socialnet Logo

Genogramm

Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen

veröffentlicht am 23.11.2023

Etymologie: gr. genea Abstammung; gr. graphein schreiben, zeichnen

Englisch: genogram

Ein Genogramm ist die grafische Darstellung von Beziehungen und Strukturen innerhalb einer Familie. In der Regel werden in einem Genogramm Familienmitglieder mehrerer Generationen aufgezeichnet.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Ziele
  3. 3 Durchführung
  4. 4 Entwicklungen der Genogrammarbeit
  5. 5 Methodische Hinweise
  6. 6 Variationen
  7. 7 Risiken und Nebenwirkungen
  8. 8 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Die Genogrammerhebung (oder Genografische Mehrebenenanalyse, Kaiser 1989) ist eine Darstellungsform verwandtschaftlicher Zusammenhänge, die in der Beratung, der Kinder- und Jugendhilfe und vor allem in der Systemischen Familientherapie verwendet wird, um Familienbeziehungen, wiederkehrende Konstellationen und Vorgeschichte darzustellen. Diese grafische Darstellung der familiären Beziehungen beinhaltet mindestens zwei Generationen. Mögliche Schwerpunkte sind z.B. die Erörterung der emotionalen Beziehungen und der tradierten Werte. Die Genogrammarbeit bietet die Möglichkeit eines ganzheitlichen Zuganges und einer flexiblen Kontaktaufnahme. Zudem kann ein Überblick über relevante Lebensereignisse, die Lebenslage, die familiäre Funktionstüchtigkeit, Probleme und Ressourcen gewonnen werden.

2 Ziele

Ein Genogramm ist eine grafische Darstellungsform verwandtschaftlicher Zusammenhänge, um familiäre Beziehungen und wiederkehrende Strukturen zu evaluieren und zu analysieren und geht so inhaltlich weit über die Analyse eines Familienstammbaums hinaus. Mit einem Genogramm sollen Verhaltensmuster, beziehungsbestimmende psychologische Faktoren und sich innerhalb einer Familie wiederholende Verhaltensweisen visualisiert und anschließend analysiert werden. Die Genogrammarbeit bietet die Möglichkeit, komplexe Sachverhalte und Interaktionen in Familien in relativ kurzer Zeit differenziert und übersichtlich darzustellen. Mithilfe des Genogramms können die jeweils historisch gewachsenen sozialen, personalen, ökonomischen und politischen Bedingungskonstellationen, innerhalb derer sich Einschränkungen und Entfaltungen individueller und familiärer Entwicklungsmöglichkeiten ergeben, analysiert werden.

Mit dieser Methode werden in einer grafischen Form Informationen über möglichst drei Generationen erhoben. Auf der vertikalen Ebene werden die Strukturen über die einzelnen Generationen abgebildet; dies ermöglicht, wiederkehrende familiäre Muster, Traditionen und familiäre Strukturen zu untersuchen. Auf der horizontalen Ebene werden die Beziehungen der Familienmitglieder dargestellt. Familienereignisse können mit individuellen Schicksalsschlägen und zugleich mit gesellschaftlichen Entwicklungen, wie Erwerbslosigkeit, Krieg, Vertreibung in Verbindung gesetzt werden. Die historische Kontinuität von Generation zu Generation kann ebenso erfasst werden, wie mögliche Wirkungen der Familienbiografie auf das einzelne Familienmitglied (Hildenbrand 2018, 2020; McGoldrick et al. 2022).

Die so gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen die Bildung von Hypothesen über Vergangenheit, Gegenwart und für die Zukunft der Klient:innen und ihrer Familien. Das „intersubjektive Sinngeschehen“ und die diskontinuierlichen Strukturen werden mittels des Genogramms ordnend erfasst. Die Genogrammarbeit stellt einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Familiensituation, den „unsichtbaren Bindungen“ und den Nachwirkungen verdrängter Schicksale der Eltern und Großeltern her. Die Analyse macht deutlich, wie Lebensgeschichten durch soziale Differenzen geprägt sind und weist so auf die Relevanz sozialer Lagen und Milieus und die Bedeutung kultureller Zugehörigkeit hin.

