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Familienskulptur

Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz

veröffentlicht am 06.02.2024

Etymologie: lat. familia Gesinde, Dienerschaft; lat. sculpere schnitzen, meißeln

Englisch: family sculpting; family sculpture

Eine Familienskulptur liefert eine bildliche Darstellung der Familienbeziehungen unter Einsatz mimischer und körperlicher Ausdrucksformen. Damit macht die Familienskulptur Annahmen, Hypothesen und innere Bilder über die (eigene) Familie sichtbar und im Körperausdruck emotional erlebbar.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Entstehungskontext
  3. 3 Zielsetzung
  4. 4 Verwandte Methoden
  5. 5 Diagnose von Familienbeziehungen
  6. 6 Arbeitsgrundsätze, Ablauf und Formen der Skulpurarbeit
  7. 7 Grenzen und Kritik
  8. 8 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Die Familienberatung und die Familientherapie richten sich insbesondere auf die Reflexion der Familienrollen und -beziehungen, die wechselseitigen Erwartungen der Familienmitglieder, die Aufarbeitung von Konflikten und eine verbesserte Kommunikation (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 366 f.). Dafür ist es hilfreich, die Familienbeziehungen im Sinne des Externalisierens innerer Familienbilder sichtbar zu machen und die Familienmitglieder anzuleiten, über die Familiendynamik gemeinsam zu reflektieren.

Familienskulpturen stellen ein handlungsorientiertes und erlebnisaktivierendes Verfahren dar. Dabei werden einzelne Familienmitglieder – in der Literatur wird hierfür die Metapher des Bildhauers oder der Bildhauerin gebraucht – bzw. die Familie gemeinschaftlich dazu eingeladen, eine Skulptur zu erstellen, die ihre Eindrücke von der aktuellen Beziehungssituation der eigenen Familie wiedergeben. Neben der IST-Skulptur (oder einer Skulptur für einen früheren Zeitpunkt in der Familiengeschichte) liefert die in einem zweiten Schritt mit den Familienmitgliedern erarbeitete WUNSCH-Skulptur Impulse für den Dialog über Veränderungen der Familiensituation (Arnold, Joraschky und Cierpka 2008, S. 305 ff.).

Bei den Familienskulpturen werden häufig Stellvertreter:innen für die Familienmitglieder eingesetzt. Erstaunlich ist die bei den Stellvertreter:innen häufig anzutreffende Fähigkeit, sich in die Gefühle der von ihnen vertretenen Person hineinzuversetzen und aus dieser Position heraus Emotionen (Wohlbefinden, Bedrückung, Beengung u.a.) auszudrücken, die häufig dem Empfinden der Familienmitglieder entsprechen. Dieser Effekt wird repräsentative Wahrnehmung (Sparren 2009a, S. 103) genannt. 

Ihren Einsatz haben Skulpturen in der Familienberatung/​-therapie, aber auch beim Teamcoaching und in der Organisationsberatung/​-entwicklung. Sie werden insbesondere im systemischen Ansatz verortet, die Skulptur- und Aufstellungsarbeit findet sich jedoch auch im Psychodrama und z.T. in der gestalttherapeutischen Arbeit (Kriz 2014).

Zu den weiteren darstellenden Methoden in der Familienberatung und -therapie gehören neben Skulpturen Aufstellungen und die Arbeit mit Materialien (z.B. dem Familienbrett).

2 Entstehungskontext

Sucht man nach den Vorläufern der Skulpurarbeit, so ist auf Jacob Moreno, den Begründer der Soziometrie und des Psychodramas, zu verweisen (Moreno 1974). Die von ihm entwickelte Gruppentherapieform gehört zu den Beratungs-/​Therapieansätzen der Humanistischen Psychologie. Das Psychodrama arbeitet an den innerpsychischen Strukturen einer Person und gebraucht dafür eine Bühne oder Spielfläche, auf der ein:e Protagonist:in sein bzw. ihr Thema (z.B. einen Konflikt) darstellt und von dem oder der Spielleiter:in (dem Therapeuten bzw. der Therapeutin) im aktuellen Erleben (im Hier und Jetzt), in der Analyse und Bearbeitung seines bzw. ihres Themas begleitet und angeleitet wird. Ziel ist neben einem tieferen Erleben und dem (Selbst-)Verstehen der eigenen und der sozialen Rolle anderer eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten der Protagonist:innen (Kriz 2014, S. 228 ff.).

