socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft
socialnet Lexikon [Work in Progress]
erweiterte Suche
Suche nach Begriff, AutorIn, Schlagwort

Familienrat

Andere Bezeichnung: engl. Family Group Conference
Abkürzungen: FR, FGC

Der Familienrat (Family Group Conference), ist ein Entscheidungsfindungsverfahren, das in Deutschland derzeit vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe Anwendung findet.
Unterstützt von Fachkräften, die für die Information und Begleitung zuständig sind, und KoordinatorInnen, welche die Organisation des Familienrats übernehmen, finden junge Menschen, ihre Familien und ihr soziales Umfeld in krisenhaften Situationen gemeinsam heraus, welche formalen, professionellen Hilfe sie benötigen und welche informelle Unterstützung durch das eigene Netzwerk möglich und hilfreich ist. So können passgenaue und nachhaltige Lösungsmuster entwickelt werden. Dieses Verfahren findet bundesweit Anwendung, sowohl in den Sozialen Diensten der Stadt- und Landkreise als auch bei freien TrägerInnen der Kinder- und Jugendhilfe. Mittlerweile werden Famlienräte, bzw. Conferencing-Verfahren (siehe unten) auch in zahlreichen anderen Praxisfeldern eingesetzt.

Überblick

  1. 1 Ablauf
  2. 2 Bedeutung für die Soziale Arbeit
  3. 3 Hintergrund und internationale Verbreitung
  4. 4 Familienrat in Deutschland
  5. 5 Literaturhinweise
  6. 6 Informationen im Internet

1 Ablauf

Vorbereitung: die fallführende Fachkraft schlägt der Familie einen Familienrat vor und informiert über den Ablauf. Bei Zustimmung wird die Organisation der Konferenz an einen Koordinator oder eine Koordinatorin übertragen. KoordinatorInnen können Fachkräfte (von Freien TrägerInnen) oder geschulte LaiInnen (BürgerkoordinatorInnen) sein. Wichtig ist, dass sie unabhängig vom Jugendamt agieren, sich auf die Organisationsaufgaben beschränken und ansonsten lösungsneutral agieren. Ist der TeilnehmerInnenkreis und ggf. MentorInnen für die Kinder und Jugendlichen gefunden, sind Ort, Zeit und Verpflegung (!) festgelegt, folgt der eigentliche Familienrat.

Der Familienrat selbst besteht aus drei Phasen:

  • Eröffnung und Informationsphase: Der Rat beginnt nach den Vorstellungen und Gepflogenheiten der Familie als Gastgeberin (Begrüßungsrituale). Die zuständige Fachkraft stellt die aktuelle Situation dar und gibt Auskunft über mögliche institutionelle formale Hilfen. Weitere Fachkräfte wie TherapeutInnen oder LehrerInnen können ihre Sicht der Dinge einbringen, sodass alle auf dem gleichen Stand sind. Zu diesem Zeitpunkt wird auch – von der Fachkraft oder durch die Familie selbst – die „Sorge“ (Concern) benannt, für die es während der Konferenz Lösungen zu finden gilt und es wird eine konkrete Aufgabe formuliert
  • „Family-only-Phase“ oder „private Familienzeit“, das zentrale Element des Familienrats: Alle Professionellen verabschieden sich und das Familiennetzwerk bleibt unter sich. Ziel ist es, einen Plan zu entwickeln, in dem festgelegt wird, wer wann welchen Beitrag zur Unterstützung der Kinder oder Jugendlichen leisten kann. Dies wird schriftlich fixiert.
  • Entscheidungs- oder Verhandlungsphase: die Familie informiert die fallführende Fachkraft über den Plan. Diese nimmt die Lösungsvorschläge zustimmend zur Kenntnis, denn jenseits des anwaltschaftlichen Mandats (Kindeswohl) bleibt sie lösungsabstinent. Bleibt eine „Restsorge“, wird der Plan in einer konsensorientierten Verhandlung nachgebessert. In der Regel wird nach drei Monaten oder einem halben Jahr eine Rückmeldung von den Familien eingeholt.

Wesentliche strukturelle Vorgaben des Verfahrens sind:

  • Die Lösungsneutralität der Fachkräfte und KoordinatorInnen ist Voraussetzung.
  • Die Kernfamilie wird mit Hilfe der KoordinatorInnen um ein soziales Netzwerk erweitert, das Verwandte, FreundInnen, NachbarInnen oder VereinskollegInnen einbeziehen kann. Diese „anteilnehmende Gemeinschaft“, übernimmt Verantwortung/Fürsorgeaufgaben.
  • Die Familie ist von organisatorischen Aufgaben entlastet und kann sich auf inhaltliche Fragen konzentrieren.
  • Die Familie kann in der sie angemessenen Weise entsprechend ihrem kulturellen Hintergrund und den familiären Traditionen kommunizieren und für sie passende, „maßgeschneiderte“ Lösungswege finden.
  • Die Verteilung der Last der Verantwortung auf viele Schulter ist ein Beitrag zur Stabilisierung und Aktivierung der Familie und bedeutet vor allem für die Mütter Entlastung, die in der traditionellen Hilfeplanung meist die allein Zuständigen sind.

