Entwicklungspsychologie
Prof. Dr. Johannes Bach
veröffentlicht am 12.06.2025
Entwicklungspsychologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Beeinflussung von relativ überdauernden Veränderungen im menschlichen Erleben und Verhalten über die gesamte Lebensspanne.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Gegenstand und zentrale Aufgaben der Entwicklungspsychologie
- 3 Grundlegende Denkrichtungen in der Entwicklungspsychologie
- 4 Entwicklung über die Lebensspanne
- 5 Einzelne Funktionsbereiche der Entwicklung
- 6 Anwendungsbereiche und neuere Strömungen
- 7 Quellenangaben
- 8 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Die zentralen Aufgaben der Entwicklungspsychologie bestehen in der Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Beeinflussung menschlichen Erlebens und Verhaltens. Die unterschiedlichen Modelle und Theorien der Entwicklungspsychologie lassen sich nach vier verschiedenen Denkrichtungen klassifizieren, welche das Verhältnis von Person und Umgebung genauer kennzeichnen. Entwicklungspsychologie befasst sich mit der Entwicklung in einzelnen Phasen über die gesamte Lebensspanne von der vorgeburtlichen Entwicklung bis hin ins hohe Alter. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf die einzelnen unterschiedlichen Funktionsbereiche der Entwicklung gerichtet. Die Angewandte Entwicklungspsychologie stellt eine relativ neue Strömung dar und gewinnt zunehmend an Bedeutung: Hierbei wird versucht, die empirischen Erkenntnisse und theoretischen Modelle der Entwicklungspsychologie auf die Praxis zu übertragen und Entwicklung zu beeinflussen.
2 Gegenstand und zentrale Aufgaben der Entwicklungspsychologie
Betrachtet man Gegenstand und Aufgabe der Entwicklungspsychologie, so lassen sich vier zentrale Aspekte identifizieren, welche im Folgenden dargestellt werden (nach Rothgang und Bach 2021, S. 21 ff.).
Eine zentrale Aufgabe der Entwicklungspsychologie besteht zum einen in der Beschreibung von Veränderungen, die einzelne Personen über die Lebensspanne erfahren (intraindividuelle Veränderungen). Zum anderen geht es darum, unterschiedliche Entwicklungsverläufe zu beschreiben, d.h. Merkmale, in denen sich Individuen unterscheiden, zu erfassen (interindividuelle Unterschiede in den Veränderungen). Zur Beschreibung dieser Veränderungen ist es notwendig, sich auf bestimmte Bereiche der Entwicklung zu fokussieren und Merkmale zu definieren, welche beobachtet und untersucht werden. Des Weiteren muss operationalisiert werden, ab wann eine Veränderung bedeutsam ist und welche Altersabschnitte berücksichtigt werden. Zudem stellt sich die Frage, welche Kontextfaktoren erfasst werden sollen, da Entwicklung sich immer unter bestimmten Entwicklungsbedingungen vollzieht.
Die zweite Aufgabe der Entwicklungspsychologie besteht darin, nach Erklärungen für Veränderungen zu suchen. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf unterschiedliche Faktoren wie genetische, familiale, schulische oder kulturelle Einflüsse gelegt und der Frage nachgegangen, wie diese sich auf Veränderungen in der Entwicklung auswirken bzw. welchen Einfluss sie auf interindividuelle Unterschiede haben. Zudem werden auch innerpsychische Vorgänge und Mechanismen wie Lernen und Reifung berücksichtigt. Zur Erklärung von Veränderungsprozessen können in der Regel nicht einfache lineare Ursache-Wirkung-Zusammenhänge aufgestellt werden, sondern es handelt sich um ein komplexes Zusammenwirken unterschiedlicher Wirkfaktoren, deren Wechselwirkung und Einfluss auf Entwicklung untersucht werden.
Neben der Beschreibung und Erklärung, befasst sich die Entwicklungspsychologie mit der Vorhersage künftigen Verhaltens. Dies ist in vielen Anwendungsfeldern der psychologischen Praxis notwendig und sinnvoll. Um Entwicklungsprognosen treffen zu können, ist es jedoch notwendig, dass folgende Voraussetzungen erfüllt sind: Es muss theoretisches und empirisch gesichertes Wissen über den Zusammenhang bestimmter Entwicklungsbedingungen und bestimmter Erlebens- und Verhaltensweisen vorhanden sein. Da nicht alle Merkmale und Zusammenhänge erfasst werden können, gilt, dass die Vorhersage dann um so genauer ist, je mehr Merkmale bei der Modellbildung berücksichtigt werden können. Des Weiteren müssen theoretisches Wissen und empirische Kenntnisse über den Zusammenhang zwischen Merkmalen zum Prognosezeitpunkt und zukünftigen Merkmalen vorhanden sein. Die Zuverlässigkeit der Prognose hängt zudem von der Komplexität des Merkmals und der Differenziertheit der Merkmalserfassung ab.
