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Globalisierung

Der Begriff Globalisierung dient als Bezeichnung für „weltweite Verflechtungs-, Austausch- und Abhängigkeitsprozesse“ (Knoll et al. 2011, S. 126, vgl. Campbell et al. 2010). Diese Prozesse umfassen z.B. Handel, Kommunikation & Massenmedien, Transport, supranationale Organisationen, Kriminalität, Migration und Klimawandel. Viele Autor*innen sehen das Neue in der heutigen Dynamik dieser Prozesse, die für sie auch das Bewusstwerden der Interdependenzen erklärt. Globalisierung hat somit eine objektive und eine subjektive Seite. Speziell Ulrich Beck betont das „erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns“ (Beck 2007, S. 44).

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Geschichtliche Aspekte
  3. 3 Digitalisierung und Globalisierung
  4. 4 Der globale Finanzmarkt
  5. 5 Transnationale Wertschöpfung und ihre Folgen
  6. 6 Die globalisierte Landwirtschaft
  7. 7 Zentrum und Peripherie
  8. 8 Weltweite Migration
  9. 9 Politische Herausforderungen und supranationale Institutionen
  10. 10 Globalisierung kulturell
  11. 11 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Objektiv ist Globalisierung der Prozess, der seit der Industriellen Revolution „jeden einzelnen Bereich der Weltwirtschaft zu einem globalen System verband“ (Hobsbawm 1995, S. 117 f.). Qualitativ neu ist dabei die Ausweitung transnationaler Produktions- oder Wertschöpfungsketten seit den 1990er Jahren. Die Globalisierung kann als die Konsequenz der inneren Dynamik betrachtet werden, die der kapitalistischen Produktionsweise eigen ist. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat die digitale Revolution die technologische Basis für eine ungeahnte Dynamik der Finanzmärkte und eine transnationale Produktion bereit gestellt. Der Neoliberalismus bot gleichzeitig die politische Programmatik für die Entfesselung des Kapitalismus, sodass die Welt heute bis in den letzten Winkel von Ware-Geld-Beziehungen bestimmt ist. Soziale und ökologische Folgen, verschärft durch die Schwächung der Nationalstaaten und die Asymmetrie der internationalen Beziehungen, stellen eine politische Herausforderung dar. Inter- oder supranationalen Institutionen kommt damit eine wachsende Bedeutung zu, aber auch den Bewegungen, die Kontrolle und Widerstand für sich beanspruchen. Einem wachsenden Bewusstsein weltgesellschaftlicher Gemeinsamkeit und Interdependenz stehen zunehmende Ungleichheit und geopolitische Konflikte gegenüber. Neben kultureller Uniformität sind individuelle und kollektive Identitätskonstrukte von hybridem Charakter zu beobachten.

Zum Teil wird gegen die Verwendung des Begriffs Globalisierung eingewandt, dass sich die Handelsströme und ausländischen Direktinvestitionen nach wie vor weitgehend auf die nördliche Hemisphäre beschränken. Damit wird aber gerade die Arbeitsteilung zwischen Zentrum und Peripherie übersehen.

2 Geschichtliche Aspekte

Auch die Historiker haben sich des Themas angenommen und liefern einen Diskussionsbeitrag zu der Frage: Ist Globalisierung nicht „bloß ein neues Wort für ein altes Phänomen“ (Scherrer, Kunze 2011, S. 8)? Dieser Einwand wird meist gestützt mit dem Hinweis auf frühe interkontinentale Handelsbeziehungen. Historische Studien zeigen jedoch, dass die Beziehungen nach Intensität und Nachhaltigkeit qualitativ unterschiedlich waren. Historiker unterscheiden daher Phasen oder Epochen, wobei sie sich darüber einig sind, dass um 1500 ein entscheidender Umbruch zu verzeichnen ist. Deshalb sprechen sie für die Zeit vorher von der „Vorgeschichte der Globalisierung“ (Osterhammel und Petersson 2003) oder von „archaischer Globalisierung“ (Conrad und Eckert 2007).