2 Bedeutung für die Soziale Arbeit

Familienrat hat eine doppelte Bedeutung: zum einen ist es ein konkretes Verfahren, also der Familienrat selbst. Zum anderen ist Familienrat aber auch ein Konzept und eine Haltung, nämlich die des Conferencing-Verfahrens. Dieses bringt Menschen zusammen, die das selbe Anliegen haben und für dieses in einem Forum gemeinsam Regelungen oder Lösungswege erarbeiten. Es geht nicht um Partizipation in einem – von den Sozialen Diensten oder Professionellen – vorgegebenen Rahmen, sondern um Ownership, nämlich die Rückgewinnung der Zuständigkeit und der Verfügungsgewalt über die eigene Lebensgestaltung und damit auch der Lösung von Problemen.

Die Familie, die aus der Perspektive der Sozialen Arbeit Probleme verursacht, übernimmt selbstverantwortlich die Lösung der Probleme. Damit geht ein Paradigmenwechsel einher, der den Fachkräften anstelle der Problemlösungsverantwortung die Aufgabe der Problemlösungsbegleitung zuweist. Die Funktionen Wächteramt und Hilfeplanung werden klar getrennt, womit eine Separierung der Interessenslagen einhergeht und die Rollenkonflikte, die den professionellen Umgang mit den AdressatInnen Sozialer Arbeit belasten, werden minimiert.

3 Hintergrund und internationale Verbreitung

Ursprünglich kommt der Familienrat aus Neuseeland, wo 1989 ein indigener Ansatz aus der Maori-Tradition unter der Bezeichnung „Family Group Conferencing“ (FGC) als verpflichtendes Verfahren in das neue Jugendwohlfahrtsgesetz (Children, Young Persons and Their Families Act) aufgenommen wurde. Mittlerweile ist FGC international verbreitet und in zahlreichen Studien evaluiert.

4 Familienrat in Deutschland

Familienräte finden in Deutschland in einzelnen Kommunen in der Jugendhilfe statt. Von einer flächendeckenden Anwendung kann noch keine Rede sein.

  • Seit 2007 regelmäßige Treffen von engagierten SozialarbeiterInnen im Rahmen des „FR-Netzwerkes“, zu dem mittlerweile auch Initiativen aus der Schweiz und Österreich hinzugekommen sind
  • 2015 Entwicklung von Standards für FR
  • 2018 Gründung eines Dachverbandes: „Netko – Netzwerkkonferenzen e.V. Forum zur Förderung von Conferencing-Verfahren“

Die Ausbildung zu KoordinatorInnen kann bei verschiedenen AnbieterInnen absolviert werden.

Weitere Praxisfelder sind die Jugendgerichtsbarkeit, Angehörigenpflege, Stadtteil-/ Nachbarschaftsorganisation und Schule.

5 Literaturhinweise

Früchtel, Frank und Ute Straub, 2011. Standards des Familienrates. In: Forum Erziehungshilfen, 17(1), S. 47–50. ISSN 1438-5295

Früchtel, Frank und Erzsébet Roth, 2017. Familienrat und inklusive versammelnde Methoden des Helfens. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag. ISBN 978-3-8497-0185-7 [Rezension bei socialnet]

Hör, Heike, 2017. Welche Plätzchen schmecken Ihnen am Besten? Kultur- und Kontextsensibilität – was hat der Familienrat zu bieten? In: Barbara Schäuble und Leonie Wagner, Hrsg. Partizipative Hilfeplanung. Weinheim und Basel: BeltzJuventa, S. 158–171. ISBN 978-3-7799-3696-1 [Rezension bei socialnet]

Straub, Ute, 2017. „Ein Geschenk Neuseelands an die Welt“ – Family Group Conferencing im internationalen Kontext. In: Barbara Schäuble und Leonie Wagner, Hrsg. Partizipative Hilfeplanung. Weinheim und Basel: BeltzJuventa, S. 172–185. ISBN 978-3-7799-3696-1 [Rezension bei socialnet]

Wagner, Leonie, 2017. Familienrat: „Nicht nur eine Methode, sondern eine Haltung“ – Beteiligungsorientierung als Lernprozess. In: Barbara Schäuble und Leonie Wagner, Hrsg. Partizipative Hilfeplanung. Weinheim und Basel: BeltzJuventa, S. 114–126. ISBN 978-3-7799-3696-1 [Rezension bei socialnet]

6 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Ute Straub
FH Frankfurt a.M.
Fb4 Soziale Arbeit und Gesundheit
Mailformular

Es gibt 1 Lexikonartikel von Ute Straub.


Zitiervorschlag
Straub, Ute, 2018. Familienrat [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 07.08.2018 [Zugriff am: 19.11.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Familienrat

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Autorin

Prof. Dr. Ute Straub
Mailformular

veröffentlicht am 07.08.2018

Legende

Link zu Lexikonartikel
Link zu Lexikonartikel in Arbeit
Sprung zu Quellenangaben und Literaturhinweisen

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!