Mit dieser Analyse wird die regelhaft-habituelle Weise, die Welt zu deuten und handelnd in sie einzugreifen, als sinnhafte Konstruktion verstanden und somit zum Ausgangspunkt für die Reflexion von neuen Handlungsoptionen. Ziel einer solchen Analyse ist eine Strukturgeneralisierung zur Überprüfung der Hypothesen über das Familiengeschehen. Dabei werden die Interpretationen (Konstruktionen) ständig überprüft.

Die Genogrammarbeit stellt auf der psychologischen Ebene einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Familiensituation und den Nachwirkungen verdrängter Schicksale der Eltern und Großeltern her. Die Einbeziehung solcher Denkkategorien stellt eine Brücke zu psychoanalytischen Ansätzen her, wenn davon ausgegangen wird, dass frühere, insbesondere unbewusste, konflikthafte, unerledigte Themen im Heute weiter wirksam sind. Angenommen wird, dass in Familien oftmals über die Generationen im Wesentlichen immer wieder dieselben Konflikte inszeniert werden, also ein „intrafamiliärer Wiederholungszwang“ besteht.

Mit ein wenig Übung können sehr komplexe und verwirrende Verwandtschaftsverhältnisse dargestellt werden. Diese Methode kann genutzt werden, um

  • etwas zu überblicken: sich einen Überblick zu verschaffen
  • etwas zu durchschauen: um Diagnosen zu stellen,
  • oder auch „nur“ um miteinander ins Gespräch zu kommen.

U.a können folgende Phänomene in der Arbeit mit dem Genogramm identifiziert und visualisiert werden:

  • Abhängigkeitsbeziehungen
  • Parentifizierung (Kinder übernehmen beispielsweise Eltern- oder Partnerrollen für einen Elternteil)
  • Emotionaler Missbrauch und Gewalt
  • Loyalitätskonflikte
  • Konflikte und deren Lösungsversuche
  • Rollenkonflikte
  • Delegationen
  • Tabus und Geheimnisse
  • Familiäre Mythen
  • Verstrickungen
  • Migration
  • Krankheiten
  • Frühe, späte Tode
  • Bildung/​Berufe

3 Durchführung

Grundlegend für die praktische Durchführung des Analyseprozesses ist eine offene dialogische Gesprächshaltung, die auf das Erzählen von subjektiv Erlebtem zielt. Die Fragen sind prozesshaft zu formulieren und auf eine Lebensphase oder eine bestimmte Situation fokussiert. Zu vermeiden sind reine Frage-Antwort-Schemata. In den Gesprächen können Hypothesen entwickelt werden, die als Konstruktionen von Beobachter:innen zu betrachten sind.

Vor der eigentlichen Durchführung der Genogrammarbeit ist mit den Klient:innen, dem Paar oder der Familie der „Sinn“ der verwendeten Methode zu besprechen. Üblicherweise wird in der psychosozialen Praxis das Genogramm von den Berater:innen gezeichnet. Es wird meist in den ersten Beratungsstunden erstellt. Eingetragen werden zunächst objektive Daten, wie die Namen, Geburts- und Todeszahlen, Datum der Eheschließung und -scheidung und eventuelle besondere Merkmale (z.B. Berufe, Persönlichkeitseigenchaften). Es lassen sich beispielsweise auch Karrieredaten, innerfamiliäre Konflikte, Krankheiten und Gewohnheiten darstellen.

Genogramme nutzen einfache Symbole, die wie ein Familienstammbaum angeordnet sind (siehe Abb. 2). Jeweils ein Symbol steht dabei für ein Familienmitglied, wobei diese ein Geschlecht repräsentiert und mit verschiedenen Linien die Beziehungen zu der Familie skizziert werden. Beispielsweise können für adoptierte Kinder eine gestrichelte Linie und für Pflegekinder eine gepunktete verwendet werden. Typischerweise steht über dem Symbol das Geburtsdatum (und gegebenenfalls das Todesdatum), darunter der Name. Im Inneren des Symbols steht typischerweise das Alter oder andere zusätzliche Zeichen, die z.B. Krankheiten, Totgeburten, Schwangerschaftsabbrüche und plötzlichen Kindstod symbolisieren. Im Genogramm kann die Beziehungsform gekennzeichnet werden. Dazu können folgende Symbole genutzt werden:

