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Formen der Kindeswohlgefährdung

Daniela Schäfer-Pichula

veröffentlicht am 25.01.2021

Englisch: forms of child endangerment

Bei der Kindeswohlgefährdung können die Erscheinungsformen Vernachlässigung, psychische und emotionale Misshandlung, körperliche Misshandlung sowie sexuelle Gewalt unterschieden werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Vernachlässigung
  3. 3 Psychische und emotionale Misshandlung
  4. 4 Körperliche Misshandlung
  5. 5 Sexuelle Gewalt
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Kindeswohlgefährdung wird als ein schädigendes Verhalten gegenüber einem Kind definiert, welches sowohl im familiären als auch im institutionellen Kontext auftritt. Durch die Schädigung kann das Kind erhebliche Verletzungen auf seelischer und körperlicher Ebene davontragen (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009, S. 32; Maywald 2009, S. 53). Als Oberbegriff lässt sich der Begriff der Kindeswohlgefährdung nach verschiedenen Formen klassifizieren. Unterschieden werden hierbei die Formen der Vernachlässigung, der psychischen und emotionalen Misshandlung, der körperlichen Misshandlung sowie der sexuellen Gewalt. Bei allen Formen können indes Fälle auftreten, in denen Kinder physisch und psychisch verletzt werden. Das Kinderschutz-Zentrum Berlin (2009) verweist zudem darauf, dass ein Großteil der betroffenen Kinder mehreren Formen der Kindeswohlgefährdung ausgesetzt sein können (ebd., S. 38).

Nach Maywald (2011) begründet sich eine Kindeswohlgefährdung auf „multifaktorielle Ursachen“ (ebd., S. 11). Diese beziehen sich unter anderem auf Risiken

  • im psychosozialen Bereich (z.B. beengte Wohnverhältnisse),
  • auf familiärer Ebene (gewaltgeprägter Erziehungsstil),
  • sowie auf Ursachen, die vom Kind ausgehen (prä- oder postnatale Krankheiten) (ebd., S. 11 ff.; Deegener 2014, S. 380 f.).

Maywald (2011) unterstreicht, dass eine Kindeswohlgefährdung häufig auf „Stress- und Krisensituationen [von Bezugspersonen], die in psychischer Überforderung gipfeln“ (ebd., S. 13) zurückzuführen seien. Des Weiteren scheint ein Ungleichgewicht zwischen Schutz- und Risikofaktoren (Deegner 2014, S. 380–408 f.) zu bestehen, welches eine Kindeswohlgefährdung begünstigen kann. In § 1666 BGB wird definiert, das Wohl des Kindes ist gefährdet, wenn das körperliche, geistige und seelische Wohl des Kindes nicht garantiert werden kann und die Eltern nicht in der Lage sind, es vor Gefahren zu schützen.

Im Folgenden erfolgt ein Überblick über die spezifischen Formen der Kindeswohlgefährdung. Für eine vertiefende Auseinandersetzung sei auf die Literatur im Anhang verwiesen.

2 Vernachlässigung

Vernachlässigung wird als „[…] eine situative oder andauernde Unterlassung fürsorglichen Handelns“ (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009, S. 43) charakterisiert. Erscheinungsformen der Vernachlässigung können sich auf basale Grundbedürfnisse erstrecken (mangelnde Nahrungsversorgung, fehlende hygienische Pflege) sowie auf das Verwehren von positiven Bindungserfahrungen (Ostler und Ziegenhain 2008, S. 79; Alle 2012; Goldberg und Schorn 2011). Indes verweisen Ziegenhain und Fegert (2008) darauf, dass „[b]ei Vernachlässigungen und Kindeswohlgefährdungen […] Säuglinge und Kleinkinder in besonderem Maße gefährdet [seien]“ (ebd., S. 7). Da kleine Kinder sich noch nicht angemessen verbal äußern können, kommt der kommunikativen Unterstützung durch Fachkräfte eine besondere präventive Bedeutung zu.

3 Psychische und emotionale Misshandlung

Die psychische und emotionale Misshandlung (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009, S. 45) kann als die Form benannt werden, die am häufigsten auftritt (Maywald 2009, S. 64). Verletzungen basieren auf Ablehnungen und Entwürdigungen, die das Selbstwertgefühl des Kindes in seiner Entwicklung beeinträchtigen. Häufig vermitteln Bezugspersonen dem Kind ein Gefühl der Wertlosigkeit (ebd., S. 65).

4 Körperliche Misshandlung

Eine körperliche Misshandlung (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009, S. 38) konstituiert sich durch „das aktive und absichtliche Handeln, das seelischen und körperlichen Schaden z.B. durch Schläge, Stöße, Stiche und Verbrennungen zufügt“ (Beckmann 2017, S. 70). Körperliche Misshandlungen treten zudem in wiederholter Form auf, was gravierende Verletzungen am Körper des Kindes zur Folge hat (Maywald 2011a, S. 10). Tsokos und Guddat (2014) verweisen darauf, dass Schläge am häufigsten mit der Hand, der Faust oder mit Gegenständen ausgeführt werden (ebd., S. 12).

