socialnet Logo

Habitus

Marlen Gnerlich

veröffentlicht am 03.10.2025

Etymologie: lat. habitus äußere Erscheinung, Benehmen

Englisch: habitus

Habitus bezeichnet die relativ dauerhaften, jedoch nicht unveränderlichen Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster einer Person. Diese sozialisatorisch erworbenen, durch gesellschaftliche Verhältnisse geformten und körperlich eingeschriebenen Dispositionen kommen in sozialen Praktiken, wie Geschmack, Vorlieben, Gewohnheiten, Körperhaltung, Sprechweisen und auch spontanen Reaktionen, zum Ausdruck, die wiederum die sozialen Strukturen prägen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Auslegung des Begriffs in verschiedenen Fachdisziplinen
  3. 3 Begriffsherkunft und -entwicklung
    1. 3.1 Philosophische Herkunft und Entwicklung
    2. 3.2 Sozialtheoretische Anschlüsse
  4. 4 Das Habituskonzept von Pierre Bourdieu
    1. 4.1 Empirischer Entstehungshintergrund
    2. 4.2 Merkmale und Besonderheiten
  5. 5 Konzeptionelle Kontextualisierungen
    1. 5.1 Habitus und soziale Ungleichheit
    2. 5.2 Habitus und Geschlecht
    3. 5.3 Habitus und Bildung
  6. 6 Praxisbezogene Kontextualisierungen
    1. 6.1 Habitus und Professionalität
    2. 6.2 Habitussensibilität
    3. 6.3 Habitusorientierte Methoden in der Beratung
  7. 7 Interdisziplinäre Rezeption und Kritik
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Mit seinem Ursprung in der Philosophie ist der Begriff Habitus in vielen Fachdisziplinen mit unterschiedlichen Bedeutungen zu finden. In seiner konzeptionellen Ausdifferenzierung durch Pierre Bourdieu etablierte er sich jedoch vor allem in der Soziologie, den Bildungs- und Erziehungswissenschaften sowie der Sozialen Arbeit und gehört zum sozialwissenschaftlichen Grundinventar. Der Habitus ist ein „System verinnerlichter Strukturen, gemeinsamer Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata“ (Bourdieu 2020 [1987], S. 112), das jedes Mitglied einer sozialen Gruppe unter dem Einfluss vorherrschender gesellschaftlicher Existenzbedingungen ausbildet. Damit integriert der Habitus „Individualität und Kollektivität“ (Bourdieu 2020a, S. 367) und bringt als mental und körperlich tief verankertes „individuiertes Soziales“ (Bourdieu 1992, S. 43) vorbewusst regelhafte Improvisationen sozialer Praxis hervor. Das Habituskonzept dient damit der Erklärung sozialer Strukturen und sozialen Handelns, indem es deren permanent ineinander verschränkte Wechselwirkung verdeutlicht und so maßgeblich zum Verständnis gesellschaftlicher Phänomene, wie sozialer Ungleichheit, Geschlechterkonstruktionen oder auch von Bildungsprozessen, beiträgt. Auch praxisbezogene Konzepte, wie der professionelle Habitus oder Habitussensibilität, schließen daran an.

2 Auslegung des Begriffs in verschiedenen Fachdisziplinen

Der aus dem Lateinischen stammende Begriff Habitus bezeichnet in unserer Alltagssprache die „Erscheinung“ oder das „Benehmen“ einer Person (Dudenredaktion 2020, S. 535). Das korrespondierende lateinische Verb „habēre“ lässt sich mit „haben, halten oder an sich haben“ (DWDS o.J.) übersetzen. Des Weiteren wird Habitus synonym mit den Begriffen „Aussehen, Gestalt, Kleidung, Zustand, Lage, Eigentümlichkeit“ (ebd.) verwendet.

Fachsprachlich erfährt der Begriff Habitus eine differenzierte Anwendung und hat je nach wissenschaftlicher Disziplin einen anders akzentuierten Bedeutungsgehalt. In biologisch-naturwissenschaftlichen Kontexten, wie der Botanik, Zoologie und Humanbiologie, benennt der Begriff Habitus das „äußere Erscheinungsbild und Verhalten von Einzelorganismen und Populationen; bedingt durch genetische Faktoren, biotische und abiotische Umweltfaktoren “ (Scherf 2006, S. 203).

Auf ähnliche Weise werden in der Medizin die äußerlich wahrnehmbare Gesamterscheinung einschließlich individueller Merkmale, wie Aussehen, Konstitution als auch Verhaltenseigenarten als Habitus bezeichnet (exemplarisch: Pschyrembel et al. 2007).

In der Psychologie tritt Habitus als fachlich relevanter Begriff bislang kaum in Erscheinung (Zander 2013). In einschlägigen Lexika finden sich lediglich verwandte Begriffe wie ‚Habituation‘, ‚Habitualisierung‘ oder ‚habituell‘ in der Bedeutung von ‚Gewohnheit‘, ‚Gewöhnung‘ bzw. ‚gewohnheitsmäßig‘ (exemplarisch: Wirtz 2021; Tewes und Wildgrube 1999). Das Habituskonzept bietet jedoch durchaus „Schnittstellen zwischen soziologischen und psychologischen Theorien und Forschungen“ (El-Mafaalani und Wirtz 2011, S. 15) und „Vermittlungspotenzial der Analyse des Sozialen und Psychischen“ (King 2022, S. 88 f.).

In geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Kontexten ist Habitus ein etablierter Begriff, der sowohl die „Gesamtheit der relativ festliegenden Einstellungen und Gewohnheiten einer Person“ (Klimke et al. 2020, S. 299) als auch „die äußere Erscheinung eines Menschen, von der aus man auf dessen Anlagen, Einstellungen und Gewohnheiten schließen kann“ (ebd.) umfasst. Besondere Bedeutung kommt in diesen fachdisziplinären Zusammenhängen dabei der Konzeption Pierre Bourdieus zu, die Habitus als ein komplexes „Repertoire kultureller Praktiken (Denk- Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Aktionsschemata), das den Mitgliedern einer sozialen Einheit (Gruppe, Klasse, Gesellschaft, Kultur) jeweils gemeinsam ist“ (ebd.), fasst. Orientiert am bourdieuschen Verständnis meint Habitus soziologisch akzentuiert „zum einen die habitualisierten Gewohnheiten und Handlungen von Personen. Zum anderen wird mit Habitus auch ein sozialisatorisch erworbenes Schema zur Erzeugung immer neuer Handlungen bezeichnet, das Grenzen und Spielräume sozialer Ordnung reproduziert und verändert. Als dialektischer Begriff bezeichnet der Habitus immer beides: das bereits strukturiert sein und die strukturierende Funktion der Handlungen von Individuen, die gesellschaftliche Prägung und die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten“ (Liebsch 2016, S. 88).

