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Gindler, Elsa

Marianne Haag

veröffentlicht am 24.11.2022

* 19. Juni 1885 in Berlin

8. Januar 1961 in Berlin

Elsa Gindler
Abbildung 1: Elsa Gindler (Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung)

Elsa Gindler war Gymnastiklehrerin und Pionierin der Körperarbeit.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Lebenslauf
  3. 3 Arbeitsweise
  4. 4 Zur Ruhe kommen – wieder aufgespannt werden
  5. 5 Der „Rückweg“ der Bewegung
  6. 6 In Beziehung sein
  7. 7 Aktuelle Bedeutung
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Literaturhinweise
  10. 10 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Elsa Gindler war eine Pionierin der Körperarbeit, auf die sich Begründerinnen und Begründer mancher Arbeitsmethoden auch gegenwärtig beziehen. Elsa Gindler hat aber keine Methode entwickelt. Die Struktur und die Funktionsmöglichkeiten der biologischen Ausstattung sowie die Naturgesetze auf der Erde sind die Bedingungen des Lebens. Elsa Gindler hat erkannt: Nur solange und soweit der Mensch sich deren gesetzmäßigen Wirkungen entsprechend verhält, kann der Organismus ungestört funktionieren und kann sich der Mensch optimal entfalten. In Kursen und Vorträgen vermittelte sie ihre Erkenntnisse. Sie zeigte Möglichkeiten, durch Arbeit an sich selbst in wache Beziehung zu kommen, sowohl mit dem eigenen Organismus als auch mit der Umwelt. Ihre kongeniale Zusammenarbeit mit Heinrich Jacoby führte zur untrennbaren Verbindung beider Arbeitsweisen.

2 Lebenslauf

Elsa Gindler wurde in Berlin in eine Arbeiterfamilie geboren. Durch Fabrikarbeit, Haushalt und Schneiderei verdiente sie das Geld für eine kaufmännische Lehre, war Verkäuferin, Lageristin und Buchhalterin. In dieser Zeit engagierte sie sich als Leiterin von Frauensportgruppen. Nach längerer Auseinandersetzung mit verschiedenen Methoden war sie 1912 in der Gymnastikausbildung bei Hede Kallmeyer. Ab 1913 arbeitete sie selbstständig als Gymnastiklehrerin, von Naturverbundenheit und ihrer Intuition geleitet. 1923 begegnete sie Heinrich Jacoby; ein Jahr später begann die Zusammenarbeit mit ihm. Ihre Arbeitsweise wurde präziser. Auch unter den Bedingungen des 2. Weltkrieges arbeitete sie in Berlin weiter und unterstützte Verfolgte.

3 Arbeitsweise

Ihr Vortrag „Die Gymnastik des Berufsmenschen“ von 1926 für den Deutschen Gymnastikbund (DGymB), den sie mitbegründet hatte, zeugt von ihrer frühen eigenständigen Arbeit:

„Entspannung ist für uns ein Zustand der höchsten Reagierfähigkeit, eine Stille in uns, eine Bereitwilligkeit, auf jeden Reiz richtig zu antworten. Wenn wir lesen, dass die Araber die Fähigkeit haben, nach stundenlangem Marsch durch die Wüste, sich 10 Minuten bewegungslos in den Sand zu werfen und sich in diesen 10 Minuten so zu regenerieren, dass sie stundenlang weitergehen können, so ist uns dies ein Beispiel für Entspannung […] Diese Entspannung suchen wir. Sie lässt sich am leichtesten erreichen durch Empfindung der Schwerkraft. Die Schwerkraft müssen unsere Glieder begreifen und fühlen lernen, ja jede Zelle in uns muss wieder die Fähigkeit erwerben, ihr folgen zu können“ (Ludwig 2021, S. 121).

1931 fragte sie auf der Generalversammlung des DGymB: „Haben die Menschen mit den Körperübungen Beziehung zu ihrem Organismus gewonnen, so dass es sich besser in ihm lebt, oder können sie sich besser mit dem Leben auseinandersetzen?“ In diesem Sinne, im Hinblick auf die akuten Probleme des täglichen Lebens, richtete sie ihre Arbeitsweise aus. „Dass man mit der derzeit üblichen Art des Vorgehens [Drill, mechanistisches Nachmachen, routiniertes Wiederholen], auch wenn man die Übungen noch so differenziert abstuft, nicht an die eigentlichen Probleme kommt, wurde mir von Jahr zu Jahr klarer“ (Ludwig 2021, S. 126 f.).

