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Gewaltfreie Kommunikation

Georg Singe

veröffentlicht am 17.05.2018

Etymologie: engl. Nonviolent Communication (NVC)
Abkürzung: GFK

Gewaltfreie Kommunikation (GFK) stellt ein Modell einer „Sprache des Lebens“, einer „Sprache des Friedens“ dar, das Menschen ermöglichen soll, gewaltfrei mit anderen Menschen zu kommunizieren. Es ist von Marshall B. Rosenberg in den 1960er Jahren unter dem englischen Begriff „Nonviolent Communication“ entwickelt und ständig ausdifferenziert worden. Als Handlungskonzept ist es auch ein wirkungsvolles Instrument der Mediation, um friedliche Lösungen in Konflikten zu ermöglichen.

Überblick

  1. 1 Hintergrund
  2. 2 Grundannahmen
  3. 3 Kommunikationsmodell
  4. 4 Würdigung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise
  7. 7 Informationen im Internet

1 Hintergrund

In der deutschen Übersetzung wird GFK auch als „Methode“ der „Einfühlsamen Kommunikation“ bezeichnet (Rosenberg und Holler 2016, S. 18), die einen neuen Zugang zur Wahrnehmung eigener und fremder Bedürfnisse darstellt und so einen friedvollen Umgang mit sich selbst und den anderen ermöglicht. Beim Begriff „gewaltfrei“ bezieht sich Rosenberg auf die Lehre Mahatma Gandhis und versteht seinen Kommunikationsbegriff als interaktiven Prozess, der „unsere alten Muster von Verteidigung, Rückzug oder Angriff angesichts von Urteilen und Kritik umwandelt“ (ebd. S. 19). Dies wird durch eine bewusstere Wahrnehmung eigener und fremder Bedürfnisse möglich, die sich auf der Basis grundlegender menschlicher Empathie entfalten. Empathie wird im Sinne Carl Rogers als die zentrale Ressource menschlicher Kommunikation verstanden. Das Modell baut auf keinen neuen psychologischen Erkenntnissen auf, sondern systematisiert Altbekanntes in ein modernes, alltagstaugliches Praxismodell.

2 Grundannahmen

Die GFK ist geprägt vom Bewusstsein über das natürliche Einfühlungsvermögen der menschlichen Natur. Selbstempathie und Empathie zu anderen, intensives Zuhören, Toleranz und Respekt bilden die Grundlage für eine Sprache, die nicht verletzend ist, da sie sich immer an den grundlegenden Bedürfnissen der Menschen ausrichtet. Diese müssen oftmals erst über einen langen Weg herausgefiltert, wahrgenommen und dann kommuniziert werden. Daher ist GFK nicht nur ein sprachliches Modell, sondern eine grundlegende Haltung, die immer wieder neu erlebt, angewendet und vertieft werden muss. Dabei spielt die spirituelle Dimension menschlicher Wirklichkeit, die in der Idee des Prozesses der Verbundenheit mit sich selbst und dem anderen auch eine geistige Sphäre umfasst, eine entscheidende Rolle. (Rosenberg 2015)

3 Kommunikationsmodell

Der Prozess der GFK wird in vier Schritte unterteilt:

  1. Grundlagen bilden die Beobachtungen menschlicher Kommunikation.
  2. Die mit den Beobachtungen verbundenen Gefühle werden in einem zweiten Schritt wahrgenommen und benannt.
  3. Die hinter diesen Gefühlen stehenden Bedürfnisse der Beteiligten werden erfasst und finden
  4. ihren Ausdruck in einer Form der Kommunikation, die auf Bitten und nicht auf Forderungen ausgerichtet ist.