3 Begriffsherkunft und -entwicklung

3.1 Philosophische Herkunft und Entwicklung

Habitus ist die lateinische Übersetzung des griechischen Begriffs Hexis (héxis), der eine bestimmte Beschaffenheit „im Sinne einer besonderen Seinsweise, nämlich des Habens“ (Funke 1974, Sp. 1120) ausdrückt. In Anlehnung an die antik-griechische Begriffsprägung meint Hexis ein „Haben“, das nicht natürlich gegeben, sondern erworben wurde. Dies umfasst z.B. Kenntnisse, Fähigkeiten und Gewohnheiten sowie Überzeugungen, Wertorientierungen und Tugenden (ebd.). Hexis ist also ein mental und körperlich verankertes Resultat von Erfahrungen, welche sich mithin im Befinden, Verhalten oder in Handlungen einer Person zeigen und schließlich in deren Haltung (ēthos) formieren.

In Rückgriff auf aristotelische Schriften, wie die „Nikomachische Ethik“ (Aristoteles 2006; hier v.a. das Zweite Buch) überführte im 13. Jahrhundert der Philosoph und Kirchengelehrte Thomas von Aquin das antik-griechische Verständnis von Hexis in seine scholastisch-christianisierte Tugendethik. Dabei übersetzte er „héxis“ mit dem lateinischen Begriff „habitus“. Mit der Definition durch Thomas von Aquin als „medium inter potentiam puram et purum actum“ (Schütz 1895, S. 351) lässt sich der Habitus als Vermittlungsinstanz zwischen Potenzialität und tatsächlichem Handeln, also zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit verstehen (Krais und Gebauer 2017, S. 26; Holder 2009, S. 124). Nach Thomas von Aquin gelten spontane, unreflektierte Handlungen als Erkennungszeichen für die Existenz eines inneren Habitus (Schütz 1895, S. 354). Diesem Verständnis entsprechend weist jedes Subjekt einen spezifischen Habitus auf, welcher sich durch Gewöhnung, Erziehung, Einübung usw. bildet und sich im jeweiligen Auftreten und Agieren niederschlägt.

In der Neuzeit tritt das scholastische Konzept des Habitus dann v.a. in den sozial- und moralphilosophischen Schriften von David Hume und John Locke als „habit“ in Erscheinung und wird dort im Sinne einer zu Gewohnheit geronnenen Erfahrung in der Rolle eines stabilisierenden Faktors politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse betrachtet (Rehbein und Saalmann 2009, S. 110 f.).

3.2 Sozialtheoretische Anschlüsse

Vermehrte Aufmerksamkeit fand der Begriff des Habitus bzw. Bezüge darauf dann wiederum im 19. und 20. Jahrhundert, u.a. im Denken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Edmund Husserl, Marcel Mauss oder auch Norbert Elias.

So übernimmt Hegel die aristotelische Idee der Gewohnheit im Sinne einer zweiten Natur, die subjektiver Teil des Selbst und zugleich Ausgangsbedingung für das Erlangen objektiven Bewusstseins ist (Hegel 1986 [1830], S. 187 ff.). Dagegen nutzt Husserl das Konzept des Habitus bzw. der Habitualität, um die Anlage unbewusster, relativ stabiler Eigenschaften und Einstellungen zu erfassen, und bezeichnet das Zusammengehen vielzähliger Erfahrungen zu einem Gesamtkomplex als Prozess der Habitualisierung (exemplarisch: Husserl 1999 [1939], S. 136 ff.; Schneickert 2013, S. 78). Mauss fokussiert mit dem Begriff des Habitus zuvorderst auf die gesellschaftliche Durchdringung des Körpers und akzentuiert damit zugleich die soziale Natur des Habitus (Mauss 2010 [1935], S. 202 ff.). Elias verbindet in seiner Verwendung des Habitusbegriffs schließlich dezidiert Gesellschaft und Individuum, indem er sich verändernde Verhaltensweisen und Handlungsmuster in eine wechselseitige Beziehung mit dem sozialen Wandel im Zuge des Zivilisationsprozesses setzt (Elias 2010 [1976]). Weitere inhaltliche Anschlüsse oder konzeptionell verwandte Ansätze hinsichtlich der Idee des Habitus finden sich zudem u.a. bei Max Weber, Alfred Schütz, Arnold Gehlen und Maurice Merleau-Ponty (Rehbein und Saalmann 2009, S. 111).

Allen theoretischen Entwürfen zum Habitus liegt die Erkenntnis zugrunde, dass menschliches Verhalten und Handeln weder zufällig noch beliebig erfolgt, sondern stets in Relation zu den vorherrschenden gesellschaftlichen Gegebenheiten steht. Dies arbeitete auch der Kunsthistoriker Erwin Panofsky heraus, indem er epochentypische Stilelemente der Gotik mit seinerzeit vorherrschenden kollektiven mental habits in Zusammenhang sah, die sich im damaligen Denken und Handeln der Menschen und schließlich auch architektonisch niederschlugen (Bourdieu 2020a, S. 377 ff.). Inspiriert durch diese These übernahm Bourdieu den Begriff Habitus und entwickelte ihn weiter zum bis dato elaboriertesten und wissenschaftlich prominentesten Habituskonzept.

4 Das Habituskonzept von Pierre Bourdieu

Das Konzept des Habitus bildet den Kristallisationspunkt im Denken von Pierre Bourdieu. Er entwickelte es als Analyse- und Erkenntnisinstrument zur Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse sowie zur Erklärung sozialen Verhaltens einzelner wie kollektiver Akteure. Dabei ermöglicht der Habitusbegriff, das – zu Lebzeiten Bourdieus sozialtheoretisch noch dominierende – Denken in Gegensätzen, v.a. von Gesellschaft einerseits und Individuum andererseits, miteinander zu koppeln.

