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Eurythmie

Prof. Dr. Heiner Ullrich

veröffentlicht am 18.05.2020

Etymologie: griech. eu schön, gut; rhythmos harmonisch geordnete Bewegung

Englisch: Eurythmy

Unter Eurythmie versteht man eine spirituelle Tanzkunst, welche Elemente und Formen der Sprache und der Musik durch körperliche Ausdrucksbewegungen sichtbar macht und dadurch den Menschen mit Wesenheiten und Geschehnissen in „höheren Welten“ in Verbindung bringen will. Dazu steht ihr ein umfangreiches Repertoire an Gestaltungsmitteln zur Verfügung, welches u.a. Gesten, Farben, Figuren und Raumformen umfasst. Deren Bedeutung erschließt sich letztlich allein aus der anthroposophischen Weltanschauung Rudolf Steiners (1861–1925), der die Eurythmie auf den Weg gebracht hat.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Entstehung
  3. 3 Eurythmie als Bühnenkunst
  4. 4 Weltanschauliche Voraussetzungen
  5. 5 Unterrichtsfach Eurythmie
  6. 6 Heileurythmie
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise
  9. 9 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Eurythmie ist eine eigenständige Bewegungskunst, die von dem Theosophen und Gründer der Anthroposophie Rudolf Steiner (1861–1925) zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist. Sie unterscheidet sich von tradierten und modernen Formen der Tanzkunst durch den zentralen Impuls, Elemente der Sprache und der Musik in eigentümlichen entsprechenden Bewegungen zum Ausdruck zu bringen. Der Eurythmie begegnet man heute in dreierlei Formen:

  1. als Bewegungskunst auf der Bühne
  2. als Unterrichtsfach an den Freien Waldorfschulen und
  3. als Heileurythmie im Bereich der „geisteswissenschaftlich erweiterten“ Medizin und Sozialtherapie.

Der zentrale Schlüssel für ein umfassendes Verständnis der Eurythmie als spiritueller Tanzkunst ist die „geisteswissenschaftliche“ Weltanschauung und Menschenkunde Rudolf Steiners, nach welcher im Menschen wie im Kosmos übersinnlich-geistige Kräfte walten, die im Laufe der Evolution alles Materielle überwinden werden. Die Ausbildung zu EurythmistInnen erfolgt in Deutschland seit 1923 an spezifischen Kunstschulen wie dem Eurythmeum in Stuttgart, mittlerweile aber auch im Rahmen von Bachelor- und Master-Studiengängen an anthroposophisch geprägten Hochschulen in privater Trägerschaft. Heute sind nach Angaben des Berufsverbandes allein im Bereich der Heileurythmie weltweit ca. 2.000 HeileurythmistInnen tätig.

2 Entstehung

Rudolf Steiner entwickelte als Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft im Zusammenhang mit den Aufführungen der von ihm geschaffenen und inszenierten vier Mysteriendramen auf den alljährlichen Sommertagungen der Gesellschaft in München (1910–1913) die Bewegungskunst der Eurythmie als erste eigenständige ästhetische Praxis innerhalb der Theosophie. Im Dezember 1912 hielt er den ersten Eurythmie-Kurs ab; im darauffolgenden Sommer wurden eurythmische Episoden in einem Mysteriendrama getanzt. Danach wurde das in Dornach bei Basel errichtete Goetheanum zur zentralen Bühne für die Eurythmie-Aufführungen. Im Jahre 1919 kam es in Deutschland zur ersten öffentlichen Eurythmieaufführung; das Eurythmeum als Ausbildungsstätte für EurythmistInnen wurde schließlich 1923 in Stuttgart gegründet. Bis heute begegnet man der Eurythmie fast ausschließlich innerhalb des Spektrums der anthroposophischen Bewegung. Steiner hat zu einigen Hundert Dichtungen und Musikwerken die Eurythmie-Partituren geschaffen, welche ähnlich den choreografischen Aufzeichnungen im klassischen Ballett der EurythmistIn als Grundlage der Ausgestaltung des jeweiligen Werkes dienen. Neben der dramatischen Eurythmie, deren sprachrezitative Begleitung vor allem von Steiners zweiter Ehefrau Marie von Sivers kultiviert worden ist, hat Steiner auch die pädagogische Eurythmie entwickelt, die in der später von ihm geleiteten Freien Waldorfschule zu einem obligatorischen Schulfach wird. Und mit der von ihm inspirierten anthroposophischen Medizin verbindet sich dann schließlich die auf die Anregung „gesundender“ physiologischer Prozesse im Körper gerichtete Heileurythmie.

