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Hochschulsozialarbeit

Prof. Dr. Andreas Markert

veröffentlicht am 18.04.2024

Hochschulsozialarbeit ist ein innovativer, niedrigschwelliger und außercurricularer Ansatz Sozialer Arbeit, der insbesondere in Form von Angeboten der Einzelfallhilfe und der Gruppenarbeit psychosoziale Problemlagen von Studierenden und anderen Hochschulangehörigen in präventiver oder intervenierender Weise professionell bearbeitet.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Hintergrund/​Ausgangssituation
  3. 3 Beratungs- und Unterstützungssysteme an Hochschulen und Universitäten
  4. 4 Konzeptionelle und methodische Grundlagen der Hochschulsozialarbeit
  5. 5 Perspektiven der Hochschulsozialarbeit
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender psychosozialer Belastungen von Studierenden, die sich sowohl negativ auf die weitere Persönlichkeitsentwicklung auswirken können als auch zu vielfältigen Beeinträchtigungen im Studienverlauf und zu Studienabbrüchen führen können, hat die Hochschule Zittau/Görlitz 2016 als erste Hochschule im deutschsprachigen Raum eine Stelle im Bereich der Hochschulsozialarbeit eingerichtet. Mit ihrem lebensweltorientierten und extrem niedrigschwelligen Ansatz ergänzt und komplettiert dieses innovative Handlungsfeld Sozialer Arbeit die bisher an Hochschulen und Universitäten bestehenden Beratungs- und Unterstützungssysteme. Hochschulsozialarbeit hat zum Ziel, die psychosoziale Situation von Studierenden und anderen Statusgruppen zu stabilisieren bzw. zu verbessern. Zudem zielt sie darauf ab, Lehrende und andere Mitarbeitende beim Umgang mit psychosozialen Belastungen von Studierenden zu entlasten.

In institutioneller Hinsicht ist Hochschulsozialarbeit als intermediäres Unterstützungs- und Bildungsangebot zwischen studentischen Peer-to-Peer-Projekten auf der einen und den psychologischen bzw. sozialen Beratungen (insbesondere) der Studierendenwerke auf der anderen Seite zu verorten.

2 Hintergrund/​Ausgangssituation

Seit einigen Jahren lassen sich bei Studierenden zunehmend psychische Belastungen und soziale Probleme nachzeichnen, die teilweise gravierende Beeinträchtigungen im Studium zur Folge haben (können). Analytisch werden in diesem Zusammenhang belastende biografische Vorerfahrungen (Sölder 2022), Stressoren innerhalb des Studiums und Belastungen außerhalb des Studiums (Ortenburger 2013) unterschieden. Gemeinsamer Fluchtpunkt dieser drei Dimensionen, die sich oftmals gegenseitig bedingen, ist bei vielen betroffenen Studierenden eine subjektive Belastung und eine damit in vielen Fällen einhergehende Beeinträchtigung der Studienleistungen bis hin zum Studienabbruch. So lag die Studienabbruchquote 2020 in Deutschland im Bachelorstudium bei 28 Prozent. Bei den Masterstudiengängen betrug die Studienabbruchquote 21 Prozent (Heublein, Hutzsch und Schmelzer 2022).

Diese schon vor 2020 einsetzende Entwicklung wurde durch die Coronapandemie weiter verstärkt. So macht eine gemeinsam vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz und dem Deutschen Studierendenwerk im Jahr 2021 durchgeführte Befragung von 188.000 Studierenden deutlich, dass rund 16 Prozent der Befragten über „körperliche oder psychische Beeinträchtigungen [berichten] – eine deutliche Zunahme im Vergleich zu den Erhebungen 2016 (11 Prozent) und 2011 (8 Prozent)“ (DZHW 2023, S. 1). Vor allem psychische Erkrankungen (65 Prozent) wirken sich bei sehr vielen der betroffenen Studierenden negativ auf die „Studienorganisation, Lehre und Lernen, Prüfungen und Leistungsnachweise“ aus (DZHW 2023, S. 1).