mögliche Verbindungslinien zwischen den Personen
Abbildung 1: mögliche Verbindungslinien zwischen den Personen (eigene Darstellung)
Symbolsprache des Genogramms, traditionelle Darstellung
Abbildung 2: Symbolsprache des Genogramms, traditionelle Darstellung (eigene Darstellung)

Die Wiederholung von Beziehungsmustern (z.B. in der Generationenfolge ein jeweils ähnliches Heiratsalter) zu je gleichen Zeiten im Familienzyklus lassen sich relativ einfach identifizieren. Durch die Altersangaben im Genogramm ist zu erkennen, ob die eingetretenen Ereignisse für die einzelnen Familienmitglieder innerhalb normativer Erwartungen bestimmter Lebensphasen liegen. Wenn sie dies nicht tun, können sich hieraus Hypothesen über ein mögliches Familienproblem ergeben.

Zudem werden die Familienmitglieder mit einigen Attributen beschrieben und es wird über deren Erlebnisse, Krisen und Krankheiten berichtet. Wichtige Daten wie beispielsweise Scheidungen, Berufe, Wohnungswechsel, Feindschaften, Sterbefälle, Krankheiten, Konflikte können eingetragen und damit transparent gemacht werden.

Nachdem die grafischen Symbole der einzelnen Personen aufgezeichnet sind, können die Bedeutung der familiären Mythen, Koalitionen, Delegationen und Hierarchien analysiert werden, um Hypothesen über mögliche mehrgenerationale Wiederholungen zu bilden. Der Fokus liegt (in der Familientherapie) traditionellerweise auf der Exploration der familiären Beziehungen mit z.B. ihren Tabus, Koalitionen und sozialen Verstrickungen. Dabei werden die Familien in ihrem räumlich-zeitlichen Kontinuum betrachtet und die Beziehungskontexte zu relevanten Umwelten aufgenommen.

4 Entwicklungen der Genogrammarbeit

Bereits früher wurden in der Familienforschung Genogramme als „Stammbäume“ genutzt, um z.B. die Ahnenfolge aufzuzeigen. In der NS-Diktatur wurden bei Genogrammen ähnliche Darstellungen für „Rassefragen“ verwendet, um den „Anteil deutschen Blutes“ oder auch vermeintlich vererbte Charaktereigenschaften, Behinderungen oder Suchtmittelabhängigkeit aufzuzeigen.

In der Medizin können mithilfe von Genogrammen gesundheitliche Zusammenhänge, zum Beispiel Krebsrisiken, Erbkrankheiten oder Gesundheitsrisiken analysiert werden.

Die Familientherapeut:innen der ersten Generation begannen in den 1950er-Jahren Genogramme zu verwenden. Wegweisend für die Genogrammarbeit in der systemischen Therapie waren Monica McGoldrick und Randy Gerson, die 1985 ihr Buch Genograms: Assessment and Intervention veröffentlichten (die 5. überarbeitete Auflage erschien 2022). Die Genogrammarbeit wurde zunächst als Repräsentationsform entwickelt, um Systeminformationen im Rahmen familientherapeutischer Arbeit und in der Darstellung in biografischen Werken zu vermitteln, bevor sie als Forschungsmethode in den Sozialwissenschaften, der Familientherapie und in vielen Feldern biopsychosozialer Praxis Anwendung fand.

In ihrem Grundlagenwerk legen McGoldrick und Gerson den Schwerpunkt auf das Erkennen und Interpretieren familiärer Muster und auf die Analyse von Geschwisterkonstellationen und Paarbeziehungen. Zudem wird der familiäre Lebenszyklus und der klinische Einsatz von Genogrammen fokussiert.