Als Entwicklerin von Familienskulpturen und der Skulpturarbeit allgemein ist Virginia Satir (Satir 1990) zu nennen (weitere Vertreter:innen sind Peggy Papp, Fred und Bunny Duhl). Ihr entwicklungsorientierter Ansatz richtet sich auf die Analyse und das Verstehen von Familienbeziehungen im Rahmen der Familienrekonstruktion (Aufarbeitung zentraler familiärer Entwicklungsabschnitte) der aktuellen familiären Lebenssituation. Auch wird in der Skulpturarbeit nach Perspektiven für eine konstruktive wertschätzende Familienkommunikation gesucht (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 280 ff.).

Virginia Satir arbeitete im Sozialdienst, in der Elternberatung und in der Familientherapie. Sie gehörte zum Gründungsteam des Mental Research Institut in Palo Alto, einer Forschungseinrichtung, in der die systemische Grundlagenforschung und Anwendungsarbeit systemischer Beratung und Therapie ihren Ausgangspunkt nahm.

3 Zielsetzung

Zielsetzung der Arbeit mit Familienskulpturen ist die Sichtbarmachung von familiären Rollen, Beziehungsmustern und -dynamiken (Wienands 2003). Die Verdeutlichung wesentlicher Themen des familiären Systems gilt es mit einer experimentierenden, offenen und wertschätzenden Grundhaltung bei der Reflexion der familiären Wirklichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verbinden. Die Familienmitglieder werden bei der Skulpturarbeit in ihrem emotionalen Erleben von Beziehungen im Familienkontext unterstützt (Schlippe und Kriz 1993). Die handlungsorientierte Arbeit in der Familienskulptur ist weniger auf sprachliche Ausdrucksfähigkeit angewiesen, sondern setzt auf die Kraft der Intuition und des Körperempfindens und hilft damit, Abwehrformen wie Rationalisierung und Intellektualisierung in der Betrachtung familiärer Beziehungen zu umgehen (Schwing und Fryszer 2006, S. 184).

Die diagnostische und therapeutische Funktion in Beratung und Therapie liegt in der Hypothesenbildung zur Familienstruktur, zu familiären Rollen und -dynamiken. Über die unterschiedlichen Sichtweisen der Familienmitglieder gilt es einen Austausch zu fördern, Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Ansichten zu reflektieren und durch Veränderungen in der Familienskulptur Ideen für eine konstruktive Weiterentwicklung der Familien anzustoßen (Arnold, Joraschky und Cierpka 2008, S. 305 ff.).

Auch haben Familienskulpturen ihre Funktion in der Selbstanalyse in der Aus- und Weiterbildung. Für zukünftige Familienberater:innen/​-therapeut:innen gilt es, sich mit ihren eigenen Erfahrungen in der Ursprungsfamilie auseinanderzusetzen, um ihre Werte, Ideen und Vorstellungen zu Partnerschaft, Geschlechterrollen und Familie vertiefend zu reflektieren.

4 Verwandte Methoden

Verwandte Verfahren sind das Familienstellen von Bert Hellinger (1994), die Strukturaufstellungen nach Insa Sparren und Matthias Varga von Kibéd (2000), das Familienbrett (Ludewig und Wilken 2000) und die Arbeit mit Materialien (dazu auch Arnold, Joraschky und Cierpka 2008).