Hiermit korrespondiert, dass 2021 „ein großer Teil der Studierenden in Deutschland Bedarf an Beratung und Information [hatte] (85,0 Prozent). Im Vergleich zu 2016 ist dies ein Anstieg um 24 Prozentpunkte, der unter anderem[, aber nicht nur] auf die Coronapandemie zurückzuführen sein könnte. Studienbezogene Themen (z.B. Probleme in der Arbeitsorganisation bzw. im Zeitmanagement, Lern- und Leistungsprobleme) sowie persönliche Themen (z.B. Kontaktmangel, depressive Verstimmungen) werden mit 70 bzw. 68 Prozent häufiger genannt als Aspekte der Studienfinanzierung (32,7 Prozent)“ (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2023, S. 11).

Die bisher an den Hochschulen und Universitäten bestehende Architektur an Beratungs- und Unterstützungssystemen ist angesichts der skizzierten Entwicklungen in struktureller Hinsicht vielfach überfordert – trotz des zumeist sehr hohen Engagements der Mitarbeitenden.

3 Beratungs- und Unterstützungssysteme an Hochschulen und Universitäten

Das Kontinuum bestehender Beratungs- und Unterstützungssysteme an Hochschulen und Universitäten reicht von studentisch getragenen Angeboten bis zu professionellen psychologischen und sozialen Beratungsstellen, die sich i.d.R. in der Trägerschaft der Studierendenwerke befinden. Kennzeichnend für die an einigen Hochschulen und Universitäten bestehenden, von Studierenden für Studierende angebotenen Projekte, ist ihr sehr niedrigschwelliger Zugang. Wenngleich diese Peer-to-Peer-Projekte in der Regel fachlich angeleitet und regelmäßig supervidiert werden, so können sie selbstredend „weder die Studienfachberatung noch die psychologische Beratung an der Hochschule und schon gar nicht die außerhochschulische Beratung, Unterstützung und Behandlung“ (Röh und Butenob 2015, S. 89) ersetzen. Gewissermaßen auf der anderen Seite des Kontinuums an vorhandenen Beratungs- und Unterstützungsangeboten stehen die hochschwelligen psychosozialen Beratungsstellen der Studierendenwerke. In den Beratungsstellen werden die Beratungen von Fachkräften durchgeführt, wobei der Schwerpunkt „die kurz- bis mittelfristige Einzelberatung“ [ist] (Deutsches Studierendenwerk 2023). An manchen Hochschulen kann die beschriebene, v.a. von den Studierendenwerken vorgehaltene psychologische und soziale Beratung Studierender nur recht eingeschränkt durchgeführt werden. Dies etwa in der Form, dass gerade an kleineren Hochschulstandorten die betreffenden Beratungsangebote mitunter nur einmal pro Monat angeboten werden (können). Hochschulsozialarbeit lässt sich als niedrigschwelliges, intermediäres Unterstützungs- und Bildungsangebot zwischen studentischen Peer-to-Peer-Projekten auf der einen und den psychologischen/​sozialen Beratungen (insbesondere) der Studierendenwerke auf der anderen Seite verorten (Markert und Hänseroth 2017).