Die vierte Aufgabe der Entwicklungspsychologie besteht in der (positiven) Einflussnahme auf Entwicklung. Der Schwerpunkt lag lange überwiegend auf der Beschreibung und Erklärung von Entwicklungszusammenhängen, die Anwendungsaspekte wurden in den letzten Jahren jedoch deutlich mehr in den Blick genommen und vertieft. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie sich auf der Grundlage genauer Kenntnisse von Verläufen Entwicklung gezielt verändern und positiv beeinflussen lässt. Es werden einerseits präventive Strategien zu einem frühen Stadium der Entwicklung, z.B. im Bereich der Frühförderung, verfolgt, um Kindern bessere Entwicklungschancen zu ermöglichen. Andererseits werden gezielte Interventionsstrategien über die Lebensspanne eingesetzt. Ein Beispiel hierfür wäre ein Trainingsprogramm für aggressive Jugendliche, das durchgeführt wird, um diesen eine neue Perspektive zu ermöglichen und Veränderungen in ihrer Entwicklung zu machen.
3 Grundlegende Denkrichtungen in der Entwicklungspsychologie
In der Entwicklungspsychologie gibt es sehr unterschiedliche Modelle und Theorien, die versuchen, die Veränderungen im menschlichen Erleben und Verhalten zu beschreiben. Die unterschiedlichen Modelle und Theorien haben eine handlungsleitende Funktion für praktisches Handeln: Sie ermöglichen eine Reflexion der eigenen Tätigkeit und liefern alternative Erklärungsansätze zu alltagpsychologischen Vorstellungen. Des Weiteren haben sie eine orientierende Funktion, die hilfreich dafür ist, die eigenen Erkenntnisse und Beobachtungen zu systematisieren und in einen weiteren Kontext einzubetten. Im Folgenden werden die vier unterschiedlichen Denkrichtungen der Entwicklungspsychologie dargestellt (nach Rothgang und Bach 2021, 108 ff.).
Bei endogenistischen Theorien ist sowohl die Rolle der Person als auch die Rolle der Umgebung passiv. Hierbei wird Entwicklung als eine Entfaltung vorhandener Anlagen und Strukturen verstanden. Entwicklung vollzieht sich insofern nach immanenten Gesetzmäßigkeiten, die jede Person in sich trägt. Deswegen lassen sich bestimmte Entwicklungsphasen bzw. Gesetzmäßigkeiten ableiten, die für die einzelnen Altersphasen gelten. Folgt man dieser Annahme, lassen sich relativ einfache Entwicklungsmodelle ableiten, welche jedoch der Komplexität des Zusammenspiels unterschiedlicher Faktoren wie Anlage und Umgebung nur bedingt gerecht werden. Zudem spielt die Umgebung in diesem Zusammenhang eine deutlich nachgeordnete Rolle, was kritisch hinterfragt werden sollte.
Die Grundannahme der exogenistischen Theorien besteht darin, dass die Entwicklung des Einzelnen überwiegend von der Umgebung und Einflüssen der Umgebung wie Familie und der umgebenden Kultur bestimmt ist, während die Person selbst die Entwicklung nicht aktiv gestaltet und Anlagen eine nachgeordnete Rolle spielen. Diese Position wurde insbesondere bei den amerikanischen Lerntheorien (z.B. Watson) vertreten, welche der Umgebung eine zentrale Bedeutung zuschrieben und davon ausgingen, dass durch eine positive Beeinflussung von außen Fehlentwicklungen minimiert oder die Entwicklungsmöglichkeiten für den Einzelnen verbessert werden können. Grundsätzlich wird bei diesem Modell davon ausgegangen, dass alle Personen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten haben. Zu kritisieren ist bei diesem Ansatz hingegen, dass die Anlagen des Einzelnen (genetische Ausstattung) sowie seine subjektiven Vorstellungen, Motive und Wünsche zu wenig berücksichtigt werden.