Die Bedeutung der Großeltern im Kontext der Mehrgenerationenperspektive betonten insbesondere Sperling und Massing (1982). Sie thematisierten aus einer psychoanalytisch-systemischen Perspektive die Fortsetzung von Konflikten und Beziehungsmustern aus früheren Generationen in der Gegenwart der jetzigen Familien- und Paarbeziehungen. In der Mehrgenerationen-Therapie werden die Angehörigen verschiedener Generationen, insbesondere die Großeltern der Indexpatient:innen, direkt in den therapeutischen Prozess einbezogen, um die intrafamiliär tradierten Konflikte zu klären, festgefahrene Transaktionsmuster zu verstehen und Entwicklungsblockierungen aufzulösen.

Die Genogrammarbeit aus der Perspektive der strukturellen Familientherapie nach Salvador Minuchin (1977) analysiert strukturelle Merkmale einer „funktionierenden“ Familie. Fokussiert werden insbesondere klar definierte Grenzen zwischen den Subsystemen, denn diese würden den Familienmitgliedern ermöglichen, die Entwicklungsaufgaben angemessen zu erfüllen.

Die wachstumsorientierte Genogrammarbeit nach Virginia Satir (1973) versucht hingegen ein Klima der Hoffnung zu initiieren, um verschüttete Ressourcen, vergessene Fähigkeiten der Familie zu aktivieren und für das Wachstum der Familienmitglieder nutzbar zu machen. Bedeutsam ist die Steigerung des familiären und des individuellen Selbstwerts.

Bruno Hildenbrand (1998) versteht Genogrammarbeit als rekonstruktive Sequenzanalyse, die sich auf soziologische Kategorien und auf die objektive Hermeneutik stützt. Sequenzanalyse wird als Methode der Rekonstruktion von Krisen und ihrer Bewältigung verstanden.

Aus in der Praxis entwickelten Konzepten entstanden verschiedene Variationen der Genogrammarbeit. Hierzu gehören narrative Konzepte, bei denen im Gespräch über die Familiengeschichte unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen thematisiert werden oder der Einbezug der Methode in verschiedenen Arbeitsfeldern wie z.B. der Drogenhilfe (Stachowske 2002).

Beushausen (2012) erweiterte die Genogrammarbeit um die Analyse sozialer Aspekte, indem beispielsweise Armut, Schulden, Berufe und die Wohnungsumgebung in die Analyse einbezogen werden.

Hildenbrand (2018) stellt den Einsatz dieser Methode u.a. in der Paarberatung, der Analyse der Geschwisterbeziehungen und von Vornamen vor. Dieser Autor (2007) betont die Bedeutung einer sozialwissenschaftlichen Perspektive, in der der Kontext einer Person oder Familie ausführlich fokussiert wird. Er empfiehlt Lexika, Karten und weitere Quellen zum Kontextverständnis zu nutzen, die geeignet sind, die Milieulagen aufzunehmen.

5 Methodische Hinweise

Bei der Erstellung eines Genogramms werden zunächst sehr viele Informationen aufgenommen; im Laufe des Gesprächs ergibt sich eine Reduktion und Fokussierung auf bestimmte Fragestellungen. Die anfänglichen umfangreichen Informationen sind notwendig, um die verschiedenen Ebenen der Probleme berücksichtigen zu können. Da einzelne Klient:innen/​Familien durch die enorme Datenfülle und die Interpretationsmöglichkeiten verwirrt werden, ist eine Reduzierung der Themen sinnvoll.

Bei der Erstellung von Genogrammen, die mit der gesamten Familie angefertigt werden, sind die familiären Geheimnisse oder Tabus besonders zu berücksichtigen, um da, wo es notwendig ist, einzelne Familienmitglieder oder die Familie zu schützen.

Bei der Erstellung des Genogramms sind „Widerstände“ und Ängste der Klient:innen zu berücksichtigen. Transparenz in der Vorgehensweise wirkt in der Regel angstabbauend, auch introvertierte und ängstliche Klient:innen und Familien beteiligen sich meist aktiv. Wenn die Klient:innen/​Familien die von den Berater:innen zusammengefasste Niederschrift erhalten, ermöglicht dieses Vorgehen Korrekturen seitens der Klient:innen und hilft bei der kognitiven Verarbeitung.

