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Globales Lernen

Etymologie: engl. Global Education

Globales Lernen ist die pädagogische Antwort auf die Globalisierung. Globales Lernen intendiert eine Horizonterweiterung und damit eine Änderung der Handlungsorientierung, um eine nachhaltige globale Entwicklung zu fördern. Daraus ergibt sich die Wahl der Themen und der methodischen Arrangements (erfahrungs- und projektorientiertes Lernen). Einem moralisierenden individuumzentrierten Zugang stehen Ansätze gegenüber, die stärker auf politische Aufklärung setzen. Das Bildungskonzept kommt sowohl im schulischen Lernfeld als auch in der außerschulischen Bildung zum Einsatz.
Die einschlägigen Konzepte firmieren als „Globales Lernen“, englisch Global Education, und als „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Beide stimmen in den Zielen weitgehend überein und werden oft in einem Zug genannt, so zum Beispiel in dem „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“, dem Ergebnis eines Kooperationsprojekts von Kultusministerkonferenz und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Schreiber und Siege 2016).

Überblick

  1. 1 Anfänge, Lernorte
  2. 2 Ziele
  3. 3 Themen
  4. 4 Methodische Fragen und Materialien
  5. 5 Diskussion
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Informationen im Internet

1 Anfänge, Lernorte

Der erste, der Global Education als pädagogische Aufgabe formulierte, war der US-Wissenschaftler Robert G. Hanvey, der bereits 1976 in einem Aufsatz prinzipielle Überlegungen dazu vorlegte. Grundlegend war für ihn das Erfordernis „systemischen Denkens“ (Hanvey 2004 und 2009). Mehrere angelsächsische Erziehungswissenschaftler*innen haben in ihren Publikationen daran angeschlossen. Globales Lernen wird in der Literatur fast durchweg als ein schulisches Lernfeld behandelt. Bei entsprechender Anpassung des methodischen Arrangements hat es aber auch in der außerschulischen Bildung einen Platz.

2 Ziele

Für maßgebliche deutschsprachige Autoren ist Verantwortungsbewusstsein für den Planeten das Ziel (Rathenow 2000, Overwien und Rathenow 2009b). Dazu wird „vernetztes Denken“ angestrebt, weil die Globalisierung als wirtschaftliche, soziale und kulturelle Vernetzung verstanden wird. Die Lernenden sollen lernen, „ihr Denken und Handeln daran anzupassen, dass sie längst diesen Mesokosmos der unmittelbaren Umgebung verlassen haben und global agieren“ (Scheunpflug 2000, S. 322).

Die Lernenden sollen, so die anspruchsvollste Zielformulierung, die Fähigkeit erwerben, „die Zukunft der Gesellschaft, ihren sozialen, ökonomischen, technischen und ökologischen Wandel in aktiver Teilnahme im Sinne nachhaltiger Entwicklung modifizieren und modellieren zu können“ (de Haan 2004, zit. nach Overwien und Rathenow 2009a, S. 17).

Wiederholt wird in der einschlägigen pädagogischen Literatur auch im Anschluss an die angelsächsische Diskussion „Systembewusstsein“ (System’s Consciousness) genannt. Was es aber heißt, unsere Welt als System zu begreifen, wird am ehesten deutlich in den Ausführungen von Robert Hanvey: „It means we must put aside simple notions of cause and effect. Things interact, in complex and surprising ways“ (Hanvey 2009).

Für Hanvey muss es zunächst darum gehen, dass die Lernenden ihren „Kirchturmhorizont“ überwinden, was voraussetzt, dass sie sich ihrer engen Sichtweise bewusst werden (Perspective Consciousnes), was auch verlangt, sich über den Einfluss der Massenmedien klar zu werden (Communication Media and Planet Awareness), einschließlich politischer Rücksichten und ideologischer Befangenheiten (Limits to Understanding) (ebd.). Einen hohen Stellenwert hat für ihn auch interkulturelle Bildung (Cross-Cultural Awareness).

