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Foucault, Michel

* 15.10.1926 in Poitiers
† 25.06.1984 in Paris

Michel Foucault war ein französischer Denker, der in den Geistes- und Sozialwissenschaften inzwischen als moderner Klassiker gilt. In seinem umfangreichen Werk beschäftigte er sich mit Fragen der Beziehungen innerhalb der Achsentrias von Wissen-Macht-Subjekt.

Überblick

  1. 1 Lebenslauf
  2. 2 Einflüsse
  3. 3 Lebenswerk
    1. 3.1 Die frühe Archäologie (1954–1965)
    2. 3.2 Die späte Archäologie (1965–1969)
    3. 3.3 Die frühe Genealogie (1969–1976)
    4. 3.4 Die späte Genealogie (1976–1980)
    5. 3.5 Die Ethik (1980–1984)
  4. 4 Wirkungsgeschichte
  5. 5 Aktuelle Bedeutung für die Soziale Arbeit
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise

1 Lebenslauf

Paul-Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers in eine bürgerliche und vermögende Medizinerfamilie geboren. Sein Vater Paul-André Foucault war Chirurg und Anatomieprofessor, seine Mutter, Anne-Marie Malapert, Tochter eines Chirurgen und Professors aus Poitiers. Michel hatte eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder (Defert 2001, S. 15). Ein 1946 begonnenes Studium an der „École normale supérieure“ schloss er 1951 mit einer „Agrégation“ in Philosophie ab. Während der Studienzeit unternahm Foucault mindestens zwei Selbsttötungsversuche, begann eine Psychotherapie und war kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs (Fisch 2011, S. 46 f.). Nach dem Erwerb des Diploms in Psychopathologie am Institut für Psychologie in Paris 1952 versuchte sich Foucault als Assistenzprofessor für Psychologie an der „Faculté des lettres“ in Lille (ebd., S. 21 f.). Als Leiter des französischen Kulturinstituts lebte er ab 1955 in Uppsala, 1958 kurzzeitig in Warschau und 1959 in Hamburg. In dieser Zeit arbeitete er auch an seiner Dissertation, die 1961 erschien (s.u.). Danach bekleidete er bis 1966 eine Professur für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand (ebd., S. 27–32; Schneider 2014, S. 2 f.) sowie von 1966 bis 1968 eine Gastprofessur in Tunis. 1968 kehrte er nach Paris zurück, um am Aufbau der Reformuniversität Vincennes mitzuwirken und wurde schließlich 1970 ans „Collège de France“ berufen, an welchem er bis zu seinem Tode den Lehrstuhl für Geschichte der Denksysteme innehatte (Eribon 1991, S. 310; Defert 2001, S. 52 ff.).

Die Jahre am Collège de France waren eine Zeit fruchtbaren denkerischen Schaffens, gleichzeitig engagierte sich Foucault in vielfältiger Weise politisch, etwa im Rahmen der „Gruppe Gefängnisinformation“ (Groupe d’information sur les prisons, G.I.P.) oder den Ideenreportagen aus dem revolutionären Iran der 1970er-Jahre. Die politisch-denkerische Haltung Foucaults folgte der Idee eines spezifischen Intellektuellen, indem er sich dem konkreten lokalen Engagement widmete, anstatt als universaler Intellektueller einen moralisch, politisch und theoretischen Vorbildcharakter anzustreben (Paulick 2018a, S. 282 ff.; Foucault 2003a, S. 145 ff.; Foucault 2003b, S. 205 ff.). 1984 starb Foucault an den Folgen von AIDS.

2 Einflüsse

Zu den wohl markantesten Einflüssen auf Foucaults Denken gehören Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Neben diesen Referenzautoren entwickelte sich Foucault unter Eindrücken zeitgenössischer Denkbewegungen wie Phänomenologie, Existenzialismus, Strukturalismus, Kritischer Theorie und Postmoderne. Ausdrücklich sei hier auf Louis Althusser, Georges Canguilhem, Pierre Bourdieu und Gilles Deleuze verwiesen (Foucault 2005d, S. 868; Kammler et al. 2014; Eribon 1991; Brieler 2002; Veyne 2010).