Die folgende Entwicklung unterteilen Conrad und Eckert in die „Proto-Globalisierung“ (1600 – 1800) und die „moderne Globalisierung“ (bis 1950), der die „postkoloniale Globalisierung“ gefolgt sei. Sie bestätigen damit, dass Globalisierung mit Kapitalismus verbunden ist. Denn die Proto-Globalisierung entspricht der Phase der „ursprünglichen Akkumulation“ nach Marx, in der die Voraussetzungen für eine kapitalistisch organisierte Produktion geschaffen wurden, und zwar dadurch, dass, unter anderem durch den Raub überseeischer Reichtümer, die nötigen Kapitalien angehäuft und durch die Trennung von ihren Produktionsmitteln freie Lohnarbeiter auf den Arbeitsmarkt geworfen wurden.

Schon 1848 zurzeit der Industriellen Revolution waren sich Marx und Engels der „revolutionären Rolle“ der Bourgeoisie bewusst, die den Weltmarkt brauchte. „An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander“ (MEW 4, 466). Die „moderne Globalisierung“ umfasst die Bildung moderner Nationalstaaten, die Industrialisierung und die Erfindung moderner Verkehrs- und Kommunikationsmittel. Einen qualitativen Umschlag erfuhr dieser Prozess mit der Informations- und Kommunikationstechnologie.

3 Digitalisierung und Globalisierung

Mit der Kombination von elektronischer Datenverarbeitung und Internet wurden die technischen Grundlagen der ökonomischen Organisation und der Kommunikation revolutioniert. Die Verdichtung von Raum und Zeit erlaubt die Integration räumlich weit auseinander liegender Produktionsvorgänge, weltweite Finanztransaktionen in Nanosekunden und den Übergang zum Online-Handel sowohl zwischen Unternehmen wie auch zwischen Unternehmen und Kunden.

Praktiken der Auslagerung von Produktionsschritten (Outsourcing und Offshoring) haben seit den 1990er Jahren sprunghaft zugenommen. Daneben erlaubt der umstandslose Einkauf von Halbfertigprodukten die Verschlankung von Unternehmen. Mit den Softwareentwicklern und -providern wie Microsoft hat sich eine völlig neue Branche etabliert. Ihr Geschäftsfeld ist das Internet, und sie übertreffen nach Umsatz und Gewinn konventionelle Multis.

Menschen in Ländern ohne Festnetz können dank mobilem Internetzugang ihre Isolation durchbrechen. Dabei besteht noch eine große Differenz bezüglich des Anteils der User zwischen dem globalen Norden und Süden (Global Digital Divide), obwohl die Entwicklungsländer stark aufholen, von Schwellenländern wie Indien ganz zu schweigen.

4 Der globale Finanzmarkt

Die Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) hat die Transaktionkosten von Finanzgeschäften deutlich gesenkt und die Abwicklung der Transaktionen radikal beschleunigt (Sekundenhandel). Dies hat zu einem deutlichen Wachstum spekulativer Finanzgeschäfte geführt, deren Volumen ein Vielfaches des materialen Warenhandels ausmacht. Die Zunahme des außerbörslichen Handels hat die Finanzierungspraktiken von Unternehmen verändert. Der Finanzmarkt ist zu einer „Schaltzentrale der Weltwirtschaft“ geworden (Brock 2008, S. 54). Devisenspekulationen und spekulative Geschäfte mit Staatsanleihen können die Wirtschaftspolitik von Staaten beeinträchtigen. Der plötzliche Abzug von Anleihen hat Staaten schon in Schwierigkeiten gebracht, mit entsprechenden sozialpolitischen Folgen. Währungspolitische Maßnahmen an einem Ende der Welt können den Finanzmarkt am anderen Ende beeinflussen.

Der aufgeblähte Finanzmarkt ist äußerst krisenanfällig, wie die Finanzkrise ab 2007 gezeigt hat. Für die Aufblähung sorgen Pensionsfonds und der angehäufte Reichtum, für den sich keine produktive Anlagemöglichkeit findet. Gesucht und noch am ehesten gefunden wird sie im landwirtschaftlichen Sektor, was die Bodenspekulation und die Wertsteigerung von Boden, damit auch Landraub erklärt. Agrarinvestments sind mit Blick auf die Krisenanfälligkeit von Geldanlagen attraktiv geworden.

