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Fremde-Situations-Test

Marlen Eisfeld

veröffentlicht am 21.12.2020

Abkürzung: FST

Englisch: Strange Situation Test

Mit dem Fremde-Situations-Test wird die Bindungsqualität (Bindungstypen) von Kindern in der frühen Kindheit erfasst. Eine Diagnostik ist für die Bindungstypen unsicher-vermeidend-Typ A, sicher-Typ B, unsicher-ambivalent-Typ C im Altersbereich von zwölf und 24 Monaten möglich.

Überblick

  1. 1 Ziel und Einsatzbereich
  2. 2 Inhalt und Dauer
  3. 3 Auswertung
  4. 4 Gütekriterien und Normen
    1. 4.1 Objektivität
    2. 4.2 Reliabilität
    3. 4.3 Validität
  5. 5 Kritische Reflexion
  6. 6 Quellenangaben

1 Ziel und Einsatzbereich

Forschung und pädagogisch-therapeutische Arbeitsfelder setzen den FST ein, um die Bindungsqualität von Kindern zwischen zwölf und 24 Monaten anhand von Bindungstypen zu erheben.

Dieses Testverfahren der Bindungsdiagnostik wurde von Mary Ainsworth und Mitarbeiter*innen entwickelt. Sie haben mit diesem Laborexperiment erstmalig die drei organisierten Bindungstypen bei Kleinkindern (unsicher-vermeidend-Typ A, sicher-Typ B, unsicher-ambivalent-Typ C) charakterisiert. In späteren Forschungen von Main et al. (1985) mit dem FST zeigten Teilnehmer*innen deutliche Merkmale des unsicher-desorganisierten Bindungstypen (Typ D) auf. Seither können mit dem FST alle vier Bindungstypen für Kinder im Alter von zwölf bis 24 Monaten identifiziert werden. Neben der Zugehörigkeit zur angegebenen Altersgruppe ist die Agilität der Kinder eine wesentliche Voraussetzung für die Testung mit dem FST, d.h. sie müssen selbstständig in der Lage sein sich im Raum zu bewegen (Ainsworth et al. 1978).

2 Inhalt und Dauer

Zur Durchführung des Tests wird ein vorbereiteter Raum (Laborsituation) mit Kamera, Spielzeug und zwei Sitzgelegenheiten benötigt. Insgesamt dauert die Testung 21 Minuten. Der Test ist in acht Episoden unterteilt. Tabelle 1 enthält einen Überblick über die Dauer, die beteiligten Personen und die Durchführungsanweisungen des FST.

Tabelle 1: Ablaufschema zur Durchführung des FST (mod. nach Kißgen 2009, S. 95)
Episode Dauer Anwesende Durchführung
1 30 s Kind,
Bindungsperson
Bindungsperson und Kind betreten gemeinsam den Raum
2 3 min Kind,
Bindungsperson
Kind spielt oder wird von Bindungsperson zum Spielen aktiviert
3 3 min Kind,
Bindungsperson,
fremde Person
fremde Person betritt den Raum:
Minute 1: schweigt
Minute 2: unterhält sich mit Bindungsperson
Minute 3: versucht Kontakt mit Kind aufzunehmen
4 3 min Kind,
fremde Person
Bindungsperson verlässt den Raum
5 (1. Wieder­vereinigungs­episode) 3 min Kind,
Bindungsperson
Bindungsperson kommt zurück, fremde Person verlässt den Raum
6 3 min Kind Bindungsperson verlässt den Raum
7 3 min Kind,
fremde Person
fremde Person kommt zurück
8 (2. Wieder­vereinigungs­episode) 3 min Kind,
Bindungsperson
Bindungsperson kommt zurück, fremde Person verlässt den Raum

