Familienaufstellung
Prof. (i.R.) Dr. Hans-Jürgen Balz
veröffentlicht am 18.12.2025
Familienaufstellung ist ein Sammelbegriff für Verfahren zur Darstellung der Personen und ihrer psycho-emotionalen Beziehungen in einer Familie. Durch die Visualisierung mittels Personen oder Materialien im Raum wird die Reflexion über die Beziehungsqualität zwischen den Familienmitgliedern angeregt. Die Betrachtung im zeitlichen Verlauf (insbesondere Gegenwart und Zukunft) kann die gemeinsame Ideensuche für eine Konfliktlösung und Weiterentwicklung des Familiensystems unterstützen.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Entstehung der Methode
- 3 Merkmale und Zielsetzung der Familienaufstellung
- 4 Verwandte Methoden
- 5 Familienbeziehungen – diagnostische Fragen
- 6 Kontext und Ablauf der Aufstellungsarbeit
- 7 Abschließende methodische Hinweise
- 8 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Die Familie als primäre Gruppe besteht aus mindestens zwei Generationen. Ihre Mitglieder erfüllen gemeinsame Aufgaben (Kindererziehung, Versorgung, emotionale Unterstützung u.a.), teilen Intimität, entwerfen und gestalten die gemeinsame Lebensplanung. Die mehrgenerativen Beziehungen in einer Familie basieren auf biologischen Grundlagen und sozialen Übereinkünften (Jungbauer 2022).
Familienaufstellung ist eine diagnostische Methode, um die Rollen und Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sichtbar und besprechbar zu machen. Heiko Kleve (2014, S. 236) hebt die Bedeutung von Aufstellungen zum Umgehen mit Abwehrformen wie Rationalisierung und Intellektualisierung hervor. Die visuellen Eindrücke der Aufstellung vermittelt den Familienmitgliedern unmittelbare und erlebnisintensive Eindrücke der familiären Beziehungen und Beziehungsdynamiken.
In der Aufstellungsarbeit lassen sich ähnlich den Familienskulpturen und dem Familienbrett Annahmen und Hypothesen über die Familie bilden und in Beratung bzw. Therapie zur Reflexion der Familienmitglieder über sich selbst heranziehen (Reich et al. 2024). Insbesondere können in diesem Kontext unausgesprochene Erwartungen, Vermächtnisse und Tabus der Familienmitglieder aufgearbeitet werden (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 366 f.).
Neben den Sichtweisen zur aktuellen IST-Situation der Familienkonstellation (evtl. auch Ereignisse/​Konstellationen in der Vergangenheit) werden von den Berater:innen bzw. Therapeut:innen in der Regel die Vorstellungen der Familienmitglieder zur WUNSCH-Situation erarbeitet und reflektiert. Sie stärken eine entwicklungsorientierte Perspektive. Dies ist insbesondere in familiären Übergangssituationen (z.B. Schulabschluss oder Auszug von Kindern, berufliche Veränderungen eines Elternteils) oder Krisen bedeutsam.
Als verwandte Methoden sind die Familienskulptur, das Familienbrett, der Familiensystemtest (FAST) und die Team- bzw. Organisationsaufstellung zu nennen. In der Skulpturarbeit bilden Gestik, Mimik und Höhenunterschiede zentrale Ausdrucksmittel. Bei Aufstellungen sind dies Nähe-Distanz und die Blickrichtung der Personen.
Eine Variation der Familienaufstellung ist das in den 1970er- und 1980er-Jahren von Bert Hellinger entwickelte Familienstellen, durch seine charismatischen Auftritte vor großen Gruppen in der Öffentlichkeit viel beachtet (Hellinger 1994). Im wissenschaftlichen Kontext überwog die Kritik, da empirische Belege für die Wirksamkeit seiner Methode fehlen. In der systemischen Community wurde die Arbeitsweise Hellinger intensiv diskutiert. Die Potsdamer Erklärung von 2004 (Systemische Gesellschaft 2004) unterstreicht die Position, dass Hellingers Arbeitsweise des Familienstellens zentralen systemischen Grundsätzen widerspricht (auch Schlippe und Schweitzer 2016, S. 70 ff.).
Die systemische Ausrichtung der Aufstellungsarbeit findet sich vertieft umgesetzt und auf weitere Kontexte angewandt bei Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer (2023).