Die Lernenden sollen auf aktuelle ökonomische Entwicklungen, soziale und politische Konflikte, ökologische Bedrohungen, Migrationsbewegungen u.ä. aufmerksam werden (State of the Planet Awareness), woraus sich „System’s Consciousness“ oder „Knowledge of Global Dynamics“ entwickeln sollen. Das ermöglicht dann alternatives Denken (Awareness of Human Choices, ebd.) nach dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“.

3 Themen

Die Sachanalyse von Globalisierung legt zum Beispiel folgende Themen nahe:

  • die Entwicklung transnationaler Fertigungsketten (Der Weg einer Jeans bis zum Verbraucher),
  • die Auswirkungen der Spekulation mit Agrarprodukten (Warum muss Imara hungern?),
  • die Wirkung von Freihandelsabkommen, speziell jener zwischen der EU und afrikanischen Ländern,
  • die sozialen und ökologischen Folgen unserer Konsumgewohnheiten in fernen Ländern,
  • ungleiche Handelsbeziehungen, speziell im Rohstoffhandel,
  • die Praktiken von Landraub, vor allem in Afrika und SO-Asien,
  • Migration/Fluchtursachen.

4 Methodische Fragen und Materialien

Eine grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, pädagogisch die rechte Mitte zu finden zwischen Alarmismus und Beschönigung des Weltzustands, zwischen der Brandmarkung derer „da oben“ und dem hilflosen Appell an die individuelle Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung.

Eine Schülerbefragung ergab, dass die Akzeptanz des Systems und die „Problematisierung humanitärer Missstände in der Regel unvermittelt nebeneinander (stehen)“ (Fischer u.a. 2016, S. 93). Um nicht Resignation zu fördern, ist deshalb der Aufweis politischer Partizipationsmöglichkeiten wichtig (ebd.). Klaus Seitz hält „systemtranszendierende Lernerfahrungen in sozialen Bewegungen“ für förderlich (2002, S. 286).

Wenn es der Lehrperson gelingt, bei den Lernenden einen kognitiven Konflikt zu erzeugen, wächst die Chance, dass Systemzusammenhänge und Widersprüche entdeckt werden. Das bietet sich zum Beispiel an angesichts der Zielkonflikte zwischen Umwelt und wirtschaftlicher Entwicklung, die im „Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung“ von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Schreiber und Siege 2016) benannt werden. Die herausfordernde Denkaufgabe, solche „Zielkonflikte“ zu lösen, gibt Anstöße für ein kritisches Hinterfragen der Weltverhältnisse.

Medienanalysen zur Media Awareness sollten die verzerrte Präsentation jener Verhältnisse, besonders im globalen Süden, verdeutlichen. Die selektive, oft auf Events zentrierte Darstellung in den Medien (Hanvey) lässt sich an Beispielen aufzeigen.

Einen bevorzugten Zugang zu den genannten Themen bilden erfahrungsorientiertes Lernen (z.B. Gespräche mit Migrant*innen im sozialen Umfeld) und projektorientiertes Lernen. Im Internetportal Globales Lernen findet man dazu Anregungen und Materialien, z.B. Know your lifestyle: Handy & Smartphone (World University Service 2014). Ein methodisches Musterbeispiel liefert auch „Warum muss Imara hungern. Ein Mystery-Modul zur Förderung systemischen Denkens“ (Hennig 2016).

5 Diskussion

Klaus Seitz vermisst in der einschlägigen didaktischen Literatur Überlegungen über die Triebkräfte der Globalisierung (2002, S. 444). Deshalb würden teils „maßlose, uneinlösbare Ansprüche an das individuelle Handeln“ formuliert (S. 25). Er kritisiert die Häufung von „Leerformeln“ und warnt vor der Tendenz zur Moralisierung, zur Gesinnungspädagogik. Lernen aufgrund von Betroffenheit sei begrenzt (S. 383). Der Appell an die individuelle Verantwortung impliziere eine Überforderung (S. 384). Weit mehr als heutige Fachvertreter*innen hat Hanvey in seinem frühen Text Global Education als politische Bildung, frei von moralischen Anforderungen, verstanden. Für Auernheimer (2016) muss Globales Lernen abstrakt bleiben, solange Mechanismen des kapitalistischen Systems, speziell der Wachstumsimperativ, und die Maßgaben neoliberaler Politik völlig ausgeklammert bleiben.