4.1 Empirischer Entstehungshintergrund

Ausgangpunkt für die Entwicklung des Habituskonzepts bildeten die ethnologischen Algerien-Studien Bourdieus ab dem Ende der 1950er-Jahre. Bei diesen machte er die Beobachtung, dass algerische Bauern der Kabylei nach ihrer Abwanderung vom ländlichen in den urbanen Raum trotz veränderter städtischer Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen traditionelle und nach modernem Verständnis geradezu überholte Verhaltensweisen und Handlungsmuster zeigten (Bourdieu 2007, S. 54 ff.). Das Beharrungsvermögen dieser augenscheinlich irrationalen Verhaltensweisen und Handlungsmuster zeigten Eigenlogiken auf, die Bourdieu auf die Existenz eines tief und fest in Individuen verankerten Praxissinns hinwiesen.

In Rückgriff auf die These Panofskys, dass die Denk- und Lebensweisen der Individuen von den jeweilig kollektiv erfahrenen Umständen geprägt werden, übernimmt er dessen Habitus-Begriff und verbindet ihn mit der Idee einer generativen Grammatik des US-amerikanischen Linguisten Noam Chomsky (Bourdieu 1992, S. 30 ff.). Damit formiert sich Bourdieus Verständnis vom Habitus im Laufe der 1960er-Jahre zu einem Komplex, der die in jedem Individuum verinnerlichten sozialen Kontextbedingungen repräsentiert und zugleich als Skript für dessen soziales Handeln dient (Bourdieu 2020a, S. 361 ff.).

4.2 Merkmale und Besonderheiten

Bourdieu entwickelte sein Habituskonzept weniger als systematisch angelegtes Theorieprojekt, sondern entwarf es in kontinuierlicher Relation zu seiner thematisch breitgefächerten, empirischen ethnologischen und soziologischen Forschung (Bourdieu 2020b, S. 395). Somit etablierte sich das Konzept des Habitus durch das umfangreiche Œuvre Bourdieus hindurch zu einem grundlegenden und zugleich komplex verwobenen Theorieelement, das schließlich eine weitreichende und zudem disziplinübergreifende Rezeption und Anwendung erfuhr.

Initialmoment für das bourdieusche Habituskonzepts war die Frage nach der Logik der Praxis, mit der Menschen sich individuell handelnd so aufeinander beziehen, dass daraus gesellschaftliche Verhältnisse entstehen und sich verstetigen, obwohl sie ihr Handeln nicht explizit an objektiv existierenden Regeln oder rationalem Kalkül ausrichten (Bourdieu 1992, S. 85 f.; a.a.O., S. 99). Sein Profil gewinnt Bourdieus Habituskonzept sodann über dessen Abgrenzung zu sozialphilosophischen und sozialwissenschaftlich etablierten Theorien der Entgegensetzung „von Bewusstsein (oder Subjekt) und Unbewusstem, von Finalismus und Mechanizismus usw.“ (Bourdieu 2020b, S. 393). Vielmehr liegt ihm ein Verständnis zugrunde, das von einer dynamischen, ko-konstruktiven Beziehung zwischen Handeln und Struktur bzw. Akteur und Welt ausgeht.

Hierbei operiert der Habitus als Vermittlungsinstanz, indem er sozialisatorisch angeeignete Anschauungs-, Wertungs- und Klassifizierungskategorien, welche stets Ausdruck der vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Prägung sind, bündelt und zugleich mit Rückgriff auf eben diese Kategorien soziale Praktiken in Form von Wahrnehmungs-, Denk-, Verhaltens- und Handlungsweisen realisiert, durch die wiederum gesellschaftliche Verhältnisse hergestellt werden. Als „System erworbener Schemata“ (Bourdieu 1992, S. 31) stellt der Habitus in ihm verankerte gesellschaftliche Organisationsprinzipien für das Hervorbringen sozialer Praxis zur Verfügung und ist Bourdieu zufolge sowohl Produkt als auch Produzent sozialer Strukturen.

Dabei ist das habituelle Agieren keineswegs eine mechanistische oder repetitive, sondern vielmehr eine schöpferisch dynamische Funktionsweise, sodass das vom Habitus erzeugte Wahrnehmen, Denken, Bewerten, Entscheiden usw. potenziell eine hohe Varianz beinhaltet (Bourdieu 2020b, S. 394). Da sie sich aber aus einer tief verinnerlichten generativen Grammatik speist, entzieht sich die Funktionsweise des Habitus überwiegend dem Bewusstsein und vollzieht sich größtenteils vorreflexiv. Statt einer bewusst-intentionalen Strategie zu folgen, werden früh sozialisatorisch im Habitus angelegte Muster, Maßstäbe, Einstellungen und Präferenzen abgerufen. Somit ist die Verinnerlichung gesellschaftlicher Verhältnisse zwar ein lebenslanger Prozess, jedoch bleibt der Habitus dabei gleichsam von den Umständen seines Entstehens geprägt. Dieser spezifischen Logik entsprechend arbeitet der Habitus überwiegend innerhalb seiner eigenen entstehungsbedingten Grenzen (Bourdieu 2020 [1987], S. 101 ff.).

Eine zentrale Rolle für diese Grenzen des Habitus spielt dabei die Ausstattung mit ökonomischem Kapitel, wie Einkommen, Vermögen oder Immobilien, sozialem Kapital, in Form eines vorhandenen, nutzbaren Beziehungsnetzes, und kulturellem Kapital, wie der Besitz von wertvollen Kunstgegenständen, prestigeträchtigen Bildungstiteln bzw. das Beherrschen von Fremdsprachen oder Instrumenten (Bourdieu 2015, S. 53 ff.). Dabei kommt unterschiedlichen Kapitalsorten je nach sozialem Feld, wie Bourdieu gesellschaftliche (Teil-)bereiche nennt, eine unterschiedliche Wertigkeit zu, die der feldspezifischen Logik mitsamt den dort vorherrschenden Bedingungen, Normen und Zielen entsprechen. Unterschiede in Umfang, Zusammensetzung sowie feldspezifischer Bedeutsamkeit des verfügbaren Kapitals haben maßgeblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Positionierung und die daran gekoppelten Daseins- und Entwicklungsbedingungen sozialer Akteure und deren Habitus (Bourdieu 2020 [1982], S. 175). Entscheidend für die Prägekraft all dieser Kapitalformen ist schließlich, dass bzw. inwieweit sie soziale Anerkennung einbringen und Einfluss auf gesellschaftliches Prestige sowie den Sozialstatus haben, was Bourdieu auch als symbolisches Kapital bezeichnet (Bourdieu 2013 [2001], S. 309 ff.). Folglich ist der Habitus Ausdruck des jeweiligen Kapitalbesitzes, der jeweiligen Bedingungen der sozialen Felder sowie der spezifischen sozialen Position einer Person(engruppe).