4 Konzeptionelle und methodische Grundlagen der Hochschulsozialarbeit

Hochschulsozialarbeit orientiert sich dezidiert an den Bedürfnissen Studierender und anderer Hochschulangehöriger. Grundlegend sind hierbei die Prinzipien der Freiwilligkeit, Beteiligung, Geschlechtergerechtigkeit, Vertraulichkeit und der kostenlosen Inanspruchnahme. In methodischer Hinsicht basiert Hochschulsozialarbeit insbesondere auf etablierten und abgestimmten Ansätzen der Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit. Erst- und Kurzzeitberatungen zu Fragen und Problemen rund um das Studium sowie zu alltagsbezogenen Belastungs- und Stresskonstellationen sind hier ebenso zu nennen wie ggf. die zielgerichtete Weitervermittlung an andere Einrichtungen. Im Kontext der Gruppenarbeit sind u.a. die Durchführung, Begleitung und Supervision von studentischen Beraterinnen und Beratern anzuführen, aber auch Fort- und Weiterbildungen von Mitarbeitenden zu sozialen Problemen, psychischen Erkrankungen und anderen Themen zu nennen. Weitere zentrale Aufgaben der Hochschulsozialarbeit bestehen u.a. in der Kooperation mit anderen Akteuren der Hochschulen und Universitäten sowie in der Vernetzung mit anderen Beratungsstellen, Ämtern, Fachdiensten und – falls notwendig und gewünscht – in der Arbeit mit Angehörigen von Studierenden. Abgerundet wird das Aufgabenspektrum der Hochschulsozialarbeit durch eine systematische und kontinuierliche Konzept- und Öffentlichkeitsarbeit, in deren Rahmen bspw. Beratungs- und Unterstützungsangebote (auch unter Nutzung sozialer Medien) hochschulintern und -extern kommuniziert sowie Informationsmaterialien erstellt und verbreitet werden. Damit reagiert Hochschulsozialarbeit auf den Fakt, dass vielen Studierenden Beratungs- und Unterstützungsangebote nicht bekannt waren/sind (Kriener et al. 2018). Zudem wird die eigene Arbeit regelmäßig reflektiert und evaluiert (Markert und Hänseroth 2017).

Charakteristisch für die Hochschulsozialarbeit ist ihr sehr stark aufsuchender Ansatz. Mitarbeitende der Hochschulsozialarbeit sind regelmäßig in Mensen, Cafeterien, aber auch in stärker informellen Settings wie Studierendenclubs u.Ä. zu erreichen, was ein sich Einlassen auf alltagsweltliche Arrangements und Deutungsmuster Studierender erheblich erleichtert (Markert und Hänseroth 2017; Borbe, Gabriel und Montz-Schiller 2024). Die genannten Barrieren zur Inanspruchnahme bestehender Unterstützungsangebote lassen sich so massiv reduzieren und vielfach komplett überwinden.

Da es sich bei der Hochschulsozialarbeit um ein sehr junges Feld der Sozialen Arbeit handelt, ist davon auszugehen, dass sich im weiteren Entwicklungsprozess modifizierte bzw. weitere Aufgaben und Funktionen etablieren werden.

5 Perspektiven der Hochschulsozialarbeit

Mit ihrer konzeptionellen und methodischen Ausrichtung zielt Hochschulsozialarbeit insgesamt auf die Steigerung der Studienqualität und Verbesserung der Studien- und Lebenssituation (potenziell) aller Studierenden ab. Hochschulsozialarbeit richtet sich zudem an Mitarbeitende von Hochschulen und Universitäten, die mit eigenen beruflichen und privaten Herausforderungen konfrontiert sind bzw. bei der komplexitätsangemessenen Reaktion auf psychosoziale Belastungen von Studierenden an eigene Grenzen geraten.

Um dieser zugegebenermaßen ambitionierten Zielstellung gerecht werden zu können, wird es in den nächsten Jahren u.a. darauf ankommen, Stellen der Hochschulsozialarbeit an Hochschulen und Universitäten einzurichten und die Finanzierung der entsprechenden Stellen zu verstetigen – ein Aspekt, der sich auch und gerade für Hochschulen und Universitäten finanziell rechnen dürfte, da durch Hochschulsozialarbeit Studienabbrüche teilweise verhindert werden können.

Des Weiteren ist eine weitere inhaltliche Konturierung der Hochschulsozialarbeit sowohl in Abgrenzung zu anderen Hilfsangeboten als auch in systematischer Verzahnung der Hochschulsozialarbeit mit anderen hochschulexternen und vor allem -internen Unterstützungsangeboten (und hier insbesondere der psychosozialen Beratung und studentischen Peer-to-Peer-Projekten) ebenso notwendig wie eine (hochschul-) öffentliche Profilierung entsprechender Unterstützungsarrangements.

