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Heterogenitätssensibilität

Dr. Lena Schmitz, Dr. Toni Simon

veröffentlicht am 31.03.2020

Als Heterogenitätssensibilität wird eine differenzierte und reflektierte Wahrnehmung und Anerkennung der Heterogenität einer bestimmten Personengruppe (interpersonale Ebene) in einer konkreten Situation bezeichnet (Schmitz et al. 2019, S. 173). Sie impliziert sowohl Vorannahmen als auch einen maximal weiten Blick auf verschiedene Dimensionen von Heterogenität, eine Einschätzung der möglichen, situationsspezifischen Relevanz sowie eine subjektive Bewertung durch die wahrnehmende Person.

Überblick

  1. 1 Ausgewählte theoretische Grundlagen
  2. 2 Operationalisierung des Konstrukts Heterogenitätssensibilität
  3. 3 Quellenangaben

1 Ausgewählte theoretische Grundlagen

Heterogenität wird nach Budde (2013) definiert als „Differenzen zwischen zwei Eigenschaften, Personen oder Artefakten im Hinblick auf ein Kriterium“ (ebd., S. 8). Sie gilt als ein „perspektivengebundenes, dynamisches und mehrdimensionales Konstrukt“ (Seitz 2008, S. 193), das in sozialer Interaktion (re-)produziert wird. Dies bedeutet, dass eine Personengruppe „jeweils so heterogen“ ist, wie „Heterogenität ‚gesehen‘ und […] ‚verhandelt‘ wird“ (ebd.). D.h., der konkrete Kontext und die in diesem Kontext interagierenden Personen bestimmen, welche Dimensionen von Heterogenität hervorgebracht und als relevant erachtet werden.

Sensibilität wird als „Empfänglichkeit für Reize“ (Fröhlich 2014, S. 436) sowie als „Grad der Differenziertheit“ beschrieben, „mit dem […] Individuen sich selbst und ihre soziale Umgebung wahrnehmen“ (Fuchs-Heinritz 1995, S. 597).

Heterogenitätssensibilität setzt den Bezugspunkt bei Verschiedenheiten innerhalb von Personengruppen. Hiermit geht sie auf Fragen des Umgangs mit Heterogenität ein, die in verschiedenen Disziplinen teils seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle spielen (für erziehungswissenschaftliche Diskurse unter besonderer Berücksichtigung schulpädagogischer themenbezogener Auseinandersetzungen z.B. Bohl et al. 2017). Insbesondere im Kontext erziehungswissenschaftlicher Diskussionen um Inklusion wird der Umgang mit Heterogenität mannigfach thematisiert und als zentrale Forderung der Inklusionspädagogik bezeichnet (Kluge et al. 2015, S. 12).

Mit Blick auf den normativen Anspruch eines positiv-reflexiven Umgangs mit Heterogenität betonen Emmerich und Hormel (2013) aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive, dass es „der institutionalisierten Praxis selbst überlassen [bleibt], ob sie […] ‚moralisch‘ handelt“ (ebd., S. 181). So verbinden pädagogische Fachkräfte möglicherweise „‚qualitative Differenz‘ mit negativen Wertungsoptionen und Selektionsentscheidungen“ (ebd.). Auch Kluge et al. (2015) verweisen darauf, dass eine ausgeprägte Heterogenitätssensibilität mit negativen Handlungen verbunden werden und somit mitunter Prozesse der „Selektion begünstigen und Chancenungleichheiten stabilisieren“ (ebd., S. 12) könne. Insofern spielen ethische Fragen eine ebenso bedeutende Rolle wie die Reflexion bestehender Strukturen und ihrer Mechanismen, in die professionelles Handeln eingebettet ist. Obgleich es in vielen Handlungsfeldern ethische Leitlinien gibt, verweist Prengel (2019) auf das Problem des Fehlens einer Pädagogik-Ethik.