Weitere Vorteile bzw. Möglichkeiten in der Anwendung werden im Weiteren zusammengefasst:

  • Mithilfe der Genografischen Mehrebenenanalyse kann analysiert werden, wie die Familienmuster sich zu verschiedenen Zeiten, d.h. vor, bei oder nach dem Auftreten einer Krise (z.B. Tod eines Familienmitgliedes) verändert haben.
  • Die Thematisierung traumatischer Ereignisse und Beziehungsbrüche (sogenannte „transgenerationale Traumatransmissionen“, Hildenbrand 2005, 2020), einschließlich einer genauen zeitlichen Beachtung des Lebensalters der jeweiligen Generation, stellt einen Zusammenhang zwischen den historischen Fakten, den damit verbundenen emotionalen Brüchen und der sozialen Realität der Familie her.
  • Es ist davon auszugehen, dass kritische Ereignisse und Lebensphasen der Familie Auswirkungen auf die Emotionen der Familienmitglieder und deren Lebensgeschichte haben. Dies trifft in besonderem Maße auf größere Verluste, wie Todesfälle oder Scheidungen, zu.
  • Mit der Genogrammarbeit kann der Fokus auch auf die Ressourcen und Stärken der Systemmitglieder gelenkt werden.
  • Eine Grundeinheit lebender Systeme bildet das Beziehungsdreieck. In Familiensystemen werden häufig konflikthafte Zweierbeziehungen um eine dritte Person erweitert, die den Konflikt verdeckt und das System stabilisiert (Triangulierungen z.B. in Form eines Ehegattensubstituts) oder zwei Personen können sich gegen eine dritte zusammenschließen (Koalition). Beispiel: In der Familie K. wird die Mutter als psychisch krank bezeichnet, sie war öfter über längere Zeit in der Psychiatrie. Der Vater fragt die zehnjährige Tochter oft um Rat und erwartet, dass sie die sechsjährige Schwester über längere Zeiten beaufsichtigt. Die Rolle der zwölfjährigen Tochter lässt sich als Ehegattensubstitut kennzeichnen, sie ist mit ihren Aufgaben überfordert und ersetzt dem Vater strukturell in Teilen die Ehefrau.
  • Krankheiten, Verhaltensauffälligkeiten, Haftaufenthalte, erhebliche Schulden, Suizidversuche, Essstörungen und Alkoholismen sind häufig schon in früheren Generationen „aufgetreten“. Ist solch ein Phänomen festzustellen, kann analysiert werden, ob dieses von Generation zu Generation „sozial vererbt“ wird und welchen Einfluss dies auf das Familiengeschehen hat.
  • Transgenerationale Vermächtnisse und Delegationen der Eltern und Großeltern können schnell deutlich werden. „Leitmotive“ der Familienmitglieder, die als familienspezifische Muster von Generation zu Generation weitergegeben werden, können aufgedeckt werden, indem auf Wiederholungen geachtet wird. Diese Muster können als eine Art „machtvolle Verschreibung“ fungieren.
  • Die Analyse des Genogramms kann spezifische Muster von Bewältigungsmechanismen der betreffenden Familie auf kritische Lebenssituationen aufzeigen, z.B. systemspezifische Muster der Anpassungsfähigkeit oder der Rigidität, die in der Vergangenheit nach bestimmten Ereignissen (z.B. nach Todesfällen) auftraten.
  • Die Analyse des Genogramms kann bemerkenswerte Aufstiege und Misserfolge einzelner Familienmitglieder der verschiedenen Generationen in den Fokus der Betrachtung rücken lassen.
  • Normen und Werte, sich in der Generationenfolge wiederholende Tabus, Familiengeheimnisse, Loyalitäten, familiäre Regeln und Traditionen in den Teilfamilien können erörtert und in einem Gesamtüberblick zusammengeführt werden.
  • Es wird Auskunft gegeben über die Bedeutung kultureller Zugehörigkeit. Die Analyse macht deutlich, wie Lebensgeschichten durch soziale Differenzen geprägt sind und weist so auf die Relevanz sozialer Lagen und Milieus hin.