3 Lebenswerk

Das umfangreiche Werk Foucaults wird von der Achsentrias Wissen-Macht-Subjekt durchzogen. Diese Achsen korrelieren stets miteinander, sodass in keiner Werkphase eine Themenachse isoliert für sich gedacht wird. Gleichzeitig verfolgt er unterschiedliche Schwerpunktsetzungen im Werkverlauf. Gerade weil Foucault in seinen Schriften eine Vielzahl von Begriffen verwendet und teilweise neu kreiert, gleichzeitig jedoch keine festen Begriffsdefinitionen verfolgt, sondern Begriffe eher dynamisch beschreibt, dienen die drei Themenachsen als Konstanten seines Denkens. Anhand der Achsen lässt sich das Werk Foucaults in fünf Phasen differenzieren. Die Werkphasen sind dabei nicht als Brüche oder Formen eines Neubeginns zu verstehen, vielmehr sind es von Foucault vorgenommene Umakzentuierungen, Verschiebungen und Neujustierungen, die auf vorherigen Analyseleistungen aufbauen (Paulick 2018a, S. 21 f.; Paulick 2018b).

3.1 Die frühe Archäologie (1954–1965)

In der Werkphase der frühen Archäologie beschäftigt sich Foucault insbesondere mit Fragen von Normalität und Anormalität in der abendländischen Gesellschaft. Neben den Publikationen zu Ludwig Binswangers „Traum und Existenz“ oder dem Literaten Raymond Roussel sind es vor allem folgende Monografien, in denen Foucault die gesellschaftlichen Reaktionen auf Abweichung untersucht. Alle drei sind Abhandlungen zur abendländischen Geschichte, wobei die ersten beiden das Thema Wahnsinn, Letztere die medizinische Institution der Klinik behandelt:

  • „Psychologie und Geisteskrankheit“ (orig. 1954; dt. 1968)
  • Foucaults Dissertation „Folie et Déraison. Historie de la folie à l’âge classique“ (1961), auf Deutsch „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ (1969)
  • „Die Geburt der Klinik“ (orig. 1963; dt. 1988).

Insbesondere in seiner Dissertationsschrift Wahnsinn und Gesellschaft (orig.: Folie et Déraison. Historie de la folie à l’âge classique) beschreibt Foucault in einer „Geschichte dieser anderen Art Wahnsinn“ (Foucault 2001a, S. 223), wie in der abendländischen Gesellschaft sukzessive die Dyaden Vernunft-Unvernunft und Gesundheit-Krankheit etabliert wurden, indem zwischen beiden eine binäre Differenzierungslinie gezogen und mit gesellschaftlichen Praktiken von Einschluss und Ausschluss verschaltet wurden. Bedeutsam für die Normkonstruktion von Gesundheit sind dabei sich etablierende Wissenschaften wie Psychologie, Psychiatrie sowie Medizin und deren Definitionshoheit bezüglich der Beschreibbarmachung von Krankheitswerten. Im Zusammenspiel von Macht und Wissen erfolgt also eine Wahrheitssetzung über die Normalität bzw. Anormalität des Subjekts. Die Formierung der Idee von Geisteskrankheit ist – so Foucault – eng mit der Pathologisierung von Andersartigkeit sowie zunehmenden Imperativen der Nützlichkeit von Individuen seit Ende des 18. Jahrhunderts assoziiert. In der Werkphase der frühen Archäologie werden die Themenachsen von Wissen-Macht-Subjekt gleichrangig fokussiert.