Aktionale oder konstruktivistische Theorien gehen davon aus, dass der Mensch handelnder Akteur seiner eigenen Entwicklung ist, wohingegen Umgebungsfaktoren und die Umwelt eine deutlich nachgeordnete Rolle spielen. Zentral ist in diesem Ansatz die Vorstellung von der Entfaltung des Einzelnen, das aktive Handeln des Subjektes. Dies gilt auch für Gedanken und Vorstellungen des Einzelnen: Der Einzelne konstruiert seine Wirklichkeit. Die Umwelt und umgebende Faktoren werden in diesem Ansatz jedoch nicht vollkommen ausgeblendet, sondern die Umgebung ist in einzelnen Merkmalen vorhanden. Entscheidend sind jedoch die subjektive Wahrnehmung und Bewertung einzelner Merkmale der Umgebung. Insofern setzt sich die Person aktiv mit seiner Umgebung auseinander und entwickelt nach und nach eine Vorstellung von der Umgebung und bildet seine eigenen Strukturen aus, welche sich in Schemata niederschlagen. In den Schemata werden die Vorstellungen der Wirklichkeit abgebildet, wie im Ansatz von Piaget dargelegt. Zudem nimmt die Selbststeuerung des Individuums in diesem Ansatz eine zentrale Rolle ein.
Interaktionistische oder auch transaktionale Modelle gehen von der Annahme aus, dass sowohl die Person selbst als auch die Umgebung aktiv am Entwicklungsgeschehen mitwirken. Hierbei handelt sich um eine Interaktion, die sich wechselseitig vollzieht. Zum einen wird die Person von der Umgebung beeinflusst und verändert sich aufgrund dessen, zum anderen findet eine Beeinflussung der Umgebung und Veränderung durch die handelnde Person statt. Diese wechselseitige Beeinflussung zeigt sich bei unterschiedlichen Entwicklungs- und Lernprozessen wie der sozial-emotionalen Entwicklung. Hierbei findet eine Wechselwirkung zwischen den Eltern und Kindern statt: einerseits beeinflussen die Eltern die Kinder auf vielfältige Art und Weise, indem sie beispielsweise zeigen, wie man Emotionen äußert oder mit ihnen umgeht. Andererseits findet eine Anpassungsreaktion der Eltern an die Kinder statt, z.B. wenn sich Eltern im Kleinkindalter an den Rhythmus der Kinder anpassen und feinfühlig auf diese reagieren. Auch im Verlauf der weiteren Entwicklung wirken die Kinder aktiv auf das Verhalten der Eltern ein, z.B. um eigene Ziele zu erreichen. Insofern sind seitens der Eltern ständig Anpassungsprozesse erforderlich.
Betrachtet man menschliche Entwicklung insgesamt, werden über die Lebensspanne eine Reihe weiterer Interaktionsprozesse deutlich, innerhalb derer sich menschliche Entwicklung vollzieht. Havighurst (1972) hat mit seinem Konzept der Entwicklungsaufgaben als einer der ersten dieses Wechselspiel zwischen Person und Umgebung beschrieben. Die meisten aktuellen Entwicklungstheorien sind interaktionistische Theorien und beziehen insofern sowohl den Einfluss der Person sowie deren Anlagen als auch den Einfluss der Umgebung in ihre Überlegung ein.
4 Entwicklung über die Lebensspanne
Entwicklungspsychologie befasst sich mit der Entwicklung über die Lebensspanne. Hierbei wird auf die Entwicklung im Altersverlauf fokussiert und die spezifischen Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben der einzelnen Phasen in den Blick genommen. Im Folgenden werden die einzelnen Phasen und die in diesen Phasen anstehenden Themen und Herausforderungen kurz skizziert (nach Schneider und Lindenberger 2018, 163 ff.). Während sich in Kindheit und Jugendalter die Phasen zeitlich relativ klar abgrenzen lassen und Altersangaben möglich sind, ist dies im Erwachsenenalter aufgrund der großen individuellen Unterschiede nicht möglich.
Die erste Phase ist die Vorgeburtliche Entwicklung und früheste Kindheit (0–2 Jahre): es geht sowohl um zentrale Schritte der vorgeburtlichen Entwicklung als auch um die Geburt an sich sowie erste Entwicklungsschritte des Neugeborenen. In den ersten beiden Lebensjahren wird ein besonderes Augenmerk auf Meilensteine der Entwicklung bezüglich zentraler Bereiche wie Sprache, Motorik, Selbstregulation sowie Bindungsentwicklung gelegt.