Die Dauer der einzelnen Episoden (ausgenommen Episode 1) beträgt jeweils drei Minuten. Dabei müssen die Trennungssituationen von der Bindungsperson nicht zwingend die vollen drei Minuten ausfüllen. Für die Diagnostik reicht ein kurzer Stresseinfluss auf das Bindungsverhalten des Kindes aus. Im FST ist der Stressfaktor die kurze Trennung von der Bindungsperson. Damit die Reaktionen des Kindes auf die Trennungssituationen und ganz wesentlich auf die Wiedervereinigung beobachtet werden können, erhält die Bindungsperson zweimal die Anweisungen den Raum zu verlassen. Bei der ersten Trennung von der Bindungsperson (Episode 4) bleibt eine fremde Person bei dem Kind. Diese hat sich zuvor mit dem Kind vertraut gemacht (Episode 3). Nachdem die Bindungsperson den Raum ein zweites Mal verlässt (Episode 6), stößt besagte fremde Person allein zu dem Kind (Episode 7). Auf Basis dieser Stress induzierenden Situationen wird das Verhalten des Kindes den Bindungstypen A–D zugeordnet. Bisherige Erfahrungen mit der Bindungsperson zeigen sich in ganz typischen bindungsspezifischen Verhaltensweisen des Kindes. Bindungsspezifisch für das sichere Bindungsverhalten (Typ B) ist beispielsweise die Herstellung von Nähe, das heißt das Kind streckt beide Arme aus, um die Bindungsperson zu erreichen und zeigt einen freudigen Gesichtsausdruck (Kißgen 2009)

3 Auswertung

Für die diagnostische Auswertung sind die beiden Wiedervereinigungsepisoden 5 und 8 von entscheidender Bedeutung. Mit Hilfe von Ratingskalen wird das Verhalten des Kindes in Hinblick auf das Nähe suchende Verhalten eingeschätzt, beispielhaft dafür sind das Anklammern an die Bindungsperson, Widerstand im Verhalten oder Nähe vermeidendes Verhalten. Weitere Auswertungskriterien beziehen sich auf das Explorationsverhalten des Kindes und die kindliche Reaktion auf die Trennung von der Bindungsfigur (Kirchmann und Strauß 2008). Explorationsverhaltensweisen beziehen sich auf die Fähigkeit des Kindes, die Umwelt eigenständig zu erkunden und zu begreifen. Auf der Grundlage aller Auswertungskriterien kann das Kind schließlich einem Bindungstyp zugeordnet werden (Ainsworth et al. 1978). Kinder mit einer sicheren Bindungsstrategie zeigen beispielsweise Bindungssignale bei der Trennung von der Bindungsfigur (z.B. weinen, hinterherlaufen). Sobald die Bindungsfigur den Raum nach der Trennung wieder betritt, will es Nähe herstellen. Das sicher gebundene Kind beruhigt sich sehr schnell und kann wieder explorieren.

4 Gütekriterien und Normen

4.1 Objektivität

Für dieses Testverfahren ist ein intensives Training zur Durchführung und Auswertung erforderlich, denn die gesamte Erhebung ist standardisiert. So gibt es klare Instruktionen für die Versuchsleitung, den Aufbau des Settings, das verwendete Material und ein festes Kameraskript. Aufgrund der standardisierten Laborsituation und der Auswertung auf Videobasis ist von einer hohen Objektivität des Verfahrens auszugehen.

4.2 Reliabilität

Bei der Auswertung von Beobachtungsdaten ist die Inter-Rater-Reliabilität bedeutsam, weil hier deutlich wird, dass verschiedene Beobachtende anhand der Kriterien zu möglichst gleichen Ergebnissen kommen. Die Inter-Rater-Reliabilität liegt zwischen einer prozentualen Übereinstimmung (PÜ) von 75 % bis 95 % (Solomon und George 2008) und ist damit gegeben. Für die Erlangung der Reliabilität ist eine mehrtägige Schulung und ein intensives Selbststudium mit Videosequenzen erforderlich.

4.3 Validität

Die Übereinstimmung mit ähnlichen Verfahren für die Erhebung von Bindungsstrukturen in der mittleren Kindheit liegt bei 66 % (Solomon und George 2008). Für eine gute Konstruktvalidität sprechen die frühen Ergebnisse von Spangler und Grossmann (1993). Ziel der Studie von Spangler und Grossmann war die Prüfung, ob es beim FST zu einer Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems durch den Stressfaktor Trennung von der Bindungsperson kommt. Physiologische Daten mit Hilfe der Messung von Cortisolwerten konnten ergänzend zu den bisherigen Auswertungskriterien einen Anstieg des Stresshormons Cortisol bei den Kindern in der Trennungsphase nachweisen. Eine Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems ist somit anzunehmen (ebenso Hertsgaard et al. 1995, Oosterman und Schuengel 2007, Smith et al. 2016).