Weil sich abhängig von der Soziallage spezifische Habitusformen und schließlich gruppenspezifische, soziallagenbedingt ähnliche Praxisformen herausbilden, spricht Bourdieu auch vom „Klassen- (oder Gruppen-)habitus“ (Bourdieu 2020 [1987], S. 112). Der Habitus ist demnach ein „System von Dispositionen, das alle miteinander gemein haben, die dieselben Konditionierungen durchgemacht haben“ (ebd.) und in dem sich kollektiv geteilte Einstellungen und Präferenzen zeigen, z.B. die „alltäglichen Entscheidungen etwa für ein bestimmtes Mobiliar, eine bestimmte Kleidung oder Essenszubereitung“ (Bourdieu 2020 [1982], S. 138) und ebenso die Art zu sprechen, aufzutreten, zu interagieren oder auch Bildungsentscheidungen, Interessen, Freizeitbeschäftigungen u.v.m.

Als entscheidungs- und handlungsleitendes Element des Habitus bildet der Geschmack das sozialisatorisch angeeignete, klassifizierende Beurteilungsvermögen, auf dessen Grundlage sich „Dinge in distinkte und distinktive Zeichen“ (a.a.O., S. 284) wandeln. Gebündelt zu klassenspezifischen Lebensstilen sind individuelle Präferenzen im Zuge solcher auf- bzw. abwertenden Klassifizierung immer Abbild gesellschaftsstruktureller Hierarchien, die sich per „Dialektik von sozialer Lage und Habitus“ (Bourdieu 2020 [1982], S. 281) permanent aktualisieren.

Dass dieser dialektische Prozess eher zur Verstetigung vorherrschender Sozialverhältnisse führt als zu deren Veränderung, liegt Bourdieu zufolge im Hysteresis-Effekt des Habitus begründet (Bourdieu 2020 [1982], S. 238). Hysteresis bezeichnet die dem Habitus innewohnende Trägheit, welche sich zum einen in dessen Hang zu sozial vertrauten Strukturen und zum anderen in dessen Neigung zum Festhalten an entsprechend geprägten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern zeigt (Bourdieu 2020 [1987], S. 120). Dies führt in der Tendenz zu einem Verharren im Sosein, d.h. der Habitus bevorzugt ihm bekannte Verhältnisse, an die er gemäß seiner Entstehungsbedingungen am besten angepasst ist (Bourdieu 2020 [1987], S. 117 f.). Dieses Streben nach Kongruenz zwischen vorbewusst wirkenden Praxisschemata und dazu passenden sozialen Gegebenheiten lässt das Agieren des Habitus selbstverständlich bzw. als geradezu natürlich anmuten und bestätigt dadurch umso mehr sozialpositional geprägte Perspektiven (Bourdieu und Wacquant 2022 [1996], S. 162 ff.).

Hierfür ist vor allem der Körper in seiner Rolle als substanzieller Träger der vom Individuum erfahrenen sozialen Verhältnisse von Bedeutung. Als inkorporierte Dispositionen wirken sie besonders dauerhaft und verbergen aufgrund der scheinbaren Naturgegebenheit ihre gesellschaftliche Prägung. Um diese leibliche Dimension des Habitus zu untersetzen, spricht Bourdieu auch von körperlicher Hexis (Bourdieu 2020 [1987], S. 129). Damit verweist Bourdieu darauf, dass das vorbewusste Agieren des Habitus maßgeblich über den Körper realisiert wird, der als „Gedächtnisstütze“ (Bourdieu 2013 [2001], S. 181) dient und durch „Einverleibung der Strukturen der Welt“ (a.a.O., S. 174) ein praktisches Erfassen mittels „körperliche[r] Erkenntnis“ (ebd.) ermöglicht.

Der daraus resultierende Praxis-Sinn des Habitus koordiniert das soziale Handeln der einzelnen Akteure intuitiv entlang sozial asymmetrischer Unterschiedsmarkierungen, wodurch er die Korrespondenz zu ihrer jeweiligen sozialen Platzierung und zugleich die relative Erwartbarkeit, die Angemessenheit und den Anschein von Natürlichkeit habituell hervorgebrachter Verhaltensweisen arrangiert (Bourdieu und Wacquant 2022 [1996], S. 153 ff.).

5 Konzeptionelle Kontextualisierungen

Das Konzept des Habitus bietet vor allem in der Ausarbeitung durch Bourdieu eine inhaltlich hohe Anschlussfähigkeit hinsichtlich unterschiedlicher sozial- und geisteswissenschaftlicher Fragestellungen und wird insbesondere für Kontextualisierungen mit sozialer Ungleichheit, Geschlecht und Bildung genutzt, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

5.1 Habitus und soziale Ungleichheit

Als Repräsentant verinnerlichter Gesellschaftsverhältnisse spiegeln sich im Habitus die – vor allem frühen – Erfahrungen und Prägungen sozialer Ungleichheitsstrukturen beharrlich wider und kommen in klassenspezifischen Denk- und Handlungsmustern zum Ausdruck (Bourdieu 2020 [1982]). Dadurch trägt die habituelle Funktionsweise maßgeblich zum Fortbestand ungleicher Existenzbedingungen bei, indem unwillkürlich anmutende, vermeintlich rein charakterbedingte oder scheinbar natürlich hervorgebrachte Orientierungen die dahinterliegenden soziostrukturellen und soziokulturellen Einflussfaktoren verbergen.

Für die präzise Erforschung von Ursachen, Zusammenhängen und Mechanismen sozialer Ungleichheit ist es demnach essenziell, die sozialbedingt bevorteilende bzw. benachteiligende Ausstattung mit ökonomischem, sozialem, kulturellem Kapital und damit einhergehender Verfügbarkeit oder Nicht-Verfügbarkeit von symbolischem Kapital zu berücksichtigen (Rehbein et al. 2015; Engler und Krais 2004). Hierfür ist das Habituskonzept ein bedeutsames Erkenntnis- und Analyseinstrument. Überdies bietet es eine Vielzahl an theoretischen sowie empirischen Anschlussmöglichkeiten und Perspektiverweiterungen, wie beispielsweise hinsichtlich Klassismus, (symbolischer) Macht oder der Rolle des Körpers etc., und eröffnet somit einen breit gefächerten Zugang zu den sehr unterschiedlichen Variationen sozialer Ungleichheit.

