Erfahrungswissen
Prof. Dr. Marlene-Anne Dettmann, Katharina Scholz
veröffentlicht am 22.09.2025
Erfahrungswissen beschreibt eine Wissensform, die durch die Reflexion eines Erlebnisses entsteht. Erfahrungswissen von Adressat:innen sozialer personenbezogener Dienstleistungen bezieht sich häufig auf marginalisierte Lebenslagen und den Umgang mit krisenhaften Situationen sowie Erfahrungen mit sozialen Diensten.
Überblick
- 1 Träger:innen von Erfahrungswissen
- 2 Merkmale von Erfahrungswissen
- 3 Relevanz von Erfahrungswissen für die Soziale Arbeit
- 4 Quellenangaben
1 Träger:innen von Erfahrungswissen
Grundsätzlich produzieren alle Menschen Erfahrungswissen in Form von Lebenserfahrung. In der Sozialen Arbeit erfährt das Erfahrungswissen von Adressat:innen seit der zunehmenden Berücksichtigung von partizipativen Ansätzen eine größere Bedeutung. In vielen Handlungsfeldern wird „Expert:innen in eigener Sache“ die Möglichkeit gegeben, ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen. Die eigene Betroffenheit von Sucht, Gewalt, Diskriminierung, psychischen Krisen oder Armut wird im Kontext von Adressat:innenorientierung zu einer Stärke.
Die Anerkennung von Erfahrungswissen setzt einerseits voraus, dass Menschen sich der Bedeutsamkeit ihrer Erfahrungen bewusst sind. Andererseits erfolgt die Anerkennung durch Dritte, z.B. aus Disziplin und Profession, die das Erfahrungswissen als wichtige Ergänzung zu wissenschaftlichem Wissen und Berufswissen wertschätzen. Beispielsweise werden Menschen mit Erfahrungswissen als Co-Forschende in partizipative Forschung einbezogen oder unterstützen andere Betroffene im Rahmen von Peer-Projekten, z.B. als Genesungsbegleiter:innen mit Psychiatrieerfahrung (EX-IN Deutschland e.V. o.J.).
2 Merkmale von Erfahrungswissen
Erfahrungswissen basiert auf persönlichen Erlebnissen, die durch Reflexion zu bewussten Erfahrungen werden. Die abgeleiteten Schlussfolgerungen verdichten sich zu individuellem Erfahrungswissen, auch „Ich-Wissen“ (Jahnke 2012) genannt, welches anschließend zum Ausdruck gebracht werden kann.
Durch die persönliche Perspektive sind Ich-Botschaften möglich wie „Ich habe die Wohnungssuche als mühsam und diskriminierend erfahren“ (Sedmak 2013, S. 182). Individuelles Erfahrungswissen ist einzigartig, weil es sich auf konkrete eigene Erlebnisse bezieht und insofern nicht von anderen bestritten werden kann (ebd.).
Zusätzlich können sich in Erfahrungswissen generalisierbare Merkmale widerspiegeln, die nicht nur einzelne Menschen erleben. Menschen in vergleichbaren Lebenslagen können ähnliche Erfahrungen machen und entsprechend über ähnliches Erfahrungswissen verfügen, z.B. in Bezug auf das Erleben systematischer Benachteiligung von armutsbetroffenen Menschen auf dem Wohnungsmarkt. Erfolgt die Reflexion gemeinsam bzw. unter Bezugnahme auf Erfahrungen der Peergroup, entsteht kollektives Erfahrungswissen, auch „Wir-Wissen“ (Jahnke 2012) genannt. Daraus können z.B. (politische) Forderungen abgeleitet werden, wie es Interessens- und Selbstvertretungen tun.
Erfahrungswissen kann zu sogenannter Erfahrungsexpertise werden. Aktuell wird für diesen Prozess der Erwerb von Fähigkeiten zur Vermittlung des individuellen und kollektiven Erfahrungswissens an Dritte verstanden. Hierzu gehört u.a. die Fähigkeit der Distanzierung von der eigenen Erfahrung, um auf einer Metaebene darüber sprechen zu können (Chiapparini und Eicher 2018, S. 121). Qualifizierungen wie die zur Bildungsfachkraft (IIB o.J.) tragen dazu bei, dass Menschen das Erfahrungswissen strukturiert weitergeben und damit u.a. zur Sensibilisierung für Lebenslagen sowie zu Problemlösungen beitragen können.