4 Zur Ruhe kommen – wieder aufgespannt werden

Elsa Gindler fragte sich:

„Gibt es erkennbare Gesetzmäßigkeiten, auf Grund deren ein Mensch, der bisher nicht das ist und das leistet oder nicht so leistet, wie er es sich wünscht, es dennoch schaffen könnte, allmählich seine Arbeit und auch die Forderungen, die aus dem Zusammenleben mit Menschen notgedrungen immer wieder erwachsen, anders zu erfüllen, als es ihm, – trotz aller Anstrengungen und Bemühungen – bis dahin möglich war?“ (Ludwig 2021, S. 128).

Sie sah, wie leicht sich ungestörte kleine Kinder selbstständig Sitzen, Stehen, Gehen und Klettern erobern. Sie probieren unermüdlich und sind offen in der Welt. „[…] an dieser Unversehrtheit könnten wir erkennen, wie einheitlich der gesamte Organismus funktionieren könnte und müsste, sobald ein Mensch hingebend und wirklich interessiert für eine Sache ist“ (a.a.O., S. 129).

Kind läuft am Strand
Abbildung 2: Kind läuft am Strand (Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung)

Ist die Verbrauchtheit älterer Menschen „wirklich bedingt durch ein Zuviel an Forderungen oder ist sie die Folge eines unzweckmäßigen Verhaltens?“ (a.a.O., S. 127). Am Beispiel einer Mimose, die sofort nach Aufhören eines Reizes, durch den sie sich zusammenzieht, sich wieder zu entfalten beginnt und straff wird, verdeutlichte Elsa Gindler, was es für den Menschen heißt, zur Ruhe zu kommen, nämlich wieder aufgespannt zu werden, bereit für neues Tätigsein.

5 Der „Rückweg“ der Bewegung

„Nehmen wir eine Arbeitsbewegung, die darin besteht, in einer bestimmten Höhe einen Knopf einzuschalten.“ Eine energetische Veränderung im Organismus ist nötig, um mit der Hand dorthin zu kommen.

„Bei der Rückkehr könnte die Energie abnehmen, da bei einer Auswirkung der Schwerkraft der Arm von selbst an seinen Ausgangspunkt zurückkehren könnte. Wenn wir dies ausnützen und den Arm nicht schlaff oder starr zurückkehren lassen, so können wir uns in der Zwischenzeit erholen. Wenn Sie Leuten, die viel in der Arbeit leisten, zusehen, so werden Sie immer wieder sehen, dass sie nach diesem Prinzip arbeiten und dass die Leute, die sich bei der Arbeit anstrengen, immer die Rückwege in Starrheit und Erschlaffung zurücklegen“ (Ludwig 2021, S. 150).

Durch den miterlebten Rückweg kommt die Bewegung zum Ende, wird nicht abgebrochen, weil der Mensch „im Kopf“ schon bei der nächsten Aufgabe ist. Kann die nicht mehr benötigte Bewegungsenergie aber durch Reagieren auf die Schwerkraft nicht abklingen, akkumuliert sie sich beim Weiterarbeiten. Der Mensch wird enger, angestrengt und schneller ermüdbar. Es kommt zu Steifigkeit und Schmerzen – Störungen, die auf unzweckmäßiges, dem Organismus und den Umweltbedingungen nicht entsprechendes Verhalten deuten. Die Bedeutung des Rückwegs in der Bewegung erkannt zu haben, ist ein wesentlicher Verdienst von Elsa Gindler.

6 In Beziehung sein

Geordnetes Sich-Bewegen führt von einem Ruhezustand in einen neuen Ruhezustand. Das verläuft so, wenn der Mensch in Beziehung ist zu sich und zur jeweiligen Aufgabe. Bei ungestörten kleinen Kindern ist das zu erleben. Solch gegenwärtiges Sein ist eigentlich ein nie zu Ende kommendes Werden. Die Möglichkeit dazu kann nicht verloren gehen. Darin liegt bewahrt, dass „Erwachsene“ sich nachentfalten können und, auch bei schweren Störungen, Regeneration möglich ist. „Sich so wach und gelassen verhalten können, dass man nicht bloß erlebt, sondern überprüfen kann, herausfinden, was und wodurch etwas nicht in Ordnung ist, und versuchen zu entdecken, was geschehen muss, damit etwas geordneter verläuft, kann eine Aufgabe werden, die für unser Leben ausreicht“ (Ludwig 2021, S. 170).