So sehr die Eurythmie als eine spezifische Schöpfung Rudolf Steiners aus dem Geiste der Theosophie gelten darf, so sehr ist sie auch ein Spross der zeitgenössischen lebensreformerischen Tanzbewegung und des damit verbundenen Lebensstils. Auch die führenden VertreterInnen des „freien Tanzes“ – von Isidora Duncan über Rudolf von Laban und Emil-Jacques Dalcroze bis zu Mary Wigman – versuchten, außerhalb des traditionellen Unterhaltungstanzes und seiner Perfektionszwänge Tanzformen zu realisieren, die Ausdruck einer ursprünglichen, kreativ-spirituellen Lebensgestaltung sein sollten. Gemeinsamkeiten zwischen Ausdruckstanz und Eurythmie können – wie schon in den Mysteriendramen – im Rekurs auf antike Vorbilder des Tempeltanzes, im engen Bezug auf spirituelle Erfahrungen und in der Einbettung in gattungsübergreifende Bestrebungen zum Gesamtkunstwerk gesehen werden (Zander 2007, S. 1229 f.). Anders als in den Hauptströmungen des zur Individualisierung und Ekstase tendierenden Ausdruckstanzes ist die Steinersche Eurythmie durch eine konsequente Unterordnung des Körpers unter das Vokabular der Bewegungen und Gewänder gekennzeichnet und damit auch durch eine Rücknahme individueller Expressivität. Anstatt sich gegen die Konventionen des klassischen Tanzes ungeregelt und kreativ ausdrücken zu können, unterwerfen sich die EurythmistInnen im Dienst an der übersinnlich-geistigen Welt einer strikt ritualisierten Formensprache. Die Eurythmie ist als hochgradig artifizielle Form des spirituellen Tanzes bis heute ein Unikat und ein in sich geschlossenes Gefüge geblieben, das nur selten auf Bühnen außerhalb des anthroposophischen Milieus anzutreffen ist (Parr 1993, S. 233 ff.).

3 Eurythmie als Bühnenkunst

Als tänzerische Ausdrucksform von Sprache oder Musik will die Eurythmie den Menschen sinnlich-ästhetisch mit den Gestalten und Geschehnissen der geistigen Welt verbinden. Im (Nach-)Erleben der tänzerischen Bewegungen soll ein Aufstieg aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche erfolgen. Dazu werden die Wörter der Sprache oder der musikalischen Klänge wieder in die ursprünglichen räumlichen Bewegungen und Gebärden zurückverwandelt, welche nach Steiners Auffassung im Laufe der menschheitlichen Entwicklung durch die Stimmorgane zu Lauten und Tönen konzentriert und damit „unterdrückt“ worden sind. Durch die nachbildenden Bewegungen der Arme, Hände und Füße und die sie umrahmenden choreografischen Formen wird mithin die Möglichkeit geschaffen, die übersinnlichen Bewegungen sichtbar zu machen, welche dem menschlichen Sprechen und Singen zugrunde liegen. Die Eurythmie bringt also – mikrokosmisch – die Geheimnisse künstlerisch zur Darstellung, welche dem Makrokosmos innewohnen. Diese „geistige“ Tanzkunst wendet sich bewusst von den virtuosen und akrobatischen Ausdrucksformen des klassischen Balletts ab. Stattdessen tanzen die EurythmistInnen zu pathetisch vorgetragener Sprache oder Musik ohne Körperkontakt und in flatternde Gewänder mit Schleiern verhüllt mit nahezu unbewegten Gesichtern komplexe Choreografien, bei denen sie frontal zum Publikum ebenso verwickelte weich fließende Bewegungen mit ihren Armen vollbringen. Anders als beim klassischen oder modernen Ballett liegt das körperliche Zentrum der Bewegungen nicht im Bereich der unteren Wirbelsäule, sondern oberhalb der Brust am Schlüsselbein (Parr 1993, S. 155 f.). Die Grundlagen für die Bewegungen, Gebärden und Gewänder der TänzerInnen sind bei der Lauteurythmie in erster Linie die Laute der Sprache bzw. die Buchstaben des Alphabets. Die Grundidee der Eurythmie ist die Überzeugung, dass jeder Laut und jeder Ton neben seiner physikalischen auch eine seelische und geistige Qualität besitzt.

