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Gesundheitsförderung

Dr. Toni Simon

veröffentlicht am 02.04.2020

Englisch: health promotion

Der auf die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation WHO (1986) zurückgehende Begriff Gesundheitsförderung bezieht sich auf Prozesse zur Befähigung aller Menschen zur möglichst selbstbestimmten Erhaltung und Stärkung der Gesundheit.

Überblick

  1. 1 Ottawa-Charta der WHO
  2. 2 Gesundheitsförderung und Prävention
  3. 3 Handlungsstrategien und -felder zur Gesundheitsförderung
  4. 4 Gesundheitsförderung als Setting-Ansatz
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Ottawa-Charta der WHO

Der Begriff Gesundheitsförderung wurde mit der im Jahr 1986 verabschiedeten Ottowa-Charta der WHO in themenbezogene Diskussionen eingebracht und zielt

„auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin“ (WHO 1986, S. 1).

2 Gesundheitsförderung und Prävention

Gesundheitsförderung bezieht sich auf alle Maßnahmen, die auf die Erhaltung oder Stärkung der Gesundheit von Menschen zielen. Maßgeblich für Gesundheitsförderung ist ein prozessuales Verständnis der Befähigung von Menschen zur aktiven, selbstbestimmten (Empowerment) bzw. mitbestimmenden Einflussnahme (Partizipation) auf Verhaltensweisen (individuelle Ebene) und Verhältnisse (systembezogene Ebene), die für ihre Gesundheit relevant sind. Durch die Prinzipien des Empowerments und der Partizipation soll sichergestellt werden, „dass Menschen Verantwortung für ihre G. [Gesundheit] übernehmen und die Kompetenzen erwerben, um ihre G. und die ihrer sozialen Umgebung pos. beeinflussen zu können“ (Faltermaier 2020, o.S.). Durch die Beachtung der Verhaltens- und Verhältnisebene rücken neben individuellen körperlichen und psychischen auch sozioökonomische und ökologische respektive strukturelle Faktoren in den Fokus der Gesundheitsförderung.

Für die Gesundheitsförderung zentral ist die Perspektive der Salutogenese: Von ihr ausgehend wird danach gefragt, was einen Menschen gesund hält und es wird nach Schutzfaktoren für die individuelle Gesundheit/das individuelle Gesundheitserleben gesucht. Im Gegensatz dazu beziehen sich Strategien der Prävention aus pathogenetischer Perspektive „auf die Verhinderung von Krankheiten oder ihre Früherkennung […], indem Risikofaktoren verringert oder abgebaut werden“ (ebd.). Sowohl Gesundheitsförderung als auch Prävention zielen letztlich auf die Steigerung der Gesundheit von Menschen, sodass eine Abgrenzung beider Strategien schwierig und eher von einer komplementären Ergänzung zu sprechen ist (z.B. Miksch 2019, S. 115). Das Ziel von Gesundheitsförderung ist letztlich die Realisierung des Menschenrechts auf eine gesunde Lebensweise (siehe Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie Artikel 3 und 24 der UN-Kinderrechtskonvention) und nicht die Steigerung der Funktionalität der AkteurInnen im Systemzusammenhang, mit der Gesundheitsförderung zur „Kapitalstrategie“ (Reindl 2003, S. 222) für eine „gelingende Selbstverwertung“ (ebd., S. 241) werden würde.

3 Handlungsstrategien und -felder zur Gesundheitsförderung

Im Rahmen der Ottawa-Charta wurden zentrale Handlungsstrategien und -felder zur Gesundheitsförderung identifiziert, die bis dato maßgeblich sind (WHO 1986, S. 2 ff.).