3.2 Die späte Archäologie (1965–1969)

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre verlagert Foucault seinen Interessenshorizont auf Formationsbedingungen des Wissens in der abendländischen Gesellschaft sowie auf Fragen des Diskurses. Insbesondere das 1966 publizierte Werk „Die Ordnung der Dinge“ (dt. 1971) erfährt mediale Aufmerksamkeit und erhöht den Bekanntheitsgrad Foucaults in intellektuellen Kreisen immens. In diesem Werk befragt er die abendländische Kultur nach ihren Organisationsformen von Ordnung, Gleichheit und Ähnlichkeiten, um „ein positives Unbewusstes des Wissens zu enthüllen“ (Foucault 1971, S. 11): „Was aber, wenn empirisches Wissen zu einer gegebenen Zeit und innerhalb einer gegebenen Kultur wirklich eine wohl-definierte Regelmäßigkeit besäße?“ (ebd., S. 9). Kann „Wahnsinn und Gesellschaft“demnach als die „Geschichte des Anderen“ (ebd., S. 27) bezeichnet werden, so ist „Die Ordnung der Dinge“ „die Geschichte des Gleichen (du Même), das für die Zivilisation gleichzeitig dispers und verwandt ist, also durch Markierungen zu unterscheiden und in Identitäten aufzufassen ist“ (ebd.).

1969 publiziert Foucault mit „Archäologie des Wissens“ „eine Art Theorie einer Geschichte des empirischen Wissens“ (Foucault 2001b, S. 989), in welcher er methodische und definitorische Präzisierungen vornimmt. Zu den bedeutsamsten Begriffen hierbei avancieren Diskurse, die keine „Gesamtheiten von Zeichen“ (Foucault 1973, S. 74) abbilden, vielmehr „Praktiken […] behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (ebd.). In der Werkphase der späten Archäologie avanciert die Wissensachse zum zentralen Forschungsanliegen. Gleichzeitig werden die Achsen von Macht und Subjekt latent mittheoretisiert.

3.3 Die frühe Genealogie (1969–1976)

In der Werkphase der frühen Genealogie avanciert die Frage von Macht zum zentralen Untersuchungsgegenstand der foucaultschen Forschungen. Inspiriert von Nietzsche interessiert es den Genealogen Foucault, „Ereignisse in ihrer Einzigartigkeit“ zu befragen (Foucault 2002, S. 166), insbesondere „Bereiche, die keinerlei Geschichte zu besitzen scheinen: Gefühle, Liebe, Gewissen, Triebe“ (ebd.), also durch aufwändige Materialsammlungen zusammengetragenes, „präzises Wissen“ (ebd.). Standen in den Werkphasen der Archäologien noch größere Zusammenhänge des Wissens im Vordergrund des Forschungsinteresses, rückt nunmehr das Subjekt als machtstrategisches Identitätsprodukt in den Interessensfokus. Seine Machtanalytik verdichtet Foucault auf zwei Imperative:

„niemals den Bezug auf ein konkretes Beispiel, das für die Analyse als Erfahrungsbereich dienen kann, aus dem Blick verlieren; die theoretischen Probleme ausarbeiten, denen ich begegnet bin oder auf die ich bei Gelegenheit stoßen werde“ (Foucault 2001c, S. 1072).

Vor diesem Hintergrund befasst sich Foucault intensiv mit Fragen der Normalität und des Strafens und publiziert 1975 mit „Überwachen und Strafen“ (dt. 1976) eine Untersuchung zur „Geburt des Gefängnisses“. Dieses Werk geht weit über eine Rekonstruktion der Strafeinrichtung hinaus, vielmehr verfolgt Foucault eine Analytik disziplinierender Verfahren, die sich gesamtgesellschaftlich verschränken und eine Disziplinargesellschaft formieren.

„In einem Disziplinarsystem wird das Kind mehr individualisiert als der Erwachsene, der Kranke mehr als der Gesunde, der Wahnsinnige und der Delinquent mehr als der Normale […]. Alle Psychologien, -graphien, -metrien, -analysen, -hygienen, -techniken und -therapien gehen von dieser historischen Wende der Individualisierungsprozeduren aus“. (Foucault 1976, S. 248 f.)