Familienaufstellung ist eine erlebnisaktivierende und wirkmächtige Methode. Ihre Anwendung setzt eine Fortbildung im Kontext von Familienberatung und weiteren systemisch-lösungsfokussierten Methoden voraus (Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen o.J.).
2 Entstehung der Methode
Zu den Vorläufern der Familienaufstellung zählt das von Jacob Moreno entwickelte Psychodrama (Moreno 1974), eine Gruppentherapieform, die eine Bühne oder Spielfläche nutzt, auf der soziale Interaktionen und Beziehungen (re-)inszeniert und modelliert werden. Ziele sind neben einem tieferen Erleben und dem (Selbst-)Verstehen der eigenen und der Rolle anderer eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten der Protagonist:innen (Kriz 2014, S. 228 ff.).
Darstellende Verfahren werden insbesondere mit den systemischen Pionierarbeiten von Virginia Satir (Satir 1990) verbunden. Ihr entwicklungsorientierter Ansatz legt in der Arbeit mit Familien einen Schwerpunkt auf die Familienrekonstruktion, d.h. das Aufarbeiten zentraler familiärer Entwicklungsthemen bzw. -abschnitte unter Bezug auf die aktuelle familiäre Lebenssituation. Auch sucht Satir in ihrer Aufstellungs- und Skulpturarbeit nach Perspektiven für die Stärkung des Selbstwertes, der emotionalen Basis in der Familie und einer konstruktiven wertschätzenden Familienkommunikation (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 280 ff.). Ihre praxisorientierte Vermittlung ihrer Arbeitsweise hat eine breite Rezeption und zahlreiche Weiterentwicklungen angeregt.
3 Merkmale und Zielsetzung der Familienaufstellung
Als verbindende Merkmale der methodisch recht unterschiedlich gestalteten Aufstellungsarbeit benennen Diana Drexler und Rebecca Hilzinger (2015):
- Bei Familienaufstellungen externalisieren die Klient:innen ihr inneres Bild eines Themas der Familie durch Repräsentat:innen.
- Dargestellt werden sollen in der Familienaufstellung „relativ stabile Repräsentanzen von inneren Beziehungsbildern“ (Drexler und Hilzinger 2015, S. 203, Hervorh. durch den Autor). Diese sind keine objektiven Abbilder des Familiensystems, sondern erfahrungsbasiert die je individuelle Perspektive auf die Familiensituation und die verschiedenen Rollen der Familienmitglieder.
- Bei der Aufstellung wird auf mimische und gestische Aspekte wie auch auf Requisiten verzichtet.
- Der Aufstellungsprozess richtet sich auf die Suche nach einem „besseren Platz“ für die Klient:innen. Die Berater:innen begleiten den Prozess mit ihrem Wissen „[…] über kulturell gewachsene Strukturen und Erfahrungswerte über mehrgenerational vermittelte Dynamiken in Systemen“ (Drexler und Hilzinger 2015, S. 203, Hervorh. durch den Autor).
Die handlungsorientierte Arbeit in der Familienaufstellung geht bewusst von der sprachlichen Ebene weg. Durch die für die Familienmitglieder ungewohnte Arbeitsweise besteht die Chance, Kontakt zu bisher nicht besprochenen Aspekten der Familienbeziehungen über Intuition und Körperempfinden zu erreichen. Heiko Kleve (2014, S. 235) bezeichnet dies unter Bezug auf Claude Rosselet und Georg Senoner (2010) als „[…] transverbale Sprache der körperlichen Räumlichkeit […]“. Diese Arbeitsweise hilft, Abwehrformen wie Rationalisierung und Intellektualisierung in der Betrachtung familiärer Beziehungen zu umgehen (Schwing und Fryszer 2006, S. 184).
Den Prozess der Familienaufstellung sollten Berater:innen mit einer offenen und wertschätzenden Grundhaltung begleiten. Dabei unterstützen sie bei der Reflexion der familiären Wirklichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Familienmitglieder können in diesem Prozess in den Austausch gebracht, Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Ansichten reflektiert und Ideen für eine konstruktive Weiterentwicklung der Familienbeziehungen entwickelt bzw. konkretisiert werden (Kleve 2014, S. 235 ff.).
