Gruppendiskussion
Prof. Dr. Daniela Schiek
veröffentlicht am 12.12.2025
Gruppendiskussionen sind ein Forschungsinstrument der qualitativen Sozialforschung, mit dessen Hilfe die Haltungen, Überzeugungen, Deutungsmuster oder Handlungsorientierungen von Gruppen und Gemeinschaften zu bestimmten Fragen und Problemen erhoben werden.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Entwicklung der Interviewmethode
- 3 Offener und selbstläufiger Diskursaufbau
- 4 Anwendungsbeispiele und Sampling
- 5 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Gruppendiskussionen werden in der qualitativen Sozialforschung durchgeführt, um die Perspektiven von Kollektiven (etwa Berufs- oder Betriebsgruppen, Generationen oder Nutzer:innen) untersuchen zu können. Eine Gruppendiskussion ist eine offene Interviewmethode, d.h. ohne starre Fragen, Themen- oder Antwortvorgaben oder das Abarbeiten eines Leitfadens. Stattdessen bringt ein zentraler Stimulus, der sogenannte Grundreiz, die Gruppe in eine selbstständige Diskussion, die mit bestimmten Techniken moderiert wird. Mit diesem offenen Stimulus werden meist homogene, etwa 7 bis 13-köpfige Gruppen zu einer mehrstündigen Diskussion gebracht, die selbstläufig innerhalb der Gruppe geführt wird. Dieser Gruppendiskurs(-aufbau) wird bei der Analyse rekonstruiert. Gruppendiskussionen sind keine „Gruppeninterviews“ oder „Fokusgruppen“.
Während von der Gruppe bei der Erhebung also ein eigenständiger Diskurs aufgebaut und von den Moderator:innen mit speziellen Techniken unterstützt wird, geht es in der Auswertung dementsprechend darum, diesen anhand der verschrifteten Aufzeichnung (Transkription) zu rekonstruieren. Dafür kommen hauptsächlich die Dokumentarische Methode oder auch die Konversationsanalyse oder Objektive Hermeneutik zum Einsatz.
2 Entwicklung der Interviewmethode
Gruppendiskussionen kommen auch im Alltag, beispielsweise als Seminardiskussionen, Diskussionen in Familien, in Lehrer:innenzimmern, Wohngruppen oder Selbsthilfegruppen, vor. Diese können ebenfalls aufgezeichnet und für Forschungszwecke analysiert werden.
Wenn es um Gruppendiskussionen als Interviewmethode geht, wird die Gruppe jedoch gezielt und ausschließlich für eine Forschungssituation (zusammengesetzt und) von Forscher:innen zur Diskussion animiert. Mithilfe dieser Methode ist es möglich, Argumentationen und Stellungnahmen zu einem bestimmten Thema, wie es vermutlich im Alltag in dieser Gruppe zu verschiedenen Gelegenheiten mit unterschiedlicher Dauer und Ausführlichkeit konstruiert wird, in einer Situation versuchsweise zusammenzuführen.
Sozialarbeiter:innen bauen beispielsweise in ihrem Berufsalltag wechselseitig miteinander Perspektiven und Positionen, etwa zu Kindeswohl oder in prekären Verhältnissen lebenden Familien, auf. Bei Fortbildungen, im Dienstwagen, in der Rauchpause, der Supervision oder bei der Geburtstagsfeier werden sie darüber bruchstückhaft sprechen, zuhören, streiten, Meinungen begründen oder ändern. Bei einer Gruppendiskussion als qualitativer Interviewmethode versucht man, diesen gemeinsamen Aufbau von Fragen, Episoden, Argumenten und Theorien in einem thematisch darauf fokussierten Strang nachzuempfinden, und Positionen von den Gruppenmitgliedern gemeinsam vertiefen, polarisieren, zusammenfassen oder umlenken zu lassen. Gruppendiskussionen sind, wenn sie als Interviewsituation arrangiert werden, also experimentelle Raffer und zugleich Zooms von im Alltag (nicht immer stundenlang, sondern stückweise über Monate oder Jahre) in der betreffenden Gruppe diskutierten Problemen.
