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Europäischer Qualifikationsrahmen

Abkürzung: EQR

Offizielle Bezeichnung: Der europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen

Englisch: (The) European Qualifications Framework (for lifelong learning)

Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) stellt ein übergreifendes, auf die unterschiedlichen Bildungssysteme in Europa anwendbares Bezugssystem dar. Auf der Grundlage von Lernergebnissen werden die Qualifikationen in eine hierarchische Ordnung gebracht. Auf diesem Wege sollen Transparenz und Durchlässigkeit für Lernende und Arbeitnehmer in Europa erhöht werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 EQR als Meta-Rahmen
  3. 3 EU-Strategie für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit
  4. 4 Regelmäßige Berichterstattung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Auf der Grundlage von Vorarbeiten der Kommission haben sich das Europäische Parlament und der Europäische Rat im Jahr 2008 in einer gemeinsamen Empfehlung auf ein „European Qualification Framework for Lifelong Learning (EQF)“ – einen europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR) geeinigt (Empfehlung 2008). In einer neuerlichen Empfehlung des Europäischen Rates wurde dieses Vorhaben 2017 bestätigt und in der Umsetzung präzisiert (Empfehlung des Rates 2017). Auf dieser Grundlage haben die meisten Mitgliedsländer der Europäischen Union seither nationale Qualifikationsrahmen entwickelt.

2 EQR als Meta-Rahmen

Der Europäische Qualifikationsrahmen fungiert als Meta-Rahmen, das heißt er bildet ein Bezugssystem für die nationalen Qualifikationsrahmen. Damit ermöglicht er eine Übersetzung der nationalen Qualifikationen und Bildungsabschlüsse in die entsprechenden Qualifikationen in anderen europäischen Ländern. Auf diesem Wege soll die Transparenz der Bildungssysteme verbessert und die Mobilität von Lernenden und Arbeitnehmern in Europa gefördert werden. Zugleich geht es aber auch um eine verbesserte Durchlässigkeit innerhalb der nationalen Bildungssysteme, insbesondere zwischen Allgemeinbildung, Berufsbildung und Hochschulbildung.

Der europäische Qualifikationsrahmen ist hierarchisch aufgebaut und weist acht Referenzniveaus auf (siehe Abbildung). Abweichend davon können die nationalen Qualifikationsrahmen mehr oder weniger Niveaus aufweisen. Die meisten Qualifikationsrahmen, ebenso der deutsche, haben jedoch ebenfalls acht Niveaus. Der slowenische Qualifikationsrahmen hingegen hat 10 Niveaus, der schottische sogar 12 Niveaus.

EQR als Schlüssel für Transparenz und Durchlässigkeit
Abbildung 1: EQR als Schlüssel für Transparenz und Durchlässigkeit
(Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 7)

Jedes der acht Niveaus des EQR wird anhand einer Reihe von Deskriptoren definiert. Sie beschreiben die Lernergebnisse, die diesem Niveau entsprechen. Der EQR verlagert den Blickwinkel damit von inputbezogenen Kriterien wie der Dauer eines Bildungsganges oder der Art der Einrichtung hin zum Outcome, also den tatsächlich in einem Bildungsgang erzielten Lernergebnissen. Als Deskriptoren fungieren Kenntnisse („knowledge“), Fertigkeiten („skills“) und Kompetenzen („competence“). Diese Deskriptoren sind folgendermaßen definiert (Empfehlung 2008, S. 4):

  • Kenntnisse bezeichnen das „Ergebnis der Verarbeitung von Informationen durch Lernen“. Sie beschreiben die „Gesamtheit der Fakten, Grundsätze, Theorien und Praxis in einem Arbeits- oder Lernbereich.“ Unterschieden wird zwischen Theorie- und/oder Faktenwissen.
  • Fertigkeiten bezeichnen die „Fähigkeit, Kenntnisse anzuwenden und Know-how einzusetzen, um Aufgaben auszuführen und Probleme zu lösen“. Unterschieden wird zwischen kognitiven Fertigkeiten (wie logisches, intuitives und kreatives Denken) und praktischen Fertigkeiten (wie Geschicklichkeit und Verwendung von Methoden, Materialen, Werkzeugen und Instrumenten).
  • Kompetenzen sind definiert als „nachgewiesene Fähigkeit, Kenntnisse, Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten in Arbeits- und Lernsituationen und für die berufliche und/oder persönliche Entwicklung zu nutzen“. Kompetenz dokumentiert sich in der Übernahme von Verantwortung und Selbstständigkeit.

Den so definierten Niveaus werden auf nationaler Ebene die jeweiligen Qualifikationen zugeordnet. Sie stellen das „formale Ergebnis eines Bewertungs- und Validierungsprozesses“ (Empfehlung des Rates 2017, S. 20) dar und werden von einer zuständigen Stelle festgestellt. Qualifikationen stellen somit die in den nationalen Bildungssystemen vergebenen Bildungsabschlüsse dar.