In der Fallsupervision von Fachkräften bieten Aufstellungen ein hilfreiches Instrument, um die Beziehungskonstellation beispielsweise in einer Patchwork- oder Pflegefamilie zu reflektieren und den Berater:innen Anregungen zur Arbeit mit den Familien und zur Klärung ihrer eigenen Rolle in dem Beratungssystem zu geben.
Auch finden Familienaufstellungen Anwendung in der Selbsterfahrung im Rahmen der Aus- und Weiterbildung. Zukünftige Familienberater:innen/​-therapeut:innen sollen sich hierdurch mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen, mögliche blinde Flecke, eigene belastende Erlebnisse (Nichtbeachtung, Kränkungen u.a.) reflektieren. Auch geht es darum, aus der Familiengeschichte Ressourcen zu identifizieren, die die Personen mitbekommen haben (z.B. Kompetenzen, Werte), wertzuschätzen und u.U. in Anwendung zu bringen.
4 Verwandte Methoden
Verwandte handlungsorientierte, darstellende Verfahren sind die Familienskulpturen nach Satir (1990) und das Familienbrett (Ludewig und Wilken 2000). Beide Verfahren werden im socialnet Lexikon unter dem Begriff Skulptur behandelt.
Eine weitere figurale Visualisierungsmethode ist der Familiensystemtest (FAST, Gehring 2024). Ähnlich dem Familienbrett werden dabei mit Figuren die Bindung (Kohäsion) und die Beziehungshierarchien in einer Familie dargestellt und mit den Familienmitgliedern reflektiert. Thomas M. Gehring zeigt darüber hinaus die Verwendung seines Verfahrens für die Arbeit mit Teams und die Analyse von betrieblichen Fragen im Kontext der Arbeits- und Organisationspsychologie auf (Hogrefe Testzentrale 2025).
Eine wirkmächtige Methode zur Analyse der Familiengeschichte ist die Arbeit mit dem Genogramm. In Alltagsanalogie wird dies gelegentlich als Familienstammbaum bezeichnet. Über die Symbole (Repräsentat:innen der Familienmitglieder) vermittelt lassen sich im Genogramm insbesondere generative Beziehungen (Großeltern-Eltern-Kind-Beziehungen) übersichtlich darstellen, besonders relevant bei komplexeren Familiensystemen beispielsweise in Patchwork-Familien.
5 Familienbeziehungen – diagnostische Fragen
In Familien – anders als im Freundes- und Bekanntenkreis – besteht eine unausgesprochene Bilanz über das Geben und Nehmen zwischen den Generationen (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 130 f.). Fragen der Familiendiagnostik richten sich darüber hinaus auf die Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern und die Struktur der Entscheidungen im Familiensystem, die Wünsche und Ängste der Familienmitglieder, die Familiengeschichte und die Lebensentwürfe der Familienmitglieder (Cierpka 2008, S. 11 ff.). Dabei geht es insbesondere um die Erziehungsstile der Eltern, die Paarbeziehung/​-interaktion (hinsichtlich Macht- und Dominanz, Kooperation und Konvergenz u.a.), das Familienklima (Zusammenhalt, Wertorientierung, Konfliktlösungsstrategien u.a.) und die Geschwister- sowie die Mehrgenerationenbeziehungen (Loyalitäten, Aufträge, Beziehungsabbrüche u.a.).
In einer funktionalen Beschreibung ist zwischen dem Paar-, Eltern- und Kinder- bzw. Geschwistersubsystem (evtl. auch Großelternsubsystem) zu unterscheiden. Es stellen sich als familiäre Themen insbesondere Fragen der Alltagsbewältigung (z.B. grundlegende Aufgaben der materiellen Versorgung), der Entwicklungsförderung (z.B. Angebote einer altersgemäßen Entwicklungsförderung für die Kinder) und zum intimen Zusammenleben (z.B. emotionale Sicherheit der Familienmitglieder; Umgang mit Frustration und Aggression).
6 Kontext und Ablauf der Aufstellungsarbeit
Die Aufstellungsarbeit setzt eine differenzierte Auftragsklärung mit den Familienmitgliedern voraus. Dazu gehört es, den Anlass, die Erwartungen, Wünsche und Ziele für die Beratung bzw. Therapie differenziert zu erfragen und eine Übereinkunft (Kontrakt) über das gemeinsame Beratungsthema, -ziel und die Form der Unterstützung durch den oder die Berater:in bzw. die Therapeut:innen zu treffen. Wichtig ist auch, die grundsätzliche Bereitschaft der Familienmitglieder für die Arbeit mit (möglicherweise) unbekannten kreativen Methoden wie der Aufstellungsarbeit zu klären.