Das Familienstellen ist in der von Bert Hellinger praktizierten Form einem breiten Interessent:innenkreis (Fachkolleg:innen und Klient:innen) bekannt geworden. Anders als bei der Arbeit an Familienskulpturen, bei der im Vorfeld zahlreiche Informationen zur Lebenssituation der Familie erfragt werden, setzt das Familienstellen nach Hellinger bewusst auf wenige strukturelle Basisinformationen. Es eröffnet die Aufstellungsarbeit mit Stellvertreter:innen relativ schnell, um die intuitiven körperbezogenen Impulse beim Aufstellen und das „innere Bild“ der Familie gegenüber den (ideal-gewünschten) gedanklichen Bildern der Familie zu stärken (Sparren 2009a, S. 105 f.). Auch werden hier bei der Aufstellung der Stellvertreter:innen für die Familienmitglieder lediglich Nähe und Distanz und die Blickrichtung als zentrale Elemente der Aufstellung gebraucht. Mimische und gestische Elemente der Körperhaltung (z.B. der Arme und Hände) werden nicht verwendet.

Anders als bei Satir, die die zukünftige Ausgestaltung der Familienbeziehungen (WUNSCH-Aufstellung) in die Verantwortung der Familienmitglieder im Sinne eines Aushandelns zwischen den Beteiligten legt, geht das normative Familienmodell von Hellinger von einer Ursprungsordnung aus. Mindestens in den westlichen Ländern sind danach die Eltern in einem höheren Rang als die Kinder. Dies gelte generell für alle früher geborenen Mitglieder der Familie. Zu Störungen kommt es, wenn die Ursprungsordnung nicht respektiert wird, beispielsweise durch die Anmaßung eines Systemmitglieds, das einen ihm oder ihr nicht gemäßen Platz in der Familie einnimmt (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 70 f.).

Weitere Auslöser für Störungen in der Familie sind beispielsweise der Ausschluss eines Familienangehörigen (z.B. das nicht gesehene ungeborene Kind), der fehlende Ausgleich zwischen Geben und Nehmen in der Familie und die fehlende Hinwendung der Kinder zu den Eltern (Arnold, Joraschky und Cierpka 2008, S. 305 ff.). Mit diesen Problemmustern und den Lösungsentwürfen dazu nimmt Hellinger für sich in Anspruch, die Wahrheit der Heilung von Familien zu kennen und setzt seine Sichtweise im Heilungsprozess (dem Lösen der Verstrickung durch Umstellen, durch ein Ritual oder einen heilenden Satz) als gesetzt durch. Dies erfolgt ohne direkten Rückbezug zu den Klient:innen als eine Art Verschreibung (Autoritätsgefälle).

Auch kommt in seinem Ansatz der Nachbetreuung der Familie und der Begleitung beim Transfer der Aufstellungsarbeit in den familiären Alltag keine explizite Bedeutung zu. Insofern polarisiert die Aufstellungsarbeit von Hellinger. So üben die systemischen Fachverbände umfangreiche Kritik an seinem Ansatz, da hier zahlreiche systemische Arbeitsgrundsätze und -prinzipien unberücksichtigt bleiben (Potsdamer Erklärung der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit; Systemische Gesellschaft 2004).

Ein systemisch-konstruktivistisches Vorgehen verfolgen Insa Sparren und Matthias Varga von Kibéd (2000) mit ihren systemischen Strukturaufstellungen. Der Ansatz ist für die Arbeit an verschiedenen Systemarten nutzbar (z.B. innere Anteile, Körperstrukturen, Entscheidungen, Teams, ganze Organisationen). Auch hier geht es darum, ein inneres Bild der aufstellenden Person zu externalisieren. Die Arbeitsweise nimmt Bezug zur Hypnotherapie von Milton Erickson, in der das Pacing (Gebrauch der Sprache der Klient:innen und Anschluss an ihr Gefühlserleben und ihre Bedürfnisse) und die Arbeit an den Anliegen in ihrer Bedeutung für den kooperativen Prozess betont wird (Sparren 2009b, S. 94 ff.). In den Strukturaufstellungen geht es den Autor:innen nicht vorrangig um die Anwendung im Kontext des Familienstellens, sondern sie verbinden ihren Ansatz mit weiteren lösungsfokussierten und systemischen Methoden (z.B. dem Tetralemma).