6 Variationen

Methodisch kann der Einsatz der Genogramme variiert werden, oftmals können in einem Gespräch nur einzelne Aspekte thematisiert werden. Einige der möglichen Varianten werden nachfolgend benannt:

  • Fokussiert werden können die Stärken und Ressourcen der einzelnen Personen.
  • Verschiedene Beziehungsarten können mit verschiedenen Farben dargestellt werden. Beispielsweise können grüne Linien Freundschaft/Nähe symbolisieren oder rote Linien für negative Beziehungen wie Hass, Misstrauen und Ablehnung stehen.
  • Genogramme können als Vorarbeit für den Einsatz von Skulpturen genutzt werden, hier werden Aspekte des Genogramms durch Symbole (Personen, Stühle, Figuren, Seile, Bauklötze etc.) markiert. Anschließend kann das Genogramm räumlich erkundet werden. Diese Technik wird auch als „begehbares Genogramm“ bezeichnet.
  • Das System Familie wird im Rahmen dieser Analyse in seinen Bezügen zu seinen Umwelten (Nachbarschaft, Schule etc.) und Systemen der Makroebene (Gemeinde, politische und rechtliche Verhältnisse usw.) analysiert und somit in die Analyse von Netzwerken integriert.
  • Eine weitere Variation ist die visuelle Analyse (Beushausen 2012). Während üblicherweise in der psychosozialen Praxis das Genogramm von den Berater:innen gezeichnet wird, zeichnen hier die Klient:innen ihr Genogramm. Kurz soll der theoretische Rahmen skizziert werden. Hypothetisch ist ein skizziertes Genogramm kein Zufallsprodukt, sondern eine subjektive, unbewusste Verschlüsselung von internalisierten Vorgängen. Innerhalb dieses Prozesses kann mit Heinl (1988), einem Vertreter der Gestalttherapie, davon ausgegangen werden, dass die Zeichnung und die Analyse eines Genogramms „Schwingungen“ auslösen, die bis in den Bereich früherer Lebenserfahrungen, einschließlich des vorsprachlichen Raumes, reichen. Das von den Klient:innen gezeichnete Genogramm spiegelt so die familiäre Situation oftmals auf der nonverbalen, „unbewussten“ Ebene. Oftmals unbewusste Affekte und Szenen können mithilfe der konzentrierten fokussierten Wahrnehmung auf das visuelle Erleben der Zeichnung hypothetisch ins Gespräch gebracht und so besser im Bewusstsein integriert werden. Für die Durchführung erhalten die Klient:innen ein Blatt im Format DIN A1 und eine Reihe von verschiedenen Stiften zur Auswahl. Als Vorgabe wird ihnen mitgeteilt, dass die gesamte Familie auf das Blatt zu „zeichnen“ ist und sie möglichst die Frauen mit einem Kreis und die Männer mit einem Quadrat darstellen. Um die Art der Beziehungsgestaltung zu symbolisieren, können die Familienmitglieder durch Verbindungslinien miteinander verbunden werden. Im Anschluss wird erörtert, was sich in der zeichnerischen Darstellung der Klient:innen ausdrücken könnte, ob dies zufällig erfolgte oder ob sich hier eine typische Struktur etc. zeigt.
  • Im Internet finden sich eine Reihe von Programmen zur Erstellung eines Genogramms.

7 Risiken und Nebenwirkungen

Die Genogrammarbeit ermöglicht den Klient:innen, die aktuelle Situation, eigene Verhaltensweisen und die der Angehörigen als eine gemeinsame Geschichte aus einer neuen Perspektive zu sehen und sich als Teil einer Familiengeschichte zu begreifen. Oftmals enthalten die Informationen Hinweise auf „brisante Themen“, ohne dass diese bereits auf „tieferer Ebene“ erörtert werden müssen. Allerdings können diese Gespräche auch zu einer zu starken Involvierung führen. Dies muss bereits vor der Erörterung bedacht werden. Falls trotzdem eine zu starke emotionale Tiefung erfolgt, müssen die Berater:innen unbedingt über Kenntnisse und Erfahrungen verfügen, um die Klient:innen angemessen begleiten zu können. Es kann auch notwendig sein, die Indikation für eine Psychotherapie zu überprüfen.