5 Transnationale Wertschöpfung und ihre Folgen

Die gesteigerte Mobilität des Kapitals ermöglicht nicht nur die Auslagerung von Produktionsschritten, sondern die Verlegung der ganzen Produktion in ein anderes Land mit niedrigerem Lohnniveau, geringerer Steuerlast, weniger Umweltstandards etc. Das zwingt die Staaten in einen Standortwettbewerb um Steuerentlastung, um arbeitsrechtliche und sozialpolitische „Reformen“. Angesagt sind Sparhaushalte, die eine Beschneidung der sozialen Netze nach sich ziehen. Die einzelnen sollen wieder mehr Risiken selbst tragen. Fordern und fördern, heißt die politische Leitidee. Ideologisch gestützt wird die Austeritätspolitik von der neoliberalen Doktrin, die auch den freien Verkehr von Waren und Kapital zum obersten Prinzip erhoben hat.

Die Armut der öffentlichen Hand, die vor allem auf kommunaler Ebene spürbar wird, wo die meisten sozialen Dienstleistungen erbracht werden, wird mit der Privatisierung solcher Dienste beantwortet (Sozialarbeit). Ein favorisiertes Modell sind Öffentlich-Private Partnerschaften (Public Privat Partnerships, PPP).

Der Forderung der Unternehmen nach einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wird mit der Ausweitung „atypischer Beschäftigungsverhältnisse“ entsprochen (Zeitarbeit, Leiharbeit, Werkverträge), was wiederum die Arbeitnehmervertretungen schwächt. Viele solcher Strukturanpassungen wurden auf der Ebene der Europäischen Union vorgenommen.

Der transnationale Aktionsraum der Wirtschaft hat nicht nur den Standortwettbewerb mit sich gebracht, sondern auch zu einem Konzentrationsprozess durch Fusionen oder die Übernahme von Konkurrenten geführt, aus dem Monopole oder Oligopole von früher unbekannter Wirtschaftsmacht hervorgegangen sind. Sogenannte Global Player beherrschen zunehmend die Märkte (Brock 2008, S. 48).

Die von der Welthandelsorganisation (WTO) vorangetriebene Öffnung der nationalen Märkte für Dienstleistungen hat zusammen mit der Politik der Privatisierung den Sektor der Gesundheits- und sozialen Dienstleistungen geradezu revolutioniert. So konnten sich Gesundheitskonzerne wie Asklepios etablieren, die zahlreiche Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen etc. betreiben und zum Teil fast eine Monopolstellung errungen haben. Auch diese Konzerne sind inzwischen international aufgestellt (Wikipedia: Asklepios Kliniken 2017). Der internationale Handel mit Dienstleistungen verändert im Übrigen auch den Bildungssektor, vor allem die Weiterbildungsangebote.

6 Die globalisierte Landwirtschaft

Die Globalisierung hat, gefördert durch Freihandelsabkommen, landwirtschaftliche Betriebe unterschiedlichster Größenordnung und von unterschiedlichem technologischem Standard in einen Wettbewerb miteinander hineingezwungen – die europäische Landwirtschaft mit der US-amerikanischen, die bäuerliche Landwirtschaft im globalen Süden mit der industriellen Landwirtschaft des Nordens.

Regierungen halten den Einsatz modernster Betriebsmittel für unausweichlich und fördern den Konzentrationsprozess. Bäuerliche Betriebe, die bei diesem Wettlauf nicht mithalten können, selbst an der Peripherie der EU, vor allem aber in Afrika und Lateinamerika, bleiben auf der Strecke. Denn Betriebsgrößen von ein bis zwei Hektar und Mängel der Infrastruktur bergen über die Eigenversorgung hinaus nur wenig wirtschaftliches Potenzial. Von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank aufgezwungene und von großen Stiftungen betriebene Modernisierungsstrategien führen zur Freisetzung einer Masse von Arbeitskräften, die bei geringem Industrialisierungsniveau als „Überflüssige“ die Mega-Cities bevölkern und dann oft in der Migration die letzte Chance sehen.

