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Gruppensupervision

Hans-Jürgen Balz

veröffentlicht am 25.03.2021

Ähnliche Begriffe: Teamsupervision, Intervision

Gruppensupervision ist ein Beratungsformat, in dem eine Kleingruppe von Fachkräften (meist unterschiedlicher Organisationen) über einen längeren Zeitraum berufliche Fragen unter Anleitung eines/​einer professionellen Supervisor*in reflektiert.

Überblick

  1. 1 Grundlagen der Supervision
  2. 2 Abgrenzung und Zielsetzung
  3. 3 Phasen der Gruppensupervision
  4. 4 Rahmenbedingungen
  5. 5 Anwendungsfelder
  6. 6 Quellenangaben

1 Grundlagen der Supervision

Supervision zielt auf konkrete Hilfen im Sinne von Problemlösungen ab, dient darüber hinaus der Weiterentwicklung der beruflichen Identität der beteiligten Fachkräfte und der Qualitätssicherung der personenbezogenen Dienstleistungsarbeit. Die Anliegen der Supervisanden werden dabei im Kontext individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Bedingungen betrachtet (Belardi 2020).

In seiner ursprünglichen Bezeichnung ist der/die Supervisor*in in einem amerikanischen Unternehmen der/die direkte Vorgesetzte einer Gruppe von Mitarbeiter*innen. In der Psychotherapieausbildung wurde die heute in Europa verbreitete Supervision als Methode der Selbstreflexion, des Methodenlernens und zur Entwicklung eines professionellen Selbstverständnisses begründet (Schreyögg 2010, S. 18). Um dieses Verständnis von Supervision wird es im Weiteren gehen.

Der Begriff Supervision findet in seiner europäischen Tradition in der Psychologie, Pädagogik, Sozialen Arbeit, Soziologie (und in geringerem Umfang auch im Wirtschaftsbereich) Verwendung. Supervisor*innen sind danach Fachleute mit einer Zusatzqualifikation, die von Organisationen beauftragt werden (DGSv 2021). Supervisor*innen können organisationsintern angestellt sein, meist werden sie als externe Berater*innen beauftragt (Berker 2017, S. 334 ff.).

Unterschiedlich sind die theoretisch-methodischen Orientierungen der Supervisor*innen. Entsprechend der vier Schulen der Psychotherapie haben Supervisor*innen ihren Schwerpunkt in der psychoanalytischen, verhaltenstherapeutischen, personzentrierten oder systemischen Methodik (Hamburger und Mertens 2017).

2 Abgrenzung und Zielsetzung

Bei der Zielsetzung von Supervision wird zwischen team- bzw. organisations- und fallbezogener Supervision unterschieden. Der Fokus bei der Teamsupervision liegt auf den Fragen der Ausgestaltung der Teamarbeit (Aufgabenverteilung, Prozessoptimierung, Reflexion von gemeinsamen Zukunftszielen u.a.). Darüber hinaus besteht mit der Organisationssupervision ein weiteres Supervisionsformat, das schwerpunktmäßig zur Reflexion der organisationalen Prozesse (Interaktion, Ablaufprozesse, Entscheidungen u.a.) dient (Gotthard-Lorenz 2020).

Die fallbezogene Supervision unterscheidet zwischen Einzel- und Gruppensupervision. Diese Orientierung auf die Fallarbeit setzt bei den Fachkräften einen ähnlichen Aufgabenzuschnitt voraus. Zur Qualitätssteigerung der psychosozialen Arbeit kann eine Fallreflexion auch im Rahmen einer kollegialen Fallbesprechung (Schlee 2019) – auch Intervision genannt – stattfinden (Kollegiale Fallberatung). Dabei wird auf einen/eine Supervisor*in verzichtet, sodass die methodische Ausgestaltung von den Kolleg*innen selbst geleistet werden muss.

Ausgangspunkt einer Sitzung in der Gruppensupervision ist der Besprechungsbedarf der Gruppenmitglieder. Je nach Anliegen der fallvorstellenden Person können unterschiedliche Foci für die gemeinsame Reflexion gewählt werden (Pühl 2017):

  • die helfende Beziehung und mögliche Reflexionsfragen dazu
  • der Hilfeprozess und dessen zukünftige Ausgestaltung
  • die Klient*innen mit ihrem Verhalten, Erleben, Denken, mit ihrer Symptomatik u.a.
  • der Helfer bzw. die Helferin selbst mit ihren Wahrnehmungen, Emotionen, Gedanken u.a.
  • der institutionelle Kontext, in dem die Hilfe stattfindet, z.B. Differenzen zwischen Organisationszielen und dem professionellen Selbstverständnis der fallvorstellenden Person.

3 Phasen der Gruppensupervision

In einer Gruppensupervision lassen sich allgemeine Ablaufphasen unterscheiden. Dies sind die Eröffnungs-, die Arbeits- und die Abschluss- oder Trennungsphase.

Die Eröffnungsphase beginnt häufig mit einer Blitzlichtrunde, d.h. alle Teilnehmer*innen geben unkommentiert von anderen eine kurze Einschätzung ihrer Befindlichkeit und ihrer Anliegen bei der heutigen Supervision.