Insgesamt sollso der „Weiterentwicklung und Effektivierung bisheriger hochschulbezogener Unterstützungsarrangements“ (Hänseroth und Markert 2018, S. 227) der Weg geebnet werden.

6 Quellenangaben

Borbe, Cordula, Nina Gabriel und Sara Montz-Schiller, 2024. Hochschulsozialarbeit. Studierende im Fokus der Sozialen Arbeit. In: Soziale Arbeit [online]. 73(3), S. 82–88 [Zugriff am: 10.04.2024]. ISSN 2942-3406. doi:10.5771/0490-1606-2024-3-82

Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2023. Die Studienbefragung in Deutschland: 22. Sozialerhebung. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2021 [online]. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung [Zugriff am: 10.12.2023]. Verfügbar unter: https://www.bmbf.de/SharedDocs/​Publikationen/de/bmbf/4/31790_22_Sozialerhebung_2021.pdf?__blob=publicationFile&v=9

Deutsches Studierendenwerk, 2023. Angebote der Psychologischen Beratungsstellen [online]. Berlin: Deutsches Studierendenwerk [Zugriff am: 10.12.2023]. Verfügbar unter: https://www.studierendenwerke.de/themen/​beratungsangebote/​psychologische-beratung/​psychologische-beratungsangebote

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, 2023. Steigender Anteil von Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung [online]. Hannover: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung [Zugriff am: 16.10.2023]. Verfügbar unter: https://www.dzhw.eu/services/​material/​pressemitteilungen/​2023_12_04_best3.pdf

Hänseroth, Sandro und Andreas Markert, 2018. Hochschulsozialarbeit. In: Herbert Bassarak, Hrsg. Lexikon der Schulsozialarbeit. Baden-Baden: Nomos, S. 227–228. ISBN 978-3-8487-1594-7 [Rezension bei socialnet]

Heublein, Ulrich, Christopher Hutzsch und Robert Schmelzer, 2022. Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland. In: DZHW Brief [online]. 6(5) [Zugriff am: 22.12.2023]. ISSN 2628-4456. doi:10.34878/2022.05.dzhw_brief

Kriener, Charlotte, Anna Schwertfeger, Daniel Deimel und Thorsten Köhler, 2018. Psychosoziale Belastungen, Stressempfinden und Stressbewältigung von Studierenden der Sozialen Arbeit. Ergebnisse einer quantitativen Studie. In: Gesundheitswesen. 80(1), S. 37–43. ISSN 0941-3790

Markert, Andreas und Sandro Hänseroth, 2017. Hochschulsozialarbeit – Annäherungen an ein innovatives Handlungsfeld Sozialer Arbeit. In: Neue Praxis. 47(3), S. 269–277. ISSN 0342-9857

Ortenburger, Andreas, 2013. Beratung von Bachelorstudierenden im Studium und Alltag. Ergebnisse einer HISBUS-Befragung zu Schwierigkeiten und Problemlagen von Studierenden und zur Wahrnehmung, Nutzung und Bewertung von Beratungsangeboten [online]. Hannover: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung [Zugriff am: 16.10.2023]. PDF e-Book. ISBN 978-3-86426-025-4. Verfügbar unter: https://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/​fh-201303.pdf

Röh, Dieter und Meike Butenob, 2015. From Peer to Peer – Studierende unterstützen Studierende mit psychischen Belastungen. In: Die Neue Hochschule. 56(3), S. 86–89. ISSN 0340-448X

Sölder, Paul, 2022. Psychosoziale Belastungen und belastende biografische Vorerfahrungen von Studierenden der Sozialen Arbeit. Umgang und Sichtweisen der Fachhochschulen. In: soziales kapital [online]. 26, S. 266–281 [Zugriff am: 10.10.2023]. Verfügbar unter: https://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/​article/view/754/1410.pdf

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