK in Holzminden
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David Rüger
M.A., Verw. Prof.
Mitglied der Forschungsgruppe „Engagement in ländlichen Räumen“ des Zukunftszentrums Holzminden-Höxter an der Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen der HAWK in Holzminden
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Zitiervorschlag
Engel, Alexandra und David Rüger, 2021. Engagement [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 20.04.2021 [Zugriff am: 26.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Engagement

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