Die Aufstellungsarbeit ist in unterschiedlichen Settings möglich: in der Einzelarbeit zu Familienthemen (mit Figuren oder Bodenankern), in der Einzelarbeit an inneren Anteilen, im Gruppensetting (mit Repräsentant:innen) und in Teams als Team- oder Organisationsaufstellung (Drexler und Hilzinger 2015, S. 204 f.).
Ein typischer Ablauf in der Aufstellungsarbeit besteht aus:
- Vereinbarung eines Themas/​einer Frage, für das/die die Aufstellungsarbeit genutzt werden soll (Beziehungs-, Rollen-, familiäre Entwicklungsthemen u.a.)
- Vorbesprechung zu den Zielen, der Arbeitsweise und dem Ablauf der Familienaufstellung
- Auswahl der Person (des Familienmitglieds), die die Aufstellung vornimmt (Aufsteller:in)
- Aufstellung der IST-Situation der Familie repräsentiert durch Stellvertreter:innen oder Materialien (Klötze, Playmobilfiguren o.ä.)
- Bei menschlichen Repräsentant:innen: Befragung der Stellvertreter:innen (für die Familienmitglieder) bezüglich ihrer Empfindungen/Gefühle, der Körperwahrnehmung und spontanen Bewegungsimpulsen
- Beteiligung der aufstellenden Person an der Aufstellung (Hineinstellen in die Aufstellung anstelle des Stellvertreters bzw. der Stellvertreterin) und Befragung hinsichtlich der Gefühle/Empfindungen, Körperwahrnehmung und spontaner Bewegungsimpulse
- (wieder aus der Außenperspektive der aufstellenden Person) Reflexion der Aufstellung mit den anderen Familienmitgliedern. Reflexion über ähnliche und andere Sichtweisen auf die Familiensituation
- Modifikationen der Aufstellung im Sinne der WUNSCH-Situation durch den oder die Aufsteller:in
- Bei menschlichen Repräsentant:innen: Erneute Befragung der Stellvertreter:innen (für die Familienmitglieder) bezüglich ihrer Empfindungen/Gefühle, Körperwahrnehmung und spontaner Handlungsimpulse
- Beteiligung der Aufsteller:in an der Aufstellung (Hineinstellen in die Aufstellung anstelle des Stellvertreters bzw. der Stellvertreterin) und Befragung hinsichtlich der Gefühle/Empfindungen, Körperwahrnehmung und spontaner Handlungsimpulse
- (wieder aus der Außenperspektive der aufstellenden Person) Reflexion der Aufstellung mit den anderen Familienmitgliedern (ähnliche und andere Sichtweisen auf die Familiensituation)
- Abschlussreflexion über die Erfahrungen aus der Aufstellungsarbeit mit den Familienmitgliedern und Anregung des Dialogs über den Transfer für den Familienalltag durch den oder die Berater:in bzw. die Therapeut:innen
- Abschluss (evtl. verbunden mit Beobachtungsaufgaben oder Handlungsideen bzw. „-experimenten“ bis zur nächsten Beratung im Sinne der WUNSCH-Aufstellung).
Ergänzende Elemente in der Aufstellungsarbeit können Stühle zur Repräsentation weiterer Personen, bedeutsamer Haustiere (Hund, Katze u.a.), Institutionen u.a. sein.
Kontraindiziert ist die Aufstellungsarbeit (wie auch die Skulpturarbeit) in prä- oder akut psychotischen Phasen, bei hochstrittigen Familienangehörigen (keine Aufstellung mit den Konfliktparteien) und bei Suizidgefahr.
Als Arten der Aufstellungsarbeit lassen sich unterscheiden:
- Die Gegenwarts- und Vergangenheitsstellung (z.B. vor dem Familienumzug oder der Geburt eines Kindes)
- Die Wunschstellung (beispielsweise nach Überwindung der Familienkrise)
- Die Simultanaufstellung, d.h. die gleichzeitige Bewegung der Familienmitglieder im Raum (ohne Stellvertreter:innen)
- Im Unterschied zur Inside-Out-Perspektive, d.h. die Stellung einer Familienaufstellung durch ein Familienmitglied, eine Outside-In-Perspektive, d.h. die Stellung einer Familienaufstellung durch den oder die Berater:in bzw. Therapeut:in (Kleve 2014, S. 244).