Wenn Klient:innen aufgefordert werden Angehörige zu befragen, um z.B. alte Fotos, Zeugnisse, Lebensläufe in die Beratung mitzubringen, kann dies zu erheblichen Auswirkungen bei anderen Familienmitgliedern führen. Dies sollte mitbedacht werden.

Die Ähnlichkeit der grafischen Darstellung kann insbesondere ältere Menschen an die Anfertigung von Stammbäumen in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern, da damals für die Erhebung von „Rassenfragen“, in Stammbäumen einer dem Genogramm ähnlichen Form, die ethnische Herkunft und vermeintlich vererbte Charaktereigenschaften, Behinderungen oder Suchtmittelabhängigkeit angegeben werden mussten. Möglicherweise werden daher durch diese Methodik traumatische Erfahrungen reaktiviert.

Zu bedenken ist zudem, dass die Darstellungsweise des Genogramms die „Abstammungsreihe“ fokussiert und damit die individuelle Beziehungsbiografie aus dem Fokus geraten kann. Es besteht die Gefahr, sich ausführlich mit Erzählungen der Familiengeschichte zu beschäftigen und damit den Blick von den aktuellen Handlungsmöglichkeiten abzulenken und ein „Problem“ nicht auf z.B. eine aktuelle Beziehungsproblematik oder Themen der Berufswelt zu beziehen.

8 Quellenangaben

Beushausen, Jürgen, 2012. Genogramm- und Netzwerkanalyse: Die Visualisierung familiärer und sozialer Strukturen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. ISBN 978-3-525-40183-5 [Rezension bei socialnet]

Heinl, Peter, 1988. Kontext und Kommunikation: Koordinaten des Gengramms (Familienstammbaum). In: Integrative Therapie. 14(4), S. 365–375. ISSN 0342-6831

Hildenbrand, Bruno, 2018. Genogrammarbeit für Fortgeschrittene: Vom Vorgegebenen zum Aufgegebenen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag. ISBN 978-3-8497-0242-7 [Rezension bei socialnet]

Hildenbrand, Bruno, 2020 [2005]. Einführung in die Genogrammarbeit. 5. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer Verlag. ISBN 978-3-89670-539-6 [Rezension bei socialnet]

Kaiser, Peter, 1989. Familienerinnerungen – Zur Psychologie der Mehrgenerationenfamilie. Heidelberg: Asanger. ISBN 978-3-89334-147-4

McGoldrick, Monica, Randy Gerson und Sueli Petry, 2022. Genogramme in der Familienberatung. 5. überarbeitete Auflage. Bern: Hogrefe. ISBN 978-3-456-86159-3 [Rezension bei socialnet]

Minuchin, Salvadore, 1977. Familie und Familientherapie, Theorie und Praxis struktureller Familientherapie: Theorie und Praxis struktureller Familientherapie. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag. ISBN 978-3-7841-0148-4

Satir, Virginia, 1994 [1973]. Familienbehandlung: Kommunikation und Beziehung in Theorie, Erleben und Therapie. 9. Auflage. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag. ISBN 978-3-784-10120-0

Sperling, Eckhard und Almuth Massing, 1982. Die Mehrgenerationen-Familientherapie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-45740-5

Stachowske, Ruthhard, 2002. Mehrgenerationentherapie und Genogramme in der Drogenhilfe – Drogenabhängigkeit und Familiengeschichte. Heidelberg: Asanger Verlag. ISBN 978-3-89334-379-9

Verfasst von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
Website
Mailformular

Es gibt 4 Lexikonartikel von Jürgen Beushausen.

Zitiervorschlag
Beushausen, Jürgen, 2023. Genogramm [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 23.11.2023 [Zugriff am: 02.03.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/14867

Link zur jeweils aktuellsten Version: https://www.socialnet.de/lexikon/Genogramm

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zählpixel