Speziell Freihandelsabkommen wie das nordamerikanische zwischen USA, Kanada und Mexiko (NAFTA) oder die Economic Partnership Agreements zwischen der EU und afrikanischen Staaten treiben mit dem Import billiger, meist subventionierter Agrarprodukte die dortige Landwirtschaft in den Ruin.

7 Zentrum und Peripherie

Der Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein begreift den Kapitalismus als arbeitsteiliges „Weltsystem“. Das „Zentrum“ der prosperierenden Industriegesellschaften war und ist auf die Bodenschätze, Rohstoffe, darunter auch Agrarprodukte, und die Arbeitskräfte der „Peripherie“ angewiesen. Die Staaten der „Semiperipherie“ bilden nach ihm das stabilisierende Element dazwischen (Boris 2005, S. 168–195).

Nach dem Ende der Kolonialherrschaft ist der ungleiche Tausch an die Stelle gewaltsamer Aneignung getreten. So wie die eher rohstoffarmen Industriestaaten auf die Rohstoffe der meist rohstoffreichen Länder des Südens angewiesen sind, so sind diese auf den Export ihrer Rohstoffe angewiesen. Diese volkswirtschaftliche Zwangslage hat ökomische und politische Konsequenzen. Die Unterbewertung ihrer Exporte unter den gegebenen Terms of Trade fixiert die Länder auf ihre Rolle als Rohstofflieferanten. Da die Rohstoffe selten im Land verarbeitet werden, ist die Wertschöpfung gering. Politisch verführt die Exportwirtschaft zur Bereicherung kleiner Cliquen, zu Vetternwirtschaft und politischer wie ökonomischer Stagnation.

Die flexiblen Produktionsnetzwerke, die sich mit der Globalisierung entwickelt haben, ermöglichen heute vor allem Branchen wie der Bekleidungs- oder Elektronikindustrie die Ausbeutung der Arbeitskräfte in Billiglohnländern. Die räumliche Trennung von Produktion und Verbrauchermärkten hat die Unternehmer, anders als zu Zeiten eines Henry Ford, davon befreit, die Kaufkraft ihrer Arbeiter*innen im Auge zu behalten.

8 Weltweite Migration

Ein Blick auf den Globus zeigt mehr oder weniger breite Migrationsströme: von Süd-, aber vor allem Mittelamerika nach den USA, von Afrika und dem Nahen Osten nach Europa, von Ost- nach Westeuropa, von Zentral- nach Südafrika, von Südostasien nach der Arabischen Halbinsel und nach Australien. Nach dem Urteil der Soziologen ist heute die Unterscheidung zwischen Arbeits- und Fluchtmigration nur noch in seltenen Fällen möglich und empirisch wenig brauchbar (Oltmer 2016, S. 11).

Fluchtursachen und -motive:
(a) Die oben angezeigten weltwirtschaftlichen Konstellationen haben zu wachsender Ungleichheit der Einkommen, Sozialstandards und Zukunftschancen geführt
(b) Dabei weckt die medial hergestellte Nachbarschaft zwischen Arm und Reich bei den Benachteiligten die Illusion von allgemeinem Wohlstand im Zentrum.
(c) Die vom Zentrum externalisierten Umweltschäden, speziell die Folgen des Klimawandels, bedrohen die Existenz von Millionen. Sie bedingen oft Konflikte, zum Beispiel zwischen nomadischen Viehzüchtern und Bauerngemeinden in Afrika.
(d) Repressive Regime in Afrika und Lateinamerika, nicht selten von nordatlantischen Staaten zur Sicherung der ökonomischen Ressourcen gestützt, üben auf unterschiedliche Art Gewalt aus.
(e) Geopolitisch motivierte Militärinterventionen im Nahen Osten und Nordafrika haben dortige Staaten so destabilisiert, dass Chaos herrscht.