5 Kritische Reflexion

Diagnostik bei Kindern im Kleinkindalter muss triftig begründet sein, denn bei diesem Verfahren werden Kinder absichtlich einer Stresssituation, der Trennung von der Bindungsfigur, ausgesetzt. Für eine valide Bestimmung des Bindungstyps ist die Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems beim Kind unerlässlich und diese Aktivierung wird durch die Trennungen erreicht. Die Notwendigkeit für den FST und die Durchführung an sich sollte sich daher immer an hohen ethischen Standards orientieren. Es besteht beispielsweise die Möglichkeit, die Trennungsphasen zu verkürzen, was im Ermessen der*s Untersuchungsleitenden liegt. Mit zunehmendem Alter der Kinder verliert der FST in seiner ursprünglichen Fassung seine Gültigkeit, da die Kinder lernen, mit Trennungen von der Bindungsperson umzugehen. Für Kinder im Vorschulalter existieren Anpassungen des FST, die auf einer längeren Trennungsphasen von der Bindungsperson basieren (Cassidy und Marvin 1992).

6 Quellenangaben

Ainsworth, Mary D. Salter, Mary C. Blehar, Everett Waters und Sally N. Wall, Hrsg., 1978. Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Hillsdale: Erlbaum. ISBN 978-1-135-01618-0

Cassidy, Jude und Robert S. Marvin, 1992. Attachment organization in preschool children: Procedures and coding manual. Unpublished manual. University of Virginia

Hertsgaard, Louise, Megan Gunnar, Martha Erickson und Melissa Nachmias, 1995. Adrenocortical responses to the strange situation in infants with disorganized/​disoriented attachment relationships. In: Child Development [online]. 66(4), S. 1100–1106 [Zugriff am: 14.12.2020]. ISSN 1467-8624. Verfügbar unter: doi:10.2307/1131801

Kirchmann, Helmut und Bernhard Strauß, 2008. Methoden zur Erhebung von Bindungsmerkmalen. In: Klinische Diagnostik und Evalutation. 1, S. 293–327. ISSN 1864-6050

Kißgen, Rüdiger, 2009. Diagnostik der Bindungsqualität in der frühen Kindheit – Die fremde Situation. In: Henri Julius, Barbara Gasteiger-Klicpera und Rüdiger Kißgen, Hrsg. Bindung im Kindesalter: Diagnostik und Interventionen. Göttingen: Hogrefe, S. 91–105. ISBN 978-3-8017-1613-4 [Rezension bei socialnet]

Main, Mary, Nancy Kaplan und Jude Cassidy, 1985. Security in infancy, childhood, and adulthood: A move to the level of representation. In: Monographs of the Society and Research in Child Development [online]. 50 (1/2), S. 66–104 [Zugriff am: 14.12.2020]. ISSN 0037-976X. Verfügbar unter: doi:10.2307/3333827

Oosterman, Mirjam und Carlo Schuengel, 2007. Autonomic Reactivity of Children to Separation and Reunion With Foster Parents. In: Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry [online]. 46(9), S. 1196–1203 [Zugriff am: 14.12.2020]. ISSN 0890-8567. Verfügbar unter: doi:10.1097/chi.0b013e3180ca839f

Smith, Justin D., Susan S. Woodhouse, Caron A.C. Clark und Elizabeth A. Skowron, 2016. Attachment status and mother-preschooler parasympathetic response to the strange situation procedure. In: Biological Psychology [online]. 114, S. 39–48 [Zugriff am: 14.12.2020]. ISSN 1873-6246. Verfügbar unter: doi:10.1016/j.biopsycho.2015.12.008

Solomon, Judith und Carol George, 2008. The Measurement of Attachment Security and Related Constructs in Infancy and Early Childhood. In: Judy Cassidy, Phillip R. Shaver, Hrsg. Handbook of Attachment: Theory, Research, and Clinical Applications. 2. Auflage. New York: Guilford Press, S. 383–416. ISBN 978-1-5938-5874-2

Spangler, Gottfried und Klaus E. Grossmann, 1993. Biobehavioral Organizations in Securely and Insecurely Attached Infants. In: Child Development [online]. 64(5), S. 1439–1450 [Zugriff am: 14.12.2020]. ISSN 1467-8624. Verfügbar unter: doi:10.1111/j.1467-8624.1993.tb02962.x

Verfasst von
Dr. Marlen Eisfeld
Universität Rostock
Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation
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Zitiervorschlag
Eisfeld, Marlen, 2020. Fremde-Situations-Test [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 21.12.2020 [Zugriff am: 29.11.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Fremde-Situations-Test

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