„Die den Lauten innewohnenden Gebärden werden von dem physischen Körper, insbesondere den Armen aufgegriffen und in eine nun sichtbare Gebärdensprache geführt. Die Seelenkräfte des Menschen, Denken, Fühlen und Wollen, ‚prägen sich aus in der Haltung des Körpers, in den Zonen und Richtungen der fließenden Armbewegungen; der Charakter drückt sich aus im Schritt, das Temperament im Schwung, die seelischen Stimmungen in den schwebend durchlaufenden Formen. Das Gedicht spricht; das Tonstück singt durch das Instrument der Menschgestalt‘ (Steiner). Durch die Farbe des Gewandes wird der Bewegungscharakter, durch Nuancen des Schleierwurfs die Gefühlsstimmung betont, wobei eine Variierung des Bewegungscharakters und der Gefühlsstimmung durch eine differenzierte Beleuchtung erzielt wird“ (Kugler 1980, S. 119).

Die zentralen Darstellungsmittel einer eurythmischen Aufführung sind die Form und die Gebärden. Mit der Form ist die Choreografie gemeint, mit der die innere Struktur eines sprachlichen oder musikalischen Kunstwerks im Raum realisiert wird. Die Form umfasst neben der Skizzierung der Tanzbewegungen im Bühnenraum auch Angaben zu den Gewändern und ihren Farben, zu den verwendeten Requisiten und zur Bühnenbeleuchtung. Die Gebärden betreffen die Körperbewegungen der TänzerInnen in den sechs Raumrichtungen und die Bewegungen der Arme zu den jeweiligen Lauten und Tönen.

Eurythmie macht Sprachliches und Musikalisches sichtbar, indem sie jedem Sprachlaut bzw. Ton eine Bewegung zuordnet. Rudolf Steiner stellt dazu fest:

„Man kann aber nun dasjenige, […] was man schauen kann an den Luftgebärden durch sinnlich-übersinnliches Schauen, nachahmen durch Arme und Hände, durch die Bewegung des ganzen Menschen nachahmen. Dann entsteht ganz dasselbe, was in der Sprache wirkt. […] Nehmen wir irgendeinen Vokal. Er drückt immer aus dasjenige, was die Seele im Umfang ihres Fühlens erlebt. Entweder der Mensch will dasjenige ausdrücken, was im Staunen lebt: A, oder er will dasjenige ausdrücken, was seine Selbstbehauptung, sein Sich-Halten gegen einen Widerstand offenbart: E, oder er will ausdrücken sein Staunen oder wohl auch sein Anschmiegen an irgendetwas: EI. […] Studieren wir die Konsonanten. Wir finden bei den Konsonanten, daß sie Nachahmungen desjenigen sind, was äußerlich um uns herum ist. Der Vokal stammt aus dem Inneren, will das Innere, gewissermaßen die volle Seele nach außen ergießen. Der Konsonant stammt aus dem Erfassen der Dinge. […] Der Konsonant malt, zeichnet die äußere Form der Dinge“ (Steiner 1990, GA 279, S. 28).

Die Vokale sind also Ausdruck innerseelischen Geschehens, die Konsonanten Abbilder der äußeren Erscheinungswelt; weitere Differenzierungen ergeben sich u.a. aus den unterschiedlichen Arten lyrischen, epischen oder dramatischen Sprechens.

Eurythmiefigur A
Abbildung 1: Eurythmiefigur A (rötlich-lila: Bewegung; grünlich-bläulich: Gefühl; leicht rötlich-tingierende: Charakter) (Bäschlin 1987)

Rudolf Steiner hat im Jahre 1922 zur Versinnbildlichung der Vokale, Konsonanten und Seelengesten 35 Eurythmiefiguren geschaffen, die aus flachem Holz geschnitten und bemalt wurden. In ihren drei Farbgrundtönen bringen sie Bewegung, Gefühl und Charakter der Laute zum Ausdruck.