Wenn Menschen sich nun gegenseitig bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse unterstützen, leben sie in harmonischen Beziehungen. Denn so kann das Grundbedürfnis nach Kontakt und Zugehörigkeit erfüllt werden. Streit, Konflikte und Aggression werden auf unerfüllte Bedürfnisse zurückgeführt. Es bedarf der einfühlsamen Wahrnehmung in der Verbalisierung dieser oftmals unbewussten Situation. Dabei bleibt die Verantwortung für das Handeln stets bei dem einzelnen Individuum. In ständiger Selbstreflexion ist es ein fortlaufender Lernprozess, die eigene Wahrnehmung zu schulen, Bedürfnisstrukturen zu erkennen sowie einfühlsam die nötigen Strategien und den angemessenen Umgang mit Macht zu erlernen. Das Kommunikationsmodell ist in vielen Büchern Rosenbergs und den zahlreichen Übungsbüchern zur GFK in verschiedenen Formen ausgestaltet und wird daher an dieser Stelle nicht näher erläutert.

4 Würdigung

in seinen Büchern diskutiert Rosenberg die einzelnen zentralen Begriffe nicht im wissenschaftlichen Diskurs. So nutzt er die vielen Ansätze der Psychologie zu den Formen und Einteilungen der Grundbedürfnisse des Menschen, wie zum Beispiel die Bedürfnistheorie von Max-Neef (Rosenberg und Seils 2004, S. 28 f.), ohne dass er sich einem bestimmten Modell anschließt. Es finden sich nur wenige, eher pauschale Verweise auf AutorInnen, die seinen Ansatz stützen. So übernimmt Rosenberg grundlegende Erkenntnisse aus der personenzentrierten Gesprächstherapie nach Carl Rogers, philosophische Grundannahmen der Anthropologie Martin Bubers und die Idee der Gewaltfreiheit im Sinne Mahatma Gandhis. Letztere wird besonders wichtig in den Publikationen, in denen Rosenberg sein Konzept der GFK in größeren Zusammenhängen von Macht, Politik und internationalen Konflikten reflektiert (Rosenberg 2016, 2017). Eine direkte Verbindungslinie zu den Konzepten der gewaltfreien Aktion und des gewaltfreien Widerstandes zieht Rosenberg aber nicht.

Aufgrund der bewusst unwissenschaftlichen Art und Weise, wie Rosenberg sein Konzept der GFK entfaltet, wird der Ansatz im wissenschaftlichen Diskurs wenig beachtet und ist empirisch im Hinblick auf seine Wirksamkeit wenig erforscht. Auf der Homepage des Center for Nonviolent Communication finden sich unter der Rubrik „Research“ nur wenige meist anwendungsbezogene Studien. Das Modell der gewaltfreien Kommunikation ist in den Kontext der Strömung der humanistischen, positiven Psychologie einzuordnen und findet seine Grenzen sicherlich in der monokausalen Reduktion jeglicher Art von Konflikten in Rosenbergs Verständnis von nicht wahrgenommenen, unerfüllten Grundbedürfnissen. So werden Konflikte im Kontext der Gesellschaft weder aus poststrukturalistischer Sicht im Hinblick auf die gesellschaftlichen Machtstrukturen und ebenso wenig auf grundlegende Divergenzen politischer Interessen analysiert. Rosenberg argumentiert ganz im Sinne der humanistischen Psychologie und der Ideen Gandhis. Er möchte in diesem Kontext den Mythos von gesellschaftlichen Machtverhältnissen entlarven, in dem die Welt dualistisch in „gut“ und „böse“ geteilt ist und Gewalt als legitimes Mittel angesehen wird, das Gute durchzusetzen. (Rosenberg 2016, S. 18 f.)

So entfaltet die GFK ihre Wirksamkeit in der Praxis von einzelnen Menschen, die in dem Konzept eine Chance sehen, in einer unheilvollen Welt über wertschätzende Kommunikation sowie die Verbundenheit mit sich selbst, zur Natur und zu anderen Menschen Schritte in eine friedvollere Weilt zu gehen. Die stetig zunehmende Größe des Netzwerkes der GFK in vielen Ländern weltweit zeigt die hohe Relevanz dieses Ansatzes. Im Internet gibt es zahlreiche Plattformen, die der Verbreitung der GFK dienen, viele der Ausbildungsinstitute sind in Deutschland dem Fachverband für Gewaltfreie Kommunikation e.V. in Berlin angeschlossen.