Die analysierten Normalisierungsimperative im 19. Jahrhundert werden von Foucault in der Werkphase der frühen Genealogie zudem anhand der psychiatrischen Macht in

  • „Die Macht der Psychiatrie“ (orig. 2003; dt. 2005d)
  • „Die Anormalen“ (orig. 1999; dt. 2003c)

sowie hinsichtlich Sexualität in

  • „Der Wille zum Wissen“ (orig. 1976; dt. 1977) untersucht.

In seinen machtanalytischen Untersuchungen fokussiert er gesellschaftliche Mikrokosmen, beleuchtet ein Einhergehen von Wissens-Macht-Verhältnissen und theoretisiert das Subjekt als ein Machtprodukt bzw. als „Korrelat einer Machttechnik“ (Foucault 1976, S. 129)

3.4 Die späte Genealogie (1976–1980)

In der zweiten Hälfe der 1970er-Jahre erweitert Foucault seine machtanalytischen Betrachtungen auf Lenkungs- und Regierungstechniken. Insbesondere in seinen Vorlesungen zur „Geschichte der Gouvernementalität“ (2004a; 2004b) widmet er sich den Verschränkungen von mikro- und makrosozialen Zusammenhängen und definiert mit dem Gouvernementaltitätskonzept „Machttechniken, die auf die Individuen ausgerichtet sind und den Zweck haben, sie kontinuierlich und permanent zu leiten“ (Foucault 2005a, S. 167). Im foucaultschen Interessenshorizont stehen dabei die Scharniere von Fremd- und Selbstführung, indem er nach den Prozessen fragt, in denen „der abendländische Mensch in Jahrtausenden gelernt [hat …], sich als Schaf unter Schafen zu betrachten“ (Foucault 2004a, S. 194) sowie im Zuge des Liberalismus sich als „Manager der Freiheit“ (2004b, S. 97) zu verstehen. Bereits in „Der Wille zum Wissen“ (1977) betont Foucault den Flexibilitäts- und Spielraumcharakter von Machtbeziehungen, indem er hervorhebt: „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht“ (ebd., S. 96 f.). In der späten Genealogie avanciert dieser Gedanke nunmehr zur Frage „Was ist Kritik?“ (Foucault 1992). Kritik – so Foucault – ist als „moralische und politische Haltung“ (ebd., S. 12) im Sinne einer „Ent-Unterwerfung“ (ebd., S. 15) zu verstehen, die die Idee der „Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ (ebd.), betont.

3.5 Die Ethik (1980–1984)

Auch in der Werkphase der Ethik behält Foucault den Interaktionscharakter der Achsentrias Wissen-Macht-Subjekt bei, verschiebt den Untersuchungsfokus jedoch nunmehr – auf den vorherigen Analyseleistungen aufbauend – auf die Achse des Subjekts. Während Foucault in den vorherigen Werkphasen seine Studien hauptsächlich auf den Untersuchungszeitraum vom 16. bis 19. Jahrhundert bezog, widmet er sich in der Werkphase der Ethik vorrangig Texten der mediterranen Antike. Anhand der

  • Denkfiguren der „parrhesia“ bzw. des Wahrsprechens in
    • „Die Regierung des Selbst und der Anderen“ (orig. 2008, dt. 2009)
    • „Der Mut zur Wahrheit“ (orig. 2009; dt. 2010)
  • den Technologien des Selbst in
    • „Hermeneutik des Subjekts“ (orig. 2001; dt. 2004c)
  • den Fortsetzungen der Historie der Sexualität in
    • „Der Gebrauch der Lüste“ (orig. 1984a; dt. 1986a)
    • „Die Sorge um sich“ (orig. 1984b; dt. 1986b)
    • „Die Geständnisse des Fleisches“ (orig. 2018; dt. 2019)