5.2 Habitus und Geschlecht

Gesellschaftliche Strukturen sind grundlegend von Geschlechterkategorien geprägt, die sich tief im Habitus verankern. Bourdieu selbst beschrieb in seinen anfänglich ethnologisch ausgerichteten Studien am Beispiel der von ihm beobachteten algerischen Kabylen die dort vorherrschende Geschlechterordnung entlang des Differenzierungsschemas „männlich“ und „weiblich“ (Bourdieu 2021 [1979]). Deren Hervorbringung und Tradierung führte Bourdieu auf die handlungsleitende Verinnerlichung dieser geschlechtsspezifisch verfassten Gesellschaftsstruktur zurück. Demzufolge sind Geschlechterverhältnisse als – überwiegend binär konstruiertes – Klassifikationssystem habituell eingelagert und aufgrund ihrer auf körperliche Merkmale bezogenen Begründung besonders umfassend und stabil. Jedes Mitglied einer Gesellschaft weist demnach einen „vergeschlechtlichte[n] Habitus“ (Bourdieu 2005, S. 11) auf, mittels dem Geschlechterklassifikationen in Praktiken, Gegenständen, Eigenschaften, Institutionen, Normen, Werten etc. (re-)produziert werden und sich infolgedessen hierarchisch organisierte, männlich-hegemoniale Geschlechterverhältnisse verstetigen.

In der Geschlechterforschung regte das bourdieusche Konzept des Geschlechtshabitus eine zwar sehr kontroverse Diskussion an, es wird jedoch sowohl theoretisch als auch empirisch intensiv genutzt (Beaufaÿs 2019, S. 355 f.). Dabei hat es sich insbesondere im Zusammenhang mit doing gender, also „dem Verständnis von Geschlecht als Produkt interaktiver Herstellungsprozesse“ (Thon 2017, S. 132) sowie für Intersektionalitätsperspektiven als besonders anschlussfähig erwiesen (ebd.).

5.3 Habitus und Bildung

Bereits in den 1960er-Jahren erforschte Pierre Bourdieu gemeinsam mit Jean-Claude Passeron soziale Ungleichheiten in der Bildung, deren Beständigkeit trotz formaler Chancengleichheit sich erst in Rückgriff auf das Konzept des Habitus – den er seinerzeit noch Ethos nannte – erklärte. So erwies sich der Habitus als entscheidende sozialselektive Variable im Zusammenhang mit Bildungschancen, da von ihm erzeugte Marker sozialer Zugehörigkeit, „sei es die Haltung oder die Kleidung, die Ausdrucksweise oder der Akzent“ (Bourdieu und Passeron 2006, S. 40 f.), in eine Leistungsbewertung nach den „Kriterien des Ethos der kultivierten Elite“ (a.a.O., S. 41) einfließen.

Seitdem ist der Habitus ein gängiges Konzept der Bildungsforschung, einerseits um die individuelle Dimension von Bildung mit Fokus auf „Veränderungen des Selbst- und Weltverhältnisses“ (Höhne 2013, S. 263) und andererseits, um die gesellschaftliche Dimension von Bildung mit Fokus auf deren institutionalisierten Bedingungen zu beleuchten. Zudem lassen sich mit der Analyse primärer (kindlicher) und sekundärer (adulter) Habitusformationen differenzierte Erkenntnisse über Entstehungs- und Beständigkeitsaspekte von Bildungsungleichheit gewinnen (Kramer 2017).

Schließlich ermöglicht die Bezugnahme auf das Habituskonzept in Fragen der Bildung gleichsam eine kritische Perspektive auf Sein und Sollen, Möglichkeiten und Grenzen, Chancen und Risiken pädagogischen Bildungshandelns (Engler und Krais 2004).

6 Praxisbezogene Kontextualisierungen

Auch in Fragen von Professionalisierungsprozessen bzw. professioneller Praxis ist das Konzept des Habitus ein häufig adressierter Bezugspunkt. Hierbei wird Professionalität mit dem Ausbilden eines professionellen Habitus verbunden. Darüber hinaus wird zunehmend das Erfordernis von Habitussensibilität mittels eines reflexiven Habitus als wichtige Facette für professionelles Handeln herausgestellt.

6.1 Habitus und Professionalität

Professionalität – als Befähigung zu professionsspezifisch-qualifizierter Praxis – stützt sich maßgeblich auf die Verinnerlichung fachlich einschlägiger Wissensbestände, Handlungskompetenzen, Bewältigungsstrategien sowie ethischer Standards. Der daraus hervorgehende professionelle Habitus gilt demnach als eine Habitusdimension, die sich entsprechend den Anforderungsspezifika eines Professionsfeldes für als auch durch professionelle Praxis formiert. Mit der Bedeutung des professionellen Habitus sowie mit Fragen, was als solcher gilt und wie er entwickelt wird bzw. werden kann, befassen sich insbesondere bildende und helfende Professionen, wie beispielsweise die Früh- und Schulpädagogik (exemplarisch Bischoff 2018) oder Soziale Arbeit (exemplarisch: Becker-Lenz und Müller 2009). Relevanz hat der Zusammenhang von Habitus und Professionalität jedoch ebenso in allen anderen Professionen, wie der Medizin, Psychologie oder Rechtspraxis.