Alle qualitativen Interviewmethoden sind im Prinzip solche Simulationen von im Alltag relevanten Kommunikationen (Schiek 2024, S. 97 ff.). Doch insbesondere bei Gruppendiskussionen war dies die initiale Idee ihrer Einführung in die sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden. So formulierte Mangold, dass etwa Arbeiter:innen einer Zeche „auch in der Realität [wenn auch weniger vollständig] informell miteinander über Probleme [kommunizieren], die mit ihrer Position in der Zeche zusammenhängen. Sie verfügen daher bereits über Vorstellungen, welche Erfahrungen, Interessen, Anschauungen bei ihren Gesprächspartnern zu erwarten sind, welche von ihnen selbst erwartet werden“ (Mangold 1960, S. 47 f.). Daher würden sie verhältnismäßig schnell auf ihre „Nervenpunkte“ zu sprechen kommen (a.a.O., S. 48). Dies macht Gruppendiskussionen so wertvoll für Sozialforscher:innen, die sich für die zentralen Problemstellungen, Konflikte und Orientierungen einer Gruppe interessieren.
Gruppendiskussionen wollten von Beginn an die Settings der alltagsweltlichen Konstruktion von Haltungen nachempfinden und sind im Zuge einer Kritik an der Erhebung und Summierung von isolierten Einzelmeinungen entstanden. Man ging davon aus, dass diese den realen Bedingungen der Entwicklung von Positionen nicht gerecht wurden (Mangold 1960; Pollock 1955). Das Verfahren der Gruppendiskussion in der qualitativen Sozialforschung grenzt sich somit dezidiert von standardisierten oder stark durch Interviewer:innen mit einem Leitfaden vorab strukturierten „Fokusgruppen“ oder „Gruppeninterviews“ sowie der inhaltlichen Beschreibung (und Addierung) von Einzeläußerungen als deren Auswertung ab. Das Ziel der von Bohnsack (2014) und anderen entwickelten Dokumentarischen Methode ist die Rekonstruktion des Diskurses, wie er von den Gruppenmitgliedern durch ihre gemeinsame Interaktion während der Gruppendiskussion organisiert wird. Im Folgenden wird die während der Erhebung vorgesehene „Animation“ der interessierenden Diskursorganisation kurz dargestellt.
3 Offener und selbstläufiger Diskursaufbau
Fokusgruppen werden meist durch eine von den Forscher:innen vorbereitete Liste offener Fragen, einem sogenannten „Leitfaden“, gestaltet. Beim Gruppeninterview, das heutzutage nicht mehr allzu häufig eingesetzt wird, handelt es sich um eine stark durch die Forscher:innen strukturierte Sammlung von Meinungen zu bestimmten Themen. Demgegenüber ist zwar auch die Gruppendiskussion (wie jedes Forschungsinterview) in einem gewissen Sinne fokussiert: Grundsätzlich klammern qualitative Sozialforscher:innen Kommunikationen zu einem ganz bestimmten Thema – ihrem Forschungsthema, das sie auch den Beforschten mitteilen müssen – ein. Einen Rede-Antwort-Dialog mit vorab (wenn auch offen) formulierten Fragen, die unabhängig vom Diskussionsverlauf und den von der Gruppe selbst aufgebrachten Fragen und Problemen abgearbeitet werden, sollen die Forscher:innen bzw. Moderator:innen hier aber nicht vollziehen. Denn damit würden, so Pollock, nur „Oberflächenmeinungen“ und nicht die interessierenden dahinterliegenden Verknüpfungen oder auch Revisionen und Relativierungen von Argumenten und Problemen evoziert (Pollock 1955, S. 34 f.).
Die Aufgabe der Moderator:innen besteht daher in der Stimulierung einer weitestgehend ohne ihre aktive Beteiligung stattfindenden „freien“ Diskussion der Gruppenmitglieder untereinander (Pollock 1955, S. 34). Nachfragen werden durchaus gestellt, sollen jedoch zum einen zunächst diskussionsimmanent und zum anderen stets erneut diskussionsanregend sein. Das bedeutet, man nimmt z.B. Widersprüche, Positionen oder (anderes) Übergangenes auf, spiegelt, pointiert oder polarisiert, um neue Argumentationsrunden zu bewirken.
Die Kunst besteht als Moderator:in durchwegs darin, selbst verhältnismäßig langes Schweigen während der Gruppendiskussion nicht zu unterbrechen und darauf zu vertrauen, dass die Gruppenmitglieder gemeinsam signalisieren, wenn sie keine Beiträge mehr entwickeln können oder wollen und auch Schweigsame später durchaus zu Wort kommen. Dass jede:r drankommen und von Moderator:innen aufgerufen werden muss, fällt bei der selbstläufig zu organisierenden qualitativen Gruppendiskussion genauso weg wie das zügige Vorantreiben der Gruppenreaktion durch die Moderation.