Das Familienbrett wurde von Ulrich Wilken, Kurt Ludewig und Mitarbeitern entwickelt (Ludewig und Wilken 2000). Es besteht aus einem 50 x 50 cm großen Brett (als Bühne) mit innerer Stellfläche und einem Rand von 5 cm (Raum außerhalb des Systems). Daneben gibt es Holzfiguren (runde und viereckige) in zwei Größen mit einem skizzierten Gesicht, sowie drei farbige Figuren. Die Zusatzfiguren können im weiteren Verlauf der Aufstellungsarbeit spezifische Personen, Institutionen oder relevante Dinge repräsentieren (z.B. den Familienrichter, das Jugendamt, die Flasche des Alkoholikers).

Auch das Familienbrett dient der Darstellung der Familienstruktur und Funktionen in der Familie. Das Stellen der Familienstruktur kann im Kontext wichtiger Ereignisse (z.B. Geburt eines Kindes, Krankheit, Tod eines Angehörigen) zur Beschreibung von und der Kommunikation über Veränderungen in der Familienstruktur genutzt werden (Ludewig und Wilken 2000). Methodischer Vorteil ist dabei, dass dies auch in der Einzelberatung angewandt werden kann.

Für die Auswertung des Familienbretts ist die Entfernung zwischen den Figuren Ausdruck für emotionale Nähe bzw. Distanz, Kontakthäufigkeit, aber auch Abgelöstheit bzw. Abhängigkeit. Auch ist die Blickrichtung Indikator für die Beziehungsintensität. Die Größe der Figuren und die Reihenfolge der Platzierung sind in ihrer Bedeutung für den bzw. die Aufstellende:n jeweils im Gespräch zu erfragen. Durch die Arbeit mit den Figuren fehlt die körperliche und emotionale Wahrnehmung (z.B. durch die Stellvertreter:innen). Zwar sind auch hier ein Perspektivwechsel und ein Externalisieren der internen Bilder über die Familie möglich, dieser Prozess erfolgt jedoch deutlich distanzierter und über die Sprache vermittelt. Die Arbeit mit dem Familienbrett ist besonders bei komplexen Familienkonstellationen hilfreich.

Arnold et al. (2008) geben als weitere darstellende Verfahren u.a. das Genogramm, das freie Handpuppenspiel, den Familien-System- und den Scenotest an.

5 Diagnose von Familienbeziehungen

In einer Familie leben mindestens zwei Generationen – Eltern und Kinder – zusammen. Familie zielt auf Stabilität und Sicherheit für ihre Mitglieder ab. Bindungskommunikation, intime und intergenerative Beziehungen unterscheiden sie von anderen sozialen Systemen wie Freundeskreisen und Arbeitsgruppen. Es besteht ein intergenerativer (unausgesprochener) Vertrag des Gebens und Nehmens zwischen den Generationen (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 130 f.). Aus gesellschaftlicher Perspektive sichert die Familie die Reproduktion der Gesellschaft und die Aufzucht der Kinder.

Es lassen sich in Familien drei strukturelle Ebenen finden: das Individuum, die Dyade bzw. Triade (z.B. der Geschwister) und das Familiensystem insgesamt (Cierpka 2008, S. 25 ff.). In einer funktionalen Beschreibung ist zwischen dem Paar-, Eltern- und Kinder/bzw. Geschwistersubsystem zu unterscheiden. Es stellen sich als familiäre Themen insbesondere Fragen:

  1. zur Alltagsbewältigung: Wie organisiert die Familie die zentralen Funktionen zu ihrem Fortbestand (z.B. grundlegende Aufgaben der materiellen Versorgung)?
  2. zur Entwicklungsförderung: Welche Angebote der Entwicklungsförderung werden den Kindern bereitgestellt? Sind diese Angebote altersentsprechend?
  3. zum intimen Zusammenleben: Wie wird die (emotionale) Sicherheit der Familienmitglieder gewährleistet? Wie wird mit Affekten umgegangen (z.B. Frustration und Aggression)? Gibt es für die Kinder Regressionsmöglichkeiten?