Erstmals werden damit durch den Europäischen und die darauf aufbauenden nationalen Qualifikationsrahmen alle Bildungsabschlüsse in ein einheitliches System eingeordnet. Jedes Niveau soll im Grundsatz über unterschiedliche Bildungswege erreicht werden können. Die Zuordnung von Qualifikationen oder Abschlüssen zu einzelnen Niveaus erfolgt im nationalen Kontext und auf der Basis der nachgewiesenen Lernergebnisse.

Die Zuordnung unterschiedlicher Bildungsabschlüsse, beispielsweise aus der Allgemein- und Berufsbildung, zu einem bestimmten Niveau bedeutet eine Gleichwertigkeit dieser Abschlüsse, aber keine Gleichartigkeit. Die Unterschiede in den Berechtigungen bei Übergängen in andere Bildungsgänge wie auch bei ihrer Verwertung am Arbeitsmarkt bleiben bestehen. Ebenso bleiben europäische Regelungen und Vereinbarungen wie die EU-Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen durch den EQR sowie die nationalen Qualifikationsrahmen unberührt.

3 EU-Strategie für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit

Der Rat der europäischen Bildungsminister hat im Jahr 2009 einen strategischen Rahmen für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Bildung für die Zeit bis 2020 verabschiedet (Gemeinsamer Bericht 2015). Darin werden sowohl kurzfristige Prioritäten als auch langfristige Herausforderungen beschrieben.

Der EQR ist ein wesentliches Instrument, um die strategischen Ziele der EU in der Bildungspolitik, insbesondere eine Verbesserung der Transparenz der Bildungssysteme und -abschlüsse in Europa zu erreichen. Flankiert wird der EQR durch eine Reihe weiterer Instrumente. Im Einzelnen sind dies vor allem:

  • Das Dokumentationssystem Europass, mit dem Qualifikationen, Fähigkeiten und Kompetenzen europaweit verständlich dargestellt werden können,
  • die Leistungspunktesysteme im Hochschulbereich (ECTS) und in der Berufsbildung (ECVET),
  • die Standards und Leitlinien für die Qualitätssicherung im europäischen Hochschulraum (ESG) und der europäische Bezugsrahmen für die Qualitätssicherung in der beruflichen Aus- und Weiterbildung (EQAVET),
  • die geplante europäische Klassifikation für Fertigkeiten, Kompetenzen, Qualifikationen und Berufe (ESCO) sowie
  • die Empfehlung des Europäischen Rates zur Validierung nicht-formalen und informellen Lernens.

Mit dem Einsatz dieser Instrumente nimmt die EU ihre in den Europäischen Verträgen niedergelegten Handlungsmöglichkeiten wahr. Sie agiert dabei in Abstimmung mit den Mitgliedsstaaten nach dem Subsidiaritätsprinzip. Danach sind gemeinschaftliche europäische Lösungen möglich und sinnvoll, wenn auf diesem Wege Aufgaben bewältigt werden können, die einzelne Mitgliedsstaaten überfordern würden.

Strategisch ist die Kommission dabei so vorgegangen, die einzelnen Instrumente zunächst getrennt voneinander zu entwickeln. In der Empfehlung des Rates vom 22.5.2017 über den Europäischen Qualifikationsrahmen werden die verschiedenen Instrumente zusammengeführt und aufeinander bezogen. Mit dieser Strategie sollen Kohärenz, Komplementarität und Synergien befördert werden. So wird gefordert, alle Qualifikationen mit EQR-Niveau sollten einer Qualitätssicherung unterliegen; auch sollte regelmäßig über die Fortschritte bei der Implementierung berichtet werden (Empfehlung des Rates 2017, S. 25). Dabei sind sich der Rat und die Kommission im Klaren, dass die einzelnen Mitgliedsstaaten die Umsetzung in unterschiedlichen Formen und Geschwindigkeiten betreiben.

4 Regelmäßige Berichterstattung

Das Europäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (Cedefop) führt im Auftrag der EU-Kommission seit 2009 eine jährliche Bestandsaufnahme der Einführung Nationaler Qualifikationsrahmen (NQR) in Europa durch. Die Berichte zeigen, dass die Empfehlungen der EU in sehr unterschiedlichem Umfang in den einzelnen Ländern umgesetzt worden sind (CEDEFOP 2017). Während einige Länder nach wie vor mit Arbeiten an der Konzeption und formalen Einführung ihrer NQR beschäftigt sind, haben andere ihre Rahmen vollumfänglich umgesetzt. Sie weisen beispielsweise die erreichten Niveaus auf den Qualifikationsunterlagen (insbesondere Abschlusszeugnissen und/oder Zeugniserläuterungen) aus. Außerdem haben sie Zuordnungsberichte vorgelegt, in denen beschrieben wird, wie die Bildungsabschlüsse auf nationaler Ebene dem Europäischen Qualifikationsrahmen zugeordnet worden sind (BMBF, KMK 2013).