In der inhaltlichen Interpretation werden insbesondere die Nähe-Distanz, die Form der Aufstellung der Personen (z.B. Kreis, Halbkreis, Linie) und der Zusammenhang zwischen Blickrichtung und Beziehungsintensität berücksichtigt. Je nach Fragestellung sind dabei Perspektiven aus einer biografischen, transgenerativen oder gemeinschaftlichen Familienperspektive zu berücksichtigen.
Ein systemisch-konstruktivistisches Vorgehen verfolgen Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd (2023; Sparrer 2009) mit ihren systemischen Strukturaufstellungen. Der Ansatz stellt ein konstruktivistisch-systemisches Verfahren dar, das Bezug zur Hypnotherapie von Milton Erickson nimmt. In diesem Aufstellungsansatz spielt das Pacing eine zentrale Rolle, d.h., sich eng auf die Anliegen, die Sprache und die Körperhaltung der Klient:innen zu beziehen und diesen zu folgen. Neben dem Gebrauch der Sprache der Klient:innen zielt die Arbeit auf den Anschluss an das Gefühlserleben und die Bedürfnisse der Klient:innen. Es wird die Arbeit an den Anliegen in ihrer Bedeutung für den kooperativen Prozess betont (Sparrer 2009, S. 94 ff.).
Ihre Arbeit wenden Sparrer und Varga von Kibéd auf verschiedene Systemarten an (z.B. innere Anteile, Körperstrukturen, Entscheidungen, Teams, ganze Organisationen). Auch hier geht es darum, ein inneres Bild der aufstellenden Personen zu externalisieren. Die Strukturaufstellungen werden von den Autor:innen mit weiteren lösungsfokussierten und systemischen Methoden verbunden (z.B. dem Tetralemma).
Seit 2004 besteht ein Mitgliederverein für die Aufstellungsarbeit (Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen, DGfS), der sich mit der methodischen Weiterentwicklung des Verfahrens, den professionellen Standards zur Qualitätssicherung und den inhaltlichen Kompetenzkriterien für die Aufstellungsarbeit sowie deren Vermittlung in der Fort- und Weiterbildung beschäftigt.
7 Abschließende methodische Hinweise
Mit der Visualisierung sozialer Beziehungen lassen sich menschliche Filter, Projektionen und Tabus umgehen und auch komplexere Beziehungsdynamiken sichtbar, besprechbar und verhandelbar machen. Diese gilt es, für die Familienangehörigen in der Beratung bzw. Therapie nachvollziehbar und gut verständlich zu vermitteln. Die Aufstellungsarbeit braucht eine klare Anleitung und Fokussierung auf die aufstellende Person und die gemeinsame Reflexion des Prozesses, der Wahrnehmung von Emotionen, Gedanken und Körperempfinden der Beteiligten.
Die Aufstellung und ihre Interpretation darf nicht als Wahrheit der beratenden Expert:innen gesehen werden, sondern sie ist immer eine Beschreibung der je individuellen Sicht der aufstellenden Person auf ihre Familie. Auch gilt es, die einzelnen Perspektiven der Familienmitglieder als gleichberechtigt anzusehen und gegenüber abwertenden Äußerungen beispielsweise durch ein besonders dominantes Familienmitglied zu schützen. Neben der oft belastenden IST-Situation in der Aufstellung ist es wichtig, die Aufstellungsarbeit mit einer emotional entlastenden bzw. positiv getönten WUNSCH-Aufstellung zu beenden.
Ob die Aufstellungsarbeit mit Personen bzw. ihren Repräsentat:innen oder doch eher eine Materialarbeit wie das Familienbrett durchgeführt werden, ist neben pragmatischen Gründen auch auf dem Hintergrund der aktuellen Familiensituation zu entscheiden. Das Familienbrett bietet beispielsweise mehr Möglichkeit zur emotionalen Distanz und zur Verlangsamung des Aufstellungsprozesses besonders bei emotional stark belasteten oder konflikthaften Familiensystemen.