Fragen der Diagnostik der Familie richten sich auf die Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern und die Struktur der Entscheidungen im Familiensystem, die Wünsche und Ängste der Familienmitglieder, die Familiengeschichte und die Lebensentwürfe der Familienmitglieder (Cierpka 2008, S. 11 ff.). Dabei geht es insbesondere um die Erziehungsstile der Eltern, die Paarbeziehung/​-interaktion (hinsichtlich Macht- und Dominanz, Kooperation und Konvergenz), das Familienklima (Zusammenhalt, Wertorientierung, Konfliktlösungsstrategien) und die geschwisterliche und Mehrgenerationenbeziehungen (Loyalitäten, Aufträge).

6 Arbeitsgrundsätze, Ablauf und Formen der Skulpurarbeit

Die Skulpturarbeit zielt auf Selbstreflexion (nicht Ausgesprochenes besprechbar zu machen) und Stärkung der Eigenverantwortung der Familienangehörigen. Durch die Skulpturarbeit gelingt es, die Komplexität des Familiengeschehens zu reduzieren ohne zu simplifizieren. Ludewig und Wilken (2000, S. 5) nennen dies eine „komplexitätserhaltende Komplexitätsreduktion“.

Ausgangspunkt für die Skulpturarbeit sind die in der Auftragsklärung formulierten Anliegen, Wünschen und Bedürfnissen der Familie (Schwing und Fryzer 2006, S. 104 ff.). Neben einer wertschätzenden und ressourcenorientierten Grundhaltung gilt es für die Berater:innen, eine systemisch-konstruktivistische Grundhaltung einzunehmen, d.h. die in der Skulpturarbeit gefundenen Beziehungsbilder nicht als Wahrheit, sondern als eine Sicht auf die Familie zu sehen und neben der Sicht des Bildhauers bzw. der Bildhauerin weitere Betrachtungen und Hypothesen über die Familiendynamik der anderen Familienmitglieder anzuregen.

Entscheidet sich der Berater bzw. die Beraterin dazu, der Familie die Skulpturarbeit als Methode vorzuschlagen, braucht es nach einer Beschreibung der Methode mit seinen Zielen und Abläufen das Einverständnis der Familienangehörigen. Die Skulpturarbeit erfordert eine klare Anleitung bei den Ablaufschritten und Fokussierung auf die darstellende Person, da die Skulpturarbeit für die beteiligten Personen emotional intensiv und dauerhaft einprägsam ist.

Der Einstieg in die Skulpturarbeit wird erleichtert durch den frühzeitigen Einsatz von Skulpturelementen bzw. „Miniskulpturen“ beispielsweise zu einem Beziehungsaspekt (Schlippe und Schweitzer 2016, S. 280 f.). Kontraindiziert ist Skulpturarbeit in prä- oder akut psychotischen Phasen und bei Suizidgefahr.

Ein typischer Ablauf in der Skulpturarbeit (mit Stellvertreter:innen) besteht aus:

  • Vorbesprechung zu den Zielen, der Arbeitsweise und den Abläufen der Skulpturarbeit
  • Auswahl des Bildhauers oder der Bildhauerin
  • Aufstellung der IST-Situation der Familie repräsentiert durch Stellvertreter:innen
  • Befragung der Stellvertreter:innen (für die Familienmitglieder) bezüglich ihrer Empfindungen/Gefühle und Körperwahrnehmung/​-impulse
  • Beteiligung des Bildhauers bzw. der Bildhauerin an der Skulptur (Hineinstellen in die Skulptur anstelle des Stellvertreters bzw. der Stellvertreterin) und Befragung hinsichtlich der Gefühle/Empfindungen und Körperwahrnehmung/​-impulse
  • Reflexion der Skulptur mit den anderen Familienmitgliedern (ähnliche und andere Sichtweisen auf die Familiensituation)
  • Modifikationen der Skulptur im Sinne der WUNSCH-Situation durch den Bildhauer bzw. die Bildhauerin
  • Erneute Befragung der Stellvertreter:innen (für die Familienmitglieder) bezüglich ihrer Empfindungen/Gefühle und Körperwahrnehmung/​-impulse
  • Beteiligung des Bildhauers bzw. der Bildhauerin an der Skulptur (Hineinstellen in die Skulptur anstelle des Stellvertreters bzw. der Stellvertreterin) und Befragung hinsichtlich der Gefühle/Empfindungen
  • Reflexion der Skulptur mit den anderen Familienmitgliedern (ähnliche und andere Sichtweisen auf die Familiensituation)
  • Abschlussreflexion über die Erfahrungen aus der Skulpturarbeit mit den Familienmitgliedern und Anregung des Dialogs über den Transfer für den Familienalltag durch den oder die Berater:in
  • Abschluss.