befragt Foucault abendländische „Formen und die Modalitäten des Verhältnisses zu sich […], durch die sich das Individuum als Subjekt konstituiert und anerkennt“ (Foucault 1986a, S. 12). Damit unterstreicht er die Idee, das Subjekt nicht als etwas zu denken, dessen Identität auf Kernsubstanz zu reduzieren ist; vielmehr akzentuiert Foucault die Wechselverhältnisse zu Wissens-Macht-Konstellationen und Regierungstechniken. Foucault betont dabei sowohl den Kontingenzcharakter des Subjekts als auch dessen Freiheit, zumal „Macht […] nur über ‚freie Subjekte‘ ausgeübt werden [kann], insofern sie ‚frei‘ sind – und damit seien hier individuelle oder kollektive Subjekte gemeint, die jeweils über mehrere Verhaltens-, Reaktions- oder Handlungsmöglichkeiten verfügen“ (Foucault 2005b, S. 287). Obwohl die dezidierten Rekonstruktionen der Subjektkonstitution und der Verhältnisse von Selbstsorge und Selbsterkenntnis eher historisch anmuten, wird die Frage nach dem Subjekt von einem Gegenwartsstandort aus formuliert, zumal Foucault Ethik als „die Praxis der Freiheit, die reflektierte Praxis der Freiheit“ (Foucault 2005c, S. 879) versteht.

„Das Hauptziel besteht heute zweifellos nicht darin, herauszufinden, sondern abzulehnen, was wir sind. Wir müssen uns vorstellen und konstruieren, was wir sein könnten […]. Wir müssen nach neuen Formen von Subjektivität suchen und die Art und Weise von Individualität zurückweisen, die man uns seit Jahrhunderten aufzwingt.“ (ebd., S. 280)

4 Wirkungsgeschichte

Die Pluralität der foucaultschen Analysen führte zu einer enormen Anzahl von Lektüreaufgriffen und Anschlüssen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Teilweise wird Foucault dabei ein Klassikerstatus – etwa in der Soziologie (Angermüller 2004; Keller 2005), Philosophie (Schneider 2008) und Pädagogik (Messerschmidt 2006) – zugesprochen. Während Foucault zunächst voranging hinsichtlich

  • seiner Machtanalytiken
  • seinen Ideen von Wissen und Wahrheit
  • der Diskursanalyse

Resonanz erfuhr, erweiterte sich das Rezeptionsspektrum über die Bereiche

  • Dispositivforschung
  • Untersuchungen zur Bio-Politik
  • Gouvernementalitätsstudien.

Als prominente Anschlussdenker*innen sind etwa Judith Butler, Giorgio Agamben, Antonio Negri oder Ulrich Bröckling zu nennen.

5 Aktuelle Bedeutung für die Soziale Arbeit

In seinen historischen Studien formuliert Foucault weder eine Theorie noch bietet er – wie Max Weber – definitorische Grundsteinlegungen. Gleichzeitig ist die Bedeutsamkeit Foucaults für die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit kaum zu überschätzen. So beleuchtet Foucault vor allem den Kontingenzcharakter der Achsentrias Wissen-Macht-Subjekt und zeigt immer wieder das „durchmachtete“ historische Gewordensein von Subjektvarianten auf. Der Wert Foucaults liegt insofern darin, nicht das WAS, sondern das WIE zu forcieren (Gnerlich 2013, S. 163).

Aus dem Denken Foucaults lassen sich 15 Schlüsselfragen für die Soziale Arbeit ableiten:

  1. Wie wird Macht ausgeübt?
  2. Wie wird Wahrheit manifestiert?
  3. Wie wird Wissen anerkannt?
  4. Wie werden Subjekte generiert?
  5. Wie werden Bevölkerungen, Subjekte und einzelne Verhaltensweisen regiert?
  6. Wie werden Ordnungen des Wissens, der Sprache und von Diskursen formiert?
  7. Wie organisieren sich gesellschaftliche Reaktionen auf Abweichung (etwa Wahnsinn, Krankheit, Verbrechen, Sexualität)?
  8. Wie werden Identitäten hergestellt?
  9. Wie wird Normalität hergestellt?
  10. Wie mit Erfahrung umgehen?
  11. Wie wird der Körper von Machtmechanismen durchzogen?
  12. Wie verschleiern sich Machtmechanismen?
  13. Wie formieren sich Moral und Ethik?
  14. Wie ist Ent-Unterwerfung möglich?
  15. Wie ist Kritik und Widerstand gegen Macht denkbar?