6.2 Habitussensibilität

An die Erkenntnis, dass der Habitus als allgegenwärtig sozial wirkendes Prinzip gleichsam professionelle Beziehungen mitgestaltet, schließt der Anspruch der Habitussensibilität als Professionalitätsmerkmal an (Sander 2014). Mit Habitussensibilität wird die Wahrnehmungs- und Adaptionsfähigkeit hinsichtlich verinnerlichter Denk- und Handlungsorientierungen adressiert, die aus sozialen Unterschieden resultieren und die Interaktion zwischen Professionellen und Nutzer:innen beeinflussen. Habitussensibles professionelles Auftreten und Agieren bedeutet demnach die Kompetenz, fach- wie alltagskulturell unterschiedliche Mentalitäten, Einstellungen, Werte usw. zu registrieren und taktvoll zu berücksichtigen. Ziel von Habitussensibilität ist es, einschränkende, diskriminierende und potenziell soziale Ungleichheit (re-)produzierende Effekte habitueller Mechanismen zu erkennen sowie deren subtilen Automatismen bewertender Typisierung entgegenzuwirken. Als professionelle Kompetenz umfasst Habitussensibilität mehr als die Wahrnehmung sozialer Differenzen und den empathischen Umgang damit. Vielmehr erfordert eine habitussensible Praxis, die sowohl auf Nutzer:innenseite als auch auf Professionellenseite vorbewusst zum Tragen kommenden (Selbst-)Klassifizierungen als sozial konstruierte, begrenzende Distinktionsmuster zu verstehen und durch Bewusstmachung abzufedern. Ein solchermaßen reflexiver Habitus ist zugleich Ergebnis als auch Grundlage einer (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit und eines Hinterfragens von (eigenen) habituellen Schemata (Weckwerth 2014, S. 58 ff.).

6.3 Habitusorientierte Methoden in der Beratung

Um die Bedeutung und den Einfluss des Habitus in und für Beratungsprozesse greifbar zu machen, lässt sich das Konzept handlungsmethodisch konkretisieren. So macht eine Habitusanalyse (Heimann 2016) die jeweilige biographische Entwicklung der Beratenen in deren Zusammenhängen mit ihrer sozialen Herkunft, der gegenwärtigen sozialen Zugehörigkeit sowie mit gesellschaftlichen Bedingungen nachvollziehbar und Wechselwirkungen mit dem aktuellen Beratungsanliegen sichtbar. Diese Verschränkung von lebensgeschichtlich individueller, interaktiver, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene ermöglicht „die notwendige Verständnistiefe für die Problemlage der Ratsuchenden“ (a.a.O, S. 364), welche „vom überfordernden Individualisierungsanspruch entlastet“ (ebd.) und „zudem soziostrukturell bedingte Handlungsgrenzen identifizieren“ (ebd.) kann.

Eine entsprechend ausgerichtete Methode ist das Habitogramm® (Schenk 2024), ein „systemisch-psychodynamisches Modell für die Beratungspraxis zum Erforschen typischer, überdauernder Dispositionen“ (a.a.O., S. 82), das die Komplexität sozialisatorischer Einflüsse durch deren multidimensionale, gegenständliche Aufschlüsselung erfassbar machen soll. Entscheidend ist die Anregung zur Reflexion, „dass jeder Mensch ohne eigenes Zutun in eine bestimmte Gesellschaft mit einer spezifischen Ordnung, in eine bestimmte Schicht, ein bestimmtes Milieu, eine bestimmte Region, einen bestimmten Kulturkreis hineingeboren wird“ (a.a.O., S. 86 f.) und dass diese gemachten „Erfahrungen bis in die Gegenwart reichen und Menschen […] beeinflussen können“ (a.a.O., S. 87). Mittels explizit habitusbezogener Beratungsmethoden lässt sich – zusätzlich zu der bereits in Kapitel 6.2 genannten professionell-selbstreflexiven Auseinandersetzung – sowohl die habitussensible Gestaltung der Beratungsbeziehung seitens der Professionellen untersetzen und negativen Effekten, wie klassistischen Diskreditierungspotenzialen, begegnen, als auch der mögliche Erkenntnisgewinn seitens der Beratenen im Sinne eines nachhaltig hilfreichen Selbstbezugs erweitern.

7 Interdisziplinäre Rezeption und Kritik

Infolge und in Form der Ausarbeitung durch Pierre Bourdieu ist der Habitus zu einem der prominentesten und etabliertesten Konzepte innerhalb der Geistes-, Sozial- sowie Kulturwissenschaften avanciert. Das Konzept wird bis heute in einer kaum überschaubaren Fülle rezipiert und dabei disziplinär wie thematisch höchst vielfältig genutzt (Egger 2020, S. 414). Neben den bereits dargestellten Konzeptualisierungen (siehe 5. Kapitel) und Kontextualisierungen (siehe 6. Kapitel) wird es beispielsweise zur Untersuchung fachwissenschaftlicher Habitusformationen, also spezifisch geografischer, nationaltypischer bzw. urbaner Habitusmuster oder historischer Habitusausprägungen, eingesetzt (Lenger et al. 2013, S. 29).

Das umfangreiche interdisziplinäre Interesse am Habitus lässt sich sicher darauf zurückführen, dass er sich als äußerst kompatibles Forschungswerkzeug erweist, das zudem das „Schlüsselkonzept der Gesamttheorie“ (a.a.O., S. 13) Bourdieus darstellt. Allerdings gehen mit der Häufigkeit der Nutzung auch „geradezu inflationär“ (ebd.) geprägte und „nicht selten bis auf Schlagworte abgemagert[e]“ (Egger und Schultheis 2020, S. 410) Verwendungsweisen einher, die das komplexe und in seiner Bedeutung ausschließlich relational zu verstehende Habituskonzept theoretisch verkürzen. Vor allem extrahierende Betrachtungen des Habituskonzepts führten vielfach zu dem Vorwurf, es vermittle eine deterministische Vorstellung von gesellschaftlicher Wirklichkeit und werde sozialen Wandlungsprozessen nicht gerecht, was Bourdieu selbst vielfach in erläuternden Ausführungen zur habituellen „generativen Spontaneität“ (Bourdieu und Wacquant 2022 [1996], S. 44) zurückgewiesen hat (exemplarisch auch Bourdieu 1989, S. 397). Weitere Kritik fand die als unzureichend befundene sozialisationstheoretische Facette sowie die eurozentristisch anmutende Charakteristik des Habituskonzepts (Rehbein und Saalmann 2009, S. 117).

Daneben findet sich in der Rezeption des Habituskonzepts zudem der Verweis auf eine Diskrepanz zwischen dessen theoretischer Ausarbeitung auf der einen und dessen methodologisch-empirischer Analyseoptionen auf der anderen Seite, an die dann forschungsmethodische Weiterentwicklungen, wie korrespondenzanalytisch, dokumentarisch und hermeneutisch ausgerichtete Untersuchungen anknüpfen (Lenger et al. 2013, S. 30 f.) und damit die von Bourdieu bereits selbst angemahnte permanente „Notwendigkeit empirischer Forschung […], an deren Ergebnissen sich Begriffe zu bewähren haben“ (Egger und Schultheis 2020, S. 413), bestätigen.