Ergänzende Elemente in der Skulpturarbeit können Stühle (zur Repräsentation weiterer Personen, Institutionen), relevante Dinge (z.B. die Flasche des Alkoholabhängigen, ein Podest zur Darstellung der Dominanz einer darauf stehenden Person), Metaphern für die prägnante Beschreibung der Familiensituation/​-dynamik und Bewegungsabläufe (einzelne:r Stellvertreter:innen) zur Darstellung von Körperimpulsen in der Skulptur sein.

Als Arten von Skulpturen können unterschieden werden:

  • Die Gegenwarts- und Vergangenheitsstellung (z.B. vor der Geburt eines Kindes)
  • Die Wunschstellung (nach Überwindung der Familienkrise)
  • Die Simultanskulptur, d.h. die gleichzeitige Bewegung der Familienmitglieder im Raum (ohne Stellvertreter:innen)
  • Die Inside-Out-Perspektive, d.h. die Stellung einer Familienskulptur durch ein Familienmitglied
  • Die Outside-In-Perspektive, d.h. die Stellung einer Familienskulptur oder der Einsatz von Skulpturelementen durch den Berater bzw. die Beraterin (Kleve 2014, S. 244).

7 Grenzen und Kritik

Darstellende Verfahren eignen sich, um komplexe soziale Strukturen sichtbar, kommunizierbar und verhandelbar zu machen. Sie müssen jedoch für den jeweiligen Beratungs-/​Therapieprozess zielgerichtet eingeführt und für die Familienangehörigen nachvollziehbar und gut verständlich eingebunden werden. In diesem Zusammenhang darf die Faszination der Beraterin oder des Beraters für die Methode nicht zu einer Überhäufung der Familienmitglieder mit Eindrücken und Empfindungen aus der Skulpturarbeit (z.B. durch häufiges Umstellen) führen. Die Arbeit braucht eine klare Anleitung und Fokussierung auf die darstellende Person, den oder die Bildhauer:in.

Von besonderer Bedeutung ist die systemisch-konstruktivistische und wertschätzende Grundhaltung des Beraters bzw. der Beraterin, d.h. jede Skulptur ist immer nur eine Beschreibung der je individuellen Sicht des Bildhauers oder der Bildhauerin auf ihre Familie und nicht die Wahrheit über die Familiensituation. Auch gilt es, die einzelnen Perspektiven der Familienmitglieder als gleichberechtigt stehenzulassen und gegenüber abwertenden Äußerungen beispielsweise durch ein besonders dominantes Familienmitglied zu schützen. Aufgrund der emotional intensiven Arbeit gilt die Arbeit mit der Familienskulptur möglichst mit einer emotional entlastenden bzw. positiv getönten „Figur“ (z.B. Wunschaufstellung) zu beschließen.

Bei der Auswahl des Bildhauers oder der Bildhauerin ist zu berücksichtigen, dass Kinder in Loyalität zu ihren Eltern stehen und hier einem starken sozialen Druck ausgesetzt sein können. Insofern sollte als Bildhauer:in eher ein (junger) Erwachsener aus der Familie gewählt werden.