Die Arbeitsphase beginnt mit einer Abfrage aktueller Anliegen und der Zeitplanung für ihre Besprechung. Dann findet die Fallvorstellung, die Fallbearbeitung und der Abschluss in der Fallarbeit mit je nach theoretisch-methodischem Schwerpunkt der Supervisor*in unterschiedlicher methodischer Ausgestaltung statt. Dabei hat die fallvorstellende Fachkraft eine herausgehobene Position. Die Gruppe stellt ihm bzw. ihr die Eindrücke, Wahrnehmungen und Hypothesen über die Fallsituation auf dem Hintergrund seiner bzw. ihrer Ausgangsfrage zur Verfügung. Die Gruppenmitglieder dienen dem bzw. der Fallvorsteller*in als Unterstützer, Ideengeber und Ermutiger für die Weiterentwicklung in der Fallarbeit (geteilte Expertenschaft).

Die Abschlusssphase dient analog der Eröffnung einem Blitzlicht zur aktuellen Befindlichkeit, dem Feedback zum persönlichen Lerngewinn und zum Gruppenprozess. Als zeitlichen Rahmen finden sich in der Literatur Angaben von 45 bis 120 Minuten pro Fallbesprechung.

4 Rahmenbedingungen und Gelingensfaktoren

Besonders wichtig ist das klare Formulieren von Zielen und Erwartungen durch die fallvorstellende Fachkraft, die Kreativität und Inspiration, um eine erweiterte Perspektive in der Betrachtung der Ausgangsfrage und der Fallsituation zu ermöglichen, die Konkretisierung des potenziellen und des realen Lösungsraumes, sowie die Verallgemeinerung von Lernergebnissen für alle Teilnehmenden. Wichtige Gelingensfaktoren stellen ein verbindlicher Teilnehmer*innenkreis, der Konsens über die Inhalte und die methodische Gestaltung, das gemeinsame Lerninteresse in einer kooperierenden Gruppe und die Unterstützung durch die Organisationsleitung (Freistellung der Fachkräfte, Verfügbarkeit von Räumlichkeiten u.a.) dar (Schreyögg 2010, S. 307 ff.).

Gruppensupervision wird oft aus Kostengründen der Einzelsupervision vorgezogen. Der besondere Gewinn der Gruppensupervision besteht dabei in der psychoemotionalen Entlastung, d.h. dass die fallvorstellende Person erlebt, dass andere Fachkräfte über vergleichbare Probleme in ihrer Arbeit berichten. Darüber hinaus findet Modelllernen statt und Gruppensupervision dient dem Austausch über allgemeine Arbeitsprinzipien, Handlungsstrategien und fachliche Standards der Qualitätssicherung (Belardi 2020).

5 Anwendungsfelder

Anwendungsfelder der Gruppensupervision können grundsätzlich alle Arbeitsbereiche sein, in denen personenbezogene Dienstleistungen erbracht werden. Unverzichtbar ist Gruppensupervision (und z.T. auch Einzelsupervision) in der Aus- und Weiterbildung in beraterischen und therapeutischen Berufen. Besondere Verbreitung findet sie neben den psychosozialen in pflegerisch-medizinischen und z.T. auch in pädagogischen Tätigkeitsfeldern, so beispielsweise in der Kinder- und Jugendhilfe, dem Pflegekinderwesen, der Altenpflege, der psychiatrischen Versorgung, allgemeinbildenden Schulen und der beruflichen Weiterbildung (Hamburger und Mertens 2017). Aufgrund ihrer Effekte bei der fachlichen und psychoemotionalen Unterstützung empfiehlt sich ein breiteres Angebot von Gruppensupervision für Mitarbeiter*innen.

6 Quellenangaben

Belardi, Nando, 2020. Supervision und Coaching für Soziale Arbeit, für Pflege, für Schule. Freiburg: Lambertus. ISBN 978-3-7841-3103-0 [Rezension bei socialnet]

Berker, Peter, 2017. Externe und interne Supervision – Ein Vergleich. In: Harald, Pühl, Hrsg. Das aktuelle Handbuch der Supervision 2. Auflage. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 334–345. ISBN 978-3-8379-2645-3 [Rezension bei socialnet]

DGSv, 2021. Konzept [online]. Köln: Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching e.V [Zugriff am: 19.03.2021]. Verfügbar unter: https://www.dgsv.de/dgsv/supervision/​konzept/

Gotthardt-Lorenz, Angela, 2020. Organisationssupervision – ein Konzept. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40487-4

Hamburger, Andreas und Mertens, Wolfgang, 2017. Supervision – Konzepte und Anwendungen: Band 1: Supervision in der Praxis – ein Überblick. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-029338-0 [Rezension bei socialnet]

Pühl, Harald, 2017. Hrsg. Das aktuelle Handbuch der Supervision 2. Auflage. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-2645-3 [Rezension bei socialnet]

Schlee, Jörg, 2019. Kollegiale Beratung und Supervision für pädagogische Berufe. 4. erw. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-032958-4

Schreyögg, Astrid, 2010. Supervision: Ein integratives Modell. 5. erw. Auflage. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-531-17343-6 [Rezension bei socialnet]

Autor
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Balz, Hans-Jürgen, 2021. Gruppensupervision [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 25.03.2021 [Zugriff am: 22.04.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Gruppensupervision

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