Hierfür wird der Gruppe sowohl vor als auch während des Termins immer wieder das Vorgehen erklärt und darauf verwiesen, dass es keinen Fragenkatalog gibt, sondern offen und selbstständig diskutiert werden „soll“. Dies bedeutet unter anderem auch, dass die Teilnehmer:innen eigenständig das Wort ergreifen, auch wenn sie sich gegenseitig unterbrechen, und gemeinsam zu einem Ende ihrer Argumentationen gelangen sollen. Wichtig sind somit die Beschaffenheit des Stimulus bzw. des „Grundreizes“ auf der einen und Regeln und Techniken der Moderation auf der anderen Seite.
3.1 Merkmale des Grundreizes
Der Grundreiz hat für die als qualitatives Erhebungsinstrument verwendete Gruppendiskussion eine erhebliche Bedeutung, da er – und zwar völlig allein – eine mehrstündige und ohne weitere Eingriffe gespannte selbstständige Diskussion unter den Teilnehmer:innen stimulieren soll. Den Grundreiz als erste Frage eines auf mehrere „Antwortrunden“ zielenden Leitfadens zu verstehen ist daher ebenso fragwürdig wie ihn als Teil oder „Intro“ einer – womöglich geschlossenen – „eigentlichen“ Frage durch die Moderator:innen zu gestalten. Denn der Grundreiz übernimmt bereits die Funktion einer Frage oder sogar eines Leitfadens. Die von der Gruppe selbst organisierten Themen(-verknüpfungen) und Fragen, die durch den Grundreiz angeregt werden sollen, sollten nicht von Moderator:innen verengt werden.
Damit der Grundreiz diese Aufgabe übernehmen kann, hat er u.a. folgende Merkmale zu erfüllen (Pollock 1955, S. 41 f.):
- Der Grundreiz behandelt Themen (Beispiele, besondere Fälle etc.), die sich auf den Gegenstand beziehen und „Nervenpunkte“ der Teilnehmer:innen berühren können.
- Der Grundreiz sollte die zu besprechenden Themen eröffnen, d.h. narrative Ausführungen und interessiertes Diskutieren animieren.
- Die im Grundreiz behandelten Themen sollten für die Teilnehmer:innen relevant und interessant sein. Sie sollten dabei aber ausreichend konkret und nicht zu abstrakt sein – ohne jedoch den Diskussionsverlauf vorzugeben oder zu stark zu verengen. Dazu zählt auch:
- Der Grundreiz sollte keine geschlossene Frage ersetzen. Werden z.B. über den Grundreiz (z.B. in einem Zeitungsartikel) zwei Positionen gegenübergestellt, werden dadurch bereits (nur) zwei Antwortalternativen auf eine bestimmte Frage vorgegeben. Hinter diese Verengung lässt sich in der Diskussion kaum mehr zurückgehen. Die Gruppe soll das Thema ja aber selbst für sich eingrenzen.
Prinzipiell können diese Merkmale auf alle möglichen Materialsorten zutreffen: Zeitungsartikel, politische Kampagnenflyer, Filmausschnitte, Radio-Interviews u.v.m. Anders als viele glauben, sind den Diskutant:innen dabei durchaus mehrseitige Texte oder längere Video- oder Audio-Dateien zuzumuten: Eine Lese-, Zuhör- und Anseh-Zeit von 7–10 Minuten ist nicht zu lang! Ohne unabhängig von Inhalt und Materialart standardisierte Längenvorgaben angeben zu können: Knapp gehaltene Stimuli werden vermutlich dazu neigen, eher kurze Frage-Antwort-Runden zu initiieren – was bei Gruppendiskussionen nicht das Ziel ist. Beispiele für erfolgreich erprobte Grundreize finden sich bei Schiek (Schiek 2024, S. 155 ff.).
3.2 Regeln und Techniken der Moderation
Die Grundsätze, die bei der Durchführung von Gruppendiskussionen beachtet werden sollten, zielen zuvorderst auf das Erreichen und Erhalten der Selbstläufigkeit (Bohnsack 2014, S. 225 ff.). Dies beinhaltet im Wesentlichen, dass
- nicht in die Redeverteilung der Gruppe eingegriffen (auch z.B. kein „Schweiger“ zum Sprechen aufgefordert oder ein Vielredner gestoppt) wird und dafür den Teilnehmer:innen zu Beginn erklärt wird, dass sie sich ohne vorherige Meldung spontan äußern dürfen,
- nach der idealerweise mehrstündigen Diskussion des Grundreizes (s.o.) seitens der Moderator:innen immanente Fragen gestellt werden, wobei Themen nur vage vorgeschlagen werden sollen und
- stets die gesamte Gruppe adressiert wird.