Ob in der aktuellen Familiensituation die emotional intensive Skulpturarbeit mit Personen oder doch eher eine Materialarbeit wie das Familienbrett fachlich angemessener ist, gilt es auf dem Hintergrund der Familiensituation abzuwägen. Das Familienbrett bietet beispielsweise mehr Möglichkeit zur emotionalen Distanz und zur Verlangsamung des Aufstellungsprozesses besonders bei emotional stark belasteten oder konflikthaften Familiensystemen. Dies einzuschätzen und eine professionelle Skulptur- bzw. Aufstellungsarbeit anzuleiten, benötigt eine fundierte fachliche Qualifizierung im Rahmen einer Fortbildung.

8 Quellenangaben

Arnold, Stephan, Peter Joraschky und Astrid Cierpka, 2008. Skulpturverfahren. In: Manfred Cierpka, Hrsg. Handbuch der Familiendiagnostik. 3. Auflage. Heidelberg: Springer, S. 305–333. ISBN 978-3-540-78473-9

Cierpka, Manfred, Hrsg., 2008. Handbuch der Familiendiagnostik. 3. Auflage. Berlin: Springer. ISBN 978-3-540-78473-9

Hellinger, Bert, 1994. Ordnung der Liebe: Ein Kursbuch. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-927809-31-4

Kleve, Heiko, 2014. Arbeit mit Skulpturen und Aufstellungen. In: Tom Levold und Michael Wirsching, Hrsg. Systemische Therapie und Beratung – das große Lehrbuch. Heidelberg: Carl Auer, S. 234–240. ISBN 978-3-89670-577-8 [Rezension bei socialnet]

Kriz, Jürgen, 2014. Grundkonzepte der Psychotherapie. 7. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28097-6

Ludewig, Kurt und Ullrich Wilken, Hrsg., 2000. Das Familienbrett. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-1329-4

Moreno, Jacob L., 1996 [1974]. Die Grundlagen der Soziometrie: Wege zur Neuordnung der Gesellschaft. 4. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-663-09721-1

Satir, Virginia, 1990. Kommunikation, Selbstwert, Kongruenz. Paderborn: Junfermann. ISBN 978-3-87387-018-5

Schlippe, Arist von und Jürgen Kriz, 1993. Skulpturarbeit und zirkuläres Fragen. In: Integrative Therapie. 19(3), S. 222–241. ISSN 0342-6831

Schlippe, Arist von und Jochen Schweitzer, 2016. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung 1. 3. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 164–174. ISBN 978-3-525-40185-9 [Rezension bei socialnet]

Schwing, Rainer und Andreas Fryszer, 2006. Systemisches Handwerk. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht. ISBN 978-3-525-45372-8 [Rezension bei socialnet]

Sparren, Insa, 2009a. Wunder, Lösung und System. 5. Auflage. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-89670-712-3

Sparren, Insa, 2009b. Systemische Strukturaufstellungen. 2. Auflage. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-89670-694-2

Sparren, Insa und Matthias Varga von Kibéd, 2000. Ganz im Gegenteil Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen. Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-89670-121-3

Systemische Gesellschaft, 2004. Potsdamer Erklärung der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit [online]. Berlin: Systemische Gesellschaft Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e.V., Juli 2004 [Zugriff am: 19.12.2023]. Verfügbar unter: https://systemische-gesellschaft.de/wp-content/​uploads/2014/01/potsdamer_erklaerg_aufstellarbeit.pdf

Wienands, András, 2003. Zur Verwendung der systemischen Familienskulptur in der Arbeitsweise von Peggy Papp, Virginia Satir, sowie Fred und Bunny Duhl [online]. Köln: Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e.V. [Zugriff am: 19.12.2023]. Verfügbar unter: https://dgsf.org/service/​wissensportal/​andras-wienands-zur-verwendung-der-systemischen-familienskulptur-..

Verfasst von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Balz, Hans-Jürgen, 2024. Familienskulptur [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 06.02.2024 [Zugriff am: 27.02.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/9258

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