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Fetales Alkoholsyndrom

Abkürzung: FAS

Veraltete Bezeichnung: Alkoholembryopathie

Englisch: Fetal alcohol syndrome

Medizinischer Disclaimer: Herausgeber und AutorInnen haften nicht für die Richtigkeit der Angaben. Beiträge zu Gesundheitsthemen ersetzen keine ärztliche Beratung und richten sich nur an Fachleute.

Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft führt häufig zu schweren Schäden beim ungeborenen Kind, die sich sehr unterschiedlich auswirken können und die Betroffenen lebenslang beeinträchtigen. Sie werden unter dem Oberbegriff Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD – fetal alcohol spectrum disorders) zusammengefasst. Hierzu gehören vier Krankheitsbilder; das Fetale Alkoholsyndrom stellt hierbei die schwerste Störung – das Vollbild – dar. Die betroffenen Kinder sind zu klein für ihr Alter, haben typische Gesichtsfehlbildungen und sind häufig lern- oder geistig behindert. Das Fetale Alkoholsyndrom ist die häufigste Einzelursache für geistige Behinderung in Deutschland. Lebenslang bestehen auch bei Betroffenen ohne geistige Behinderung Verhaltensauffälligkeiten, die die Alltagsbewältigung im Kindes- und im Erwachsenenalter stark erschweren. Viele betroffene Erwachsene sind als Kinder nicht diagnostiziert worden.

Überblick

  1. 1 Diagnose
  2. 2 Diagnostische Kriterien der S3 Leitlinie für 0-18-Jährige
  3. 3 Quellenangaben
  4. 4 Literaturhinweise
  5. 5 Informationen im Internet

1 Diagnose

Eine nun in überarbeiteter Fassung vorliegende S3 Leitlinie zur Diagnose der Fetalen Alkoholspektrumstörungen (Landgraf und Heinen 2016) gibt für den deutschsprachigen Raum evidenz- und konsensbasierte Empfehlungen bezüglich diagnostischer Kriterien für die Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) und ihrer Unterformen bei Kindern und Jugendlichen (0 bis 18 Jahre). So ist inzwischen die Diagnostik im Kindesalter in vielen Fachzentren möglich.

Eine Diagnostik im Erwachsenenalter ist nach wie vor nicht leicht und wird nur in wenigen Fachzentren in Deutschland umfassend durchgeführt. Die diagnostischen Klassifikationssysteme der Erwachsenenpsychiatrie benützen eine andere Terminologie. Im DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage) kann die Störung als Störung der neuronalen und mentalen Entwicklung bei pränataler Alkoholexposition klassifiziert werden, zum anderen wird bei Störungen, zu denen Forschungsbedarf besteht, die Verhaltensstörung aufgrund Pränataler Schädigung durch Alkohol im DSM-5 beschrieben (Falkai und Wittchen 2015). Im ICD-10 gibt es die veraltete Begrifflichkeit Alkoholembryopathie Q 86.0, allerdings nicht bei den psychiatrischen Diagnosen, sondern in der Rubrik der Entwicklungsstörungen (DIMDI 2018). Im ICD-11 wird sich das Fetale Alkoholsyndrom (wie im ICD-10 bei den Entwicklungsstörungen) in der ins Deutsche zu übersetzenden Gruppe: „Toxic or drug-related embryofetopathies“ finden lassen (WHO 2019).

2 Diagnostische Kriterien der S3 Leitlinie für 0-18-Jährige

Ein FASD-erfahrener Leistungserbringer sollte für die Diagnose FAS folgende Auffälligkeiten feststellen:

  • Mindestens 1 Wachstumsauffälligkeit: Geburts- oder Körpergewicht, Geburts- oder Körperlänge oder Body Mass Index. Die Kinder sind erheblich zu klein für ihr Alter.
  • 3 typische Gesichtsauffälligkeiten: Kurze (schmale) Lidspalten, verstrichenes Philtrum (Rinne zwischen Nase und Oberlippe) und schmale Oberlippe
  • Mindestens 1 Auffälligkeit des Zentralnervensystems: Zu kleiner Kopf, Intelligenzminderung oder mehrere Teilleistungsstörungen mit oder ohne Epilepsie
  • Der Alkoholkonsum der leiblichen Mutter während der Schwangerschaft sollte bei der Diagnosestellung eines FAS evaluiert werden. Wenn Auffälligkeiten in den drei übrigen diagnostischen Säulen bestehen, soll die Diagnose eines Fetalen Alkoholsyndroms auch ohne Bestätigung eines mütterlichen Alkoholkonsums während der Schwangerschaft gestellt werden.

Eine rechtzeitige Diagnostik ermöglicht es, die Kinder in der Lebensbewältigung, im Kindergarten und in der Schule entsprechend zu fördern und die Eltern, Pflege- oder Adoptiveltern besser zu unterstützen. Auch bei optimaler Förderung bleiben jedoch lebenslang Beeinträchtigungen bestehen.

3 Quellenangaben

Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), 2018. ICD-10-WHO Version 2019 [online]. Köln: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information. 24.08.2018 [Zugriff am: 27.11.2019]. Verfügbar unter: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2019/block-q80-q89.htm#Q86

Falkai, Peter und Hans-Ulrich Wittchen, 2015. Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2599-0

Landgraf, Mirjam N. und Florian Heinen, 2016. S3 Leitlinie Fetale Alkoholspektrumstörung [online]. Berlin: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) e.V., 01.02.2016 [Zugriff am: 26.11.2019]. Verfügbar unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/022-025k_S3_Fetale_Alkoholspektrumstoerung_Diagnostik_FASD_2016-06.pdf

World Health Organization (WHO), 2019. ICD 11 for Mortality and Morbidity Statistics (Version: 04 / 2019) [online]. LD2 F.00 Foetal alcohol syndrome. Genf: World Health Organization [Zugriff am: 26.11.2019]. Verfügbar unter: https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http://id.who.int/icd/entity/362980699

4 Literaturhinweise

Becker, Gela, Klaus Hennicke, Michael Klein und Mirjam Landgraf, Hrsg., 2019. Erwachsene mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen. 2. Auflage. Berlin: De Gruyter. ISBN 978-3-11-059595-6

5 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 8 Lexikonartikel von Annemarie Jost.


Zitiervorschlag
Jost, Annemarie, 2019. Fetales Alkoholsyndrom [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 19.12.2019 [Zugriff am: 26.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Fetales-Alkoholsyndrom

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Autorin

Prof. Dr. Annemarie Jost
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veröffentlicht am 19.12.2019

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