Da der Standortwettbewerb zwischen den Staaten zur Beschneidung sozialer Netze, zur Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen und zur Segmentierung des Wohnungsmarkts auf Kosten bezahlbaren Wohnraums geführt hat, ist das Integrationspotential der Aufnahmeländer geschwächt. Der Mangel beeinträchtigt nicht nur die strukturelle Integration der Zugewanderten. Zusätzlich begünstigt die Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt fremdenfeindliche Tendenzen.

Das schon in Reaktion auf die Arbeitsmigration der 1960/70er Jahre geschaffene Arbeitsfeld der Interkulturellen Sozialen Arbeit hat aus Anlass der Fluchtmigration eine neue Bedeutung erlangt. Das Spezifikum besteht im Umgang mit realen oder vermeintlichen kulturellen Differenzen, mit zugeschriebenen und selbst gewählten Differenzen. Die Inanspruchnahme kultureller Spezifika, oft erfundener Traditionen, kann biographisch oder identitätspolitisch motiviert sein.

9 Politische Herausforderungen und supranationale Institutionen

Die Nationalstaaten können nur noch eingeschränkt die ihnen zugedachte Aufgabe wahrnehmen, zwischen antagonistischen Interessen zu vermitteln und die sozialen und ökologischen Kollateralschäden kapitalistischer Produktion zu begrenzen. Daher sind zunehmend supranationale Institutionen gefordert. Auf regionaler Ebene übernimmt die Europäische Union staatliche Funktionen. Auf weltgesellschaftlicher Ebene sind der UNO mit ihren „Nebenorganen“ Aufgaben der Regulierung und Vermittlung zugewachsen, um vor allem den sozialen und ökologischen Risiken zu begegnen.

So hat die UNO z.B. 2001 acht „Millenium-Entwicklungsziele“, darunter an erster Stelle die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, und 2015 die „Agenda 2030“ für eine nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Nachdem schon 1972 das UN Enviroment Program (UNEP) beschlossen worden war, veranstaltete die UNO 1992 zusammen mit zahlreichen NGOs die Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, der Folgekonferenzen folgten. 1988 wurde der Weltklimarat ins Leben gerufen, der die Weltklimakonferenzen verantwortet (Gareis und Varwick 2014).

Das Problem ist erstens der Mangel an demokratischer Legitimation und an Unterstützung seitens der reichen und mächtigen Staaten, speziell der USA. Beides erklärt zweitens die fehlende rechtliche Verbindlichkeit getroffener Vereinbarungen und die schwachen Durchsetzungsmöglichkeiten (ebd.). Das macht die UNO zur „machtlosen Großmacht“ (Auernheimer 2015, S. 201).

Dagegen haben Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank, zwei „Sonderorganisationen“ der UN, ein machtvolles Steuerungspotential, das ohne Rücksicht auf staatliche Souveränitätsrechte genutzt wird. Aufgrund der Stimmrechtsanteile nach Größe der finanziellen Beiträge haben die USA fast uneingeschränkten Einfluss.

Tausende von NGOs, zum Teil bei der UNO akkreditiert, bilden ein gewisses Gegengewicht, versuchen die Interessen schwächerer Gruppen zur Geltung zu bringen und können als rudimentäre Ansätze zu einer Weltgesellschaft verstanden werden. Aber auch sie sind ebenso wie mächtige Stiftungen nur schwach demokratisch legitimiert.

10 Globalisierung kulturell

Der globale Markt, die Industrialisierung, Urbanisierung, internationales Recht, modernes Schulsystem und die Medien, speziell Social Media, bedingen eine Angleichung der Lebensverhältnisse, der Lebensweisen und damit der kulturellen Muster. Das Mobiltelefon hat die Kommunikationsgewohnheiten überall unterschiedslos revolutioniert. Jugend- und Mittelschichtkulturen scheinen weltweit fast uniform.

