Halo-Effekt
Prof. Dr. Melanie Misamer
veröffentlicht am 26.03.2026
Der Halo-Effekt ist ein systematischer Fehler bei der Personenbeurteilung, bei dem ein einzelnes, markantes Merkmal einer Person so dominant wirkt, dass andere Merkmale in den Hintergrund treten oder gar nicht mehr berücksichtigt werden. Von diesem Merkmal ausgehend wird dann auf weitere positive Eigenschaften geschlossen.
Überblick
1 Zusammenfassung
Beim Halo-Effekt geht es um die Tendenz, von einer bekannten, meist positiven, Eigenschaft eines Menschen auf unbekannte weitere Eigenschaften zu schließen. Umgekehrt wird beim Horn-Effekt von Defiziten oder negativen Eigenschaften auf weitere negative Eigenschaften geschlossen. Das passiert nicht selten im Rahmen der ersten Eindrucksbildung. Der Halo-Effekt ist im Kontext von Bewertung und Urteilsfindung in vielen Bereichen wie dem Bildungsbereich, dem Gesundheitswesen oder im Marketing erforscht und bekannt (Noor et al. 2023). Insofern ist bei der Arbeit mit Adressierten bzw. Patient:innen in den Sozial‑ und Gesundheitswissenschaften u.a. auf den ersten Eindruck ein besonderes Augenmerk zu legen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass heuristische Schlüsse die Wahrnehmung beeinflussen und zu systematischen Fehlurteilen führen können.
2 Theoretischer Hintergrund und Auswirkungen
Edward Thorndike (1920) entdeckte den Effekt im Arbeitskontext, als Vorgesetzte Schwierigkeiten hatten, Charaktereigenschaften ihrer Mitarbeitenden unabhängig voneinander zu beurteilen (Noor et al. 2023, S. 1118). Der Effekt findet sich im Bildungsbereich genauso wie im Gesundheitswesen oder im Marketing (ebd.). Der bekannte erste Eindruck von einer Person beeinflusst die Erwartung, die diese Person von ihrem Gegenüber hat. Er färbt die Wahrnehmung von und das Urteil über ein Gegenüber. Dieser erste Eindruck kann sich negativ auswirken, wenn etwa ein:e Schüler:in sich in einem Schulfach verbessert hat, die Lehrkraft das aber – aufgrund ihres bisherigen Eindrucks von dem:r Schüler:in – nicht wahrnimmt. Er kann sich jedoch auch positiv auswirken, wenn eine Leistungsverschlechterung der:s Schülerin:s nicht bemerkt wird. Zusammengefasst heißt das:
- Je positiver eine Person hinsichtlich einer Eigenschaft eingeschätzt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie auch im Hinblick auf andere Eigenschaften positiv bewertet wird.
- Und umgekehrt: Je negativer eine Person hinsichtlich einer Eigenschaft eingeschätzt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie auch im Hinblick auf andere Eigenschaften negativ bewertet wird.
Als Grund für den Halo-Effekt wird das Streben des Menschen nach einem Gesamteindruck vermutet. Denn die Beurteilung von Einzelaspekten geschieht nicht unabhängig vom Gesamteindruck, sondern wird bei der Beurteilung von Einzelaspekten als Grundlage mit herangezogen. Das ist ein grundsätzlich sinnvolles Vorgehen, wenn z.B. Menschen anderen Menschen im Alltag begegnen und schnell entscheiden bzw. abwägen müssen, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollen. Allerdings birgt dieses Vorgehen auch die Gefahr von Fehlurteilen, etwa bei physischer Attraktivität und Intelligenz, die an sich unabhängig voneinander sind. Denn physisch attraktivere Menschen werden in der Regel intelligenter eingeschätzt (Werth et al. 2020). Auch Namen können den Halo-Effekt hervorrufen. Wenn Personen Namen haben, die als eher modern wahrgenommen werden, werden diese eher als jünger und attraktiver eingeschätzt. Personen mit eher zeitlosen Namen wie Lena oder Maria werden ebenfalls intelligenter eingeschätzt (Misamer 2023, S. 107).
