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Hausbesuch

Susanne Gerull

veröffentlicht am 22.10.2020

Hausbesuche im Sozial- und Gesundheitswesen sind Besuche von entsprechenden Fachkräften oder ehrenamtlich Tätigen in der Wohnung bzw. im häuslichen Umfeld ihrer Adressat_innen. Damit gehören sie zu den aufsuchenden Hilfen im Sinne einer Geh- statt Kommstruktur.

Überblick

  1. 1 Hausbesuche früher und heute
  2. 2 Systematisierung von Hausbesuchen nach ihrer Zielsetzung
  3. 3 Anlässe von Hausbesuchen
  4. 4 Dilemmata und Paradoxien
  5. 5 Quellenangaben

1 Hausbesuche früher und heute

Hausbesuche haben eine lange Tradition und wurden schon im frühen Mittelalter als Armenbesuche durchgeführt. In Deutschland haben sie sich seit dem sogenannten Elberfelder System etabliert, in dem Armenpfleger regelmäßige Kontrollbesuche machten (Urban-Stahl 2015, S. 173). Aufgrund der durch das Grundgesetz garantierten Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 13 GG) unterliegen Hausbesuche heute grundsätzlich der Freiwilligkeit, d.h. Sozialarbeiter_innen und andere Fachkräfte können den Zutritt zur Wohnung nicht erzwingen. Bei einem Verdacht auf eine Gefahrenlage muss also ggf. die Polizei um Amtshilfe gebeten werden.

Hausbesuche sind immer ein Eindringen in die Intimsphäre der Klient_innen bzw. Adressat_innen. Es muss also zunächst geprüft werden, ob ein Hausbesuch überhaupt erforderlich ist bzw. ob es Gründe gibt, die sogar gegen seine Durchführung sprechen. Auch sollten unangekündigte Hausbesuche nur erfolgen, wenn dies dem Anlass entsprechend angemessen ist, z.B. bei einer notwendigen Gefährdungseinschätzung im Kinderschutz (Albrecht et al. 2016, S. 119 ff.).

2 Systematisierung von Hausbesuchen nach ihrer Zielsetzung

Hausbesuche können in ihrer Zielsetzung primär präventiv, sekundär präventiv oder tertiär präventiv/​eingreifend sein:

Systematisierung von Hausbesuchen nach ihrer Zielsetzung
Abbildung 1: Systematisierung von Hausbesuchen nach ihrer Zielsetzung (Gerull 2014, S. 156)

3 Anlässe von Hausbesuchen

Die Anlässe von Hausbesuchen können inhaltlicher oder struktureller Art sein (Lüngen et al. 2015, S. 229 ff.). Beispiele für Anlässe (Gerull 2014, S. 67 ff.) sind:

  • Hausbesuche als fester Konzeptbestandteil, z.B. im Rahmen von betreutem Einzel- oder Gruppenwohnen der Jugend-, Eingliederungs- oder Wohnungsnotfallhilfe
  • Hausbesuche nach Hinweisen Dritter, z.B. beim Verdacht auf Kindeswohlgefährdung oder bei drohendem Wohnungsverlust durch Mietschulden
  • Hausbesuche zur Kontaktaufnahme, z.B. bei der Geburt eines Kindes oder bei einem Kontaktabbruch seitens der Klient_innen
  • Hausbesuche auf Wunsch der Klient_innen, z.B. bei gesundheitlichen Einschränkungen
  • Hausbesuche aus sonstigen Anlässen, z.B. bei einer Wohnungsübergabe oder zur Überprüfung von Anträgen auf Sozialleistungen

4 Dilemmata und Paradoxien

Hausbesuche können aufgrund des besonderen Settings zu klassischen, aber auch hausbesuchsspezifischen Dilemmata und Paradoxien Sozialer Arbeit führen, bspw.:

  • Rollentausch, da die Klient_innen zu Gastgeber_innen und die Fachkräfte zu Gästen werden – und letztere damit den sonst eindeutigen „Heimvorteil“ (Bartelheimer et al. 2012, S. 47) bei Gesprächen in ihrer Einrichtung aufgeben
  • Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle, bspw. bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung (Urban-Stahl 2015, S. 176 f.)
  • Balanceakt zwischen Nähe und (professioneller) Distanz durch das Agieren im privaten Umfeld der Adressat_innen (Bräutigam et al. 2011, S. 25)
  • Pendeln zwischen Allmacht und Ohnmacht, wenn Sozialarbeiter_innen bei unangekündigten Hausbesuchen „ihre Anwesenheit dem Klientel ungebeten zumuten“ (Krieger 2011, S. 71) und sich auf der anderen Seite auf die Regeln der Besuchten einlassen müssen (man wird nur in die Küche gelassen, der Fernseher läuft weiter u.Ä.)
  • Umgang mit als problematisch eingestuften Lebensweisen, wenn beim Hausbesuch bspw. illegale Drogen bemerkt werden (Selbstbestimmung versus Verantwortungsgefühl, Gerull 2014, S. 40 f.)

Die besonderen Herausforderungen bei Hausbesuchen müssen reflektiert werden, damit sie für die Adressat_innen nicht zur „Heimsuchung“ (Urban-Stahl 2015, S. 171) werden, es aber auch nicht zu Erfahrungen von Grenzüberschreitungen bis hin zu gefährlichen Situationen für die Fachkräfte kommt (Gerull 2014, S. 41 f.). Wenn keine Gesetze oder Verordnungen die Durchführung von Hausbesuchen regeln, sollte das Vorgehen in einer träger- oder einrichtungsinternen Handlungskonzeption niedergelegt werden, die die Planung, Durchführung und Nachbereitung von Hausbesuchen beschreibt.

5 Quellenangaben

Albrecht, Maria, Svenja Lattwein und Ulrike Urban-Stahl, 2016. Der Hausbesuch im Kontext des Schutzauftrags bei Kindeswohlgefährdung. In: neue praxis. 46(2), S. 107–124. ISSN 0342-9857

Bartelheimer, Peter, Jutta Henke, Sandra Kotlenga, Nils Pagels und Bettina Schelkle, 2012. „Es lässt sich mit allen arbeiten“: PRIMUS – Arbeitsmarktdienstleistung zwischen Vermittlung und Fallmanagement. IAB-Forschungsbericht, 05/2012, Nürnberg: IAB

Bräutigam, Barbara, Matthias Müller und Sarah Lüngen, 2011. Die Kunst, sich einzulassen und dennoch ein anderer zu bleiben – einleitende Gedanken zur aufsuchenden Arbeit. In: Matthias Müller und Barbara Bräutigam, Hrsg. Hilfe, sie kommen! Systemische Arbeitsweisen im aufsuchenden Kontext. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag, S. 20–27, ISBN 978-3-89670-782-6 [Rezension bei socialnet]

Gerull, Susanne, 2014. Hausbesuche in der Sozialen Arbeit: Eine arbeitsfeldübergreifende empirische Studie. Opladen: Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0196-4 [Rezension bei socialnet]

Krieger, Wolfgang, 2011. „Macht jenseits der konstruierten Selbstunterwerfung?“ Begriffe, Formen, Quellen der Interaktionsmacht. Konstruktivistische Ansätze zur Mikrophysiologie der Macht in der Sozialen Arbeit. In: Björn Kraus und Wolfgang Krieger, Hrsg. Macht in der Sozialen Arbeit: Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. 2. überarb. u. erw. Auflage. Lage: Jacobs Verlag, S. 45–93, ISBN 978-3-89918-196-8

Lüngen, Sarah, Matthias Müller und Barbara Bräutigam, 2015. Kaffee, Kekse, Katzenallergie. Umgang mit Grenzen, Grenzerfahrungen und Abgrenzungsbedürfnissen in den Hilfen im häuslichen Setting. In: neue praxis. 46(1), S. 67–82. ISSN 0342-9857

Urban-Stahl, Ulrike, 2015. „Hausbesuch“ oder „Heimsuchung“? Ambivalenzen eines klassischen Settings der Arbeit in Familien. In: neue praxis. 45(Sonderheft 12), S. 171–182. ISSN 0342-9857

Autorin
Prof. Dr. Susanne Gerull
Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit den Schwerpunkten Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und niedrigschwellige Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Gerull, Susanne, 2020. Hausbesuch [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.10.2020 [Zugriff am: 26.01.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Hausbesuch

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