5 Sexuelle Gewalt

Das Kinderschutz-Zentrum Berlin (2009, S. 40) definiert Sexuelle Gewalt als „[…] grenzüberschreitende sexuelle Handlung eines Erwachsenen oder Jugendlichen an einem Kind […]“. Beckmann (2017) hält die Bezeichnung des sexuellen Missbrauchs für diskussionswürdig, „da ein ‚Missbrauch‘ einen normalen ‚Gebrauch‘ impliziert und es einer Verharmlosung gleichkommt“ (ebd., S. 70). Dennoch wird in einigen Publikationen die Bezeichnung des sexuellen Missbrauchs häufig verwandt (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009; Maywald 2009 und 2011; Alle 2012; Tsokos und Guddat 2014). Im vorliegenden Beitrag wird die Bezeichnung der sexuellen Gewalt gewählt (Deutsche Kinderhilfe e.V. 2016; Beckmann 2017).

Beckmann (2017) unterteilt die sexuelle Gewalt, in Anlehnung an Grüten (Grüten 2005 zit. in Beckmann 2017), in vier Formen:

  1. Sexuelle Gewalt ohne Körperkontakt(Grüten 2005, S. 17 f. zit. in Beckmann 2017, S. 70): Die Schädiger*innen zeigen sich unbekleidet vor dem Kind oder die Kinder werden genötigt, sexuelles Bild- oder Videomaterial anzusehen (ebd.).
  2. „Weniger intensive sexuelle Gewalt“ (ebd.): Die intimen Stellen des Kindes werden von den Schädiger*innen betrachtet oder angefasst (ebd.).
  3. „Intensive sexuelle Gewalt“ (ebd.): Die Schädiger*innen nötigen das Kind, seine Genitalien zu präsentieren; betreiben Masturbation vor den Augen des Kindes oder verlangen, dass das Kind die Genitalien der Schädiger*innen berühren muss (ebd.).
  4. „Sehr intensive sexuelle Gewalt“ (Grüten 2005, S. 17 f. zit. in Beckmann 2017, S. 70): Die Schädiger*innen vergewaltigen das Kind; dringen mit Gegenständen oder eigenen Körperteilen in die Genitalien des Kindes ein (ebd.).

Die skizzierten Formen der Kindeswohlgefährdung stellen für Kinder ein erhöhtes Risiko für eine Traumatisierung dar. Kinder, die beispielsweise von Vernachlässigungen betroffen sind, haben eine 30-prozentige Prävalenzrate an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken (Landolt 2012, S. 73). Aufgrund ihres Alters sind Kinder vulnerabler, sodass die Kindeswohlgefährdung massive Schädigungen auf neurologischer, körperlicher und psychischer Ebene verursachen kann (ebd., S. 33 ff.). Ebenfalls können sich Entwicklungsstörungen im Bereich des Bindungsverhaltens oder der Emotionsregulation manifestieren (Cook et al. 2003, o. S.; Weinberg 2010, S. 15).

Langzeitfolgen zeigen sich auch als gesundheitliche Beeinträchtigungen im Erwachsenenalter, wie die Adverse Childhood Experiences (ACE) Study belegt (Centers for Disease Control and Prevention 2016, o.S.). Besonders eindrücklich sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Heyers und Sander (2012). Danach können traumatische Kindheitserlebnisse von Erwachsenen auf die nächste Generation übertragen werden, was auch als transgenerationale Traumaweitergabe bezeichnet wird.

6 Quellenangaben

Alle, Friederike, 2012. Kindeswohlgefährdung: Das Praxishandbuch. 2. Auflage. Berlin: Lambertus. ISBN 978-3-7841-2888-7

Beckmann, Kathinka, 2017. Kindeswohlgefährdungen erkennen und professionell handeln. In: Skalla, Sabine, Hrsg. Handbuch für die Kita-Leitung. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Köln: Carl Link, S. 69–82. ISBN 978-3-556-07211-0 [Rezension bei socialnet]

Centers for Disease Control and Prevention, 2016. About the CDC-Kaiser ACE Study [online]. Druid Hills (Georgia): Centers for Disease Control and Prevention (CDC) [Zugriff am: 11.12.2020]. Verfügbar unter: https://www.cdc.gov/violenceprevention/​acestudy/​about.html

Cock, Alexandra, Margaret Blaustein, Joseph Spinazzola und Bessel van der Kolk, 2003. Complex Trauma in Children and Adolescents. White Paper from the National Child Traumatic Stress Network. Complex Trauma Task Force [online]. Los Angeles, Calif., Durham, N.C.: National Center for Child Traumatic Stress [Zugriff am: 11.12.2020]. Verfügbar unter: http://www.nctsn.org/sites/​default/​files/​assets/pdfs/ComplexTrauma_All.pdf