3 Relevanz von Erfahrungswissen für die Soziale Arbeit
Menschen, die bereits soziale Dienste erlebt haben, ergänzen durch ihre eigene Perspektive auf z.B. Folgen von Interventionen sowie die Verfügbarkeit und Art und Weise einer (Dienst-)Leistung die Perspektive von Fachkräften (Dettmann und Scholz 2021, S. 57). Ein möglicher Ansatz für die Einbindung stellt Service User Involvement dar. Auch Menschen, die Soziale Arbeit im Zwangskontext erlebt oder bisher noch keine Dienste genutzt haben, können mit ihrer Perspektive auf ihre Lebenslage und die Nennung ihrer Bedürfnisse die Weiterentwicklung von sozialen Diensten fördern.
Es gibt bisher wenig empirische Untersuchungen, wie verschiedene Wissensformen in der Praxis miteinander verknüpft und genutzt werden können (Rüegger et al. 2019, S. 56). Die Relevanz verschiedener Wissensformen wird bisher vor allem mit Blick auf das Wissen von Fachpersonen diskutiert. Erfahrungswissen wird dabei häufig als (berufliches) Erfahrungswissen von Fachpersonen verstanden (z.B. Becker-Lenz und Müller-Hermann 2023).
Der Einbezug von Erfahrungswissen der Adressat:innen sozialer personenbezogener Dienstleistungen wird teilweise kritisch diskutiert. Während Kritiker:innen eine Konkurrenz zu wissenschaftlichem Wissen und Berufswissen befürchten, sehen Befürworter:innen in dem Einbezug von Erfahrungswissen von Adressat:innen die Chance, soziale Dienste qualitativ zu verbessern (Ackermann und Dettmann 2022, S. 8).
4 Quellenangaben
Ackermann, Timo und Marlene-Anne Dettmann, 2022. Service User Involvement in der Hochschulbildung – gelebte Partizipation?! In: Die neue hochschule [online]. 3, S. 6–9 [Zugriff am: 30.05.2025]. ISSN 0340-448X. Verfügbar unter: https://doi.org/10.5281/zenodo.6576035
Becker-Lenz, Roland und Silke Müller-Hermann, 2023. Jenseits wissenschaftlichen Wissens – Wissensarten und Professionalität. In: Michaela Köttig, Sonja Kubisch und Christian Spatscheck, Hrsg. Geteiltes Wissen – Wissensentwicklung in Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, 26. Opladen: Verlag Barbara Budrich, S. 121-136. ISBN 978-3-8474-1862-7
Borkman, Thomasina, 1976. Experiential Knowledge. A New Concept for the Analysis of Self-Help Groups. In: Social Service Review. 50(3), S. 445-456. ISSN 1537-5404
Chiapparini, Emanuela und Véronique Eicher, 2018. Der Ansatz User Involvement in der Sozialen Arbeit – Anknüpfungspunkte für Praxis-, Forschungs- und Ausbildungsprojekte in der Schweiz. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit = Revue suisse de travail social. 24, S. 117-134. ISSN 1661-9870. doi:10.5169/seals-855352
Dettmann, Marlene-Anne und Katharina Scholz, 2021. Service User Involvement in der Hochschulqualifizierung für Soziale Arbeit. Chancen und Wirkungen. In: die hochschule. 1, S. 56–69. ISSN 1618-9671
EX-IN Deutschland e.V., [ohne Jahr]. Über Ex-In [online][Zugriff am: 11.04.2025]. Verfügbar unter: https://ex-in.de/ueber-ex-in/
Institut für inklusive Bildung (IIB), [ohne Jahr]. Die Qualifizierung zur Bildungsfachkraft [online][Zugriff am: 11.04.2025]. Verfügbar unter: https://www.uni-kiel.de/de/institute/iib/qualifizieren
Jahnke, Bettina, 2012. Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen: Mit EX-IN zum Genesungsbegleiter. Neumünster: Paranus-Verlag. ISBN 978-3-940636-22-5 [Rezension bei socialnet]
Rüegger, Cornelia, Roland Becker-Lenz und Joel Gautschi 2019. Zur Nutzung verschiedener Wissensformen in der Praxis Sozialer Arbeit. Erkenntnisse aus einer empirischen Analyse. In: Lea Hollenstein und Regula Kunz, Hrsg. Kasuistik in der Sozialen Arbeit. An Fällen lernen in Praxis und Hochschule. Opladen: Verlag Barbara Budrich, S. 53-71. ISBN 978-3-8474-2267-9 [Rezension bei socialnet]
Sedmak, Clemens, 2013. „Sollen sie doch Kuchen essen“. Wissen von Armut. In: Helmut P. Gaisbauer, Elisabeth Kapferer, Andreas Koch und Clemens Sedmak, Hrsg. Armut und Wissen. Wiesbaden: Springer VS, S. 177-197. ISBN 978-3-658-01861-0 doi:10.1007/978-3-658-01862-7_9
Verfasst von
Prof. Dr. Marlene-Anne Dettmann
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Fakultät Wirtschaft und Soziales/Department Soziale Arbeit
Ökonomie und Management in der Sozialen Arbeit
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