Sozialarbeitende könnten im Hinblick auf persönliche Eigenschaften ihrer Adressierten womöglich (unbewusst) Unterschiede machen, die sich auf die Interaktion und Hilfe auswirken könnten (ebd.). So könnten „angenehme“ Adressierte in der Sozialen Arbeit oder Patient:innen im Gesundheitswesen eher positiv bewertet und dementsprechend mehr Vertrauen sowie Ressourcen zuteilwerden; stille oder äußerlich eher „schwierige“ Adressierte bzw. Patient:innen leichter übersehen oder negativer bewertet werden.
3 Praxisbeispiele
- Soziale Arbeit: Eine Sozialarbeiterin trifft in ihrer Funktion als Sozialpädagogische Familienhilfe eine Familie, bei der insbesondere der Vater sehr gepflegt und eloquent wirkt. Die Sozialarbeiterin könnte aufgrund ihres ersten positiven Eindrucks vom Vater dazu neigen, dessen Aussagen als besonders glaubwürdig und seine Erziehungskompetenz als hoch einzuschätzen, obwohl gleichzeitig Anzeichen für emotionalen Missbrauch der Kinder sichtbar sind.
- Schuldendienststelle: Ein Klient, der ordentlich gekleidet ist und einen klaren, strukturierten Eindruck vermittelt, wird von der Schuldnerberaterin möglicherweise als motivierter und eher in der Lage eingeschätzt, einen Schuldenreglungsplan einzuhalten, auch wenn seine finanzielle Situation offensichtlich prekär ist. Im Gegensatz dazu könnte ein Klient mit ungepflegtem Erscheinungsbild und unklarer Ausdrucksweise als weniger zuverlässig beurteilt werden.
- Psychotherapie: Ein Psychotherapeut hat von seinem Patienten aufgrund seines eloquenten und gebildet klingenden Sprachgebrauchs den Eindruck, dass dieser sehr intelligent ist. Er könnte nun auch dazu neigen, die Aussagen des Patienten als besonders rational und zuverlässig zu bewerten, auch wenn erkennbare logische Lücken und emotionale Färbungen in den Aussagen vorhanden sind.
4 Quellenangaben
Lexikon der Psychologie, o.J. Halo-Effekt. Spektrum der Wissenschaft. Verfügbar unter: https://www.spektrum.de/lexikon/​psychologie/​halo-effekt/6232
Misamer, Melanie, 2023. Machtsensibilität in der Sozialen Arbeit: Grundwissen für reflektiertes Handeln. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-042185-1 [Rezension bei socialnet]
Noor, Norzalina, Sukor Beram, Fanny Khoo Chee Yuet, Kumaran Gengatharan und Mohamad Syafiq Mohamad Rasidi, 2023. Bias, Halo Effect and Horn Effect: A Systematic Literature. In: International Journal of Academic Research in Business & Social Sciences. 13(3), S. 1116–1140. ISSN 2222-6990
Stegemann, Manuel, 2024. Vom Schein geblendet: Die Tücken des Schubladendenkens: Repräsentativitätsheuristik, Halo-Effekt. In: Manuel Stegemann, Hrsg. Konsumverhalten verstehen, beeinflussen und messen: Die Psychologie hinter effektivem Marketing. Wiesbaden: Springer, S. 197–221. ISBN 978-3-65-843599-8. Verfügbar unter: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-43600-1_8
Thorndike, Edward, 1920. A constant error in psychological ratings. In: Journal of Applied Psychology. 4(1), S. 25–29. ISSN 0021-9010
Werth, Lioba, Markus Denzler und Jennifer Mayer, 2020. Sozialpsychologie: Das Individuum im sozialen Kontext. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-662-53896-8
Verfasst von
Prof. Dr. Melanie Misamer
Professorin für Methoden und Konzepte Sozialer Arbeit in der Gesundheitsförderung
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ORCID: https://orcid.org/0000-0002-8811-7451
Es gibt 5 Lexikonartikel von Melanie Misamer.