Die zweite Phase ist die Frühe Kindheit (3–6 Jahre) und somit die vorschulische Entwicklung. In dieser Phase wird eine besondere Aufmerksamkeit auf die körperliche Entwicklung, das kindliche Spiel und dessen wichtige Bedeutung für die kindliche Entwicklung gerichtet. Weitere zentrale Themen sind Denken, Gedächtnis und Intelligenzentwicklung. Zudem wird die Entwicklung von Empathie und sozial-emotionale Entwicklung berücksichtigt.
In der mittleren Kindheit (6–11 Jahre) sind mit Schuleintritt neue Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. In diesem Alter wird ein besonderer Fokus auf Veränderungen der kognitiven Entwicklung, auf das soziale Umfeld sowie auf die Entwicklung des Selbstkonzeptes und der emotionalen Entwicklung gelegt.
Im Jugendalter (12–19 Jahre) finden eine Reihe tiefgreifender Veränderungsprozesse auf körperlicher, neuronaler und kognitiver Ebene statt. Ein besonderes Augenmerk wird auf die differenziellen Auswirkungen des unterschiedlichen Entwicklungstempos von Jugendlichen gelegt. Zudem wird ein Fokus auf den wachsenden Einfluss der Peers bei gleichzeitiger Ablösung vom Elternhaus sowie auf Prozesse der Identitätsentwicklung gerichtet. Die Entdeckung des eigenen Körpers, die Frage nach dem eigenen Geschlecht und der Aufbau intimer Beziehungen sind weitere wichtige Themenfelder. Zudem spielen Risikoverhaltensweisen und das Ausloten eigener Grenzen in dieser Alternsphase eine wichtige Rolle.
Im frühen und mittleren Erwachsenenalter stellen die berufliche Entwicklung sowie die Entwicklung sozialer Beziehungen zentrale Themen dar. Zudem wird die Auseinandersetzung mit der Frage nach Partnerschaft und Familiengründung aufgegriffen. In der Phase des mittleren Erwachsenenalters wird sich mit körperlichen Veränderungsprozessen und dem Phänomen der „Midlife-Crisis“ sowie den spezifischen Herausforderungen der Sandwich-Generation befasst.
Im Höheren Erwachsenenalter wird ein Fokus auf veränderte Ressourcen und Fähigkeiten sowie auf die relative Stabilität intellektueller Leistungen über die Lebensspanne gelegt. Weitere wichtige Themen im höheren Alter sind die Determinanten der kognitiven und neuronalen Entwicklung sowie deren Auswirkungen auf andere Prozesse. Des Weiteren gibt es Spezialgebiete wie Weisheitsforschung.
In der Phase des Hohen Alters wird ein besonderes Augenmerk auf die Lebensspannenperspektive gerichtet. Des Weiteren ist ein zentrales Thema das Bilanzieren bezüglich des eigenen Lebens. Zudem werden Einzelaspekte wie kognitive Abbauprozesse und affektive Veränderungen sowie Geschlechtsunterschiede in den Blick genommen.
5 Einzelne Funktionsbereiche der Entwicklung
In der Entwicklungspsychologie wird ein besonderes Augenmerk auf die Veränderung einzelner Funktionsbereiche der Entwicklung gerichtet. Im Folgenden werden die zentralen Bereiche kurz vorgestellt (nach Schneider und Lindenberger 2018, 338 ff.).
Grundlegende Funktionsbereiche der Entwicklung stellen Wahrnehmung und Motorik dar. Hinsichtlich der Wahrnehmung geht es um basale Themen wie Riechen, Hören, Sehen und intermodale Wahrnehmung, die grundlegende Voraussetzung für andere Bereiche der Entwicklung darstellen. Bei der Motorik wird der Fokus auf die Entwicklung der Auge-Hand-Koordination, Laufen lernen und andere Bereiche der Fein- und Grobmotorik über die Lebensspanne gelegt.
Einen weiteren Funktionsbereich stellt die Untersuchung der Denkentwicklung dar: hier wird die Entwicklung des Denkens anhand von traditionellen Stufenmodellen wie z.B. von Piaget oder mithilfe der Informationsverarbeitungsansätze beschrieben. Neben diesen bereichsübergreifenden Theorien gibt es jedoch auch neuere bereichsspezifische Ansätze wie die Theory of Mind.
Ein klassisches Themengebiet der Entwicklungspsychologie stellt die Gedächtnisentwicklung dar: Es wird zum einen die Gedächtnisentwicklung über die Lebensspanne untersucht, zum anderen werden zentrale Determinanten des Gedächtnisses wie Kapazität und Strategien in den Fokus genommen sowie Theorien zu unterschiedlichen Modellen des Abspeicherns und Abrufens entwickelt.