5 Quellenangaben

Rosenberg, Marshall B. und Gabriele Seils, 2004. Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils. Orig.-Ausg. Freiburg im Breisgau: Herder. Herder-Spektrum. Bd. 5447. ISBN 978-3-451-05447-1.

Rosenberg, Marshall B., 2015. Lebendige Spiritualität. Gedanken über die spirituellen Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation: eine Zusammenstellung von Fragen an Dr. Marshall B. Rosenberg und seine Antworten // Gedanken über die spirituellen Grundlagen der GFK. 3. Auflage. Paderborn: Junfermann. Gewaltfreie Kommunikation. ISBN 978-3-95571-302-7.

Rosenberg, Marshall B., 2016. Das Herz gesellschaftlicher Veränderung. Wie Sie Ihre Welt entscheidend umgestalten können: gewaltfreie Kommunikation: die Ideen & ihre Anwendung. 2. Auflage. Paderborn: Junfermann Verlag. ISBN 978-3-95571-550-2 [Rezension bei socialnet].

Rosenberg, Marshall B. und Ingrid Holler, 2016. Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. 12., überarbeitete und erweiterte Auflage. Paderborn: Junfermann Verlag. Reihe Kommunikation / Gewaltfreie Kommunikation. ISBN 978-3-95571-572-4.

Rosenberg, Marshall B., 2017. Gewaltfreie Kommunikation und Macht. In Institutionen, Gesellschaft und Familie. Paderborn: Junfermann Verlag. Reihe Kommunikation. Gewaltfreie Kommunikation. ISBN 978-3-95571-625-7 [Rezension bei socialnet].

6 Literaturhinweise

Rosenberg, Marshall B. und Susann Pásztor, 2006. Die Sprache des Friedens sprechen – in einer konfliktreichen Welt. Was Sie als Nächstes sagen, wird Ihre Welt verändern. Paderborn: Junfermann. Gewaltfreie Kommunikation. ISBN 978-3-87387-640-8.

Holler, Ingrid, 2006. Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation: abwechslungsreiche Übungen für Selbststudium, Seminare und Übungsgruppen. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. Paderborn: Junfermann Verlag. Reihe Kommunikation / Gewaltfreie Kommunikation. ISBN 978-3-95571-573-1

Larsson, Liv, 2013. 42 Schlüsselunterscheidungen in der GFK: für ein tieferes Verständnis der Gewaltfreien Kommunikation. Paderborn: Junfermann Verlag. ISBN 978-3-87387-966-9

Basu, Andreas, 2015. Gewaltfreie Kommunikation. Freiburg: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG. ISBN 978-3-648-07838-9

Ludewig, Katharina, 2017. Beziehungskompetenz in sozialen Organisationen: gewaltfreie Kommunikation als Methode für die professionelle Interaktion. Baden-Baden: Tectum Verlag. ISBN 978-3-8288-4080-5

Weckert, Al, 2017: Der Tanz auf dem Vulkan: gewaltfreie Kommunikation und Neurobiologie in Konfliktsituationen. 2. Auflage. Paderborn: Junfermann Verlag. Reihe Kommunikation / gewaltfreie Kommunikation. ISBN 978-3-95571-714-8

7 Informationen im Internet

Autor
Dr. Georg Singe
Dipl.-Sozialarbeiter, Dipl.-Theologe Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut (DGSF)
Dozent an der Fakultät I für Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit der Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Singe, Georg, 2018. Gewaltfreie Kommunikation [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.05.2018 [Zugriff am: 23.10.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Gewaltfreie-Kommunikation

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