2 Operationalisierung des Konstrukts Heterogenitätssensibilität

Eine empirische Klärung des Konstrukts Heterogenitätssensibilität stand trotz einer zunehmenden Verwendung des Begriffs in erziehungswissenschaftlichen Diskursen lange Zeit aus. Im Rahmen des Projekts „Fachdidaktische Qualifizierung Inklusion angehender Lehrkräfte an der Humboldt-Universität zu Berlin (FDQI-HU)“ fanden eine Operationalisierung und die Entwicklung eines entsprechenden Testinstruments statt. Das Projekt wurde im Rahmen der gemeinsamen „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von Bund und Ländern aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Die Operationalisierung des Konstrukts Heterogenitätssensibilität fand im Zuge der ersten Förderphase (2016–2019) statt (FDQI-HU 2020).

Hierbei wurden Forschungen zu verwandten Konstrukten, u.a. zur Differenzsensibilität, Habitussensibilität und Ungleichheitssensibilität (z.B. Eppenstein 2003; Beierlein und Preiser 2013; Lange-Vester und Teiwes-Kügler 2014), zugrunde gelegt. Die „differenzierte […] Wahrnehmungsfähigkeit von zum entsprechenden Zeitpunkt virulenten Heterogenitätslinien“ (Schmitz und Simon 2018, o.S.) wurde anhand von vier zyklisch aufeinander aufbauenden Facetten operationalisiert.

Konstruktfacetten von Heterogenitätssensibilität
Abbildung 1: Konstruktfacetten von Heterogenitätssensibilität nach Schmitz et al. (2019, S. 174)
  1. Vorannahmen: Die allgemeinen Erwartungen zur Heterogenität in Personengruppen basieren auf Wissen und vorangegangenen Erfahrungen.
  2. Wahrnehmung: Die Wahrnehmung von Heterogenität meint die fall- und situationsgebundene Identifikation etwaiger Heterogenitätslinien und wird durch die Vorannahmen beeinflusst. Für die Wahrnehmung spielen sowohl der Differenziertheitsgrad als auch der Modus der Beschreibungen eine Rolle.
  3. Gewichtung: Die im Konkreten identifizierten Heterogenitätslinien werden entsprechend ihrer subjektiv empfundenen Relevanz für die spezifische Situation „sortiert“ und in eine Rangordnung gebracht.
  4. Bewertung: Die wahrgenommene und gewichtete Heterogenität wird abschließend mit einer subjektiven Bewertung verknüpft, die der Gewichtung eine qualitative und mitunter normative Dimension verleiht.

Die Stufen der Wahrnehmung, Gewichtung und Bewertung wirken sich wiederum auf eine Aktualisierung der Vorannahmen aus.

Das oben benannte Instrument zur empirischen Erfassung von Heterogenitätssensibilität bezieht sich auf den Umgang von Lehrkräften mit der Heterogenität in schulischen Lerngruppen (Schmitz et al. 2019 sowie ausführlich Schmitz et al. i.E.). Hier werden die Konstruktfacetten von Heterogenitätssensibilität wie folgt exemplarisch konkretisiert: Wie stellt sich die (angehende) Lehrkraft eine heterogene Lerngruppe vor? Welche Heterogenitätslinien sieht sie in einer bestimmten Lerngruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt? Welche Heterogenitätslinien findet sie am relevantesten für die Unterrichtssituation? Und: Bewertet sie die wahrgenommene Heterogenität in der Lerngruppe als eher förderlich oder hinderlich?

3 Quellenangaben

Beierlein, Constanze und Siegfried Preiser, 2014. Ungerechtigkeitssensibilität. In: Markus Antonius Wirtz, Hrsg. Dorsch – Lexikon der Psychologie. 18. Auflage. Bern: Huber, S. 1598. ISBN 978-3-456-85643-8 [Rezension bei socialnet]

Bohl, Thorsten, Jürgen Budde und Markus Rieger-Ladich, Hrsg., 2017. Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. ISBN 978-3-8252-4755-3 [Rezension bei socialnet]

Budde, Jürgen, 2013. Einleitung. In: Jürgen Budde, Hrsg. Unscharfe Einsätze: (Re-)Produktion von Heterogenität im schulischen Feld. Wiesbaden: Springer VS, S. 7–26. ISBN 978-3-531-18415-9

Emmerich, Marcus und Ulrike Hormel, 2013. Heterogenität – Diversity – Intersektionalität. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. ISBN 978-3-531-17159-3 [Rezension bei socialnet]