Deutsche Kinderhilfe e.V., Hrsg., 2016. Praxisleitfaden Kinderschutz in Kita und Grundschule: Die Würde des Kindes ist unantastbar. Köln: Carl Link. ISBN 978-3-556-07104-5 [Rezension bei socialnet]

Goldberg, Brigitta und Ariane Schorn, Hrsg., 2011. Kindeswohlgefährdung: Wahrnehmen – Bewerten – Intervenieren: Beiträge aus Recht, Medizin, Sozialer Arbeit, Pädagogik und Psychologie. Opladen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-86649-679-8

Heyers, Gabriele und Ruth Sander, 2012. Transgenerationale Weitergabe von Traumata. In: Michaela Huber und Reinhard Plassmann, Hrsg. Transgenerationale Traumatisierung. Paderborn: Junfermann, S. 41–53. ISBN 978-3-87387-916-4

Kinderschutz-Zentrum Berlin, 2009. Kindeswohlgefährdung – Erkennen und Helfen. 11. überarbeitet Auflage. Berlin: Kinderschutz-Zentrum Berlin. ISBN 978-3-00-026625-6

Landolt, Markus, Hrsg., 2012. Psychotraumatologie des Kindesalters: Grundlagen, Diagnostik und Intervention. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2450-4

Maywald, Jörg, 2009. Kinderschutz in der Kita: Ein praktischer Leitfaden für Erzieherinnen. Freiburg im Breisgau: Herder. ISBN 978-3-451-32687-5

Maywald, Jörg, 2011. Kinderschutz in Kindertageseinrichtungen [online]. Kita-Fachtexte. Berlin: FRÖBEL eingetragener Verein [Zugriff am: 10.12.2020]. Verfügbar unter: http://www.kita-fachtexte.de/uploads/​media/​FT_maywald_2011.pdf

Ostler, Teresa und Ute Ziegenhain, 2008. Risikoeinschätzung bei (drohender) Kindeswohlgefährdung: Überlegungen zu Diagnostik und Entwicklungsprognose im Frühbereich. In: Ute Ziegenhain und Jörg Fegert, Hrsg. Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung. 2., durchgesehene Auflage. München: Ernst Reinhardt, S. 67–83. ISBN 978-3-497-02021-8 [Rezension bei socialnet]

Tsokos, Michael und Saskia Guddat, 2014. Deutschland misshandelt seine Kinder. München: Droemer. ISBN 978-3-426-27616-7 [Rezension bei socialnet]

Weinberg, Dorothea, 2010. Psychotherapie mit komplex traumatisierten Kindern: Behandlung von Bindungs- und Gewalttraumata der frühen Kindheit. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-608-89101-0

Ziegenhain, Ute und Jörg Fegert, 2008. Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung. 2., durchgesehene Auflage. München: Ernst Reinhardt. ISBN 978-3-497-02021-8 [Rezension bei socialnet]

7 Literaturhinweise

Deegener, Günther, 2014. Risiko- und Schutzfaktoren des Kinder- und Jugendhilfesystems bei Prävention und Intervention im Kinderschutz. Lengerich: Papst. ISBN 978-3-89967-987-8 [Rezension bei socialnet]

Gugel, Günther, 2016. Handbuch Gewaltprävention in der Kita: Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Freiburg im Breisgau: Herder. ISBN 978-3-451-34960-7 [Rezension bei socialnet]

Körner, Wilhelm und Franz Heuer, 2014. Psychodiagnostik bei Kindeswohlgefährdung: Anwenderhandbuch für Beratungs- und Gesundheitsberufe. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2913-0 [Rezension bei socialnet]

Skalla, Sabine, Hrsg., 2017. Handbuch für die Kita-Leitung. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Köln: Carl Link. ISBN 978-3-556-07211-0 [Rezension bei socialnet]

Tsokos, Michael und Saskia Guddat, 2014. Deutschland misshandelt seine Kinder. München: Droemer. ISBN 978-3-426-27616-7 [Rezension bei socialnet]

Ziegenhain, Ute und Jörg Fegert, 2008. Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung. 2., durchgesehene Auflage. München: Ernst Reinhardt. ISBN 978-3-497-02021-8 [Rezension bei socialnet]

Autorin
Daniela Schäfer-Pichula
Pädagogische Fachberatung
Kindheits- & Sozialwissenschaftlerin (M.A.)
Kindheitspädagogin (B.A.)
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Zitiervorschlag
Schäfer-Pichula, Daniela, 2021. Formen der Kindeswohlgefährdung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 25.01.2021 [Zugriff am: 25.02.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Formen-der-Kindeswohlgefaehrdung

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