Die Durchführung einer professionellen Aufstellungsarbeit setzt eine themenspezifische Qualifizierung im Rahmen einer Fortbildung voraus (Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen o.J.).
8 Quellenangaben
Cierpka, Manfred, Hrsg., 2008. Handbuch der Familiendiagnostik. 3. Auflage. Berlin: Springer. ISBN 978-3-540-78473-9
Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen, [ohne Jahr]. DGfS Anerkannte Weiterbildende in Systemaufstellungen [online]. Krefeld: Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen [Zugriff am: 15.12.2025]. Verfügbar unter: https://systemaufstellung.com/weiterbildende
Drexler, Diana und Rebecca Hilzinger, 2015. Aufstellen lernen und lehren. In: Kirsten Nazarkiewicz und Kerstin Kuschik, Hrsg. Handbuch Qualität in der Aufstellungsleitung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 202–225. ISBN 978-3-525-40467-6
Gehring, Thomas M., 2024. FAST Familiensystemtest: Eine Visualisierungsmethode für die Konzeptualisierung und Evaluation von systemischen Problemlösungen. 3. Auflage. Göttingen: Hogrefe
Hellinger, Bert, 1994. Ordnung der Liebe: Ein Kursbuch. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-927809-31-4
Hogrefe Testzentrale, 2025. FAST: Ein evidenzbasiertes Verfahren für die Visualisierung von Sozialbeziehungen [online]. Göttingen: Hogrefe Verlag, 17.07.2025 [Zugriff am: 15.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.hogrefe.com/de/thema/​fast-ein-evidenzbasiertes-verfahren-fuer-die-visualisierung-von-sozialbeziehungen
Jungbauer, Johannes, 2022. Familienpsychologie Kompakt: Praxiswissen Familienpsychologie. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28880-4
Kleve, Heiko, 2014. Arbeit mit Skulpturen und Aufstellungen. In: Tom Levold und Michael Wirsching, Hrsg. Systemische Therapie und Beratung – das große Lehrbuch. Heidelberg: Carl Auer, S. 234–240. ISBN 978-3-89670-577-8 [Rezension bei socialnet]
Kriz, Jürgen, 2014. Grundkonzepte der Psychotherapie. 7. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28097-6
Ludewig, Kurt und Ullrich Wilken, Hrsg., 2000. Das Familienbrett. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-1329-4
Moreno, Jacob L., 1996 [1974]. Die Grundlagen der Soziometrie: Wege zur Neuordnung der Gesellschaft. 4. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-663-09721-1
Reich, Günter, Michael Stasch, Joachim Walter und Manfred Cierpka, Hrsg., 2024. Handbuch der Familiendiagnostik. 4. Auflage. Heidelberg: Springer. ISBN 978-3-662-66878-8
Rosselet, Claude und Georg Senoner, 2010. Management macht Sinn: Organisationsaufstellungen im Managementkontexten. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-89670-752-9 [Rezension bei socialnet]
Satir, Virginia, 1990. Kommunikation, Selbstwert, Kongruenz. Paderborn: Junfermann. ISBN 978-3-87387-018-5
Schlippe, Arist von und Jochen Schweitzer, 2016. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung 1. 3. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40185-9 [Rezension bei socialnet]
Schwing, Rainer und Andreas Fryszer, 2006. Systemisches Handwerk. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht. ISBN 978-3-525-45372-8 [Rezension bei socialnet]
Sparrer, Insa, 2009. Systemische Strukturaufstellungen. 2. Auflage. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-89670-694-2
Systemische Gesellschaft, 2004. Potsdamer Erklärung der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit [online]. Berlin: Systemische Gesellschaft Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e.V., Juli 2004 [Zugriff am: 19.12.2023]. Verfügbar unter: https://systemische-gesellschaft.de/wp-content/​uploads/2014/01/potsdamer_erklaerg_aufstellarbeit.pdf
Varga von Kibéd, Matthias und Insa Sparrer, 2023. Ganz im Gegenteil Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen. 12. Auflage. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-8497-0515-2 [Rezension bei socialnet]
Verfasst von
Prof. (i.R.) Dr. Hans-Jürgen Balz
von 2002 bis 2023 Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Supervisor, Coach und Weiterbildner im Institut für Lösungsfokussierte Kommunikation (ILK-Bielefeld).
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