Es gibt am Ende der Diskussion auch eine Phase, in der exmanente Fragen gestellt werden können. Hiermit sind Diskussionsreize zu Themen gemeint, die noch nicht von der Gruppe selbst aufgebracht worden sind. Außerdem sollten, nachdem die Gruppe Themen(-verknüpfungen) organisiert hat, durchaus Äußerungen und Widersprüche pointiert, polarisiert, „falsch“ zusammengefasst oder heikle Positionen „erlaubt“ werden. Bohnsack nennt dies „direktive Phase“ und meint damit stärker strukturierende Eingriffe seitens der Forscher:innen bzw. Moderator:innen (Bohnsack 2014, S. 228). Konkrete Erklärungen und auf eigene Forschungsprojekte übertragbare Beispiele solcher Fragetechniken für die Durchführung von (Leitfaden-) Interviews, die auch für die Moderation von Gruppendiskussionen anregend sein können, finden sich bspw. bei Ullrich (2020).
4 Anwendungsbeispiele und Sampling
Das Verfahren der Gruppendiskussion eignet sich besonders, wenn kollektive Haltungen bestimmter Gruppen, geteilte Erfahrungsräume oder Streitpunkte rekonstruiert werden sollen. Mithilfe von Gruppendiskussionen lassen sich beispielsweise die Einstellungen einer Berufsgruppe zu einem bestimmten Problem untersuchen, die Deutungsmuster einer Betriebs- oder Statusgruppe hinsichtlich organisationaler Strukturen (etwa in Betrieben oder Hochschulen) oder auch die Wahrnehmungsweisen und Handlungsorientierungen von Angehörigen bestimmter Generationen oder Milieus erforschen. Immer, wenn die Annahme besteht, dass es eine gruppenspezifische Kultur oder Haltung oder kollektive Problemstellung und einen in diesem Sinne realen Gruppenzusammenhang gibt, stellt die Gruppendiskussion ein geeignetes Verfahren dar. Das Forschungsziel einer Rekonstruktionen kollektiver Deutungen, Positionen oder Streitpunkte impliziert, dass man Diskutant:innen mit einem hinsichtlich des Forschungsinteresses ähnlichen Erfahrungshintergrund zusammenbringt. Man setzt also homogene Gruppen zusammen, was nicht bedeutet, dass sie auch harmonisch oder konsensuell sind. Es sind nur ihre Erfahrungen, vermutlich durch (je nach Forschungsinteresse) die gleiche historische Zeit, die gleiche Organisation oder den gleichen Beruf geprägt. Ob man dabei „natürliche“ oder eigens für den Forschungstermin zusammengesetzte Gruppen zur Diskussion bringt oder wie viele und welche Gruppen man am Ende miteinander vergleicht, hängt stark von der Studie bzw. der Fragestellung ab. Beispiele zur praktischen Anwendung von Gruppendiskussionen finden sich bei Bohnsack, Przyborski und Burkhard (2010).
Die Zahl der jeweils an einer Face-to-Face-Gruppendiskussion teilnehmenden Diskutant:innen sollte sich, sofern es sich nicht um eine „natürliche“ und somit in ihrer Größe vorbestimmte Gruppe handelt, jedoch nicht unter 7 oder über 13 Teilnehmer:innen bewegen (Pollock 1955, S. 38). Bei internetbasierten und schriftlichen Gruppendiskussionen können durchaus auch größere Gruppen untersucht werden, wie in einer methodenexperimentellen Studie festgestellt werden konnte (Ullrich und Schiek 2019).
5 Quellenangaben
Bohnsack, Ralf, 2014. Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden. 9. Auflage. Opladen: Budrich. ISBN 978-3-8252-8554-8
Bohnsack, Ralf; Aglaja Przyborski und Burkhard Schäffer 2010. Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis. 2. Auflage. Opladen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-86649-709-2
Mangold, Werner, 1960. Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt
Pollock, Friedrich, 1955. Gruppenexperiment: Ein Studienbericht. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt
Schiek, Daniela, 2024. Methoden der qualitativen Sozialforschung. Stuttgart: UTB (exam). ISBN 978-3-82526-234-1
Ullrich, Carsten G., 2020. Das Diskursive Interview: Methodische und methodologische Grundlagen. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-658-27572-3
Ullrich, Carsten G. und Daniela Schiek, 2019. Forumsdiskussionen: Untersuchung zu einem neuen qualitativen Forschungsinstrument. München, Wien: De Gruyter Oldenbourg (De Gruyter Studium). ISBN 978-3-11-066588-8
Verfasst von
Prof. Dr. Daniela Schiek
Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
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