4 Weltanschauliche Voraussetzungen

Nach der aus übersinnlicher „Geistesforschung“ gewonnenen esoterischen Geschichtsauffassung Steiners (Ullrich 2011, S. 119 ff.) begegnet der moderne Mensch in der Eurythmie einer Ursprache wieder, die aus einer früheren Periode der Menschheitsentwicklung stammt, in welcher der Sprache noch ein den ganzen Menschen umfassendes künstlerisches Element innewohnte. Die quasi tänzerische Begleitung des Sprechens und Singens mit Ausdrucksgebärden sowie Bewegungen der Arme und Beine sei damals selbstverständlich gewesen.

„Die zivilisierten Sprachen haben ja furchtbare Konzessionen an die Konvention gemacht. Sie sind schließlich Ausdrucksmittel geworden für die wissenschaftliche Erkenntnis. […] Ihre ursprüngliche Seelenhaftigkeit haben sie verloren“ (Steiner 1990, GA 279, S. 27).

In dem von Materialismus und Positivismus geprägten gegenwärtigen Zeitalter kann die Eurythmie die Sprache und die Musik über ihre Erweiterung durch die Fülle der körperlichen Bewegungen wieder zurückverwandeln in ihre frühere Ganzheit. Sie befreit sozusagen unsere Sprache von der materialistischen Unterdrückung und eröffnet den Menschen wieder die Erfahrung des Einklangs mit den Wesenheiten und Kräften des Kosmos. Es geht Steiner also in seiner Begründung der Eurythmie nicht etwa um Sprachpsychologie, sondern um die Darstellung der geistigen Wirkung der Sprache und ihrer Bedeutung in der Evolution des Geistigen. Kritisch ist dazu zu bemerken, dass mit der spirituellen Aufladung ihrer Laute die Sprache in der Eurythmie ihre basale kommunikative Funktion einbüßt:

„Die Sprache verliert ihren konkreten lebensweltlichen und individuell-persönlichen Bezug, und in den so geschaffenen leeren Raum kann der intendierte Überweltbezug einfließen. Es ist die Weltensprache, die Sprache des Kosmos, deren Vehikel die Form der menschlichen Sprache ist, die hier ihren Ausdruck findet – und am Menschen (in Richtung Vergeistigung) ‚arbeitet‘“ (Skiera 2018, S. 151).

Eine ähnliche spirituelle Aufladung vollzieht Steiner an dem Organ, welches die Sprachlaute und Gesangstöne hervorbringt – dem Kehlkopf. In der Eurythmie soll der ganze Mensch zum Kehlkopf werden! Der Kehlkopf, der mit seinen „Luftgestalten“ den Reichtum des menschlichen Innenlebens zum Ausdruck bringt, ist für Steiner ein schöpferisches Organ, das allerdings auf der gegenwärtigen „verkopften“ Entwicklungsstufe der Menschheit noch vom Kopf an seiner vollen Entfaltung gehindert wird. Die übersinnliche Schau in das Weltengedächtnis (Akasha-Chronik) offenbart, dass der Kehlkopf des heutigen Menschen die Keime eines Fortpflanzungsorgans der zukünftigen Menschheit in sich trägt. „Durch das Wort, das aus der Kehle dringt, wird der Mensch einst seinesgleichen erschaffen“ (Steiner, zit. n. Skiera 2018, S. 156). Und in der Eurythmie, in welcher die physisch hervorgebrachten Laute und Töne mit ihren ursprünglichen seelisch-geistigen Sinngehalten verbunden werden, wird der Kehlkopf auf seine zukünftige Zeugungsaufgabe in einer geistig höher entwickelten Menschheit vorbereitet. Diese spirituelle Funktion des Kehlkopfs ist eine zentrale Denkfigur Steiners.

„In ihr schließt sich nämlich gleichsam alles zusammen: der GEIST und seine konkrete Wirkung, die physiologische, spirituelle und kosmische Evolution, das Künstlerische (einschließlich Eurythmie, Sprache, Sprachgestaltung und darstellende Kunst), die onto- und phylogenetische Entwicklung, das Kreative, Schöpferische überhaupt, das schließlich in eine unbegrenztes Schöpfertum des androgynen Menschen einmünden wird, und eine zentrale Aufgabe der Erziehung, nämlich der Dienst an der Vergeistigung des Menschen“ (ebd. S. 163).