Das nach wie vor enorme Interesse und die anhaltende Rezeption des Konzepts, insbesondere hinsichtlich der Untersuchung von Bildungsungleichheiten (Bremer und Lange-Vester 2025), sind Kennzeichen für den weiterhin hohen interdisziplinären Stellenwert, die Erklärungskraft und die Anschlussfähigkeit des Habituskonzepts, das Bourdieu „als eine Art ‚Hilfsmittel‘ gedacht [hat], um eine enorm komplexe soziale Wirklichkeit zu verstehen“ (Egger 2020, S. 415).

8 Quellenangaben

Aristoteles, 2006. Nikomachische Ethik. Stuttgart: Reclam. ISBN 978-3-1501-9448-5

Beaufaÿs, Sandra, 2019. Habitus: Verkörperung des Sozialen – Verkörperung von Geschlecht. In: Beate Kortendiek, Birgit Riegraf und Katja Sabisch, Hrsg. Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Wiesbaden: Springer VS, S. 349–358. ISBN 978-3-6581-2495-3

Becker-Lenz, Roland und Silke Müller, 2009. Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Bern: Peter Lang. ISBN 978-3-0391-1759-8

Bischoff, Stefanie, 2018. Frühpädagogische Professionalität und Habitus – Eine qualitative Studie zum Denken und Handeln von Fachkräften in Kindertageseinrichtungen. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3652-7 [Rezension bei socialnet].

Bourdieu, Pierre, 1989. Antworten auf einige Einwände. In: Klaus Eder, Hrsg. Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis. Theoretische und empirische Beiträge zur Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Klassentheorie, S. 395–410. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-5182-8367-7

Bourdieu, Pierre, 1992. Rede und Antwort. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-5181-1547-3

Bourdieu, Pierre, 2005. Die männliche Herrschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29631-8

Bourdieu, Pierre, 2007. Die Erzeugung des ökonomischen Habitus. In: Joseph Jurt, Hrsg. absolute Pierre Bourdieu. Freiburg: orange press, S. 54–63. ISBN 978-3-9360-8614-0

Bourdieu, Pierre, 2013 [2001]. Mediationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt/M. Suhrkamp. 3. Auflage. ISBN 978-3-5182-9295-2

Bourdieu, Pierre, 2015. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur 1. Hamburg: VSA. ISBN 978-3-8996-5687-9

Bourdieu, Pierre, 2020 [1982]. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 27. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-5182-8258-8

Bourdieu, Pierre, 2020 [1987]. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. 11. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-5182-8666-1

Bourdieu, Pierre, 2020a. Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis. In: Pierre Bourdieu. Habitus und Praxis. Schriften zur kollektiven Anthropologie 2. Herausgegeben von Franz Schultheis und Stephan Egger. Berlin: Suhrkamp, S. 361–391. ISBN 978-3-5182-9916-6

Bourdieu, Pierre, 2020b. Zur Genese der Begriffe Habitus und Feld. In: Pierre Bourdieu. Habitus und Praxis. Schriften zur kollektiven Anthropologie 2. Herausgegeben von Franz Schultheis und Stephan Egger. Berlin: Suhrkamp, S. 392–407. ISBN 978-3-5182-9916-6

Bourdieu, Pierre, 2021 [1979]. Entwurf einer Theorie der Praxis. 6. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-5182-7891-8

Bourdieu, Pierre und Loїc J. D. Wacquant, 2022 [1996]. Reflexive Anthropologie. 5. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29393-5

Bourdieu, Pierre und Jean-Claude Passeron, 2006. Die konservative Schule. Die Chancenungleichheit gegenüber Schule und Kultur. In: Pierre Bourdieu. Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Schule und Politik. Schriften zu Politik und Kultur 4. S. 25–52. Hamburg: VSA. ISBN 978-3-8797-5803-6

Bremer, Helmut und Andrea Lange-Vester, Hrsg., 2025, Soziale Milieus und Habitus im Feld der Bildung. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-8202-9

Dudenredaktion, Hrsg., 2020. Habitus. In: Duden. Die deutsche Rechtschreibung. Berlin: Dudenverlag, S. 535. ISBN 978-3-411-04018-6

DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, o.J. Habitus [online]. Berlin: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften [Zugriff am 10.06.2025]. Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/Habitus

Egger, Stephan, 2020. Schwerkräfte der Lebenswelt. Habitus und Praxis bei Pierre Bourdieu. Eine epistemologische Annäherung. In: Pierre Bourdieu. Habitus und Praxis. Schriften zur kollektiven Anthropologie 2. Herausgegeben von Franz Schultheis und Stephan Egger. Berlin: Suhrkamp, S. 414–450. ISBN 978-3-5182-9916-6

Egger, Stephan und Franz Schultheis, 2020. Editorische Anmerkungen. In: Pierre Bourdieu. Habitus und Praxis. Schriften zur kollektiven Anthropologie 2. Herausgegeben von Franz Schultheis und Stephan Egger. Berlin: Suhrkamp, S. 410–413. ISBN 978-3-5182-9916-6

El-Mafaalani, Aladin und Stefan Wirtz, 2011. Wieviel Psychologie steckt im Habitusbegriff? Pierre Bourdieu und die »verstehende Psychologie«. In: Journal für Psychologie. 19(1), S. 1–15. ISSN 0942-2285

Elias, Norbert, 2010 [1976]. Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster und Zweiter Band. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN Bd. 1: ISBN 978-3-518-07758-0/Bd. 2: ISBN 978-3-518-27759-1

Engler, Steffani und Beate Krais, Hrsg., 2004. Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Soziostrukturelle Verschiebungen und Wandlungsprozesse des Habitus. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-1582-9

Funke, Gerhard, 1974. Hexis (habitus). In: Joachim Ritter, Hrsg. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3.Basel: Schwabe & Co. Verlag, S. 1120–1126.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, 1986 [1830]. Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse III, Werke, Band 10. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-5182-8210-6

Heimann, Regina, 2016. Habitusanalyse als Diagnoseinstrument in Supervision und Beratung. In: Organisationsberatung, Supervision, Coaching. 23(4), S. 357–369. ISSN 1618-808X