Die Verantwortung für die Zuordnung von Bildungsabschlüssen zu den nationalen Qualifikationsrahmen liegt bei den einzelnen Mitgliedsstaaten. Eine Evaluation dieser Zuordnungen steht allerdings noch aus, ebenso eine Evaluation des EQR im Hinblick auf die intendierten Wirkungen. Sie wäre notwendig, um die europaweite Wirkungsweise und Anerkennung dieses Instrumentes bei den verschiedenen Adressatengruppen (z.B. Lernenden, Arbeitnehmern, Bildungseinrichtungen, Unternehmen) zu gewährleisten.

Deutschland hat die Grundsätze des EQR zwar in einen nationalen Qualifikationsrahmen, den DQR, umgesetzt, dabei aber eine abweichende Struktur und Terminologie entwickelt. Dies war notwendig, um den Besonderheiten des Bildungswesens, insbesondere in der beruflichen Bildung, Rechnung zu tragen. Auch bei der von der Kommission intendierten Verbindung mit den anderen Transparenzinstrumenten geht Deutschland bislang einen eigenen Weg. So gibt es in der beruflichen Bildung bislang – abgesehen von singulären Projekten und Initiativen – weder ein System der Anerkennung und Anrechnung von Leistungspunkten noch ein System für die Validierung informell erworbener Kompetenzen.

5 Quellenangaben

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland (KMK) 2013. German EQF Referencing Report [online]. 13th June 2013. [Zugriff am: 26.04.2019]. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/ploteus/sites/eac-eqf/files/German_EQF_Referencing_Report.pdf

Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen, Hrsg., 2013. Handbuch zum Deutschen Qualifikationsrahmen [online]. Struktur – Zuordnungen – Verfahren – Zuständigkeiten. [Zugriff: am 03.05.2019]. Verfügbar unter: https://www.dqr.de/media/content/DQR_Handbuch_01_08_2013.pdf

CEDEFOP – Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsbildung, 2018. Qualifikationsrahmen in Europa [online]. Entwicklungen im Jahr 2017. CEDEFOP-Kurzbericht, Februar 2018. [Zugriff am: 31.01.2019]. Verfügbar unter: http://www.cedefop.europa.eu/files/9127_de.pdf. ISSN 1831-242X

Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. April 2008 zur Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (Text von Bedeutung für den EWR). In: Amtsblatt der Europäischen Union. 6.5.2008 (2008/C 111/01). [Zugriff am: 19.01.2019]. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/ploteus/sites/eac-eqf/files/journal_de.pdf

Empfehlung des Rates vom 22. Mai 2017 über den Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen und zur Aufhebung der Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. April 2008 zur Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen. In: Amtsblatt der Europäischen Union. 15.6.2017 (2017/C 189/03). [Zugriff am: 27.04.2019]. Verfügbar unter: https://www.dqr.de/media/content/EQR_Empfehlung_2017de.pdf

Gemeinsamer Bericht des Rates und der Kommission 2015 über die Umsetzung des strategischen Rahmens für die europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Bildung (ET 2020). Neue Prioritäten für die europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Bildung (2015/C 417/04). In: Amtsblatt der Europäischen Union. 15.12.2015 (2015/C 417/04). [Zugriff am: 28.04.2019] Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52015XG1215(02)&from=EN

6 Literaturhinweise

BMBF – Bundesministerium für Bildung und Forschung, KMK – Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland, [kein Datum]. Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen [online]. Internetseite zum Deutschen Qualifikationsrahmen. [Zugriff am: 31.01.2019]. Verfügbar unter: https://www.dqr.de

European Commission, 2018. The European Qualifications Framework [online]. Supporting learning, work and cross-border mobility. 10th Anniversary. Luxembourg 2018. [Zugriff am: 28.04.2019]. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/ploteus/sites/eac-eqf/files/eqf_brochure_en.pdf. doi:10.2767/385613. ISBN 978-92-79-80382-6.

Europäische Kommission. GD Bildung und Kultur, 2008. Der europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen [online]. [Zugriff am: 28.04.2019]. Verfügbar unter: http://ec.europa.eu/ploteus/sites/eac-eqf/files/brochexp_de.pdf

European Centre for the Development of Vocational Training (CEDEFOP), 2015. National qualifications framework developments in Europe[online]. Cedefop Information series. Luxembourg 2015. [Zugriff am: 28.04.2019]. Verfügbar unter: http://www.cedefop.europa.eu/files/4137_en.pdf. ISBN 978-92-896-1866-3

Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2005. Auf dem Weg zu einem Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen [online]. Arbeitsunterlage der Kommissionsdienststellen. Brüssel, 8.7.2005, SEK (2005)957. [Zugriff am: 27.04.2019]. Verfügbar unter: http://www.cedefop.europa.eu/files/606-att1-1-EQF-_DE-_final_version_-PDF.pdf

Autor
Prof. Dr. Reinhold Weiß
Forschungsdirektor und Ständiger Vertreter des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) a.D.,
Honorarprofessor an der Universität Duisburg-Essen
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Reinhold Weiß.


Zitiervorschlag
Weiß, Reinhold, 2019. Europäischer Qualifikationsrahmen [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 03.05.2019 [Zugriff am: 21.07.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Europaeischer-Qualifikationsrahmen

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Autor

Prof. Dr. Reinhold Weiß
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veröffentlicht am 03.05.2019

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