5 Unterrichtsfach Eurythmie

Das Schulfach, das sowohl inhaltlich als auch methodisch unmittelbar und gänzlich dem Geist der anthroposophischen Weltanschauung entstammt, ist die Eurythmie. Sie ist das einzige, von Rudolf Steiner selbst kreierte Unterrichtsfach, ein Proprium der Waldorfschule. „Es gibt kein anderes Gebiet in der Schule, das so große Möglichkeiten hat, eines der grundlegendsten Ziele der Waldorfpädagogik zu verwirklichen: die ‚beseelte Körperkultur‘“ (Carlgren 1981, S. 116). Alle Schüler lernen diese von ausgebildeten EurythmistInnen unterrichtete Bewegungskunst vom ersten bis zum zwölften Schuljahr. Die Lehrenden der Eurythmie sind innerhalb der Kollegien der Waldorfschulen die Lehrpersonen mit der intensivsten Bindung an die Anthroposophie: ca. 55 % von ihnen halten sich für praktizierend/​engagiert, ca. 32 % für positiv bejahend (Randoll 2013, S. 74).

In der pädagogischen Eurythmie werden ebenfalls die Grundformen der Sprache und der Musik – Metrik, Rhythmik und Melodik – als sichtbare Sprache bzw. sichtbarer Gesang körperlich zur Darstellung gebracht. Steiner nennt die Eurythmie in der Schule auch eine „geistig-seelische Gymnastik“, bei der es nicht wie beim herkömmlichen Turnen nur um körperliche Gewandtheit geht, sondern um die „Durchseelung des Leibes“ und die „Durchgeistigung der Seele“. So werden etwa Gedichte oder Prosastücke durch spezifische Vokalgebärden und Konsonantenbewegungen ebenso zur Darstellung gebracht wie Lieder und Musikstücke durch Intervallgesten und Bewegungen der Arme und Hände.

„So werden beispielsweise die Vokalgebärden A, E, I, O, U, als Ausdruck von ‚Seelenqualitäten‘ mit den Kindern schon früh geübt: Staunen (A), Bewundern (O), sich Behaupten (I), Furcht (E) und Freude (U) werden in einfachen Bewegungen der Arme dargestellt. Entsprechend lassen die Konsonantenbewegungen das Kind ‚plastizierende Bildekraft‘ erfahren: in der Bewegung des S das Sausen des Windes, bei der Bewegung des W die Wellenbewegung des Wassers, in der L-Bewegung das Wachsen und Sich-Entfalten der Pflanzen. Auch hier bietet die Eurythmie immer komplexere Formelemente in der Darstellung sichtbarer Sprache an. Es gibt ‚Sinnformen‘ für das ‚Gegenständliche‘, Sinnformen für ‚Zustände‘, Sinnformen für das ‚Seelische‘, Sinnformen für das ‚Geistig Anschauliche‘ und das ‚Geistig Wesenhafte‘“ (Willmann 1998, S. 370 f.).

Im Eurythmieunterricht bewegen sich die Kinder bis zum neunten Lebensjahr hauptsächlich in der Geborgenheit der Kreisform. Der Eurythmieunterricht beginnt im ersten Schuljahr mit dem Laufen von geraden und krummen Linien und dem Klatschen von Rhythmen; bestimmend sind noch die Bilder und Stimmungen der Märchen. Im zweiten Schuljahr tritt der Dialog zwischen Ich und Du hinzu und musikalisch dominant ist das Intervall der Quinte. Im dritten Schuljahr kommt stimmungsmäßig die Terz hinzu: in der großen Terz weitet sich der Kreis, in der kleinen zieht er sich wieder zusammen und umgekehrt. Nachdem „Überschreiten des Rubikon“ im zehnten Lebensjahr – dem angeblichen Heraustreten des Kindes aus der intuitiven Einheit mit der Welt – schreiten die Viertklässler auch aus der Kreissituation heraus und bewegen sich frontal mit dem Kupferstab z.B. nach Stabreimen aus der nordischen Mythologie. Im fünften Schuljahr stehen Themen aus den frühen orientalischen Kulturepochen im Vordergrund; „der Fünfstern in seiner harmonischen, vollkommenen Ganzheit ist eine mit diesem Lebensalter übereinstimmende Form“ (Stiehle 2013, S. 82). In der sechsten Klasse werden die geometrischen Figuren des Dreiecks und des Sechsecks die Bewegungsformen, und die Oktave liefert musikalisch die Stimmung dazu. Die Siebtklässler haben die kindliche Naivität hinter sich gelassen und bringen nun stärker ihr Innenleben zum Ausdruck, indem sie sich durch alle Intervalle von der Prim bis zur Oktave bewegen. Die SchülerInnen der achten Klasse bringen ihren adoleszentären Eigenwillen in immer geschickteren Wurf-, Fang-, Sprung- und Schwungbewegungen zum Ausdruck. Im neunten Schuljahr sollen sie ihren starken Emotionen in tänzerischen Bewegungen z.B. zu schicksalsschweren Balladen Gestalt verleihen.