6 Quellenangaben

Auernheimer, Georg, 2016. Global Education, ohne vom Kapitalismus zu reden? In: Martin Dust, Ingrid Lohmann und Gerd Steffens, Hrsg. Events & Edutainment. Jahrbuch für Pädagogik 2016. Frankfurt/M.: Peter Lang Edition, S. 273-283. ISBN 978-3-631-71979-4

Fischer, Sebastian, Florian Fischer, Malte Kleinschmidt und Dirk Lange, 2016. Globalisierung und politische Bildung. Eine didaktische Untersuchung zur Wahrnehmung und Bewertung der Globalisierung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-09652-6 [Rezension bei socialnet]

Hanvey, Robert G., 2009/1982. An Attainable Global Perspective. In: Theory Into Practice [online]. 05.11.2009 [Zugriff am 23.01.2018]. Verfügbar unter https://doi.org/10.1080/00405848209543001

Hanvey, Robert G., 2004/1976. An Attainable Global Perspective. In: The American Forum for Global Education [online]. 2004 [Zugriff am 12.02.2018] Verfügbar unter: http://www.coedu.usf.edu/main/departments/seced/GlobalSchoolsProject/Documents/Bailey_R/Revolution%20to%20Evolution/An_Att_Glob_Persp_04_11_29.pdf

Hennig, Jarko, 2016. Warum muss Imara hungern? Ein Mystery-Modul zur Förderung systemischen Denkens. In: Praxis Geographie 46(7-8), S. 4-5. ISSN 0341-3861

Overwien, Bernd und Hanns-Fred Rathenow, 2009a. Globalisierung als Gegenstand der politischen Bildung – eine Einleitung. In: Bernd Overwien und Hanns-Fred Rathenow, Hrsg. Globalisierung fordert politische Bildung. Politisches Lernen im globalen Kontext. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S. 7-23. ISBN 978-3-86649-222-6 [Rezension bei socialnet]

Overwien, Bernd und Hanns-Fred Rathenow, 2009b. Globales Lernen in Deutschland. In: Bernd Overwien und Hanns-Fred Rathenow, Hrsg. Globalisierung fordert politische Bildung. Politisches Lernen im globalen Kontext. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S. 107-133. ISBN 978-3-86649-222-6 [Rezension bei socialnet]

Rathenow, Hanns-Fred, 2000. Globales Lernen – Global Education: ein systemischer Ansatz in der politischen Bildung. In: Bernd Overwien, Hrsg. Lernen und Handeln im globalen Kontext. Frankfurt a.M.: IKO – Verl. für Interkulturelle Kommunikation, S. 328-341. ISBN 978-3-88939-559-7

Scheunpflug, Annette, 2000. Die globale Perspektive einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. In: Bernd Overwien, Hrsg. Lernen und Handeln im globalen Kontext. Frankfurt a.M.: IKO – Verl. für Interkulturelle Kommunikation, S. 315-327. ISBN 978-3-88939-559-7

Schreiber, Jörg-Robert und Hannes Siege, Hrsg., 2016. Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung: ein Beitrag zum Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Ergebnis des gemeinsamen Projekts der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 2004-2015, Bonn. 2., aktualisierte und erw. Aufl. Berlin: Cornelsen. ISBN 978-3-06-065687-5

Seitz, Klaus, 2002. Bildung in der Weltgesellschaft: Gesellschaftstheoretische Grundlagen Globalen Lernens. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel, ISBN 978-3-8609-9758-1

World University Service, 2014. Portal Globales Lernen [online]. Know your lifestyle: Handy & Smartphone. Wiesbaden: World University Service (WUS) [Zugriff am 12.02.2018]. Verfügbar unter: http://www.globaleslernen.de/de/bildungsmaterialien/alle/know-your-lifestyle-handy-smartphone.

7 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Es gibt 4 Lexikonartikel von Georg Auernheimer.


Zitiervorschlag
Auernheimer, Georg, 2018. Globales Lernen [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 12.02.2018 [Zugriff am: 15.08.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Globales-Lernen

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Autor

Prof. Dr. Georg Auernheimer
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veröffentlicht am 12.02.2018

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