Die foucaultsche Selbstverständlichkeit, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, berührt zwangsläufig Grundfragen Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession. Dergestalt darf Michel Foucault als moderner Klassiker der Sozialen Arbeit gelten.

6 Quellenangaben

Angermüller, Johannes, 2004. Michel Foucault – auf dem Weg zum soziologischen Klassiker?In: Soziologische Revue. 27(4), S. 385–394. ISSN 0343-4109

Brieler, Ulrich, 2002. „Erfahrungstiere“ und „Industriesoldaten“: Marx und Foucault über das historische Denken, das Subjekt und die Geschichte der Gegenwart. In: Martschukat, Jürgen, Hrsg. Geschichte schreiben mit Foucault. Frankfurt/New York: Campus Verlag, S. 42–78. ISBN 978-3-593-37114-6

Defert, Daniel, 2001. Zeittafel. In: Foucault, Michel. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band I, 1954–1969. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 15–105. ISBN 978-3-518-58310-4

Eribon, Didier, 1991. Michel Foucault: Eine Biographie. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1991. ISBN 978-3-518-40335-8

Fisch, Michael, 2011. Werke und Freuden: Michel Foucault – eine Biografie. Bielefeld: transcript Verlag.
 ISBN 978-3-8376-1900-3

Foucault, Michel, 1968. Psychologie und Geisteskrankheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-10272-5

Foucault, Michel, 1969. Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

Foucault, Michel, 1971. Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-27696-9

Foucault, Michel, 1973. Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-06378-1

Foucault, Michel, 1976. Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-07449-7

Foucault, Michel, 1977. Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Sexualität und Wahrheit. 1. ISBN 978-3-518-07470-1

Foucault, Michel, 1986a. Der Gebrauch der Lüste. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Sexualität und Wahrheit. 2. ISBN 978-3-518-57768-4

Foucault, Michel, 1986b. Die Sorge um sich. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Sexualität und Wahrheit. 3. ISBN 978-3-518-57753-0

Foucault, Michel, 1988. Die Geburt der Klinik: Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Frankfurt am Main: Fischer Verlag. ISBN 978-3-596-27400-0

Foucault, Michel, 1992. Was ist Kritik?. Berlin: Merve Verlag. ISBN 978-3-88396-093-7

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Foucault, Michel, 2001b. Über die Archäologie der Wissenschaften. Antwort auf den 'Cercle d’épistémologie'
. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band I, 1954–1969. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1, S. 887–931. ISBN 978-3-518-58310-4

Foucault, Michel, 2001c. Michel Foucault erklärt sein jüngstes Buch [Gespräch mit J.-J. Brochier]. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band I, 1954–1969. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1, S. 980–991. ISBN 978-3-518-58310-4

Foucault, Michel, 2001d. Titel und Arbeiten. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band I, 1954–1969. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1, S. 1069–1075. ISBN 978-3-518-58310-4

Foucault, Michel, 2002. Nietzsche, die Genealogie, die Historie. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band II, 1970–1975. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am MainFrankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 2, S. 166–191. ISBN 978-3-518-58353-1

Foucault, Michel, 2003a. Die politische Funktion des Intellektuellen. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band III, 1976–1979. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 3, S. 145–152. ISBN 978-3-518-58371-5

Foucault, Michel, 2003b. Gespräch mit Michel Foucault. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band III, 1976–1979. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 3, S. 187–213. ISBN 978-3-518-58371-5

Foucault, Michel, 2003c. Die Anormalen: Vorlesungen am Collége de France (1974–75). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58323-4

Foucault, Michel, 2004a. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung: Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Geschichte der Gouvernementalität. 1. ISBN 978-3-518-58392-0

Foucault, Michel, 2004b. Die Geburt der Biopolitik: Vorlesung am Collège de France 1978–1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Geschichte der Gouvernementalität. 2. ISBN 978-3-518-29409-3

Foucault, Michel, 2004c. Hermeneutik des Subjekts: Vorlesung am Collége de France (1981/82). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58388-3