Insgesamt gesehen folgt der unterrichtliche Lehrgang der Eurythmie also dem geistigen Inkarnationsprozess in der Entwicklung des Kindes, der von oben mit dem Nerven-Sinnes-System beginnt, über die Mitte des rhythmischen Systems fortschreitet und unten im Gliedmaßen-System endet:

„Im Laufe der Schulzeit verlagert sich der Bewegungsansatz immer tiefer in den Leib hinein. Entsprechend individueller werden zum neunten Schuljahr hin die Ausdrucksmöglichkeit und der Krafteinsatz. So ergreift der Jugendliche die Bewegung schließlich von innen, durchdringt und gestaltet sie mit der eigenen seelischen Kraft“ (ebd. S. 83).

Der Eurythmieunterricht beginnt also im ersten Schuljahr mit dem Laufen von geraden und krummen Linien und dem Klatschen von Rhythmen und endet im zwölften mit der schulöffentlichen Aufführung eines klassischen oder modernen Werkes. Parallel zur Spracheurythmie führt die Toneurythmie von der Darstellung der Intervalle über diejenige der Tonarten bis zur Aufführung mehrstimmiger Musikstücke.

Neben den poetisch-literarischen und musikalischen Übungen finden auch Darstellungen mit explizit spirituellen und religiösen Gehalten im Eurythmieunterricht statt:

„Das Halleluja wird stumm ausgeführt. Unter therapeutischen Aspekten dient es bestimmten Zwecken: körperlich dem Aufbau genesender Kräfte und psychologisch der Überwindung depressiver Stimmungen. Der primäre spirituelle Aspekt legt Wert auf die innere Vorbereitung, die dem Menschen in der Anrede Gottes obliegt. Intention des Spruches ist: ‚Ich reinige mich von allem, was mich im Anblick Gottes stört‘. Dazu dienen insbesondere siebenfach ausgeführte ‚L‘-Gebärden der beiden Arme und Hände, die in kreisenden Bewegungen, von der Herzgegend ausgehend, emporwachsen. Das Halleluja wird im Ganzen siebenmal durchgeführt. Die aufrichtende und zugleich Demut lehrende Form des Halleluja wird als gute Vorbereitung für die Festeszeiten gewertet und mit vorwiegend älteren Schülern einstudiert“ (Willmann 1998, S. 371).

Der Eurythmieunterricht hat also inhaltlich nicht nur eine sprach- und musikästhetische Ausrichtung, sondern auch eine spirituelle Tiefendimension, die ihn zu einem der Pfeiler der christlich orientierten religiösen Erziehung an der Waldorfschule werden lässt. Aus Befragungen ehemaliger WaldorfschülerInnen geht allerdings hervor, dass Eurythmie das unbeliebteste Unterrichtsfach an der Waldorfschule („Hassfach“) ist (Barz und Randoll 2007, S. 276 ff.). Am stärksten soll die Ablehnung der Eurythmie unter den frühadoleszenten SchülerInnen im siebten und achten Schuljahr sein.