Einen weiteren grundlegenden Funktionsbereich stellt die Sprachentwicklung dar: Hierbei werden Voraussetzungen und Bedingungen für einen erfolgreichen Spracherwerb untersucht und Meilensteine der Sprachentwicklung beschrieben.
Die emotionale Entwicklung stellt einen weiteren Bereich dar: hierbei wird auf die Entwicklung von Emotionen fokussiert und in diesem Zusammenhang nach den Teilaspekten differenziert sowie deren Veränderung über die Lebensspanne untersucht.
Die Entwicklung des Selbst und der Persönlichkeit stellen weitere Themenfelder dar. Selbst- und Persönlichkeitsentwicklung befinden sich in einer Wechselwirkung, je nach konzeptuellen Rahmen und Theorien finden hier unterschiedliche Akzentuierungen statt.
Einen weiteren wichtigen Bereich stellt die sozial-emotionale Entwicklung dar. Insbesondere die Bindungstheorie ist eine Theorie, welche den Aufbau der Beziehung eines Kleinkindes zu seinen Bezugspersonen beschreibt und auf Veränderungen über die Lebensspanne sowie auf unterschiedliche Ausprägungen und deren Determinanten eingeht.
6 Anwendungsbereiche und neuere Strömungen
In den letzten Jahren hat die Angewandte Entwicklungspsychologie in zunehmendem Maße an Bedeutung gewonnen. Hierbei werden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie gezielt eingesetzt, um Entwicklung positiv zu beeinflussen und günstige Zeitpunkte für Prävention und Intervention zu identifizieren. Hierzu gehört beispielsweise der Bereich der Frühförderung, aber auch andere Themen über die Lebensspanne bis hin zu Konzepten der angewandten Gerontopsychologie. Des Weiteren gehört die Entwicklung und Evaluation von Interventionsprogrammen bei spezifischen Themenbereichen wie der Intervention bei delinquenten Jugendlichen zu den neueren Anwendungsbereichen. Zudem werden zunehmend Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften für die Beschreibung und Erklärung von Veränderungen einbezogen. Des Weiteren findet eine stärkere Spezialisierung auf Teilbereiche der Entwicklung wie der Theory of Mind statt und es werden aktuelle Einflussfaktoren z.B. von sozialen Medien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt. Gleichzeitig mangelt es jedoch an neueren bereichsübergreifenden Theorien, welche Entwicklung umfassend beschreiben und erklären.
7 Quellenangaben
Havighurst, Robert James, 1972. Developmental Tasks and Education. 3. Auflage. New York: Longmans. ISBN 978-0-679-30054-0
Rothgang, Georg-Wilhelm und Johannes Bach, 2021. Entwicklungspsychologie. 4. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-038362-3
Schneider, Wolfgang und Ulman Lindenberger, Hrsg., 2018. Entwicklungspsychologie: Mit Online Material. 8. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28453-0 [Rezension bei socialnet]
8 Literaturhinweise
Boeger, Annette, 2022. Entwicklungspsychologie: Von der Geburt bis ins hohe Alter: Ein Lehrbuch für Bachelorstudierende. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-040350-5
Feldmann, Robert S., 2024. Entwicklungspsychologie: Von der Kindheit bis ins hohe Alter. 10. Auflage. München: Pearson-Studium. ISBN 978-3-86894-444-0
Flammer, August, 2017. Entwicklungstheorien: Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung. 5. Auflage. Bern: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85810-4 [Rezension bei socialnet]
Haug-Schnabel, Gabriele und Joachim Bensel, 2017. Grundlagen der Entwicklungspsychologie: Die ersten 10 Jahre. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-32960-9
Kienbaum, Jutta, Bettina Schuhrke und Mirjam Ebersbach, 2023. Entwicklungspsychologie der Kindheit: Von der Geburt bis zum 12. Jahr. 3. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-021693-8 [Rezension bei socialnet]
Lohaus, Arnold, 2018. Entwicklungspsychologie des Jugendalters: Extras online. Springer: Heidelberg. ISBN 978-3-662-69369-8
Scheithauer, Herbert und Kai Niebank, Hrsg., 2018. Entwicklungspsychologie – Entwicklungswissenschaft des Kindes- und Jugendalters: Neuropsychologische, genetische und psychosoziale Aspekte der Entwicklung. ISBN 978-3-86894-101-2
Verfasst von
Prof. Dr. Johannes Bach
Dipl.-Psych. Dipl. Theol.
Professor für Entwicklungspsychologie an der Fakultät Sozialwissenschaften der TH Nürnberg
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