Ob jedoch demselben Musikstil oder Wohnungsstil, denselben TV-Formaten überall dieselbe Bedeutung zukommt, ist offen. Außerdem werden vielfach universelle Praktiken mit landestypischen oder scheinbar landestypischen Formen und Inhalten vermischt, mit re-interpretierten Traditionen, wenn es sich nicht gar um erfundene Traditionen handelt. Solche Hybridbildungen verdanken sich dem Bemühen um Identität, ein Phänomen, das moderne Gesellschaften kennzeichnet (Auernheimer 2015, S. 273 ff.).

So erzwingt die „Modernisierungsdynamik“ zwar ein gewisses Maß an Homogenität, bringt aber gleichzeitig Varianten der Moderne hervor (Meyer 2002, S. 159 f.). Shmuel N. Eisenstadt spricht von „multiple Modernities“ (Eisenstadt 2000, S. 1–31). Selbst Fundamentalismen sind moderne Erscheinungen, was Struktur und Funktion ihrer Ideologien wie auch Organisationsformen betrifft (Auernheimer 2015, S. 300 f.).

11 Quellenangaben

Auernheimer, Georg, 2015. Dimensionen der Globalisierung: Eine Einführung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag. ISBN 978-3-7344-0082-7 [Rezension bei socialnet]

Beck, Ulrich, 2007. Was ist Globalisierung? Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-45867-9

Boris, Dieter, 2005. Immanuel Wallerstein. In: Dirk Kaesler, Hrsg. Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München: C. H. Beck, S. 168-195. ISBN 3-406-52822-8.

Brock, Ditmar, 2008. Globalisierung: Wirtschaft, Politik, Kultur, Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-15398-8

Campbell, Patricia et al., 2010. An Introduction to Global Studies. Malden & Oxford: Wiley & Blackwell. ISBN 978-1405187367

Conrad, Sebastian und Andreas Eckert, 2007. Globalgeschichte, Globalisierung, multiple Modernen: Zur Geschichtsschreibung der modernen Welt. In: Sebastian Conrad u.a., Hrsg. Globalgeschichte. Frankfurt/M.: Campus, S. 7-49. ISBN 978-3-593-38333-0 [Rezension bei socialnet]

Eisenstadt, Shmuel N.,2000. Multiple Modernitis. In: Daedalus, Vol. 129, No.1, p.1-31.

Gareis, Sven B. und Johannes Varwick, 2014. Die Vereinten Nationen. Aufgaben, Instrumente und Reformen. 5. Aufl. Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8252-8573-9 [Rezension bei socialnet]

Hobsbawm, Eric, 1995. Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München u. Wien: Hanser. ISBN 3-446-16021-3

Knoll, Eva-Maria u.a., 2011. Globalisierung. In: Ferdinand Kreff u.a., Hrsg. Lexikon der Globalisierung. Bielefeld: transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-1822-8

Marx Karl und Friedrich Engels, 1959. Werke (MEW), Band 4, Mai 1846 bis März 1848. Berlin: Dietz. ISBN 978-3-320-00203-9

Meyer, Thomas, 2002. Identitätspolitik: Vom Missbrauch kultureller Unterschiede. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 3-518-12272-X

Oltmer, Jochen, 2016. Globale Migration: Geschichte und Gegenwart. 2., überarb. u. aktual. Aufl. München: C.H. Beck. ISBN 978-3-406-69890-3 [Rezension bei socialnet]

Osterhammel, Jürgen und Niels P. Petersson, 2003. Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen. 5., durchges. Aufl. München: Beck. ISBN 978-3-406-48020-1

Scherrer, Christoph und Caren Kunze, 2011. Globalisierung. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht. ISBN 978-3-8252-3400-3

Seite „Asklepios Kliniken“. Bearbeitungsstand: 5. November 2017, 11:49 UTC. In: Wikipedia. [online] Die freie Enzyklopädie. [Zugriff am: 14.12.2017]. Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Asklepios_Kliniken&oldid=170680705

Autor
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Georg Auernheimer.


Zitiervorschlag
Auernheimer, Georg, 2017. Globalisierung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 15.12.2017 [Zugriff am: 22.01.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Globalisierung

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Autor

Prof. Dr. Georg Auernheimer
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veröffentlicht am 15.12.2017

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