6 Heileurythmie

Heileurythmie ist eine Therapieform der anthroposophischen Medizin und der Waldorf-Heilpädagogik, deren Grundlagen Rudolf Steiner unter Mitarbeit der Ärztin Ita Wegman 1921 in einem Vortragszyklus vor Ärzten und EurythmistInnen gelegt hat (Steiner 2003, GA 315). Jede Krankheit, Entwicklungsstörung oder Behinderung kann nach Ansicht der HeileurythmistInnen mit dieser Form der Einzeltherapie behandelt werden. Nach anthroposophischen Verständnis entstehen Krankheiten aus dem gestörten funktionellen Gleichgewicht zwischen den drei Körperregionen des Nerven-Sinnes-Systems (Denken), des rhythmischen Herz-Kreislauf-Systems (Fühlen) und des Stoffwechsel-Gliedmaßen-Systems (Wollen). Eine gezielte heileurythmische Bewegungsübung soll die psychosomatische oder psychiatrische Störung der Systeme wieder in ein Gleichgewicht zurückbringen.

„Die Sprache, die im rhythmischen System zu Hause ist, kann deshalb diesen heilenden Prozess einleiten, da ja auch das Ich im rhythmischen System seinen Mittelpunkt, seinen Ausstrahlungspunkt hat. Wird dies durch die Heileurythmie in der Weise intensiviert, dass die Sprachprozesse mit Hilfe der Bewegung noch tiefer in den Organismus hineinwirken, kann die heilende Wirkung auf das Ich ausstrahlen“ (Fulgosi 1997, S. 17).

Der übende Patient, Klient oder Schüler kommt „zu einer Erfahrung des in den Lauten oder auch im Musikalischen lebendigen kosmischen Wirkens. Er beginnt zu ahnen, dass in der ‚Umkehr‘ heileurythmischer Bewegung Laute zu der Kraft hinaufgewandelt werden, welche den gewordenen physisch-ätherischen Organismus umbilden kann“ (Müller-Wiedemann 1997, S. 40).

Am Fall Peter, einem Kind, das unter Fieberkrämpfen und den damit einhergehenden Entwicklungsstörungen leidet, lassen sich die anthroposophischen Grundgedanken, welche die Heileurythmie bestimmen, noch einmal konkret verdeutlichen (Backhaus 1997, S. 49 ff.). Die Heileurythmistin sieht die Ursache für Peters Anfälle darin, dass sein Ich und sein Astralleib nicht „ordentlich untertauchen“ können in den ätherischen und physischen Leib. Die harmonische Verbindung zwischen den beiden oberen und den beiden unteren Wesensgliedern ist bei ihm gestört. Die therapeutische Wahl der „Tonhöhe“-Übung, d.h. einer eurythmischen Bewegungsfolge zu einer aufsteigenden bzw. absteigenden Melodie, liegt nahe, weil sich „beim Aufsteigen der Tonhöhe Ich und Astralleib vom physischen Leib befreien […], um sich mit dem Geistigen zu verbinden. Beim Hinuntergehen in der Tonhöhe hingegen verbinden sich das Ich und der Astralleib stärker mit dem physischen und dem Ätherleib, als das normalerweise der Fall ist, […] wirkt man demnach der Tendenz, die sich bei Peter in Form von Kinderkrämpfen ausgedrückt hat, therapeutisch entgegen“ (ebd. S. 67).

Das Beispiel zeigt, welche bedeutsame Rolle bei der Falldiagnose und bei der heileurythmischen Therapie die normalwissenschaftlich unbeweisbaren „lebendigen Begriffe“ der esoterischen Menschenkunde Rudolf Steiners spielen: hier die funktionelle Dreigliederung des menschlichen Organismus, dort die vier kosmischen Leiber bzw. Wesensglieder, darüber hinaus Reinkarnation und Karma. Deshalb kann es kaum erstaunen, dass für die Heileurythmie in der Medizin bislang noch kein spezifischer Wirksamkeitsnachweis geführt werden konnte. Gleichwohl können die Kosten für Heileurythmie in der Bundesrepublik Deutschland von den Gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet werden.