Eppenstein, Thomas, 2003. Einfalt der Vielfalt? Interkulturelle pädagogische Kompetenz in der Migrationsgesellschaft. Frankfurt am Main: Cooperative-Verlag. ISBN 978-3-88442-032-4

FDQI-HU, 2020. Fachdidaktische Qualifizierung Inklusion angehender Lehrkräfte an der Humboldt-Universität zu Berlin – Schwerpunkt MINT-Bereich (FDQI-HU-MINT) [online]. Berlin: Humboldt-Universität zu Berlin, 17.03.2020 [Zugriff am: 26.03.2020]. Verfügbar unter: https://hu.berlin/FDQI

Fröhlich, Werner D., 2014. Wörterbuch Psychologie. München: dtv. ISBN 978-3-423-34625-2

Fuchs-Heinritz, Werner, 1995. Soziale Sensibilität. In: Werner Fuchs-Heinritz, Rüdiger Lautmann, Otthein Rammstedt und Hanns Wienold, Hrsg. Lexikon zur Soziologie. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag. ISBN 978-3-322-91545-0

Kluge, Sven, Andrea Liesner und Edgar Weiß, 2015. Editorial. In: Sven Kluge, Andrea Liesner und Edgar Weiß, Hrsg. Inklusion als Ideologie: Jahrbuch für Pädagogik 2015. Frankfurt am Main: Lang Edition, S. 9–17. ISBN 978-3-631-67059-0

Lange-Vester, Andrea und Christel Teiwes-Kügler, 2014. Habitussensibilität im schulischen Alltag als Beitrag zur Integration ungleicher sozialer Gruppen. In: Tobias Sander, Hrsg. Habitussensibilität: Eine neue Anforderung an professionelles Handeln. Wiesbaden: Springer VS, S. 177–207. ISBN 978-3-658-06886-8 [Rezension bei socialnet]

Prengel, Annedore, 2019. Pädagogische Ethik – eine Antwort auf seelische Verletzungen [online]. Kloster Lehnin: Rochow-Museum und Akademie für bildungsgeschichtliche und zeitdiagnostische Forschung e.V. an der Universität Potsdam, 10.06.2019 [Zugriff am: 22.11.2019]. Verfügbar unter: https://paedagogische-beziehungen.eu/paedagogische-ethik-eine-antwort-auf-seelische-verletzungen/

Schmitz, Lena und Toni Simon, 2018. Heterogenitätssensibilität. In: Julia Frohn, Hrsg. FDQI-HU-Glossar [online]. Berlin: Humboldt-Universität zu Berlin [Zugriff am: 26.03.2020]. Verfügbar unter: http://www.hu-berlin.de/fdqi/glossar

Schmitz, Lena, Toni Simon und Hans Anand Pant, 2019. Heterogenitätssensibilität angehender Lehrer*innen. In: Julia Frohn, Ellen Brodesser, Vera Moser und Detlef Pech, Hrsg. Inklusives Lehren und Lernen: Allgemein- und fachdidaktische Grundlagen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 171–181. ISBN 978-3-7815-2289-3 [Rezension bei socialnet]

Schmitz, Lena, Toni Simon und Hans Anand Pant, [im Erscheinen]. Heterogene Lerngruppen und adaptive Lehrkompetenz: Skalenhandbuch zur Dokumentation des IHSA-Erhebungsinstruments. Münster: Waxmann. ISBN 978-3-8309-4065-4

Seitz, Simone, 2008. Diagnostisches Handeln im Sachunterricht. In: Ulrike Graf und Elisabeth Moser Opitz, Hrsg. Diagnostik und Förderung im Elementarbereich und Grundschulunterricht: Lernprozesse wahrnehmen, deuten und begleiten. Baltmannsweiler: Schneider, S. 190–197. ISBN 978-3-8340-0417-8

Verfasst von
Dr. Lena Schmitz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Zentralinstitut Professional School of Education, Humboldt-Universität zu Berlin
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Dr. Toni Simon
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arbeitsbereichs Sachunterricht am Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Lena Schmitz.
Es gibt 6 Lexikonartikel von Toni Simon.


Zitiervorschlag
Schmitz, Lena und Toni Simon, 2020. Heterogenitätssensibilität [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 31.03.2020 [Zugriff am: 24.05.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Heterogenitaetssensibilitaet

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