Tabelle 1: Zentrale in der Ottawa-Charta zusammengetragene Handlungsstrategien und -felder zur Gesundheitsförderung (Miksch 2019, S. 115)
Handlungsstrategien Vorrangige Handlungsfelder
  • Interessen vertreten (advocate): positive Beeinflussung der Gesundheit durch ein aktives anwaltschaftliches Eintreten und durch Verbesserung von politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, biologischen, umweltbezogenen und verhaltensorientierten Faktoren und Rahmenbedingungen
  • Befähigen und Ermöglichen (enable): Kompetenzförderung und Empowerment des Einzelnen sowie gesellschaftlich verankerte gesundheitliche Chancengleichheit
  • Vermitteln und Vernetzen (mediate): aktive und dauerhafte Kooperation, Vernetzung und aktiver Austausch zwischen AkteurInnen
  • Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik: Gesundheit soll in allen Politikbereichen berücksichtigt werden
  • Schaffung gesundheitsfördernder Lebenswelten: sichere und schützende Lebens- und Arbeitsbedingungen, nachhaltige Stärkung der Gesundheit
  • Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen Stärkung der Teilhabe, Selbsthilfe und Partizipation
  • Förderung persönlicher Kompetenzen, Bildungsförderung, lebenslanges Lernen, Gesundheitserziehung
  • Neuorientierung der Gesundheitsdienste: Entwicklung und Stärkung eines Gesundheits- und Versorgungssystems, das über medizinisch-kurative Versorgung hinausgeht und stärker auf die Förderung der Gesundheit ausgerichtet ist

4 Gesundheitsförderung als Setting-Ansatz

Gesundheitsförderung wird als Setting-Ansatz verstanden, d.h. es wird darauf abgezielt im Kontext alltäglicher Zusammenhänge, zum Beispiel im Betrieb (betriebliche Gesundheitsförderung) oder in der Schule (schulische Gesundheitsförderung), Veränderungen anzuregen, die das gesamte System und seine AkteurInnen betreffen. Dabei werden die AkteurInnen als aktive GestalterInnen des gesundheitsförderlichen Settings adressiert und nicht als passive EmpfängerInnen gesundheitsfördernder Maßnahmen. Dies setzt den Erwerb notwendiger Kompetenzen (Bildungsauftrag), die Identifikation der AkteurInnen mit der Aufgabe der gesundheitsförderlichen Gestaltung des Settings und Möglichkeiten der realen Partizipation voraus.

5 Quellenangaben

Faltermaier, Toni, 2020. Gesundheitsförderung. In: Markus Antonius Wirtz, Hrsg. Dorsch – Lexikon der Psychologie [online]. Bern: Hogrefe [Zugriff am: 31.03.2020]. Verfügbar unter: https://portal.hogrefe.com/dorsch/​gesundheitsfoerderung/

Miksch, Antje, 2019. Gesundheitsförderung. In: Hans-Dieter Klimm und Frank Peters-Klimm, Hrsg. Allgemeinmedizin: Der Mentor für die Facharztprüfung und für die allgemeinmedizinische ambulante Versorgung. 6., unveränderte Auflage. Stuttgart: Thieme, S. 115–117. ISBN 978-3-13-240181-5

Reindl, Josef, 2003. Gesundheitskompetenz: Selbsttechnik oder sozial eingehegte Selbstsorge. In: Arbeitsgemeinschaft Qualifikations-Entwicklungs-Management, Hrsg. Kompetenzentwicklung 2003: Technik – Gesundheit – Ökonomie. Münster: Waxmann, S. 207–242. ISBN 978-3-8309-1359-7

WHO, 1986. Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung [online]. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe [Zugriff am: 31.03.2020]. Verfügbar unter: http://www.euro.who.int/__data/​assets/​pdf_file/0006/129534/​Ottawa_Charter_G.pdf?ua=1

6 Literaturhinweise

Antonovsky, Aaron, 1997. Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag. ISBN 978-3-87159-136-5

Habermann-Horstmeier, Lotte, 2017. Gesundheitsförderung und Prävention. Bern: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85707-7 [Rezension bei socialnet]

Hurrelmann, Klaus, Theodor Klotz und Jochen Haisch, Hrsg., 2010. Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Bern: Huber. ISBN 978-3-456-85319-2 [Rezension bei socialnet]

Naidoo, Jennie und Jane Wills, 2019. Lehrbuch der Gesundheitsförderung. 3., aktualisierte Auflage. Deutsche Ausgabe herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Bern: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85744-2

Autor
Dr. Toni Simon
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arbeitsbereichs Sachunterricht am Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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Es gibt 6 Lexikonartikel von Toni Simon.


Zitiervorschlag
Simon, Toni, 2020. Gesundheitsförderung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 02.04.2020 [Zugriff am: 25.09.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Gesundheitsfoerderung

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