7 Quellenangaben

Backhaus, Beate, 1997. Peter. In: Rüdiger Grimm, Hrsg. Heilende Kräfte in der Bewegung: Die Anwendung der Heileurythmie in der Heilpädagogik. Stuttgart: Freies Geistesleben, S. 49–70. ISBN 978-3-7725-1589-7

Barz, Heiner und Dirk Randoll, Hrsg., 2007. Absolventen von Waldorfschulen: Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag. ISBN 978-3-531-15405-3

Bäschlin, Annemarie, 1987. Die Eurythmie-Figuren von Rudolf Steiner, malerisch ausgeführt von Annemarie Bäschlin. Dornach: Rudolf-Steiner-Verlag. ISBN 978-3-7274-3670-3

Carlgren, Frans, 1981. Erziehung zur Freiheit: Die Pädagogik Rudolf Steiners. Frankfurt a.M.: Fischer. ISBN 978-3-596-25502-3

Fulgosi, Leonardo, 1997. Die Impulsierung des Willens durch Heileurythmie. In: Rüdiger Grimm,Hrsg. Heilende Kräfte in der Bewegung: Die Anwendung der Heileurythmie in der Heilpädagogik. Stuttgart: Freies Geistesleben., S. 13–19. ISBN 978-3-7725-1589-7

Kugler, Walter, 1980. Rudolf Steiner und die Anthroposophie: Wege zu einem neuen Menschenbild. Köln: Dumont. ISBN 978-3-7701-2784-9

Müller-Wiedemann, Hans, 1997. Über eine allgemeine Wirksamkeit der Heileurythmie. In: Rüdiger Grimm, Hrsg. Heilende Kräfte in der Bewegung: Die Anwendung der Heileurythmie in der Heilpädagogik. Stuttgart: Freies Geistesleben, S. 38–48. ISBN 978-3-7725-1589-7

Parr, Thomas, 1993. Eurythmie – Rudolf Steiners Bühnenkunst. Dornach: Verlag am Goetheanum. ISBN 978-3-7235-0663-9

Randoll, Dirk, 2013. Fragebogenerhebung. In: Dirk Randoll, Hrsg. „Ich bin Waldorflehrer“: Einstellungen, Erfahrungen, Diskussionspunkte – Eine Befragungsstudie. Wiesbaden: Springer VS-Verlag, S. 67–149. ISBN 978-3-531-19810-1

Skiera, Ehrenhard, 2018. Erziehung und Kontrolle: Über das totalitäre Erbe in der Pädagogik im „Jahrhundert des Kindes“. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. ISBN 978-3-7815-2254-1 [Rezension bei socialnet]

Steiner, Rudolf, 1990. Eurythmie als sichtbare Sprache: Laut-Eurythmie-Kurs. GA 279. 5. Auflage. Dornach: Rudolf Steiner Verlag. ISBN 978-3-7274-2790-9

Steiner, Rudolf, 2003. Heileurythmie. GA 315. 5., überarb. Auflage. Dornach: Rudolf Steiner Verlag. ISBN 978-3-7274-3152-4

Stiehle, Martina, 2013. Eurythmieunterricht in der Heilpädagogik – Grundlagen und Beispiele. In: Götz Kaschubowski und Thomas Maschke, Hrsg. Anthroposophische Heilpädagogik in der Schule: Grundlagen, Methoden, Beispiele. Stuttgart: Kohlhammer, S. 79–92. ISBN 978-3-17-022479-7

Ullrich, Heiner, 2011. Rudolf Steiner: Leben und Lehre. München: C.H. Beck. ISBN 978-3-406-61205-3 [Rezension bei socialnet]

Willmann, Carlo, 1998. Waldorfpädagogik: Theologische und religionspädagogische Befunde. Köln: Böhlau. ISBN 978-3-412-01898-6

Zander, Helmut, 2007. Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschaunng und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. 2. Auflage. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht. ISBN 978-3-525-36753-7

8 Literaturhinweise

Tapfer, Barbara und Annette Weißkircher, 2016. Eurythmietherapie: Ein Übungsbuch. Basel: Futurum Verlag. ISBN 978-3-85636-252-2

Hasler, Stefan und Charlotte Heinritz, Hrsg., 2014. Den eigenen Eurythmieunterricht erforschen. Stuttgart: Pädag. Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfsch. ISBN 978-3-944911-05-2

Beck, Gisela, Axel Föller-Mancini und Stefan Hasler, Hrsg., 2016. Erziehungskünstlerische Motive verwirklichen. Stuttgart: Pädag. Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfsch. ISBN 978-3-944911-28-1

9 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Heiner Ullrich
Institut für Erziehungswissenschaft
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
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Zitiervorschlag
Ullrich, Heiner, 2020. Eurythmie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 18.05.2020 [Zugriff am: 05.12.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Eurythmie

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