Foucault, Michel, 2005a. »Omnes et singulatim«: zu einer Kritik der politischen Vernunft. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV, 1980–1988. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 4, S. 165–198. ISBN 978-3-518-58433-0

Foucault, Michel, 2005b. Subjekt und Macht. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV, 1980–1988. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 4, S. 269–294. ISBN 978-3-518-58433-0

Foucault, Michel, 2005c. Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV, 1980–1988. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 4, S. 875–902. ISBN 978-3-518-58433-0

Foucault, Michel, 2005d. Die Macht der Psychiatrie: Vorlesungen am Collége de France (1973–74). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58445-3

Foucault, Michel, 2009. Die Regierung des Selbst und der anderen – Vorlesungen am Collège de France (1982-83). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58537-5

Foucault, Michel, 2010. Der Mut zur Wahrheit: Die Regierung des Selbst und der anderen II – Vorlesungen am Collège de France (1983/84). Berlin: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58544-3 [Rezension bei socialnet]

Foucault, Michel, 2019. Die Geständnisse des Fleisches. Berlin: Suhrkamp Verlag. Sexualität und Wahrheit. 4. ISBN 978-3-518-58733-1

Gnerlich, Marlen, 2013. Grammatik der Macht. Funktionslogische Implikationen der Machtkonzeptionen Bourdieus und Foucaults. In: André Brodocz und Stefanie Hammer, Hrsg. Variationen der Macht. Baden-Baden: Nomos, S. 163–180. ISBN 978-3-8329-7006-2

Kammler, Clemens, Rolf Parr und Ulrich Johannes Schneider, Hrsg., 2014. Foucault-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/​Weimar: Metzler. ISBN 978-3-476-02559-3

Keller, Reiner, 2005. Michel Foucault (1926–1984). In: Dirk Kaesler, Hrsg. Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München: Verlag C.H. Beck, S. 104–126. ISBN 978-3-406-52822-4

Messerschmidt, Astrid, 2006. Michel Foucault: Den Befreiungen misstrauen – Foucaults Rekonstruktionen moderner Macht und der Aufstieg kontrollierter Subjekte. In: Bernd Dollinger, Hrsg. Klassiker der Pädagogik: Die Bildung der modernen Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag, S. 289–310. ISBN 978-3-531-94243-8

Paulick, Christian, 2018a. Eine Spurensuche anormaler Identität im Werk Michel Foucaults. Weinheim: Beltz Verlag. ISBN 978-3-7799-1326-9

Paulick, Christian, 2018b. Macht [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.09.2018 [Zugriff am: 17.09.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Macht

Schneider, Ulrich Johannes, 2008. Michel Foucault. In: Höffe, Ottfried, Hrsg. Von Immanuel Kant bis John Rawls. München: C.H. Beck. Klassiker der Philosophie. 2, S. 311–322. ISBN 978-3-406-56802-2

Schneider, Ulrich Johannes, 2014. Zur Biographie. In: Clemens Kammler, Rolf Parr und Ulrich Johannes Schneider, Hrsg. Foucault-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/​Weimar: Metzler, S. 1–8. ISBN 978-3-476-02559-3

Veyne, Paul, 2010. Foucault: Der Philosoph als Samurai. Stuttgart: Reclam Verlag. ISBN 978-3-15-020215-9

7 Literaturhinweise

Raffnsøe, Sverre, Marius Gudmand-Høyer und Morten Sørensen Thaning, 2010. Foucault: Studienhandbuch. Stuttgart: UTB Verlag. ISBN 978-3-8252-8452-7

Sarasin, Philipp, 2010. Michel Foucault zur Einführung. 4. Auflage. Hamburg: Junius Verlag 2010. ISBN 978-3-88506-633-0

Autor
Prof. Dr. Christian Paulick
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Zitiervorschlag
Paulick, Christian, 2020. Foucault, Michel [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 01.04.2020 [Zugriff am: 28.05.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Foucault-Michel

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veröffentlicht am 01.04.2020

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