Höhne, Thomas, 2013. Der Habitusbegriff in Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. In: Alexander Lenger, Christian Schneickert und Florian Schumacher, Hrsg. Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus. Grundlagen, Zugänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 261–284. ISBN 978-3-5311-8668-9

Holder, Patricia, 2009. Hexis (héxis). In: Gerhard Fröhlich und Boike Rehbein, Hrsg. Bourdieu Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 124–127. ISBN 978-3-8329-7006-2

Husserl, Edmund, 1999 [1939]. Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur Genealogie der Logik. Hamburg: Felix Meiner Verlag. ISBN 978-3-7873-1352-5

King, Vera, 2022. Sozioanalyse. Zur Psychoanalyse des Sozialen mit Pierre Bourdieu. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-3233-1 [Rezension bei socialnet]

Klimke, Daniela et al., Hrsg., 2020. Lexikon zur Soziologie. 6. überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-6583-0833-9

Krais, Beate und Gunter Gebauer, 2017. Habitus. 7. Auflage. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-9331-2717-4

Kramer, Rolf-Torsten, 2017. „Habitus“ und „kulturelle Passung“. Bourdieusche Perspektiven für die ungleichheitsbezogene Bildungsforschung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau, Hrsg. Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer VS, S. 183–206. ISBN 978-3-5311-7205-7

Lenger, Alexander, Christian Schneickert und Florian Schumacher, 2013. Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus. In: Alexander Lenger, Christian Schneickert und Florian Schumacher, Hrsg. Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus. Grundlagen, Zugänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 13–41. ISBN 978-3-5311-8668-9

Liebsch, Katharina, 2016. Identität und Habitus. In: Hermann Korte und Bernhard Schäfers, Hrsg. Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. 9. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Wiesbaden: Springer VS, S. 79–100. ISBN 978-3-6581-3410-5

Mauss, Marcel, 2010 [1935]. Die Techniken des Körpers. In: Marcel Mauss. Soziologie und Anthropologie, Band 2: Gabentausch – Todesvorstellungen – Körpertechniken. Wiesbaden: Springer VS, S. 198–220. ISBN 978-3-5311-7150-0

Pschyrembel, Willibald, Simone Witzel und Otto Dornblüth, 2007. Klinisches Wörterbuch. 261. Auflage. Berlin: De Gruyter. ISBN 978-3-1101-9127-1

Rehbein, Boike und Gernot Saalmann, 2009. Habitus (habitus). In: Gerhard Fröhlich und Boike Rehbein, Hrsg. Bourdieu Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 110–118. ISBN 978-3-8329-7006-2

Rehbein, Boike et al., 2015. Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland. Konstanz: UVK. ISBN 978-3-8676-4627-7

Sander, Tobias, Hrsg., 2014. Habitussensibilität. Eine neue Anforderung an professionelles Handeln. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-6580-6886-8

Schenk, Marion, 2024. Das Habitogramm – systemisch, praktisch, gut: Soziokulturelle Prägungen verstehen, Professionalität stärken. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-5254-0014-2

Scherf, Gertud, 2006. Habitus. In: Getrud Scherf, Wörterbuch Biologie. München: dtv. S. 203. ISBN 978-3-8500-3026-7

Schneickert, Christian, 2013. Die Wurzeln von Bourdieus Habituskonzept in der Phänomenologie Edmund Husserls. In: Alexander Lenger, Christian Schneickert und Florian Schumacher, Hrsg. Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus: Grundlagen, Zugänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 76–89. ISBN 978-3-5311-8668-9

Schütz, Ludwig, 1895. Thomas-Lexikon. Sammlung, Übersetzung und Erklärung der in sämtlichen Werken des h. Thomas von Aquin vorkommenden Ausdrücke und wissenschaftlichen Aussprüche. 2., sehr vergrößerte Auflage. Paderborn: Schöningh.

Tewes, Uwe und Klaus Wildgrube, Hrsg., 1999. Psychologie-Lexikon. 2. überarbeitete und erweitere Auflage. München: Oldenbourg. ISBN 978-3-4862-5229-3

Thon, Christine, 2017. Geschlecht – Habitus – Transformation. Erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung d’après und after Bourdieu. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau, Hrsg. Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer VS, S. 129–146. ISBN 978-3-5311-7205-7

Weckwerth, Jan, 2014. Sozial sensibles Handeln bei Professionellen. Von der sozialen Lage zum Habitus des Gegenübers. In: Tobias Sander, Hrsg. Habitussensibilität. Eine neue Anforderung an professionelles Handeln. Wiesbaden: Springer VS, S. 37–66. ISBN 978-3-6580-6886-8

Wirtz, Markus Antonius, Hrsg., 2021. Dorsch – Lexikon der Psychologie. 20., überarbeitete Auflage. Bern: Hogrefe. ISBN 978-3-456-86175-3 [Rezension bei socialnet]

Zander, Michael, 2013. Unbewusste Schemata: Der Habitus in der Psychologie. In: Alexander Lenger, Christian Schneickert und Florian Schumacher, Hrsg. Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus. Grundlagen, Zugänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 347–359. ISBN 978-3-5311-8668-9

9 Literaturhinweise

Krais, Beate und Gunter Gebauer, 2017. Habitus. 7. Auflage. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-9331-2717-4

Lenger, Alexander, Christian Schneickert und Florian Schumacher, Hrsg., 2013. Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus: Grundlagen, Zugänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-5311-8668-9

Rehbein, Boike und Gernot Saalmann, 2009. Habitus (habitus). In: Gerhard Fröhlich und Boike Rehbein, Hrsg. Bourdieu Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 110–118. ISBN 978-3-8329-7006-2

Verfasst von
Marlen Gnerlich
Dipl.-Päd., M. A.
Technische Universität Dresden, Fakultät Erziehungswissenschaften
Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften
Mailformular

Es gibt 3 Lexikonartikel von Marlen Gnerlich.

Zitiervorschlag anzeigen

Weitere Lexikonartikel

Recherche

zum Begriff Habitus

Rezensionen

Buchcover

Mechthild Seithe: Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2025.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Werden Sie Sponsor des socialnet Lexikons!

Profitieren Sie von hoher Sichtbarkeit in der Sozialwirtschaft, attraktiven Werberabatten und Imagegewinn durch CSR. Mit Ihrem Logo auf allen Lexikonseiten erreichen Sie monatlich rund 90.000 Fachkräfte und Entscheider:innen.
Mehr erfahren …