Strassenmusiker
Abbildung 3: Strassenmusiker (Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung)

7 Aktuelle Bedeutung

Die Arbeit Elsa Gindlers geht aus von der Struktur und den Funktionsmöglichkeiten des menschlichen Organismus wie von den Lebensbedingungen auf der Erde, denen auch die Menschen unterliegen. Sie hat erkannt, dass wir uns in unserem Leben nur selbstständig orientieren können, wenn wir in Beziehung zu uns und unserer Umwelt sind.

Heute wird immer erkennbarer, dass wir Natur nicht nur von außen sehen, sondern selbst Natur sind. Heinrich Jacoby und Elsa Gindler orientierten sich an unserer biologischen Ausstattung und den grundlegenden Lebensbedingungen auf der Erde, am Erkennen von Zusammenhängen. „Wie funktioniere ich zur Umwelt und wie funktioniert die Umwelt mit mir?“ Wie wir die Welt wahrnehmen, bestimmt unser Verhalten. Es ist fundamental anders, ob wir nur wissen, dass die Schwerkraft auch auf uns wirkt und der Boden uns trägt, oder ob wir das in unserer Masse spüren und bewusst erfahren haben über die Empfindung. Nur wenn wir in Beziehung sind, können wir uns grundlegenden naturgegebenen Gesetzen entsprechend verhalten, also zweckmäßig. Das ist, was Jacoby und Gindler vermittelten. Die Frage lautet dann nicht „Wie muss ich das machen?“, sondern „Wie muss ich dafür werden?“. Diese Herangehensweise schafft Voraussetzungen und damit Möglichkeiten für selbstständige Auseinandersetzung in allen Bereichen und allen Fachgebieten. Sie kann zu einer grundsätzlich anderen Qualität unseres Lebens und Tätig Seins führen, sich im Sinne einer positiven, friedlichen Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders auswirken.

8 Quellenangaben

Ludwig, Sophie, 2021. Elsa Gindler: von ihrem Leben und Wirken: „Wahrnehmen, was wir empfinden.“ 3. Auflage. BoD: Norderstedt. ISBN 978-3-7526-7421-7

9 Literaturhinweise

Gindler, Elsa, 2015. Neue Aufgaben der Körpererziehung: „… lauschen, wie die Bewegung verlaufen will.“ Schriftenreihe Bd. 5. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-9816474-4-0

Gindler, Elsa, 2019. Sind wir erreichbar? Aus ihren Ferien-Arbeitsgemeinschaften 1958–1960. Schriftenreihe Bd. 6. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-9816474-7-1

Haag, Marianne und Birgit Rohloff, 2006. Arbeiten bei Elsa Gindler: Notizen und Berichte einer Teilnehmerin. Schriftenreihe Bd. 2/3 Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-00-019867-0

Jacoby, Heinrich, 2004. Jenseits von „Begabt“ und „Unbegabt“: Zweckmäßige Fragestellung und zweckmäßiges Verhalten – Schlüssel für die Entfaltung des Menschen. 6. Auflage. Hamburg: Christians. ISBN 978-3-7672-1412-5

Ludwig, Sophie, 2021. Elsa Gindler: von ihrem Leben und Wirken: „Wahrnehmen, was wir empfinden.“ 3. Auflage. BoD: Norderstedt. ISBN 978-3-7526-7421-7

10 Informationen im Internet

Verfasst von
Marianne Haag
Sie ist verantwortlich für die praktische Arbeit der gemeinnützigen Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung in Berlin, welche die Nachlässe von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby verwaltet, in der sie auch als Beirat tätig ist. Marianne Haag leitet Kurse zur Auseinandersetzung mit Fragen und Aufgabenstellungen von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby und publiziert zu diesen Themen.
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Zitiervorschlag
Haag, Marianne, 2022. Gindler, Elsa [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 24.11.2022 [Zugriff am: 04.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29461

Link zur jeweils aktuellsten Version: https://www.socialnet.de/lexikon/Gindler-Elsa

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